Ich glaube dein Zitat kommt der Sache schon recht nahe- Barth ist ja bekanntermaßen ein Vertreter der Offenbarungstheologe und übt von diesem Standpunkt aus Kritik an der natürlichen Theologie (in seinen Worten "die Lehre von einer auch ohne Gottes Offenbarung in Jesus Christus bestehenden Gottverbundenheit des Menschen", die wirkliche Gotteserkenntnis mit allen seinen Konsequenzen ermöglicht).Zitat von Inaktiver User
Das Spannende an der Barth'schen Radikalthese "Religion ist Unglaube" liegt meiner Ansicht nach nun darin, daß er versucht, die nagende Frage nach der Relativität der menschlichen Glaubenswelt offenbarungstheologisch zu beantworten.
Und zwar gerade nicht dadurch, daß er etwa versucht, die eigene Religion absolut zu setzen. Er behauptet nicht: "unsere Religion hat die wahre Offenbarung, die anderen nicht" - denn das behauptet ja jede Religion von sich.![]()
Barths Antwort liegt vielmehr darin, das Dilemma der Relativität noch weiter zuzuspitzen, indem er jede Religion, vor allem aber die eigene, der Radikalkritik der Offenbarung unterstellt: "Aber eben die Religion des Menschen als solche wird durch die Offenbarung, wird im Glauben an die Offenbarung aufgedeckt als Widerstand gegen sie."
Somit läßt sich für Barth aus dem Evangelium gerade kein Absolutheitsanspruch der eigenen Glaubenswelt herleiten, sondern im Gegenteil: die Selbstbezeugung Gottes im Evangelium und in Christo zeigt sich als das Absolute, das jede Religion- also jeden Versuch des Menschen der Offenbarung vorzugreifen- als Widerstand und Unglaube entlarvt.
Die Erkenntnis des eigenen Unglaubens, die überhaupt erst Bedingung der Möglichkeit für einen echten Glauben ist, ist Barth zufolge nur durch und in Christus gegeben.
Soweit meine ersten Interpretationen...
LG
sfumato
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Thema: Religion ist Unglaube
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23.05.2008, 22:30
AW: Religion ist Unglaube
None of the really important decisions are ever easy. And they can never be completely right, because there is always a point of view from which they are wrong.
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23.05.2008, 22:35Inaktiver User
AW: Religion ist Unglaube
Ja, der erste Satz ist klar, Eusebia. Sonnenklar

Ich komme ins Straucheln beim "nicht negierbaren Dasein, immer auch als nicht-daseiend denkbar"
Ich kann mir nicht vorstellen, Gott sei nicht-seiend.
Oder wer ist nicht da?
ICH (der Mensch) bin nicht da, wenn Gott denkt, ich sei nicht?
Oder wenn ich denke, Gott sei nicht?

@binauchda: Ich verstehe seine Worte auch als Ausdruck eines tiefgläubigen Menschen.
Bloß verstehe ich seine Ausdrucksweise nicht wirklich, nicht auf Anhieb.
(muss das denn so altherrenhaft-kompliziert sein? *stöhn*)
Was ich aus dem Wikipediatext entnahm ist, dass Barth Jesus als reines Wort Gottes ansah.
Das lebendig gewordene "Wort".
Jesus kündet mit seinem Sein von Gott und nur von Gott und von nichts anderem.
Das kann ich gedanklich nachvollziehen. Nur nicht dieses daseiend/nichtdaseiend etc.
So, aber warum sagt er noch "Religion ist Unglaube, Gottlosigkeit".

Ich vermute, das soll heißen, Religion praktizieren (also Rituale vollziehen etc.) ist "Mummpitz" - bzw. überflüssig - wenn nicht Gottes Wort gelebt wird. Stichwort: Christusnachfolge
Ich vermute, er will damit sagen, alles was zählt, ist der reine schlichte Glaube und die Hinwendung zum Göttlichen und sein Leben in Würde und Hingabe kraftvoll danach auszurichten.
Und die religiösen Prozeduren würden einen nur ablenken von Gott... (?)
So in etwa?
Ich gehe jetzt mal "nicht negierbar müde-seiend" ins Bett
bin gespannt, was ihr bis morgen alles noch so schreibt!
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23.05.2008, 22:46Inaktiver User
AW: Religion ist Unglaube
Sowohl als auch, würde ich sagen.
Zitat von Inaktiver User
Ob ich nun glaube es gibt keinen Gott, der mich aber gemacht hat, als auch es gibt kein Mich.
Es geht um die Zweifler, die Atheisten usw., wir hatten diese Begründung hier auch schon des Öfteren, wenn von Gott alles kommt, dann kommt auch das "nicht da sein" (nicht an Gott glauben) denken von ihm.
Der Zweifel an Gott ist somit völlig zulässig.(meine ich jetzt aber
)
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24.05.2008, 12:51Inaktiver User
Religion ist Unglaube
Hallo Lavendelmond,Zitat von Lavendelmond
@binauchda: Ich verstehe seine Worte auch als Ausdruck eines tiefgläubigen Menschen. ... Das lebendig gewordene "Wort". ... Das kann ich gedanklich nachvollziehen. Nur nicht dieses daseiend/nichtdaseiend etc.
heute morgen fielen mir Worte in mein Denken
und ich möchte Dich gerne daran teilhaben lassen:
Es gibt Menschen, die das Vakuum füllen.
Es gibt Vakuum, das eigentlich
- bei Licht betrachtet -
Freiheit und Leichtigkeit ist
und daher keine Führung benötigt.
Das Denken ist etwas wunderbares und das Dasein ist ein Wunder. Die Vielfalt des Denkens ist wertvoll und genau wie die Vielfalt des Daseins einfach wert gelebt und ausgetauscht zu werden. Der Gläubige ist da und lebt mit Herz und Verstand. Man könnte auch sagen "Im Zweifel tu einfach das Richtige".
Liebe und herzliche Grüße
binauchdaGeändert von Inaktiver User (24.05.2008 um 12:54 Uhr)
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24.05.2008, 13:09Inaktiver User
Religion ist Unglaube
Ich denke, Religion ist dann Unglaube,Zitat von sfumato
... ich will hier keine trockene Abhandlung aus dem Thema machen- muss ich auch nicht- denn er hat viele kontroverse Thesen zum Besten gegeben, über die sich trefflich diskutieren lässt.
Um mal gleich mit ihm in die Vollen zu gehen:
"Religion ist Unglaube; Religion ist eine Angelegenheit, man muß geradezu sagen: die Angelegenheit des gottlosen Menschen... Dieser Satz kann nach dem Vorangehenden nichts zu tun haben mit einem negativen Werturteil. Er enthält kein religionswissenschaftliches und auch kein religionsphilosophisches Urteil, das in irgendeinem negativen Vorurteil über das Wesen der Religion seinen Grund hätte. Er soll nicht nur irgendwelche andere mit ihrer Religion, sondern er soll auch und vor allem uns selbst als Angehörige der christlichen Religion treffen. Er formuliert das Urteil der göttlichen Offenbarung über alle Religion." (Kirchliche Dogmatik I 2, 327f.)
wenn sie dazu führt, sich seiner selbst zu entfremden.
Und ein seiner selbst entfremdeter Mensch ist nicht da seiend.
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24.05.2008, 13:28Inaktiver User
AW: Religion ist Unglaube
Es gibt den Begriff "staatliche Gewalt" und "Gewaltenteilung".Zitat von Barth aus dem Wikilink
Es gibt unter Umständen eine nicht nur erlaubte, sondern göttlich geforderte Resistenz gegen die politische Macht, eine Resistenz, bei der es dann unter Umständen auch darum gehen kann, Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Anders kann ja der Widerstand gegen die Tyrannei, die Verhinderung des Vergießens unschuldigen Blutes vielleicht nicht durchgeführt werden.[5]
Gewalt als solche ist vom Wortsinn her nicht immer mit "roher, brutaler" Gewaltausübung gleichzusetzen. Auch ein "gewaltloser" Widerstand ist eine Machtausübung.
Aber natürlich kann Gewalt auch das sein:
Ein gewalttätiges Gegenüber in seine Schranken weisen mit Hilfe von körperlicher (etc. ...) Gewaltausübung.
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25.05.2008, 00:11Inaktiver User
AW: Religion ist Unglaube
Darum geht es mir.
Zitat von Inaktiver User
Ich hatte und habe Probleme mit diesem Jesus Spruch: "...und wenn dir einer auf die Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin."
Die allermeisten (?) folgern daraus eine parzifistische Haltung Jesu, kann man durchaus machen. Mach ich aber nicht.
Die Möglichkeit einer physischen Gewaltanwendung braucht aber dringend! eine Überprüfung, eines Vergewisserung das man nicht aus anderen Gründen, als um mehr (persönliches) Leid zu verhindern, diese Gewalt anwendet.
Der erste Schlag auf die Backe, kann ein Versehen, eine Reaktion oder dergleichen sein, ein zweiter Schlag lässt die böse Absicht erkennen. Hier ist weiteres Reden überflüssig, denn die Schläge würden weiter gehen, hier hört ein mögliches "Verstehen" auf, hier setzt der Selbstschutz bzw. in der größeren Dimension der Krieg ein.
Natürlich ist, in der Regel, der effektivste persönliche Schutz das Weggehen, deshalb blieb Barth wohl so vage in seiner Aussage.Geändert von Inaktiver User (25.05.2008 um 00:14 Uhr)
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25.05.2008, 07:59Inaktiver User
AW: Religion ist Unglaube
Gehört zwar jetzt nicht direkt zum Thema, aber im weitesten Sinne schon, denk ich mal...
Jesus hatte seinen Jüngern ja den Rat gegeben:
„Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: ‚Auge um Auge und Zahn um Zahn.‘ Doch ich sage euch: Widersteht nicht dem, der böse ist, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so wende ihm auch die andere zu“ (Mat 5:38, 39).
Jesus riet weder zum Pazifismus, noch sprach er Christen das Recht ab, sich zu verteidigen, falls ihnen jemand körperlichen Schaden zufügen wolle.
Er lehrte vielmehr, dass ein Christ nicht mit gleicher Münze heimzahlen sollte, d. h. er sollte nicht zurückschlagen und sich nicht selbst rächen.
Hier geht es um den Grundsatz, einem Streit aus dem Weg zu gehen, indem man es unterläßt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
Ein Schlag mit der flachen Hand auf die Wange (eine Ohrfeige) soll nicht körperlich verletzen, sondern lediglich beleidigen oder zum Streit provozieren.
Jesus sagte nicht, dass ein Christ, wenn ihn jemand niederschlägt, dass er dann aufstehen muß und die andere Seite des Gesichts hinhalten sollte.
Seine Worte zeigten vielmehr, dass es für einen Christen falsch ist, wenn ihn jemand zum Streit oder zu einer Auseinandersetzung herausfordert, sich zu revanchieren,
indem er ihn z.B. mit der flachen Hand schlägt oder mit beleidigenden Äußerungen kränkt.
Das ist in Übereinstimmung mit den Worten der Apostel, die diesen Grundsatz erhärten.
Rö 12:17-21 GNB
"17 Wenn euch jemand Unrecht tut, dann zahlt es niemals mit gleicher Münze heim. Seid darauf bedacht, vor den Augen aller Menschen bestehen zu können.
18 So weit es möglich ist und auf euch ankommt, lebt mit allen in Frieden.
19 Nehmt keine Rache, holt euch nicht selbst euer Recht, meine Lieben, sondern überlasst das Gericht Gott. Er sagt ja in den Heiligen Schriften: »Ich bin der Rächer, ich habe mir das Gericht vorbehalten, ich selbst werde vergelten.«
20 Handelt vielmehr nach dem Wort: »Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Dann wird es ihm bald Leid tun, dein Feind zu sein.«
21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern überwinde es durch das Gute!"
1.Pe 3:9 HFA
"9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem, bleibt freundlich, auch wenn man euch beleidigt, und bittet Gott um seinen Segen für den anderen. Denn ihr wisst ja, dass Gott auch euch dazu berufen hat, seinen Segen zu empfangen."
Gruß Zisska
Geändert von Inaktiver User (25.05.2008 um 08:36 Uhr)
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25.05.2008, 12:42
AW: Religion ist Unglaube
Der Schlüssel zum Verständnis dieser etwas dunklen Aussage von Barth liegt denke ich im Begriff des Daseins.
Zitat von Inaktiver User
Mit Dasein ist hier die menschliche Existenz gemeint- und zwar speziell unter dem Gesichtspunkt, daß sie sich und die Welt in der sie existiert, deutend und verstehend erschließt.
Spätestens ab der mittelalterlichen Scholastik (Aquin usw.) wird Gott als Sein bestimmt, also als das, wodurch erst alles Seiende ist.
Nun wagt Barth eine existentialphilosophische Parallelbestimmung von Gott als Dasein (mit dem Dasein Gottes ist natürlich Christus gemeint).
Alles, was außer Gott "da ist" (also die Menschen, die sich als Menschen in einer Welt verstehen) steht für Barth nun in einem Verhältnis zum Dasein Gottes, so wie sich auch das Seiende zum Sein verhält- die Aussage
"Weil Gott ist, darum gibt es überhaupt etwas"
formt er sozusagen existential um zu:
"Weil Gott da ist, darum gibt es Dasein überhaupt"
Um es noch konkreter zu formulieren: Weil Gott Mensch wurde, sind wir überhaupt erst in der Lage zu verstehen, was es für uns selbst bedeutet, Menschen zu sein.
LG
sfumatoNone of the really important decisions are ever easy. And they can never be completely right, because there is always a point of view from which they are wrong.
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25.05.2008, 13:01Inaktiver User
AW: Religion ist Unglaube
Interessant (so tief geht Zahrnt dann doch nicht). ;)
Zitat von sfumato
Obwohl mir Barth manchmal zu abstrakt und radikal an die Sache rangeht (wie bitte soll das in der Praxis, z.B. Seelsorge aussehen?), finde ich das gerade das Spannende daran. Der Mensch kann nicht über Gott reden, da Gott eben das 'totaliter aliter' (das vollkommen Andere) ist. Das schließt ja nicht nur eine Vermenschlichung der Religion, sondern eventuell auch ein Abgleiten in den religiösen Fundamentalismus aus, in dem ja gerne mal die eigene Auslegung als einzig Wahre (bzw Gottes Wille) hingestellt wird.
Und ab 1933 hat sich ja auch gezeigt, dass sein Kulturpessimismus begründet war. So verkopft mir das alle vorkommt, so bewundere ich doch seine Konsequenz und seine ... ich würde es mal ganz altmodisch Demut nennen (im Sinne von Anerkennen der eigenen Grenzen und Misstrauen gegenüber der eigenen Anfälligkeit für emotionale Schwärmerei).
Wie er diesen Ansatz konkret auf die Exegese überträgt, ist mir allerdings nicht ganz klar (aber da ist mir als Nicht-Theologin einiges nicht klar *g*). Ist die Bibel für ihn denn hundertprozentig Gotteswort oder doch eher Menschenzeugnis? Wie kann man das voneinander trennen? Und wie kann man Gottes Wort auslegen, wenn Gott doch so absolut 'weltfremd' ist, die Sprache aber nun mal als Medium der Schrift ein Produkt des menschlichen Geistes? Oder ist Jesus da einem menschlichen Verständnis aus seiner Sicht zugänglicher?
War Barth, was die Bibel betrifft, dann so eine Art Bibelfundamentalist? Ich hatte ja eher den Eindruck, dass er fast schon was Agnostisches an sich hat.


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