Gott findest du nicht in der Bibel. Die Bibel ist nur ein Buch, gespickt mit Geschichten voller Missverständnisse, interpretationsbedürftig....
??? aber die zeigt wie Gott handelt, sie sagt auch einiges was kommt und das erschreckend deutlich
und woran, ohne Bibel wüsste ich was Gott richtig findet und was nicht, wenn jeder seine eigenen Gesetze hat(was ja irgendwie auch so ist) was gibt das für ein Chaos???
caith
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Thema: Gibt es Gott?
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03.11.2004, 07:32
Re: Gibt es Gott?
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03.11.2004, 09:34Inaktiver User
Re: Gibt es Gott?
Die Bibel ist ein schönes und wertvolles Buch, streckenweise sehr inspirierend, in vielerlei Hinsicht jedoch überbewertet.
Sie erzählt viel mehr über die Menschen, ihren Glauben, ihr Verhältnis zueinander und zu Gott - und sicherlich zeigt sie Möglichkeiten auf, wie man Gott begegnen kann. Dennoch: Ihre Interpretierbarkeit macht sie zu einem gefährlichen Instrument. Wieviel Blut wurde schon im Namen der Bibel (und im Namen Gottes) vergossen, weil Menschen sich auf ihre persönliche (oder gerade allgemeingängige) Deutung von Bibelinhalten berufen haben?
Die Bibel zeigt Wege auf, aber sie gibt keinen zwingend vor.
Kürzlich trug mir ein netter, hilfsbereiter Herr meine Einkaufstüten bis vor die Wohnungstür. Ich bedankte mich und er dankte mir seinerseits mit der aktuellen Ausgabe des *Wachturms*.
Wenige Tage später suchte er mich erneut auf, "um mir dabei behilflich zu sein, die Heilige Schrift zu deuten und richtig zu verstehen".
"Sein Sie nicht gekränkt", sagte er, "aber ohne ein wenig Anleitung sind Sie nicht in der Lage, das Wort für sich zu entdecken."
Gekränkt war ich nicht, sondern traurig und enttäuscht über sein gottfernes Werben. Da redete er von Gott, von dessen klarer Offenbarung in der Heiligen Schrift - und wollte mich gleichzeitig glauben machen, *der wahre Christ* bräuchte eine Art Lese- und Verständnisanleitung für das Buch der Bücher.
Ich schickte ihn fort.
Von Glaubensmodellen halte ich grundsätzlich nichts. Jeder Mensch darf Gott für sich entdecken. Ganz individuell und immer wieder neu. Gott offenbart sich doch in der gesamten Schöpfung, zu jeder Zeit. Ich sehe keinen Sinn darin, Gott festlegen und entschlüsseln zu wollen und/oder ihn erklären zu müssen. Ihn zu einer gültigen Wahrheit zu erheben und zu einem Götzengott erstarren zu lassen.
Vielleicht liegt das daran, dass ich nur eines von Gott erwarte: Dass er mich liebt. Umgekehrt gilt das genauso.
Wann und wo immer Gott mir begegnet, ist er mir nah. Wir sind in Liebe miteinander verbunden und es gibt nichts, was zwischen uns steht. Gott hat mir noch nie etwas geboten oder verboten, höchstens angeboten.
Es gibt zwischen uns keine Regeln und Gesetze, sondern fast schon eine Art gleichberechtigtes Miteinander. Ich halte ihn nicht für einen unfehlbaren Herrscher, sondern für einen konstant und ehrlich bemühten Menschenvater, einen Freund. Schon in frühester Kindheit habe ich ihn in Gebeten, bei jeder Ansprache, jedem Gespräch *Vater* genannt. Er ist nicht mein Herr, nicht mein Weiser, sondern mein Wegbegleiter, mein Gefährte, mein Big Daddy.
Brauchen Menschen denn eine Lebensanleitung?
Glaubensvorgaben, festgelegte Werte?
Ich dachte immer, der Mensch strebt danach, frei zu sein. Sein Glaube basiert auf Freiwilligkeit und Gotteswunder liegen im Wirken des freien Geistes und des liebenden Herzens.
Ich persönlich überprüfe fortwährend die gesamte Schöpfung auf ihre Eigenschaften und ihr Wesen, frage nach guten und schlechten Eigenschaften und Merkmalen. Allerdings habe ich mir noch nie die Frage stellen müssen, wie "Gut" und "Böse" definiert sind. Ich frage mich, was ich bin und warum ich bin, aber ich frage mich nicht, OB ich bin.
Jeder Mensch hat von Geburt an alle Sinne, die nötig sind, Gott zu erfahren.
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03.11.2004, 12:29Inaktiver User
Re: Gibt es Gott?
Wenn ich diesen Strang lese, fällt mir auf, dass es auch hier zwei grundsätzliche Weisen gibt, sich an das unerklärbare Phänomen „Gott" anzunähern: eine mehr emotionale und eine mehr rationale. In der mittelalterlichen Philosophie gab es einen Disput zwischen den beiden grundsätzlichen Einstellungen: „Credo ut intelligo“ einerseits und „intelligo ut credo“ andererseits. Auf Deutsch: Ich glaube, damit ich einsehe (die Existenz Gottes auf dem Weg des Glaubens „erkenne“). Oder aber: Ich erkenne mit rationalen Mitteln die Existenz Gottes, damit ich glaube.
Aus heutiger Sicht ist beides verfehlt: Weder führt der Glaube zu einer rationalen Erkenntnis der Existenz Gottes noch führt eine rationale Argumention dazu, dass wir glauben können.
(Eine interessante Variante ist der „Antimodernisten-Eid“ der katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der höhere Klerus musste darin unter anderem schwören, dass die Existenz Gottes rational beweisbar sei. Dies folgte der katholischen Tradition. Dass die Existenz Gottes nicht rational beweisbar sei, ist eine eher moderne Sichtweise, die wir als historisch Ungebildete heute für selbstverständlich halten. Im 18. Jahrhundert war man noch allgemein vom Gegenteil überzeugt. Erst nach Immanuel Kants Kritik der Gottesbeweise - wobei Kant keineswegs die Legitimation von Glauben angetastet hat! - setzte sich eine andere Einstellung durch).
Dennoch halte ich beide Zugangswege für legitim, wenn man sie angemessen interpretiert. Der mehr am Glauben orientierte Weg bietet Menschen eine Art von Lebenshilfe, solange er nicht zu einer dogmatischen und intoleranten Sichtweise führt: Denn dann wird er gefährlich. Der rationale Weg scheitert, wenn er absolut verstanden sein will (wie im Antimodernisten-Eid), an der prinzipiellen rationalen Unerklärbarkeit Gottes. Aber er stellt ein wichtiges Gegengewicht zu einer dogmatischen nur am Glauben orientierten Sicht dar, indem er mit begrifflichen Mitteln die Grenzen der Gotteserkenntnis auslotet. –
Es wäre nun verfehlt anzunehmen, dass sich die christliche theologische Tradition nur an dem Glaubensweg und an der Offenbarung orientiert. Eher kristallisiert sich der oben angedeutete Doppelzugang heraus. Folglich ist nicht erstaunlich, dass der Gott der christlichen Philosophen (und im Gefolge auch vieler Theologen) sich doch in hohem Maße von dem Gott des Volksglaubens unterscheidet. Der Begriff Gottes als "ens originarium, ens per se“ (selbstursprüngliches Wesen), als „omnitudo realitatis“ (Allheit aller positiven Realitäten), als „ens perfectissimum“ (allervollkommenstes Wesen), als „ens realissimum“ (allerrealstes Wesen), als „ens necessarium“ (absolut notwendiges Wesen aus sich selbst heraus) ist ein wichtiger Bestandteil dieser Tradition und hat wenig mit der allzu menschlichen Sicht einer gütigen oder auch strafenden Vaterfigur im Volksglauben zu tun. Der Gott der christlichen Philosophen ist kein Bestandteil unserer erfahrbaren Wirklichkeit, existiert außerhalb von Raum und Zeit und unterliegt daher auch nicht den Gesetzen des Enstehens und Vergehens. Er gehört daher auch nicht in die Welt der von uns erfahrbaren Kausalzusammenhänge. Vor diesem Hintergrund wird es schwierig, Gott in irgendeiner Weise als Agenten für unsere menschlichen Anschauungen und Bedürfnisse zu reklamieren, auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen. (In Kriegen lassen ja bekanntlich beide Seiten die Waffen segnen: „Gott mit uns“).
Ein „ens perfectissimum“ ist für uns endliche Wesen weder erfahrbar noch mit rationalen Mitteln erfassbar. Thomas von Aquin hat dies in der Weise zum Ausdruck gebracht, dass wir uns Gott nur auf dem Wege einer „Analogia entis“ (Seinsanalogie) annähern können. Dies bedeutet: Da wir als unvollkommene Wesen keine einzige Vollkommenheit besitzen und eine solche nicht einmal erkennen können, vermögen wir von den göttlichen Eigenschaften nur im Sinne einer Analogie zu sprechen. Die menschliche Güte beispielsweise ist nie absolut vollkommen, und wir wissen nicht einmal, was vollkommene Güte tatsächlich bedeutet. Wenn wir Gott also „vollkommene Güte“ zuschreiben (denn als „vollkommenstes Wesen“ muss er sie im höchsten Maße besitzen), dann beziehen wir uns auf eine Eigenschaft, die wir im Grunde gar nicht kennen, sondern nur in Analogie zu dem uns Bekannten („der lieben Tante Ingrid, die ja immer gut zu uns als Kindern war“) auch Gott zuordnen.
Mit einem solchen Gottesbegriff dürfte es sehr schwierig sein, bestimmte intolerante Anschauungen wie z.B. die Opposition gegen die Ehe von Homosexuellen zu rechtfertigen. Es ist äußerst fragwürdig, was ein „ens perfectissimum“ auch nur im geringsten mit solchen fragwürdigen gesellschaftlichen Normen und Ausgrenzungen zu tun haben soll. Ein diskursiver Zugang zu „Gott“ (d.h. begriffliche Argumentation) ist demnach ein notwendiges Korrektiv gegenüber fundamentalistischen Anschauungen jedweder Spielart. Der in seinen „perfectiones“ unerkennbare Gott verbietet jede zu anthromorphe (an fragwürdigen menschlichen Wertungen orientierte) Interpretation: Auf dem Weg der „analogia entis“ können wir von Gott immer nur sagen, was er NICHT ist. Nämlich weder männlich noch weiblich. Weder im anthromorphen Sinne „gut“ (göttliche „Güte“ ist unerklärlich) noch „böse“. Weder pro noch contra Heterosexualität oder Homosexualität u.s.w.. Gott als das gänzlich unerklärbare Prinzip ist über all dieses weit erhaben. – Es mag sein, dass ein solcher Gott in dem Chaos unserer Wirklichkeit nicht die gewünschten eindeutigen Orientierungen bietet, nach denen sich viele sehnen. Dies ist eine Anspielung auf das Führerprinzip, nach dem sich manche sehnen, weil es das Leben vielleicht einfacher macht, aber auch – wie unsere Geschichte zeigt – zu Verhängnissen führen kann. – Es glaubt hier hoffentlich kaum jemand, dass der Gott eines George Bush oder der eines Osama Bin Laden viel mit Gott gemein hat!?
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03.11.2004, 17:05Inaktiver User
Re: Gibt es Gott?
Der traurige König
Es war einmal ein trauriger, sehr gelangweilter König, der sprach zu seinen Untertanen:
Jeden Morgen sehe ich die Sonne aufgehen und jeden Abend beobachte ich, wie sie wieder untergeht. Nun frag ich mich und euch: Wozu?
Wer hat sich das ausgedacht, zu welchem Ziel und zu welchem Zwecke?
Was ist Gott?
Die Untertanen antworteten: Das wissen wir nicht, Majestät.
Dann bringt mir jemanden her, der es weiß,
befahl der König und seine Untertanen gehorchten ihm.
Sie ließen die klügsten und gelehrtesten Männer des Landes in den Palast kommen, des Königs Fragen zu beantworten. Doch konnte ihn keine ihrer Ausführungen zufriedenstellen.
Gott schläft in den Seelen der Bäume. Er ist im Heulen des Windes und in den Wellen des Ozeans, säuselte ein Dichter.
Gott ist a+b/n=x, heuchelte ein listiger Mathematiker, ein anderer redete:
Gott ist das Supremum und Infimum einer Funktion innerhalb einer Funktionenreihe oder ist diese allgemein.
Wieder ein anderer tat kund:
Gott ist etwas, dem gegenüber alle wandelbaren und zeitlichen Dinge nichts sind - und alles, was Sein hat, das ist vor ihm gering.
(...)
So vergingen viele Wochen und Monate; Männer kamen und gingen und kein einziger unter ihnen war imstande, die Fragen des Königs hinlänglich zu beantworten. Da wurde der gelangweilte Herrscher noch trauriger und es verging fortan kein Tag mehr, an dem er die Sonne nicht mit Argwohn und einem Gefühl tiefster Unzufriedenheit betrachtete.
Da soll Gott wichtig sein?, fragte er seine Berater.
Wo niemand eine Ahnung von ihm hat? Da soll die Sonne bedeutsam sein und ihr Anblick schön?
Und was ist mit mir? Was verschwende ich meine Zeit noch ans Atmen?
Er trat vor seinen Hofstaat und fragte:
Wie kann ich meinem Volk ein guter König sein, solange ich Gott nicht kenne und er mich nicht? Ich bin es nicht wert, euch zu regieren und mag es auch nicht mehr.
Es ging ein Raunen und eine Unruh durch die Versammlung, ein Murmeln und ein Seufzen, dass dem König ganz qualvoll zumute wurde. Er senkte sein gekröntes Haupt und fing leise zu weinen an. Er weinte, bis er kaum noch Tränen hatte.
Da trat plötzlich ein Mädchen aus der Menge, ging auf den traurigen Herrscher zu und legte ihm die kleine Hand auf die Schulter.
Als der König aufblickte, sah er in ein Lächeln, das ihn in seiner Offenheit und fraglosen Klarheit umfing wie heilender Balsam und die Trauer mit einem Mal aus seinem Herzen vertrieb.
So nahm er das Kind in die Höhe, es auf seinen Thron zu setzen, dann drehte er sich lächelnd zum Volke.
Noch immer weiß ich nicht, wer oder was Gott ist,
sprach er.
Doch weiß ich nun, warum dies so sein muss. Bin ich doch Zeuge und Erzeuger eines Wunders!
Fortan regierte der König als ein Mann, dem die Dinge greifbar waren in ihrer Schlichte und unfassbar einfach in ihrer lebendigen Schönheit. -
Die beste Idee (eines vollkommenen) Gottes taugt nichts, so sie nicht auch der Geringste unter den Menschen verstehen kann.
<font color="green"> Es ist nicht die Frage, warum Gott nicht Mensch werde, sondern warum der Mensch nicht Gott werde.
So braucht Vollkommenheit keinen Beweis, warum streben wir also nicht nach (göttlicher) Vollkommenheit anstatt nach Beweisen (menschlicher) Weisheit?
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03.11.2004, 17:47
Re: Gibt es Gott?
Hallo :-)
@Gummidrops :-)
ist doch schon längst geschehen - Geschichte von Adam und Eva erzählt davon<font color="green"> Es ist nicht die Frage, warum Gott nicht Mensch werde, sondern warum der Mensch nicht Gott werde.
So braucht Vollkommenheit keinen Beweis, warum streben wir also nicht nach (göttlicher) Vollkommenheit anstatt nach Beweisen (menschlicher) Weisheit?
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und passiert täglich millionenmal

Liebe Grüße
Carina
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03.11.2004, 18:26Inaktiver User
Re: Gibt es Gott?
@Carina
Genesis hab ich übersprungen.
Schlangenphobie ...
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04.11.2004, 10:26Inaktiver User
Re: Gibt es Gott?
Hallo Gummidrops.
Du schreibst:
"Die beste Idee (eines vollkommenen) Gottes taugt nichts, so sie nicht auch der Geringste unter den Menschen verstehen kann."
Dies ist recht nett gesagt, obgleich ich mit dem Satz wenig anfangen kann. Nicht dass ich ihn bestreiten würde. Mich beschleicht nur so eine Ahnung, wie dieser Satz verstanden werden könnte – unabhängig davon, wie Du ihn tatsächlich gemeint hast.
Ich sage es gleich: Ich akzeptiere den Volksglauben (der nichts mit Theologie zu tun hat) in dem Maße, in welchem er nicht doktrinär wird. Aus Deinen bisherigen Threads konnte ich entnehmen, dass Du im Prinzip nicht anders zu denken scheinst. Aber ich halte den nur emotionalen Zugang zu Gott ohne ein rationales Gegengewicht für gefährlich.
Dieses rationale Gegengewicht setzt weder ein Theologie- noch ein Philosophiestudium voraus: Was die großen christlichen Philosophen in ein komplexes theoretisches Gewand kleideten, lässt sich im Prinzip von jedem, auch dem sogenannten „Geringsten“ verstehen.
Gott ist demnach ein über alles Innerweltliche Erhabene. Seine Existenz, so es ihn gibt, liegt außerhalb von Raum und Zeit. Seine Eigenschaften sind von uns nicht begrifflich erfassbar, es ist jedoch begrifflich erfassbar, dass Gott eine Grenze für unser Erkennen darstellt. Dann ist ebenfalls sehr leicht verstehbar, dass Gott nicht mit menschlichen Kategorien beschrieben werden kann. Die Eigenschaften, welche Fundamentalisten Gott zuschreiben, sind menschlicher Natur und damit gegenüber der großartigen Idee Gottes vollkommen nichtig.
Ich glaube, das kann jeder verstehen. Es wird aber nicht von jedem verstanden.
Keineswegs verstehen sogenannten Intellektuelle das eine und alle anderen das andere. Ich kenne Theologen mit einem absolut naiven Gottesbild und Menschen ohne Hochschulstudium, die nicht bereit sind, Gott zu instrumentalisieren. Denn einfache Wahrheiten sind auch von dem sogenannten „Geringsten“ zu verstehen.
Instrumentalisierung ist nun aber einmal Bestandteil einer bestimmten Spielart des Volksglaubens und auch bestimmter theologischer Ausrichtungen. Ich zitiere aus dem aktuellen Spiegel-Online: „Kaum ein Europäer und nur wenige in den US-Metropolen können die Langeweile und die Ödnis der Landstriche zwischen Florida und den Dakotas ermessen. In dieser Gegend ist der Horizont immer gerade, der Himmel ein hohes Gewölbe und Gott niemals fern.“ Gestern Abend habe ich in Jörg Friedrichs „Der Brand“ (über den Bombenkrieg gegen Nazi-Deutschland) gelesen, dass das erzbischöfliche Vikariat in Köln Gläubigen, die während eines Bombenangriffs ein Stoßgebet aussprechen, einen ewigen Ablass versprochen haben. – Da wird Gott zum Instrument für menschliche Hoffnungen und Wünsche degradiert. Im Grunde ist dies eine Art von Blasphemie, und in diesem Sinne sind viele Spielarten des Glaubens nichts anderes als Blasphemie.
Die Schöpfung mag so großartig vom Wirken Gottes verkünden, wie sie will. Aber zunächst ist der Mensch in eine unerbittliche Realität geworfen. Kein Gott verhindert Bombenkriege, kein Gott verhindert, dass Millionen Menschen verhungern. Kein Gott verhindert, was Menschen anderen Menschen antun. Denn vor allem sind wir zu eigener Verantwortlichkeit aufgerufen!
Wir mögen von der wundersamen Großartigkeit Gottes soviel schwadronieren wie auch immer. Die Idee eines absolut vollkommenen Wesens wird niemand von uns, nicht der Geringste, nicht der Höchste, nicht der Mittelmäßigste oder Herausragendste, in irgendeiner Weise verstehen. Ich verwechsele hier nicht „begreifen“ mit „verstehen“. Es ist nun einmal eine deutsche Eigenart, diese Begriffe zu unterscheiden. Vermutlich geht dies auf einen gewissen Wilhelm Dilthey zurück und ist blanker Unsinn. Verstehen ist demnach eben mehr als nur „Begreifen“, nämlich ein intuitives Erfassen von etwas, was nicht begrifflich vermittelbar ist. Ein solches „Verstehen“ verharrt jedoch in etwas nicht Mitteilbarem, lediglich Subjektivem. Wenn Du sagst „ich verstehe Gott, begreife ihn aber nicht“, kann ich damit nichts anfangen. Denn mein „Verstehen“ (als intuitives Erfassen) mag etwas ganz anderes bedeuten als Dein „Verstehen“. Freilich kann man natürlich getrost alle diese wunderbaren Intuitionen gleichberechtigt nebeneinander stehenlassen!
Aber was ist, wenn diese Intuition eine amerikanische Hausfrau – gestern im deutschen TV erlebt – zu der Aussage verleitet: Seit sie ihr großes Bekehrungserlebnis gehabt habe, sei sie von der Sündhaftigkeit von Homo-Ehen überzeugt?
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04.11.2004, 23:06Inaktiver User
Re: Gibt es Gott?
"Aber was ist, wenn diese Intuition eine amerikanische Hausfrau &#8211; gestern im deutschen TV erlebt &#8211; zu der Aussage verleitet: Seit sie ihr großes Bekehrungserlebnis gehabt habe, sei sie von der Sündhaftigkeit von Homo-Ehen überzeugt?"
davon ist nicht nur die amerikanische Hausfrau überzeugt. Leider gibt es solche Menschen auch hier in good old germany. Habe vor gar nicht sooo langer Zeit mit einem SO denkenden Menschen telefoniert, der mir tatsächlich sagte, dass Schwule und Lesben nur eine ordentliche Therapie bräuchten, dann wäre wieder alles okay. Dieser Mensch wußte nicht, mit WEM er sprach. Ob er sich dann auch SO geäußert hätte? Und noch mehr grins.....es gibt sie.....die schwul/lesbischen Christen/innen. Diese Menschen, die von der Sündhaftigkeit der Homo-Ehen überzeugt sind, haben den Psalm 139 nicht aufmerksam genug gelesen.
Aber DAS ist ein anderes Thema. Ich denke, dass man die Frage danach, ob es Gott gibt, nicht allgemeingültig beantworten kann.
Liebe Grüße!
Freesia
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05.11.2004, 00:27
Re: Gibt es Gott?
Hallo Andante,
Dein Gott lässt sich nicht verstehen, was also könnte ich mit ihm zu tun haben?
Gruss Aladin
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05.11.2004, 11:58Inaktiver User
Re: Gibt es Gott?
@Freesia: Ich stimme Dir zu, dass man diese Frage nicht allgemeingültig beantworten kann. Wenn wir die sogenannten Eigenschaften „Gottes“ diskutieren (die „realitates“ oder auch „perfectiones“, die sogenannten göttlichen Vollkommenheiten in der traditionellen spekulativen Theologie), steht dies immer nur unter der Hypothese: Wenn er existiert.
@Aladin
Es ist vollkommen richtig, dass „mein Gott“, den ich nicht gepachtet habe, keinen billigen Trost spendet und dass ich ihn nicht zum Werkzeug meiner eigenen Wünsche und Hoffnungen degradieren kann. Dass ich dies so sehe, ist meine ganz persönliche Einstellung, und ich billige anderen andere Einstellungen oder besser Zugangsweisen zu.
Eine Gefahr sehe ich allerdings darin, einen gänzlich unkritischen Gottesbegriff zu akzeptieren, weil dies zu gefährlichen Dogmatismen führen kann.
Wie ich bereits anderweitig ausgeführt hat, gibt es auch im Christentum zwei große Traditionsstränge: einen „dogmatisch theologischen“ offenbarungsbezogenen (hier in der Bedeutung von tradierter Lehre noch ohne jede Wertung) und einen an der „natürlichen Vernunft“ orientierten, der bereits in der antiken Philosophie beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Beide Stränge sind sich nicht spinnefeind und ergänzen in dem Urteil vieler seriöser Theologen einander. In der evangelischen Kirche steht neben dem Offenbarungstheoretiker Karl Barth ja auch noch der aufgeklärtere Paul Tillich. In der katholischen Kirche ist ein Thomas von Aquin heiliggesprochen worden und gilt immer noch als Erzphilosoph des katholischen Glaubens, ohne dass die Kirche die radikalen Konsequenzen der „analogia entis“ in die praktische Glaubenslehre zu übernehmen vermochte. – Dass es stets diese beiden Stränge gegeben hat, empfinde ich als tröstlich. In den USA zeigt sich jedoch zur Zeit, dass der von Paul Tillich vorgebahnte Modernitätsweg (und Paul Tillich war seinerzeit in den USA der herausragende Theologe) vollkommen ignoriert wird und mehr oder weniger Laientheologen das Sagen haben. Die Konsequenzen werden wir alle ertragen müssen. (Wenn ich hier wissenschaftlich präzise sein wollte, müsste ich als dritten großen Strang die "Volksreligion" anführen. Diese ist - vielleicht leider - kein Forschungszweig der Theologie, sondern gehört als Gegenstand eher zur konfessionsübergreifenden Religionswissenschaft, zur Volkskunde und zur Ethnologie).
Der große Religionswissenschaftler Paul Mensching hat herauszuarbeiten versucht, was allen Regionen gemein ist: die Suche nach dem Heil. Heil bedeutet Heilung von den Unvollkommenheiten der Wirklichkeit, in die wir hineingeworfen sind. (Auch das „Heilige“ hat seinen Ursprung im „Heil“).
Dass diese Heilung weniger real als spirituell ist, versteht sich von selbst. Wäre die reale Welt heilbar, bedürfte es keines Gottes oder keiner Götter. Andererseits ist es sehr menschlich, dass sich niemand mit einem lediglich transzendenten Heil begnügen möchte. Die Religionen unterscheiden sich durchaus darin, ob sie Gott oder Götter als Agenten für ein innerweltliches oder ein lediglich transzendentes Heil in Anspruch nehmen möchten. Beispielsweise hat der Buddhismus sehr viel weniger Beziehung zu einem weltimmanten Heil als das Christentum.
Bekanntlich sind Menschen auf ihrer Heils- und Sinnsuche überaus manipulierbar. Führergestalten unterschiedlicher Couleur, darunter auch Scharlatane, Demagogen und Despoten, operieren gerne mit Heilsversprechen. Die einfachste Art, Menschen ein „Heil“ zu offerieren, ist das Orten des „malus“, des Schlechten und Unheils in der Welt, das es zu beseitigen gilt. Die einfachste Art, das Schlechte zu identizieren, besteht in der Ortung von Menschen und Gruppen, die nicht in ein bestimmtes gesellschaftliches Schema passen. Auf diese Weise wird das Unheil personalisiert. Die Heilung besteht dann in der Beseitigung des Unheils und Unheiligen: z.B. in der Ausgrenzung von „Andersdenkenden“ oder „Andersempfindenden“, etwa von Schwulen und Lesben. Im übrigen auch in der Ausgrenzung von Personen, die einer liberaleren Sexualität das Wort reden, wie Du, Aladin, es meines Wissens tust. Besonders schlimm wird es, wenn sich politische Macht und religiöse Anschauung zu einem großen Aufräumen mit dem Unheiligen verbünden, wie es zur Zeit in den USA der Fall ist.
Nur durch das Gegengewicht des zweiten großen christlichen Traditionsstranges, der sich an der „natürlichen Vernunft“ des Menschen orientiert und der allzu menschlichen Vereinnehmung Gottes für dubiose Ziele entgegensetzt, sehe ich eine Chance, dass aus dem allgemeinen Heilsversprechen kein menschenverschlingendes Unheil entsteht.


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