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15.08.2012, 11:07
AW: Ist Gott allmächtig oder gut? / Vertrauen auf Gott schwergemacht
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15.08.2012, 11:07Inaktiver User
AW: Ist Gott allmächtig oder gut? / Vertrauen auf Gott schwergemacht
Pflub,
ich verstehe nicht , was du meinst:
Ich verstehe den "Stachel" so, dass ein Widerspruch empfunden wird zwischen z.B, dem liebenden Gott und dem Leid auf der Welt.
Wie soll denn die Religionswissenschaft dabei helfen, den Stachel aufzulösen? Erklärt sie nicht "nur" die Schriften im Bezug zur Zeit, in der sie entstanden sind?
Erklärst du es mir,bitte?
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15.08.2012, 11:22
AW: Ist Gott allmächtig oder gut? / Vertrauen auf Gott schwergemacht
Religionswissenschaft und Glauben sind aber doch zwei Paar Schuhe. In dem einen Fall untersuche ich die Entstehungsgeschichte von Religionen, ihre Einflüsse, ihre Geschichtlichkeit. Im anderen Fall frage ich mich, ob hinter dem, was die Religion mit ihren naturgemäß begrenzten auch von von Zeiteinflüssen geprägten Aussagen bezeugt, eine tiefere Wahrheit steckt. Und zu dieser Wahrheit kann ich ja oder nein sagen. Ein Ja heißt doch nicht, dass ich alles, was die Religion ausdrückt, eins zu eins glauben und übernehmen muss. Ich versuche im Glauben, an den tiefsten Kern dieser Aussagen zu stoßen, indem ich mich auf die Grundaussagen einlasse und meine Erfahrung damit mache. Deshalb muss ich doch z.B. nicht alles wortwörtlich glauben, was in der Bibel steht.
Ich finde es ungeheuer spannend zu lesen, wie ein kleines Wüstenvolk vor 3000 Jahren diesen Gott entdeckt hat, der so anders war als die bis dahin angebeteten Götter. So anders, dass sie zu den bequemeren Götzen immer wieder zurückkehren, um dann wieder zu erkennen, dass es dieser unsichtbare, so wenig fassbare Gott ist, dem sie folgen wollen. Das ist auf der einen Seite Religionsgeschichte, aber eben auch die Geschichte eines Volkes und seines Glaubens. Und diesen Glauben finde ich faszinierend. Und dann kommt einer, der diesen Glauben noch weiter entfaltet. Und den finde ich dann noch faszinierender und habe Lust, seinen Worten mal zu folgen, um zu schauen, wie es mir damit geht. Und damit bin ich beim Glauben.
Gruß,
Malina
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15.08.2012, 11:48
AW: Ist Gott allmächtig oder gut? / Vertrauen auf Gott schwergemacht
Wenn man nicht daran glaubt, dass es diesen einen christlichen Gott aus einem Guss gibt, sondern zur Kenntnis nimmt, dass der christliche Gott und die Bibel eine historische Entwicklungsgeschichte haben, ist es doch selbstverständlich, dass es Brüche und Widersprüche in der Lehre gibt. In den unterschiedlichsten Zeiten, in unterschiedlichstenen Kulturen haben ganz viele Menschen an der christlichen Lehre und der Bibel gebastelt. Es hat gedauert, bis sich der Monothismus durchgesetzt hat, viele Elemente aus älteren und anderen Religionen stecken noch im christlichen Glauben. Da wurde weiterentwickelt, ein- und angebaut, weggelassen, hinzugefügt, verändert, in einen Kanon gegossen, interpretiert und re-interpretiert und re-re-interpretiert. Die christliche Lehre und die Bibel sind ein Gemeinschaftsprojekt vieler Kulturen und Menschen zu den unterschiedlichsten Zeiten.
Stell Dir es wie einen Roman vor, an dem viele Menschen jahrhundeertelang gemeinsam geschrieben haben. Auf einenader aufbauend, aber eben nicht immer alle Details im Auge behaltend.
Genau diesen Prozess erforscht Religionswissenschaft.
Es kann nur einen Stachel im Herzen erzeugen, wenn man versucht diese religionswissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man das annimmt, was ist, ist die Sachlage doch klar. Dann gibt es auch keinen Stachel.
Und wir reden jetzt vom Gott der Bibel.
Wenn wir andere Götter, die es ja auch noch massenhaft auf der Welt gab und gibt, die die Welt ja auch nochmal auf ganz andere Art und Weise geschaffen haben, und ganz andere Konzepte haben, wird es ja richtig schwierig. Wenn man alle 5467 Religionen und Götter respektiert sind die Widersprüche ja gar nicht mehr handhabbar.
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15.08.2012, 12:07
AW: Ist Gott allmächtig oder gut? / Vertrauen auf Gott schwergemacht
Das ist der Schritt, den ich nicht nachvollziehen kann: wie kommt man vom Nachdenken zum Glauben? Die Geschichten sind spannend, aber das sind andere auch. Die gesamte Geistes- und Kulturgeschichte ist spannend. Die Entwicklung zum Monotheismus, die ja parallel lief zur Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht, ist spannend. Überhautp der Zusammenhang zwischen Lebensweise und spirituellem Konzept. Oder die Zunahme der Population, der Übergang zur Sesshaftigkeit, und die Zunahme der Abstraktionsfähigkeit, die ja dann auch zu einem abstrakteren Gotteskonzpet führte. Der Monotheismus war also fast eine logische Konsequenz der Zivilisationsentwicklung....
Ich stelle mir das immer so vor: Der menschliche Geist probiert nach und nach alle ihm möglichen und denkbaren (Lebens- und Denk) Konzepte durch. Dafür muss er diese Konzepte jeweils ernst nehmen.
Das erinnert mich daran, dass wir ja eigentlich das Projekt einer Zivilisation weisser Mäuse sind, die die Erde geschaffen haben, um die Antwort auf die Frage zu erhalten, was der Sinn des Lebens ist. Vielleicht ist die Antwort ja wirklich 42.
Die Theorie der Meme gefällt mir auch: Mem
Oder hier: Mutation, Selection, and Vertical Transmission of Theistic Memes in Religious Canons
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15.08.2012, 13:13
AW: Ist Gott allmächtig oder gut? / Vertrauen auf Gott schwergemacht
Ja, mehr oder weniger ist es ja auch so. Wobei es eben durch Erziehung und kulturelle Herkunft auch eine gewisse Vorauswahl gibt. Mir wurden ja nicht alle Religionen wie auf einem Buffet angeboten, sondern ich bin in einer bestimmten zunächst mal sozialisiert worden. Aber trotzdem muss ich irgendwann zu dem Schluss kommen, dass sie mich von ihrer Grundidee her überzeugt und dass ich mich darauf einlassen will, zu glauben, was sie verkündet. Und dann schaue ich, wie es mir damit geht. Und ich merke, dieser Glauben hilft mir, mein Leben in Freud und Leid besser zu bewältigen. Er bewährt sich sozusagen in der Praxis. Also bleibe ich dabei und suche nicht weiter nach noch besseren Alternativen, weil mich andere Religionen von ihrem Ansatz her nicht mehr interessieren oder besser erscheinen als meine eigene.
Meine Tante lag vor ca. 20 mit Krebs im Endstadium auf der Palliativstation. Neben ihr eine sehr gläubige Frau, noch jünger als sie, mit ähnlichen Schicksal. Beider Umgang mit dem Sterben unterschied sich schon sehr signifikant voneinander, so dass ich damals dachte, wenn mir so ein Schicksal jemals beschieden ist, dann weiß ich zumindest, wie ich damit umgehen können möchte. Ob ich das dann schaffe, weiß ich nicht, aber das ganze Verhalten dieser Frau hat mich beeindruckt, hat mir das Gefühl gegeben, dass es sich lohnt, auf dem Weg des Glaubens zu bleiben, wenn er in existenzieller Not eine solche Hilfe sein kann.
Und umgekehrt bietet mir der Glaube auch Bewältigungsstrategien mit dem Tod anderer umzugehen, die ich in weltlichen Ritualen und Vorstellungen so nicht finde. Ich fand es sehr tröstlich, bei der Beerdigung meines Vaters diese uralten Psalmen und den Beerdigungsritus zu hören und mich in Gemeinschaft mit allen zu fühlen, die ebenfalls nach diesen Ritual ihre Angehörigen bestatten. Mir gibt das Trost und Halt, ich fühle mich gestärkt, und deshalb bewährt sich dieser Glaube für mich.
Andere mögen andere Konzepte für sich als tragfähiger erfahren, das ist ja ihr gutes Recht. Ich schaue mir Alternativen auch immer wieder gerne an, schon aus Neugier. Aber mich überzeugt das bisher einfach nicht. Ich habe da andere Bedürfnisse, und meine Religion antwortet auf diese Bedürfnisse in einer Weise, die mir gut tut.
Ich glaube, ganz ohne Bewältigungsstrategie kann niemand leben, auch Verdrängen oder Rationalisieren ist ja letzlich eine, die ich auch gar nicht bewerten will. Aber eine Art mit Leben und Sterben umzugehen, brauchen wir letztlich alle.
Gruß,
Malina
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15.08.2012, 15:05Inaktiver User
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15.08.2012, 15:25
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15.08.2012, 15:46
AW: Ist Gott allmächtig oder gut? / Vertrauen auf Gott schwergemacht
Malina,
Ich verstehe den Sinn von Ritualen, schliesslich lebe ich ja auch nicht im luftleeren Raum. Rituale machen die Dinge in manchen Situationen leichter. „Man“ tut und muss nicht nachdenken. „Es“ handelt. Die Hände sind beschäftigt. Das hilft in Krisensituationen. Trost sind mir Rituale letztendlich nicht. Als Nichtgläubige habe ich auch nicht diesen Trost aus einem letzten Sinn. Aber ich brauche ihn auch nicht.
Ich finde es nicht nötig das eigene Verhalten damit zu rechtfertigen, dass „wir ja alle...“Ich glaube, ganz ohne Bewältigungsstrategie kann niemand leben, auch Verdrängen oder Rationalisieren ist ja letzlich eine, die ich auch gar nicht bewerten will. Aber eine Art mit Leben und Sterben umzugehen, brauchen wir letztlich alle.
Du kannst nicht wissen, was „alle“ brauchen.
Was ist eigentlich eine Bewältigungsstrategie.
Und was wäre keine.
Was wäre ein Beispiel für Verdrängung und für Rationalisieren.
Ist Verdrängen und Rationalisieren nicht genau das, was gläubige Menschen machen, wenn sie dem Tod einen höheren Sinn geben?
Und was ist es, wenn man einfach ohne zu Verzweifeln weiterlebt, weil der Tod zum Leben gehört? Warum und was genau muss ich bewältigen, wenn jemand stirbt.
Vielleicht kann ich die Trauer über den Verlust einfach zulassen so wie sie ist, und muss sie gar nicht stategisch bewältigen, sondern einfach nur aushalten. So wie man ganz wertfrei im Leben oft Sachen aushalten muss, weil es keine Alternative gibt. Mir reicht das eigentlich. Ganz ohne Überbau.
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15.08.2012, 17:55
AW: Ist Gott allmächtig oder gut? / Vertrauen auf Gott schwergemacht
Auch das ist eine legitime Bewältigungsstrategie. Wobei ich zugeben muss, dass, wenn ich im Trauerforum so mitlese, mich der Eindruck beschleicht, dass sie in der Praxis nicht so gut zu funktionieren scheint. Es scheint mir auf alle Fälle der schwierigere Weg zu sein.
Und ich will jetzt nicht über Deine Erfahrung mit Sterben und Tod spekulieren, denn das kommt mir nicht zu. Aber es liest sich für mich ein wenig einfach. Dann halt ich das eben aus, wie andere Dinge auch. Aber ähnlich wie schwere, lebensbedrohliche Krankheit, ist der Tod wohl einer der schwersten und leidvollen Erfahrungen im Leben. Und ich glaube, die meiste Menschen, die diese Erfahrung machen, sind froh über jeden Trost, den sie finden können, worin auch immer er besteht. Zu sagen, da gibt es nichts zu bewältigen, weil der Tod zum Leben gehört, ist mir ehrlich gesagt zu einfach. Sag das mal der Frau, die nebenan im Trauerforum schreibt, dass sie innerhalb weniger Wochen völlig unvorhergesehen ihren Mann und ihren Sohn verloren hat. Ich glaube nicht, dass sie das so locker sieht, auch wenn sie zugibt, dass sie nicht gläubig ist.
Und ich kann von mir nicht behaupten, dass ich dem Thema in seiner schlimmsten Form schon ins Auge gesehen habe. Insofern wäre ich auch vorsichtig zu behaupten, dass meine Bewältigungsstrategie immer funktionieren wird. Das hoffe ich nur und wünsche es mir. Aber ich kenne auch keine andere Form der Bewältigung, von der ich mir mehr Trost erhoffen würde.
Gruß,
Malina



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