+ Antworten
Seite 5 von 21 ErsteErste ... 3456715 ... LetzteLetzte
Ergebnis 41 bis 50 von 208
  1. Moderation
    Registriert seit
    09.09.2003
    Beiträge
    6.439

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    Wir sind in der industriellen Gesellschaft eben weit weg vom nützlichen Produkt. Die meisten Menschen machen keine Klobrillen, sondern zum Beispiel Computerprogramme für die Abrechnung der Klobrillen. Oder Arbeitskleidung für Menschen, die zum Beispiel Klobrillen fertigen. Oder Werbespots für besonders schöne Klobrillen. Oder Anschlusskabel für Rolltore in den Logistikzentren, in denen die Klobrillen verladen werden...

    Und in der postindustriellen Gesellschaft machen wir irgendwann nur noch Handyklingeltöne für Menschen, die KI für die Klobrillenvermarktung programmieren.
    Always be a little kinder than necessary. – James M. Barrie

    Moderation in den Foren "Rund um den Job", "Rund ums Eigenheim", "Fehlgeburt" und "Wissenschaft und Umweltschutz"

  2. Avatar von Mediterraneee
    Registriert seit
    21.04.2009
    Beiträge
    3.078

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    Ich finde die Fragestellung der TE nachvollziehbar. Ist es wirklich sinnvoll, was man tut? Will man es wirklich mindestens acht Stunden täglich und 40 Jahre lang tun?

    Unser System und unsere Arbeitswelt ist extrem spezialisiert. Daher ist es mitunter schwierig, einen Sinn in der eigenen Arbeit zu sehen, weil man nicht eins zu eins einen Nutzen der eigenen Tätigkeit sieht. Ich arbeite z.B. für eine gemeinnützige Organisation. Daher ist meine Arbeit sehr sinnvoll. Trotzdem fallen auch bei mir natürlich Dinge an, die langweilen und deren Nutzen nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Wenn ich Routinearbeiten erledige, wie z.B. seitenlange Listen durchzuackern, ödet mich das zuweilen an. Doch auch das ist eben ein Bausteinchen des "großen Ganzen", was meine Organisation tut. Wieviel schwerer hat es da jemand, den Sinn seiner Arbeit zu sehen, der eine Tätigkeit ausübt, deren einziger Zweck die Steigerung des Umsatzes eines Unternehmens ist, das irgendeinen sinnlosen Mist produziert.

    Unser Wirtschaftssystem ist auf ständigem Wachstum begründet. Das kann man Scheiße finden, aber so ist nun mal der Status quo. Der Konsum hält dieses System am Leben. Das nimmt mitunter perverse Züge an. Dass man sich da fragt, warum man einen Großteil seiner Lebenszeit dafür aufwendet, mit seiner Berufstätigkeit den Konsum anzukurbeln, finde ich durchaus naheliegend.

    Früher war Arbeit noch nicht so spezialisiert. Man hat noch viele Arbeiten erledigt, um selbst ganz direkt davon zu profitieren, wie Tiere züchten, Felder für den Eigenbedarf bewirtschaften, Holz verarbeiten, Kleidung anfertigen etc. Da muss man über den Sinn nicht nachdenken, der liegt auf der Hand. Aber dafür war Arbeit eben auch eine Sache von 15, 16 Stunden pro Tag, ohne Urlaub, ohne Absicherung etc.

    Insofern ist die Sinnfrage heute sicherlich schwieriger zu beantworten, als in früheren Zeiten, als man noch "näher dran" war am Zweck. Aber dafür bietet unsere heutige Arbeitswelt nun mal Dinge, die es früher überhaupt nicht gab, wie Arbeitszeitregelungen, Sozialleistungen, Bildung und Weiterbildung.

    Innerhalb unseres sehr vielschichtigen Systems kann es auf die Sinnfrage hunderttausend Antworten geben, die z.T. sehr weit voneinander entfernt und sehr individuell sind. Und manchmal sind es eben auch Antworten, die nicht direkt in der ausgeübten Tätigkeit liegen, sondern im persönlichen Bereich, wie Lebensunterhalt sichern, Miete zahlen, nette Kollegen treffen, einfach beschäftigt sein etc.

    Ein Arbeiter in einem Sweatshop in Bangladesh wird sicherlich den Sinn seiner Arbeit damit beschreiben, dass er ihm das Überleben sichert, und nicht damit, dass er Plüschteddybären für den europäischen Markt näht, um Kinder glücklich zu machen.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.



  3. Registriert seit
    06.10.2018
    Beiträge
    131

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    Zitat Zitat von Mediterraneee Beitrag anzeigen
    Innerhalb unseres sehr vielschichtigen Systems kann es auf die Sinnfrage hunderttausend Antworten geben, die z.T. sehr weit voneinander entfernt und sehr individuell sind. Und manchmal sind es eben auch Antworten, die nicht direkt in der ausgeübten Tätigkeit liegen, sondern im persönlichen Bereich, wie Lebensunterhalt sichern, Miete zahlen, nette Kollegen treffen, einfach beschäftigt sein etc.
    Alles was du schreibst finde ich zutreffend.

    Hier das was ich aus deinem Beitrag zitiere, ist mir ins Auge gefallen. Tun das nicht die meisten sowieso?
    Ich habe viele junge Kolleginnen, alles Hochschulabsolventinnen, mit ganz kurz befristeten Arbeitsverträgen. Die finden durchaus das Unternehmensziel sinnvoll. Aber die sehen keinen Lebenssinn im Arbeiten und sind sehr unzufrieden bei uns wegen der kurzen Arbeitsverträge. Die wollen alle Teilzeitarbeiten, alle Heiraten, Kinder kriegen und ein Haus bauen (nebenbei eine sehr konservative Generation, wie mir scheint - aber das ist eine andere diskussion)

    Also auch dies hochquaifizierten Arbeitnehmerinnen sehen genau so wie der Arbeiter in Bangladesh den sinn ihrer Arbeit darin, das Überleben zu sichern in seiner jeweiligen Lebensrealität
    Geändert von freilebig (17.11.2019 um 15:08 Uhr)

  4. Avatar von Mediterraneee
    Registriert seit
    21.04.2009
    Beiträge
    3.078

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    freilebig, ja, das kann ich mir vorstellen. Aber ich denke, das ist ein anderes Thema und hat nur bedingt mit der Frage nach dem Sinn der eigenen Arbeit zu tun. Es ist die umfassendere Frage nach persönlichen Lebenszielen. Da ist die Arbeit aber eben nur ein Teilaspekt.

    Du fragst: Tun das nicht die meisten sowieso? Ja, natürlich schaut man, was die Berufstätigkeit einem persönlich bringt.
    Aber der Sinn dessen, was man da tagein, tagaus tut, ist ja noch was anderes. Ich kann Software für die Herstellung von Klodeckeln produzieren und mich darüber freuen, dass ich mir mit dem guten Gehalt so ein schickes Auto leisten kann oder meinen Kindern eine gute Ausbildung finanziere. Ich kann mir aber eben auch Gedanken darüber machen, ob Software für die Herstellung von Klodeckeln denn so sinnvoll ist, dass ich mich mit meiner Tätigkeit identifizieren kann. Und ich glaube, diese Identifikation ist in vielen Jobs heute nicht gerade einfach.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.



  5. Registriert seit
    06.10.2018
    Beiträge
    131

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    Um so mehr finde ich es toll, dass die TE sich noch gedanken darüber macht, ob ihre Arbeit gesellschaftlich, wirtschaftlic oder persönlich sinnvoll ist. Ich denke dieses Hinterfragen lässt bei den meisten im Laufe des Lebens nach, die Bedeutung der Arbeit wird zum Lebensunterhalt, der Lebenssinn wird aus dem Kindergroßziehen o.ä. persönlichen Tätigkeiten gezogen.

    Und dabei mag es eine Rolle spielen, dass die Arbeit heute oft so spezialisiert ist, dass wir den Sinn darin nicht greifen können. Keine Ahnung.

  6. Moderation
    Registriert seit
    20.08.2010
    Beiträge
    34.438

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    @Ernestae, ich empfehle von David Graeber "Bullshit Jobs". Da kategorisiert er anhand der Erfahrungen der Leute, die die entsprechenden Jobs machen, die Arten von Arbeit, die so komplett vergeblich, unnötig oder unehrlich sind, das selbst die Leute, die dafür bezahlt werden sie zu tun, es wissen, sich aber verpflichtet fühlen, so zu tun als wäre das anders.

    Da kannst du mal gucken, ob dein Job drunterfällt.

    Ansonsten, auf einem Bein kann man nicht stehen. Von einer Sache (Arbeit, Partnerschaft, Familie, Tugend, ...) zu erwarten, daß sie alle Wünsche, die man ans Leben hat -- alles, was man braucht, um sich als kompletter Mensch zu fühlen, erfüllt, geht so (kann sie nicht erfüllen) oder so (wird sie nicht auf Dauer erfüllen) in die Hose. Bau dir ein zweites Standbein, das dich mit dem versorgt, was dir fehlt. Oder ein drittes oder viertes. Eng gefaßte Anforderungen werden viel leichter erfüllt.

    Ich hab auch einige Sachen gemacht, wo ich mir nur sagen konnte "Ich mache eine schlechte Sache ein bißchen besser", und andere, wo ich mir denke, "keine Ahnung, wer das alles bezahlen soll, aber es ist super, daß es das gibt", und manche, wo der seelische Lohn der Arbeit war, Probleme elegant gelöst zu haben, die niemand hätte, wenn es nicht Leute gäbe, die unbedingt mit Computern etwas machen wollen, was sie auch ohne hingekriegt hätten. Manchmal hat es total Spaß gemacht, etwas aufzubauen, und manchmal konnte ich interessante Sachen lernen und mit coolen Leuten zusammenarbeiten. Irgendwas muß man am Job finden, sonst kriegt man keinen Lohn, sondern Schmerzensgeld.

    Umsatteln auf einen Job, der mehr dazu tut, die Welt besser zu machen, ist eine Alternative. Leider geht sie oft mit Einschränkungen im Einkommen daher, und das Gras ist nicht mehr so grün, wenn du erst mal auf der anderen Seite des Zaunes bist. Ein Job mag toll und notwendig sein, und dein Chef trotzdem ein unerträglicher Egozentriker und die Arbeitsorganisation direkt von Kafka.

    Überleg dir, was dich glücklich und was dich leidlich zufrieden machen würde, und dann guck, was davon du bekommen kannst und versuche, es zu bekommen. Bedenke: Je weiter in der Zukunft ein Goodie liegt, das du zu bekommen hoffst, desto mehr Zweifel sind angebracht, daß du es tatsächlich bekommst. Vernachlässige nicht die Gegenwart.


    Ach ja... und wenn ein zentrales Element zu deinem Glück ist, nicht mit Menschen zu tun haben zu müssen, dann berücksichtige das! Das ist eine Bedingung, die sehr schwer erfüllbar ist, deswegen solltest du sie, wenn sie ein Ausschlußkritierum ist, als erstes anwenden.
    ** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
    ** ansonsten niemand besonderes **

  7. Moderation
    Registriert seit
    20.08.2010
    Beiträge
    34.438

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    Zitat Zitat von dekomaus24 Beitrag anzeigen
    wenn du phsychisch robust und nervenstark bist gegenüber jobcenter(schikanen), resistent und raffiniert gegen deren jobangebote "vorgehst" und wenig materielles zum leben brauchst, kannste ja heutzutage in d immer noch ohne arbeit oder bezahlte tätigkeit dein leben bestreiten - stichwort hartz iv. da gabs ja vor kurzem sogar ein urteil, das dir hartz iv nicht mehr bis 0 euro gekürzt werden darf. foren mit entsprechender "beratung" gibts auch. ..
    Das ist, wie du sagst, ein Job für Leute mit hoher Belastbarkeit, guten Kenntnissen in Bürokratie, und exzellentem Talent in Umgang mit Menschen. Wenn du das nicht alles hat, bist du nach ein paar Jahren chronisch krank und dein Leben ist um etwa 20 Jahre kürzer. Und für so einen anspruchsvollen und risikoreichen Job ist die Bezahle nicht so prickelnd. Da wäre eine bescheidene Karriere als Kleinkrimineller unterm Strich möglicherweise lohnender.
    ** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
    ** ansonsten niemand besonderes **
    Geändert von wildwusel (17.11.2019 um 15:43 Uhr)

  8. Avatar von Mediterraneee
    Registriert seit
    21.04.2009
    Beiträge
    3.078

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    freilebig, genau so sehe ich das auch.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.


  9. Moderation
    Registriert seit
    09.09.2003
    Beiträge
    6.439

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    Ich arbeite seit einiger Zeit in einer "jungen" IT-Firma. Ist irgendwie interessant: Einerseits lösen diese Unternehmen hauptsächlich Probleme, die vor 20 Jahren noch niemand hatte. Andererseits arbeiten gerade da viele junge Leute, die total überzeugt sind, mit ihrem Produkt die Welt zu verbessern.

    Ich fühle mich manchmal ziemlich alt da.
    Always be a little kinder than necessary. – James M. Barrie

    Moderation in den Foren "Rund um den Job", "Rund ums Eigenheim", "Fehlgeburt" und "Wissenschaft und Umweltschutz"


  10. Registriert seit
    05.08.2019
    Beiträge
    113

    AW: Ist Arbeit nicht eigentlich verlorene Zeit?

    Hallo Ernestae,

    die gleichen Gedanken habe ich auch. Bei mir hat das ein paar Jahre nach dem Studium angefangen und ich bin jetzt auch seit ca. 6 Jahren im Beruf (nach dem Studium). Zuvor war ich Zahnarzthelferin und siehe da. Da hatte ich mir so gar keine Gedanken um den Sinn gemacht. Ich sah, dass durch meine Arbeit bzw. Mithilfe die Patienten glücklicherweise wieder schmerzfrei die Praxis verlassen haben. Jetzt arbeite ich im Büro und sehe da selbst für mich so überhaupt keinen Sinn. Im großen und Ganzen ist sie Arbeit gut bezahlt, die Kollegen sind sehr nett und ich mag sie (das ist ein wichtiger Aspekt für mich) und außerdem werde ich wenig kontrolliert und kann recht eigenständig arbeiten. Mit dem Unternehmen kann ich mich schon identifizieren, denn mir ist das wofür wir stehen schon ein Anliegen udn wichtig. Aber die Arbeit, die ich tue, die gibt mir wenig Sinn. Für mich gehört zum Sinn jemandem zu helfen. Das wären solche Jobs wie Krankenschwester, Rettungssanitäter oder Arzt...und viele mehr. Einige Helferjobs sind schlecht bezahlt.

    Ich habe einen Bürojob und auch hier muss ich gestehen, da sehe ich den Sinn nicht in dieser Bürokratie. Nur Geld verdienen reicht für mich auch nicht aus. Ich möchte Sinn stiften, einen Beitrag leisten und etwas tun was anderen weiterhilft zb.
    Das alles habe ich für mich noch nicht gefunden und bin in der Neuorientierung.

    Was ich dann derzeit getan habe, um hier glücklicher zu sein;
    -Arbeitszeit reduziert, denn ich arbeite keine 40h für etwas wo ich den Sinn nicht sehe in dem was ich tue
    -Ehrenamt als derzeitige Sinnerfüllung
    -ich gestalte meinen Job mit, indem ich aufgrund meiner Persönlichkeit dazu beitrage, dass ich anderen bestmöglichst helfe bzw. mich in Menschen einfühle und daher geschätzt werde. Hier werden mir aber auch Grenzen gesetzt, denn ich muss mich auch an Vorschriften halten

    Vielleicht wäre eine Arbeitszeitreduzierung für dich erstmal eine Option, um dir klar zu werden. Ich zb. komme mit dem Gehalt zurecht und da ich eh nicht viel konsumiere, passt das alles gut. Ich möchte jetzt leben und nicht an die Zukunft denken...dennoch habe ich die Zukunft im Blick, nicht das du mich falsch verstehst.

    Für mich selbst käme es zb nicht in Frage für einen AG zu arbeiten, dem es darum geht so viel Gewinn wie möglich zu machen oder wenn ich mich mit dem Produkt nicht indentifizieren könnte.

+ Antworten
Seite 5 von 21 ErsteErste ... 3456715 ... LetzteLetzte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •