Ich bin jetzt seit etwas mehr als einen Jahr in einer Behindertenwerkstatt.
Ich (34 Jahre) bin dorthin gegangen, weil ich nach sieben Jahren Hartz IV und der Diagnose einer angeborenen Krankheit inkl. hoher Schwerbehinderung (Gdb 80 MZ: G & B), die daraus resultiert und der anschließenden Anerkennung der dauerhaften Erwerbsunfähigkeit einfach keine andere Möglichkeit mehr gesehen habe, was im arbeitstechnischen Sinn zu leisten.
Zumal bin ich auf diese paar lausigen Kröten (aktuell 75€ -bei 30 Stunden/Woche- monatlich zusätzlich zur Grundsicherung) angewiesen um mir wenigstens mal irgendeine kleine Freude außerhalb der Wohnung z.B. Kaffee trinken gehen im Sommer oder mal einen Ausflug machen, leisten zu können.
Das mir die Arbeit (Falten von Kartons und Aufkleben von Postmarken) dort schon lange keine Freude mehr bereitet, habe ich offen gegenüber der Gruppenleitung und dem Sozialpädagogen gesagt und dann auch selber und eigenständig für Abhilfe gesorgt, indem ich mir einen externen Arbeitsplatz in einen Sportverein gesucht habe, wo ich in der Geschäftsstelle an drei Tagen in der Woche richtige Büroarbeit leisten kann, die im Rahmen meiner Qualifikation (Ich bin Bürokauffrau mit IHK Abschluss) liegt und das macht mir auch Spaß.
Die übrigen zwei Tage, muss ich leider in diese Werkstattaber selbst bei zwei Tagen, kann ich keinerlei Motivation und Lust aufbringen und mich dazu überwinden, diese Arbeit zu machen. Ich verspüre nur Frust bei dem Gedanken alleine dorthin zu müssen - so wie es heute wieder der Fall sein wird.... Mir wird schon schlecht, wenn ich nur daran denke!
Da ich mich nicht verstellen kann und auch nicht möchte, ist es ganz logisch, dass meine Abneigung gegen diese Arbeit offenkundig ist und man sie mir anmerkt. Nur leider mag man das von Seite der Gruppenleitung her nicht akzeptieren und hat sich jetzt bei der Sozialpädagogin darüber ausgeheult, dass ich mit einer absoluten Null-Bock-Haltung rumsitze und ne Fresse ziehe. Das führte dazu, dass ich am Dienstag von der Sozialpädagogin und der Gruppenleitung in die Mangel genommen wurde. Ich kam mir vor wie in einen dieser Krimis, wo der Verbrecher im Verhörzimmer sitzt und sich mit der Befragung und den Anschuldigungen von Polizisten konfrontiert sieht.
Man ist der Meinung, dass man dafür, dass man es mir gestattet an drei Tagen in der Woche außerhalb der Werkstatt einer sinnvollen Tätigkeit nach zu gehen und Sozialabgaben für mich leistet, an den übrigen zwei Tagen einfordern kann, dass ich mich motiviert und mit Lust auf die mir wiederstrebende Arbeit freue....
Ja nee ist klar
Dann hat mich die Sozialpädagogin noch als ARROGANT bezeichnet, weil ich es gewagt habe zu sagen, dass ich mehr als Kartons falten und Postmarken aufkleben kann und ich gerne eine Arbeit im Rahmen meiner Qualifikation ausüben würde.
Angeboten wurde mir dann, dass ich den Posten der "Vorzimmerdame" beim Werkstattleiter einnehme! Dort könnte ich dann im Rahmen meiner Qualifikation arbeiten und zeigen, dass ich wirklich mehr darauf habe, als Kartons falten und Marken aufkleben.
Sicher könnte ich das, wenn es denn überhaupt dort eine Arbeit für mich geben würde... Die Sache ist nämlich die, dass dort solange ich jetzt da bin noch nie eine Menschenseele gesessen hat und diesen Posten bekleidete und DAS bedeutet für mich, das dort im Grunde gar keine Unterstützung gebraucht wird bzw. es überhaupt keine Menge an Arbeiten gäbe, die es notwendig machen dass sie jemand erledigt außer der Werkstattleiter selber.
Sprich, dieser Vorschlag dient nicht meinem Wohl, sondern letztlich nur sich meiner Person zu entledigen und der Tatsache, dass ich auch mal die Klappe auf mache und Dinge kritisiere, anstatt sie still zu akzeptieren. Ich glaube diese Sozialpädagogen und Gruppenleiter scheinen echt zu glauben, dass ich nicht in der Lage bin zu denken und zu überlegen.
- Am liebsten würde ich ja die Werkstatt wechseln, aber dann könnte und dürfte ich nicht mehr im Sportverein arbeiten, sondern müsste der neuen Werkstatt zur Verfügung stehen.
- Ein Wechsel innerhalb der jetztigen Werkstatt (Standort) lohnt sich nicht, weil die Werkstatt wenig Bürogruppen hat und andere Tätikgeiten aufgrund meiner Behinderung ausgeschlossen sind.
- Die Werkstatt ganz sausen lassen und im Rahmen einer Aufwandspauschle beim Verein arbeiten, geht auch nicht. Nur wenn ich die Betreuung oder das Training einer Mannschaft übernehme.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter und habe keine Ahnung was ich noch machen kann und machen soll. Ich bin mit meinen Latein einfach am Ende![]()
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06.03.2014, 01:35
Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
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06.03.2014, 01:44Inaktiver User
AW: Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
Hi Fußballbine,
so richtig einen Ausweg hab ich im Moment auch nicht :-(. Will nur hier lassen, dass ich dich gelesen und verstanden habe. Bin ebenfalls eine von den sog. "Behinderten" und halte nicht viel von den achsobeschützenden Werkstätten, wenn die Belegschaft den "Schutz" nicht braucht.
Und viele brauchen ihn nicht. Es ist nur bequemer für "unsere" tolle Gesellschaft, die Krüppel und Behindis irgendwohin wegzutun, wo man sie nicht sehen muss und sich noch unglaublich großherzig zu fühlen, wenn man mal spendet, auf den Weihnachtsbasar geht oder einen Auftrag dort schaltet (womit man, wie du sicherlich weißt, Pflichtplätze "auslösen" kann - und eben den Behindi im eigenen Laden sicher umgeht).
Halt die Ohren steif!
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06.03.2014, 05:58
AW: Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
Hallo Fußballbine,
das klingt erst mal alles ziemlich anstrengend!
Trotzdem möchte ich dich ermuntern, deinen Blick auf die positiven Aspekte deiner Situation zu richten:
Du kannst den 3-Tage-Job machen, der dir Spaß macht
und
Du erhältst ein "Zubrot" zu der Grundsicherung und kannst dir ein wenig leisten
Der Preis, den du dafür zahlen musst, sind die zwei Tage Kartons falten.
Versuche, dich damit abzufinden und suche einen Weg, die zwei Tage möglichst unauffällig zu überstehen. Darfst du bei der Arbeit mit Kopfhörer Musik oder Hörbücher hören?
Stelle die sichtbare Lustlosigkeit und das "Fresse ziehen" ab - schätzungsweise haben die Menschen in der Einrichtung auch keine Alternative für dich und du bist durch deine Signale ein Unruhepunkt auch für die anderen. Schaue gleichmütig, denke an was anderes.
Ich kenne es prinzipiell auch, dass ich mich mit Situationen arrangieren muss, die ich zum K*** finde. Wenn man für sich selbst die Luft rausnimmt, wird es leichter. Und wenn man sich die "Pluspunkte" vor Augen hält, ebenfalls.
Klar gibt es im Vergleich bestimmt andere, bei denen es besser läuft. Aber daran lässt sich ja erst mal nichts ändern. Auch der gesamtgesellschaftliche Umgang mit Menschen mit Handycaps ist subjektiv nicht optimal, aber das wirst du ja auch nicht ändern, wenn du deinem Unmut Luft machst und das ganze Konstrukt platzen lässt.
Ich glaube, es gehört zum Leben dazu, immer wieder Wege zu finden, auch wenn sich etwas nicht so entwickelt, wie man sich das wünscht.
Liebe Grüße
Capbreton
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06.03.2014, 06:35Inaktiver User
AW: Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
Liebe TE, ich kenne mich in dem von Dir beschriebenen Bereich überhaupt nicht aus.
Ich kann nachvollziehen, dass das frustrierend ist, möchte aber zu bedenken geben, dass auch viele nichtbehinderte Arbeitnehmer leider keine interessante, qualifizierte Arbeit finden und dann irgendeine stupide Tätigkeit ausführen müssen. Offenbar ist man Dir doch schon entgegen gekommen; zu erwarten, dass man nur für Dich einen passenden Job aus dem Hut zaubert, ist ein bisschen viel verlangt.
Alles Gute!
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06.03.2014, 07:14Inaktiver User
AW: Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
du schreibst, dass bis dato im vorzimmer des werkstattleiters niemand war- mit andern worten: du hättest alle möglichkeiten dich da deiner ausbildung entsprechend auszutoben.
du könntest dem büro, dem vorzimmer komplett deine eigene note geben. unmengen an verwaltungs-bürokram gibt es nicht, schreibst du. prima- dann kannst du das was anfällt auch in den zwei tagen abarbeiten und den werkstattleiter davon entlasten.
wenigstens könntest du es versuchen. dir und den andern zeigen was du drauf hast. du möchtest anspruchvollere tätigkeit als kartonfalten- dann haue rein.
bevor du es nicht wenigstens versucht hast- sagen wir mal: 2-3 monate- würde ich da keine segel streichen.
ohne es ausprobiert zu haben abzulehnen- ja, das liest sich sehr nach: man kann es ihr eh nicht recht machen.
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06.03.2014, 07:46
AW: Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
ich sehe das wie Brigidh. nur weil es bisher den Vorzimmerjob nicht gab, heißt nicht, dass es da nichts zu tun gibt.
alles andere kann ich verstehen, aber dieses Angebot aufzuschlagen halte ich für falsch. und da könnte ich dann auch die Vorgesetzten verstehen, wenn sie das kritisieren.
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06.03.2014, 07:58
AW: Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
ich sehe das auch so. In meinem Bereich ist vor einiger Zeit eine Dame eingestellt worden um uns technische Mitarbeiter ein wenig von der immer mehr werdenden Büroarbeit zu entlasten. Die Stelle gab es vorher nicht, aber sie hat gut zu tun

Ich würde das ausprobieren, ist besser als Kartons falten.
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06.03.2014, 08:21
AW: Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
Ich würde es auch ausprobieren.
Nur weil es den Job nicht gibt, heißt das nicht, dass nichts zu tun ist.
Ist doch auch schön - Du kannst sozusagen auf einer grünen Wiese etwas neu aufbauen.----------------------
Viele Grüße
Stephanie
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06.03.2014, 08:23
AW: Behindertenwerkstatt-Demotiviert, lustlos und frustriert
Du arbeitest für 75 Euro und bist unglücklich? Kündige! 75 Euro kannst du auch anders zusammenbekommen.
Kannst du dir nicht einen 450 Euro Job als Einstieg suchen? Vielleicht als Bürokraft bei einem Immobilienmakler oder Rechtsanwalt? Die suchen doch öfter mal Personal für die Spätschicht.
Bevor ich mir so einen Job in einer Behindertenwerkstatt antäte, würde ich lieber Pfandflaschen sammeln, Selbstgebasteltes im Netz verkaufen oder Profi-Gewinnspielteilnehmerin werden.
Oder du wirst wirklich Übungsleiterin. Das ist auch schön, das habe ich auch schon gemacht.
Das Leben ist viel zu schade, um es bei so einem Job zu verschwenden! Und ein Ausflug geht auch kostenlos. Setzt dich aufs Rad oder gehe zu Fuß los, nimm dir den Kaffee einfach mit und trinke ihn da, wo es dir gefällt. Auf einer Parkbank, auf einer mitgebrachten Decke. Lebe frei und unabhängig und genieße es!
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06.03.2014, 08:30Inaktiver User


aber selbst bei zwei Tagen, kann ich keinerlei Motivation und Lust aufbringen und mich dazu überwinden, diese Arbeit zu machen. Ich verspüre nur Frust bei dem Gedanken alleine dorthin zu müssen - so wie es heute wieder der Fall sein wird.... Mir wird schon schlecht, wenn ich nur daran denke!
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