Der Lumpensammler
[I]Eine Geschichte von Walter Wangerin jr.
Ich habe etwas Seltsames gesehen. Ich bin über eine seltsame Geschichte gestolpert, über etwas, auf das mein Leben, meine Gewitztheit, meine selbstgefällige Art, meine verschlagene Zunge nicht vorbereitet war.
Still, Kind. Still jetzt, und ich werde es Dir erzählen.
An einem Freitagmorgen, noch vor der Dämmerung, bemerkte ich einen gut aussehenden, starken, jungen Mann, der durch die Straßen unserer Stadt ging. Er zog einen alten Karren voller bunter neuer Kleider und rief mit klarer heller Stimme: “Lumpen!” Ah, beim Klang dieser süßen Musik schmeckte die Luft faulig, und das erste Morgenlicht schimmerte trüb.
“Lumpen! Neue Lumpen für Eure alten! Ich nehme Eure zerschlissenen Lumpen! Lumpen!”
“Wie seltsam” dachte ich, denn der Mann war einen Meter neunzig groß, seine Arme waren wie Äste, hart und muskulös und seine Augen leuchteten wach und klug. “ Konnte er keine bessere Arbeit finden, dass er als Lumpensammler durch die Innenstadt ziehen muss”
Ich folgte ihm. Meine Neugier trieb mich an. Und ich wurde nicht enttäuscht.
Bald sah der Lumpensammler eine Frau auf ihrer Hintertreppe sitzen. Sie schluchzte in ihr Taschentuch, seufzte und vergoss tausend Tränen. Ihre Knie und Ellenbogen bildeten ein trauriges X. Ihre Schultern zitterten. Ich sah, dass ihr das Herz brach.
Der Lumpensammler hielt seinen Karren an. Leise stieg er über Blechdosen, zerbrochenes Spielzeug und Windeln auf die Frau zu. “Gib mir Deinen Lumpen”, sagte er sanft, “und ich werde Dir ein neues Tuch geben.”
Behutsam zupfte er Ihr das Taschentuch von den Augen weg. Sie blickte fragend auf, und er legte Ihr ein leinenes Tuch auf die Hand, so rein und neu, dass es leuchtete. Sie blinzelte, traute Ihren Augen nicht und sah von der Gabe zu dem Geber auf.
Dann, als er wieder seinen Karren zu ziehen begann, machte der Lumpensammler etwas Merkwürdiges: Er legte sich Ihr verschmiertes Taschentuch vor sein Gesicht. Und dann begann er zu weinen und mit bebenden Schultern ebenso bekümmert zu schluchzen, wie sie es getan hatte. - Sie jedoch blieb ohne eine Träne zurück.
“Das ist ein Wunder”, flüsterte ich bei mir selbst, und ich folgte dem schluchzenden Lumpensammler wie ein Kind, das sich von einem Geheimnis nicht mehr losreißen kann. “Lumpen! Lumpen! Neue Lumpen für Eure alten!”
Nach kurzer Zeit, als der Himmel grau zwischen den Dächern hindurchzuschimmern begann und ich die zerschlissenen Vorhänge vor den schwarzen Fenstern erkennen konnte, begegnete der Lumpensammler einem Mädchen mit leeren Augen, dessen Kopf in einen Verband gehüllt war. Der Verband war blutdurchtränkt. Blut rann über ihre Wange.
Der Lumpensammler betrachtete das Kind voller Mitleid und holte eine hübsche gelbe Mütze von seinem Karren.
“Gib mir Deinen Lumpen” sagte er und streichelte Ihre blutverschmierte Wange, “und ich werde Dir meinen geben.”
Das Kind konnte ihn nur anstarren, während er den Verband löste, abnahm und sich um seinen Kopf band. Die Mütze setzte er Ihr auf den Kopf. – Ich sperrte den Mund auf, als ich es sah: Mit dem Verband war auch Ihre Wunde verschwunden! Dafür quoll nun von seiner Stirn dunkles schweres Blut – sein eigenes!
“Lumpen! Lumpen! Ich sammle alte Lumpen! rief der schluchzende, blutende, starke, so klug aussehende Lumpensammler.
Inzwischen stach die Sonne vom Himmel, blendete meine Augen. Der Lumpensammler schien es immer eiliger zu haben.
“Gehst Du zur Arbeit? fragte er einen Mann, der an einem Telefonmast lehnte. Der Mann schüttelte den Kopf. “Hast Du denn keine Arbeit? hakte der Lumpensammler nach. “Bist Du verrückt – wer will schon so einen wie mich haben?!” gab der andere höhnisch mit bitter dreinblickender Miene zurück. Er stieß sich von dem Mast ab, so dass man seinen rechten Jackenärmel sah – er war platt gedrückt, und die Manschette steckte in der Tasche. Er hatte nur noch einen Arm.
“So”, sagte der Lumpensammler. “Gib mir Deine Jacke, und ich gebe Dir meine.” – Mit welcher Bestimmtheit er das sagte!
Der Einarmige zog seine Jacke aus. Das gleiche tat der Lumpensammler – und ich erschauerte bei dem Anblick: Der Arm des Lumpensammlers blieb in seinem Jackenärmel, und als der andere die Jacke anzog, hatte er zwei gute Arme, kräftig wie Äste; der Lumpensammler dagegen hatte nur noch einen.
“Geh suche Dir Arbeit”, sagte er.
Danach fand er einen Betrunkenen, der bewusstlos unter einer dünnen Decke lag, einen alten Mann, gekrümmt, runzelig und krank. Er nahm die Decke und legte sie sich um die Schultern, doch für den Betrunkenen ließ er neue Kleider zurück.
Nun musste ich rennen, um mit dem Lumpensammler Schritt halten zu können. Obwohl er hemmungslos weinte, seine Stirn in Strömen blutete und er seinen Karren mit einem Arm ziehen musste, vor Trunkenheit stolpernd, immer wieder fallend, erschöpft, alt und krank, lief er ungemein schnell.
Er hastete durch die Gassen der Stadt, eine Meile und dann noch eine, bis er die Grenzen erreichte, immer weiter eilte er – Ich musste darüber weinen, wies sehr dieser Mann sich verändert hatte. Seine Not schmerzte mich. Und doch musste ich herausbekommen, so er so eilig hinwollte. – Vielleicht um zu erfahren, was ihn so sehr antrieb.
Der kleine alte Lumpensammler – er kam zu einer Müllhalde. Er erreichte die Abfallgruben. – Am Liebsten wäre ich zu ihm geeilt, um ihm dabei zu helfen, was auch immer er tat. Aber ich blieb zurück und versteckte mich.
Er stieg auf einen Hügel. Unter qualvollen Mühen räumte er eine kleine Fläche auf der Kuppe frei. Dann seufzte er und breitete Jacke und Taschentuch aus. Er legte sich darauf nieder, bedeckte seinen Körper mit der dünnen Decke.
Dann starb er.
Oh, wie ich weinte, als ich sein Sterben mit ansah! Ich konnte mich nur noch in eines der Schrottautos fallen lassen, ich jammerte und klagte wie einer, der keine Hoffnung mehr hat – denn die tiefe Liebe, die ich bei dem Lumpensammler erlebt hatte, hatte meine Liebe zu ihm entzündet. Jedes andere Gesicht war mir angesichts des Wunders dieses Mannes verblasst, und er war mir kostbar geworden.
Doch nun war er tot.
Ich schluchzte, bis ich in einen tiefen Schlaf fiel. Ich wusste nicht – woher hätte ich es wissen sollen? – dass ich die ganze Nacht und auch den Samstag und die nächste Nacht durchschlief.
Doch dann, am Sonntagmorgen, wurde ich von laut schallenden Klängen geweckt. – Licht – reines, hartes, forderndes Licht – prallte mir auf mein trauriges Gesicht, und ich blinzelte und blickte auf.
Nun sah ich das letzte Wunder, das alles andere nebensächlich erscheinen ließ. Dort stand der Lumpensammler und faltete sorgfältig die Decke zusammen. Er hatte eine Narbe auf der Stirn – er lebte! Und er war gesund! Von Not oder Alter war ihm nichts anzumerken, und all die Lumpen, die er gesammelt hatte, leuchteten schneeweiß und rein.
Da senkte ich meinen Kopf, und erschauernd über all das, was ich gesehen hatte, ging ich auf den Lumpensammler zu. – Voller Scham nannte ich ihm meinen Namen, denn neben ihm war ich nichts als eine erbärmliche Gestalt. Dann warf ich an Ort und Stelle alle meine Kleider ab und sagte voller Sehnsucht zu ihm: “ Bekleide mich.” Und er bekleidete mich!
Mein Herr er legte mir neue Kleider an und ich bin ein Wunder neben ihm. Der Lumpensammler, der Lumpensammler, der Christus!
Quelle:
Walter Wangerin jr., Der Lumpensammler und andere Erzählungen, Brunnen Verlag, Gießen.
Jesus lebt
Vor ungefähr 2000 Jahren ist Jesus für unsere Sünden und Krankheiten gestorben, er hat die ganzen Schmerzen, Verachtung der Menschen und Demütigungen auf sich genommen um uns zu retten, er hätte jederzeit nein sagen können, doch aus Liebe zu den Menschen hat er es durchgestanden. Durch seine Liebestat ist es uns nun möglich unsere Sünden persönlich vor Gott zu bringen und er wird sie uns aus Gnade immer wieder verzeihen, das war vor Jesu Tod und Auferstehung wegen dem Sündenfall von Adam und Eva nicht mehr möglich. Durch Jesu Blut sind wir gereinigt und durch die Annahme Jesu als unseren Heiland und Retter gerettet (d.h. wir haben dadurch das ewige Leben bei Gott)
Stellen Sie sich einmal vor eine Gruppe von Leuten beschimpft, schlägt, demütigt und quält sie. Sie liegen am Boden und die Schmerzen sind sehr groß, es wird weiter auf sie eingeprügelt und mit Tritten werden Sie traktiert, ihre Haut ist von Wunden übersät, die bluten, kein Mensch hilft ihnen, alle schauen nur zu.
Man kann sich vorstellen, wie groß die Wut und der Hass der Schläger war, aber auch das Opfer hätte nur Wut und Hass für diese Täter übrig gehabt, was sehr verständlich ist.
Doch Jesus hat damals trotzdem diese schlagenden Menschen geliebt und ihnen unter unvorstellbaren Schmerzen verziehen und damit erreicht, dass das Gute über das Böse gesiegt hat. Nach seinem Tod ist er auferstanden und wirkt seitdem auf unserer Erde durch seinen Heiligen Geist, hilft, tröstet und heilt wo er kann.
Wir können uns darauf verlassen, dass Jesus auch heute noch unsere Sorgen und Krankheiten auf sich nimmt, wenn wir unser Herz für ihn öffnen. Gott hat uns einen eigenen Willen gegeben, er steht vor jeder Herzenstür und klopft an, doch eintreten kann er nur wenn wir diese Türe öffnen und ihn hereinbitten.
Es bedarf nur, dass wir ja zu ihm sagen.
Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden; ja, wenn ihr ernsthaft, mit ganzem Herzen nach mir verlangt, werde ich mich von euch finden lassen´, spricht der Herr.
(Jeremia 29/13-14)
In dem Buch (Zwei Leben) von Samuel Koch (er war der Mann, der bei seiner Wette bei Wetten dass…, so schwer gestürzt war, dass er querschnittsgelähmt wurde) habe ich folgendes gefunden:
Wette des französischen Mathematikers Blaise Pascal:
Er meinte, dass eine Analyse der Optionen hinsichtlich des Glaubens an Gott zu folgenden Resultaten führt:
- Man glaubt an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall wird man belohnt.
- Man glaubt an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man nichts (verliert aber auch
nichts)
- Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man ebenfalls nichts
(verliert aber auch nichts)
- Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall verliert man.
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 11
Thema: Der Lumpensammler
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18.04.2014, 19:51
Der Lumpensammler
Geändert von Wasserbiene (19.04.2014 um 11:04 Uhr)

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19.04.2014, 11:08Inaktiver User
AW: Der Lumpensammler
Was für eine schöne Geschichte. Ich habe sie sehr gern gelesen, danke
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23.04.2014, 12:31Inaktiver User
AW: Der Lumpensammler
Wenn ich so etwas immer wieder lese, kriege ich noch jedes Mal nen dicken Hals !
Dieses Schlechte-Gewissen-machen, was wir doch von Geburt an für schlechte Menschen sind, nein danke !
Den Film "Kreuzweg" von Dietrich Brüggemann mal gesehen ? Der zeigt in aller Eindrücklichkeit die möglichen Konsequenzen einer derartigen verqueren Haltung und Denke, mit der Menschen kleingemacht und klein gehalten werden.
Die Auffassung, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, wird in der Theologie schon lange nicht mehr gehalten. Nicht nur bei Hans Küng oder Jörg Zink -theologisch fundiert- nachzulesen.
Aber ich denke mal, hier geht es nicht um einen Austausch, sondern lediglich um die Verbreitung ewig gleich gestrickter Stories.
Gruß ElliGeändert von Inaktiver User (23.04.2014 um 12:36 Uhr)
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23.04.2014, 13:22
AW: Der Lumpensammler
Ich fand diese Geschichte schön

Und frage mich, warum man das nicht einfach mal so stehen lassen kann, ohne das jemand die Religion-ist-so-scheixe-Keule rausholen und zuschlagen mussAlles Liebe, Nellie
Jetzt auch als Next erhältlich
WEDER HARTZER NOCH ARBEITSLOS. Trotzdem prügel ich nicht auf diese ein
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23.04.2014, 14:20Inaktiver User
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23.04.2014, 15:16
AW: Der Lumpensammler
Dass die Sühneopfertheorie theologisch höchst umstritten ist, sollte doch allgemein bekannt sein. Bei Küng kannst Du es u.a. in "Christ sein" nachlesen.
Das radikale Festhalten an dieser Theorie kenne ich nur aus fundamentalistischen Kreisen (sowohl evangelisch als auch katholisch). Und das ist es auch, was mir an diesem Text negativ aufstößt, abgesehen davon, dass er mir zu platt und zu naiv daherkommt. Da wird unter dem Deckmäntelchen einer rührseligen Geschichte beinharter Fundamentalismus verbreitet.
Gruß,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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23.04.2014, 16:14Inaktiver User
AW: Der Lumpensammler
ich verstehe nicht, was du meinst, Malina. Das ist doch kein Fundamentalismus, das ist unser christlicher Glaube, der wunderbar durch diese kleine Geschichte erzählt wird. Da ist nichts enges, da ist es sehr offen und frei, voller Zuversicht, Liebe, Hoffnung und Glaube, ganz und gar vertrauend auf die Gerechtigkeit des Himmels. Für mich ist es ein Segen solche kleinen Novellen zu finden. Und zu spüren, ja, das ist gemeint, das ist es. Da wird es deutlich, dass es in allem um etwas Größeres geht, das uns Kraft und Mut geben kann. Wir wissen, da siegt nicht das Elend, nicht das Jammervolle, nicht das Grauen, da wird es ein Licht für uns alle geben, das uns in unserem irdischen Dasein erlöst, ganz egal wieviel Schuld wir auf uns geladen haben, ganz egal, was uns angetan wurde, Jesus hebt uns auf und schenkt uns neues Leben, er macht uns heil.
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23.04.2014, 21:20
AW: Der Lumpensammler
Manches ist durchsichtiger als es scheint.
Gewaltig ist der Unterschied zwischen x und u!
Ein Piratenboot ist kein Kirchenschiff.
Seize the Day, Heaven Can Wait
If you could read my mind, love, what a tale my thoughts could tell....(Gordon Lightfood)
Allegro con brio
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23.04.2014, 22:03
AW: Der Lumpensammler
Wenn ich Gott wäre, würde ich Pascal die Löffel langziehen. Alter Zyniker.
** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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29.04.2014, 19:25Inaktiver User


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