Meine Religion beinhaltet aber nun mal einen Missionsbefehl (gehet hin und verkündet allen die frohe Botschaft). Den kann ich, wenn ich meinen Glauben ernst nehme, nicht völlig ignorieren, sondern muss überlegen, in welcher Form das heute möglich und sinnvoll ist.
Für mich ist das durchaus zwiespältig. Ich gestehe anderen ohne wenn und aber ihren Weg zu und lasse sie ihn in Frieden gehen. Ich glaube auch nicht mal ansatzweise, dass jeder in der Hölle landet, der nicht meinen Weg geht.
Auf der anderen Seite glaube ich tatsächlich, dass der Weg, den ich gehe, ein guter, ein hilfreicher Weg auch für andere sein kann. Und wenn ich beide Aussagen gleichermaßen ernst nehme, dann ziehe ich für mich daraus die Konsequenz, dass ich jeden gehen lassen, wohin er will, aber gleichzeitig meinen Weg soweit bekannt mache, dass ein anderer zumindest die Chance hat, sich dafür zu interessieren, wenn er möchte. Wenn er sich abwendet und sagt, vielen Dank, ist nicht meins, dann lasse ich ihn ihn ziehen.
Wenn ich seinen Weg für weniger gut halte als meinen, dann werte ich nicht ihn als Person ab, sondern nur den Weg, den er geht. Das ist für mich so ähnlich, wie den Musikgeschmack oder Literaturgeschmack eines anderen nicht zu teilen. Dann sage ich auch, ist nicht meins (finde ich vielleicht sogar ganz gräßlich), aber ich mag den Menschen dann trotzdem noch.
Aber ich glaube, wir drehen uns im Kreis. Und ich lass das jetzt auch lieber mal, es führt zu nichts mehr.
Gruß,
Malina
Antworten
Ergebnis 361 bis 370 von 463
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17.07.2012, 20:50
AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung
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17.07.2012, 21:13
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17.07.2012, 21:31
AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung
Genau umgekehrt.
"Göttliche" Wörter und deren Auslegungen sind so willkürlich und beliebig wie die Geschichte und die verschiedenen Kulturen es gezeigt haben und zeigen. Gottesworte wurden zur Begründung allerschlimmster Verbrechen verwendet.
Die über die Jahrtausende "erarbeiteten" Ergebnisse der Philosophie begründeten den Humanismus, die Menschen- und Grundrechte und sind sehr konkret und stringent.
Mit "Genetik" meinte ich übrigens, dass wir als Gemeinschaftswesen sowieso schon auf Kooperation angelegt ist. Unter anderem natürlich. Weder müssen wir durch Angst und Schuld zum Guten gezwungen werden, noch muss "das Gute" in uns hineingeprügelt werden. Es ist in uns angelegt, und muss und kann liebevoll zum Blühen gebracht werden.
Meinen Buchtipp von oben gibt es schon für €3,69 gebraucht auf Amazon.
Wertvoller als jedes der widersprüchlichen, gewalttätigen und veralteten Bücher der verschiedenen Religionen
Eine Moral und Ethik hinter der ich aus freier Überzeugung stehe ist tiefer verankert als eine Ethik, der ich aus Angst vor Gottes Strafe folge.
Ich verweise hierbei auf Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung.
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17.07.2012, 21:52Inaktiver User
AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung
Das ist jetzt wieder eine Begebenheit, da wird jemand mit einer Frage 'überfallen', die dann bitte "ma e'm schnell" zwischen Tür und Angel erschöpfend beantwortet werden soll, obwohl hierfür durchaus ein Einstimmen, miteinander Aufrollen, Mitdenken und keine Ahnung was noch alles mindestens besser, wenn nicht nötig wäre, damit man (auch der Fragende) überhaupt etwas davon mitnehmen kann. Man sollte lieber einen Strang zu diesen durchaus generell interessanten Themen eröffnen, wenn sie einen interessieren. *find*
Mein Wort zum Dienstag, das lag mir schon lange in der Feder, sorry für offtopic.
Nö, das müssen andere nicht genauso sehen.
Auch für dieses Thema wäre doch vielleicht eine eigene Themeneröffnung zu überlegen.
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17.07.2012, 22:58
AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung
Ich verfolge die Diskussion hier mit großem Interesse und ich muss zugeben, dass mich die Antworten sehr nachdenklich gemacht haben. Sie haben mir aber auch so manches verdeutlicht:
Ganz konkret auf den Strangtitel bezogen, so bin ich der Meinung, dass durch die Wortwahl etwas sehr Weitreichendes und Wichtiges in knappen Worten zusammengefasst ist. Die Spitze des Eisbergs wird sichtbar, sozusagen.
Der Titel verdeutlicht m.M. sehr treffend den Konflikt zwischen Individuum und Gruppe/bzw. Gemeinschaft.
Auf der einen Seite die Interessen des Individuums, auf der anderen Seite die Interessen der Gemeinschaft.
Wenn ich zuerst einmal von der Gemeinschaft ausgehe, so kann man behaupten, dass jede Gemeinschaft daran interessiert ist, ihre Mitglieder so stark wie möglich an sich zu binden, so dass der Fortbestand der Gemeinschaft gewährleistet ist. Das gilt für Religionsgemeinschaften ebenso wie für Staatsgebilde. In ein Staatsgebilde werde ich hineingeboren. Ich gehöre also schon seit der Geburt (ohne dass ich das hätte entscheiden können) einem ganz bestimmten Staat, einer ganz bestimmten Nation und Volksgemeinschaft an. Für Religionsgemeinschaften gilt das gleiche. Auch dort werde ich, so diese denn in den verschiedenen Staaten praktiziert werden, ebenso hineingeboren.
So funktionieren Staat wie Religionsgemeinschaft (ich lege Wert auf die Betonung des Wortteils "Gemeinschaft") ähnlich, indem sie eine ähnlich prägende Wirkung auf mein Selbst, mein "Ich" als Individuum haben. Und jedes Gebilde (ob Staat oder Religionsgemeinschaft) haben ihre ihnen eigenen Rituale, mit deren Hilfe sie das Individuum an sich binden. Manchmal sind diese Rituale sehr verschieden voneinander (wie z.B. das Ritual der Schultüte für Erstklässler in den Schulen, oder das Ritual der Beschneidung in der Religionsgemeinschaft => hier bin ich übrigens der Meinung, dass, je eher ein Kind mit solchen bindenden, starken Ritualen in Berührung kommt, es umso stärker an die Gemeinschaft gebunden wird. Was für die Gemeinschaft eher positiv, für das Individuum eher negativ ist - negativ bezügl. der Selbstbestimmung) Manchmal überschneiden sich Rituale, wie z.B. bei der Heirat, wo sowohl vor dem Staat als auch vor der Religionsgemeinschaft (bzw. vor "Gott" - die Religionsgemeinschaft fungiert nur als Stellvertretung Gottes auf Erden) ein Versprechen abgelegt wird.
Ich finde es übrigens lustig, dass auch Staaten, die per definitionem atheistisch sind (z.B. kommunistische Staaten, oder Diktaturen) , Rituale einführen und pflegen, die fast schon in den Zuständigkeitsbereich einer Religionsgemeinschaft fallen, wenn ich da z. B. an die Jugendweihe in der ehemaligen DDR denke, oder an den Personenkult um den jeweils führenden Kopf in den klassischen kommunistischen Staaten "damals")
So, bis hierher habe ich nichts Neues gesagt, denke ich mal.
Aber, von dieser Basis aus finde ich es sehr spannend, unsere jetzige Lage zu betrachten. Ich denke, wir sind mitten im Prozess (der m.E. vor 20-30 Jahren begonnen hat) einer rasanten Veränderung in Richtung (religions-)pluraler, säkularer Staat, dessen christliche Traditionen (und Werte?) mehr und mehr verhandelbar werden (müssen) und somit relativiert werden. Im Zuge dessen wird man eben auch darüber nachdenken - und man ist ja schon mittendrin (die Diskussion mit ihren unterschiedlichsten Standpunkten hier verdeutlicht das bestens :-)) - wie sich die Vermittlung religiöser Inhalte in Zukunft gestalten soll. Soll dies weiterhin in Schulen passieren? Oder nicht? Wann sollen Menschen mit den Inhalten der verschiedensten Religionsgemeinschaften in Berührung kommen? Doch schon als Kind (was im Interesse der Religionsgemeinschaft ist) oder doch eher als Erwachsener (was im Interesse des Individuums (und des Staates?) ist.)
Oder am besten überhaupt nicht, weil Religion sowieso Privatsache ist und sein sollte?
Dass "Glauben" Privatsache ist, das meine ich wohl. Es ist meine ganz persönliche Angelegenheit, meine persönliche Erfahrung mit Gott zu machen (oder auch nicht. Dann bin ich eben Atheist) meine persönliche Beziehung zu Gott zu finden (oder auch nicht), zu pflegen und mich in meinem Inneren "damit" auseinanderzusetzen. Das geht in der Tat niemanden etwas an und hat auch von niemanden überwacht, gegängelt oder bewertet zu werden.
Andererseits wird aus der Privatsache in dem Moment eine öffentliche Sache, wenn ich anfange, meinen Glauben zu "praktizieren", also beispielsweise anfange, Gebetshäuser (Kirchen, Moscheen, Synagogen, etc.) zu bauen und aufzusuchen um dort mit anderen meinen privaten Glauben zu teilen. Wenn ich beispielsweise anfange (und das ist die logische Konsequenz meines Glaubens) durch meinen Glauben erlebte Wertvorstellungen umzusetzen und tatsächlich zu leben (wenn ich z.B. anfange, mit meinen Mitmenschen auf ein bestimmte Weise umzugehen, wenn ich das Wort in politischen Debatten ergreife, etc..). Dann wirke ich durch mein Tun in die Welt und auf meine Mitmenschen ein, ob ich das will oder nicht. Ob diese das wollen oder nicht. Das auf diese Weise für andere Sichtbar-Werden meines persönlichen und privaten Glaubens ist aber nichts anderes als Kultur zu schaffen. Und indem ich so Kultur schaffe, schaffe ich - oder beeinflusse sie zumindest - gleichzeitig auch die Kultur aller und des Staates, in dessen Raum ich hineinwirke.
Das wird von denjenigen, die den Glauben und mit ihm das Praktizieren des Glaubens in die Privatsphäre bannen möchten, oft vergessen. Denn ,es ist eben NICHT möglich, die Religionsausübung mal eben so in den privaten Bereich zurückzudrängen, eben weil sie auch kultur- und gemeinschaftstiftend den öffentlichen Raum des Staates mitgestaltet.
Das daraus resultierende Problem ist nun jenes:
Wie kann es erreicht werden, dass die ReligionsAUSÜBUNG, also das Praktizieren, ebenso zur Privatsache wird ,wie der Glauben (der es oft ja schon ist, nämlich Privatsache)? Denn das muss in einem Staat, der sich die Rechte des Individuums auf die Fahnen geschrieben hat, und der immer mehr mit den vielfältigen Möglichkeiten der Religionsausübung umgehen (und jonglieren) muss, wobei er die Rechte aller gleichzeitig wahren muss, auf Unparteilichkeit achten muss, mehr denn je zum Ziel werden.
Wie kann dann die Lücke, die durch den Rückzug der Religionsausübenden in den privaten Bereich im öffentlichen Bereich entsteht, gefüllt werden? Wie muss und kann der Staat diesen neu gewonnenen Raum gestalten? Und zwar so, dass dessen Mitglieder sich als eine Gemeinschaft empfinden, die gemeinsame Werte und Traditionen teilen und bereit sind, diese zu verteidigen? Würde es reichen, alle Bürger dieses Landes einen Eid auf das Grundgesetz schwören zu lassen? Oder soll man alle paar Jahre das "Sommermärchen 2006" wiederholen????? Welche Rituale, über welche starken Gesten verfügt der Staat, seine Mitglieder an sich zu binden? Wie sieht also unsere Kultur der Zukunft aus, so dass die Rechte des Einzelnen geschützt werden, aber auch der Zusammenhalt der - staatlichen, säkularen - Gemeinschaft gewährleistet ist?
Das wären die Fragen, die mich wirklich beschäftigen... jetzt müsste ich auf dieser Basis noch den Strangtitel und die Eingangsfragen beantworten, aber, da ich mich gerade etwas verausgabt habe, und dieser Beitrag nun doch etwas lang geworden ist (Sorry!!) hör ich hier mal auf.. (Gottseidank!!
)
Geändert von bruennette_2 (17.07.2012 um 23:41 Uhr) Grund: was gelöscht
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17.07.2012, 23:24
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18.07.2012, 00:03
AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung
Noch schnell, weil es mir grad ins Auge springt:
Übergehst Du mit "über die Jahrtausende "erarbeiteten" Ergebnisse der Philosophie" nicht die fast 1000-jährige Geschichte des Mittelalters (lt Wikipedia von ca. 600 - 1500 Jhd.), währenddessen vor allem christliche Inhalte be-, über,-, und durchdacht wurden? In der Zeit waren Philosophie und christliches Gedankengut so gut wie eins. Ich denke da beispielsweise an: Augustinus (für Antike/Frühmittelalter), Meister Eckhart (für das Hochmittelalter), Erasmus von Rotterdam (für das Spätmittelalter).
Oder sind die alle nicht so wichtig für Dich?Geändert von bruennette_2 (18.07.2012 um 00:07 Uhr)
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18.07.2012, 00:31Inaktiver User
AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung
@kai77
Und zum Thema Staat könnte man auch einen Strang eröffnen.
@bruenette2
Von welchem Staat konkret sprichst Du?
Irgendwelche Einschwörungen mit Ritualen sind hierzulande nicht üblich, Schultüten sind überhaupt kein Ritual, schon gar kein staatliches, eher ein Brauch, und natürlich nicht zwingend, nicht einmal die Staatshymne ist als ein Ritual zum Einschwören auf den Staat gedacht. Geschworen wird von dem, der im Dienste des Staates steht, und zwar hinsichtlich der Verfassungstreue.Geändert von Inaktiver User (18.07.2012 um 01:10 Uhr)
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18.07.2012, 00:42Inaktiver User
AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung
Das Mittelalter kann man m.E. diesbezüglich getrost unter den Tisch fallen lassen.Übergehst Du mit "über die Jahrtausende "erarbeiteten" Ergebnisse der Philosophie" nicht die fast 1000-jährige Geschichte des Mittelalters (lt Wikipedia von ca. 600 - 1500 Jhd.)
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18.07.2012, 07:36
AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung
Weil ich glaube, dass es jedem Menschen gut tut, glauben zu können, dass er auch im tiefsten Leid noch gehalten wird, selbst dann, wenn man es nich mehr spüren kann. Der Glaube allein bewirkt schon viel.
Weil ich glaube, dass es jedem Menschen gut tut, auch wenn er sich von allen Menschen verlassen und ungeliebt fühlt, sich Gottes bedingungsloser und grenzenloser Liebe gewiss zu sein.
Weil ich glaube, dass es jedem Menschen gut tut, zu spüren, dass jede Schuld vergeben werden kann, dass immer wieder ein Neuanfang möglich ist.
Ich zwinge niemanden, das genauso zu sehen. Aber mich wird auch niemand davon abhalten, den christlichen Glauben generell für eine gute Sache zu halten, auch wenn ich ohne weiteres akzeptieren kann, dass nicht jeder das so sieht.
Gruß,
Malina



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