@Horus, das ist so interessant, muss man da zur Religion zurück?Und wie kommen wir jetzt wieder zum Thema "gute" Religion zurück?![]()
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Naja, trotzdem, vielleicht über das, was Majolika geschrieben hat.
Die Selbstwahrnehmung der jüdischen Religion zeigt, dass die Juden offenbar ein Problem damit hatten, in ein polytheistisches Pantheon integriert zu werden, obwohl sie politisch den Ägyptern und den Römern so piepsegal waren und sie im Grunde ja auch ihren eigenen Gott innerhalb des Pantheons anbeten konnten wie sie wollten.
Sie haben möglicherweise die verschiedenen Ursupationen ihres Volkes immer mit dem Grad an "wahrer" und "reiner" Anbetung ihres eigenen Gottes in Verbindung gebracht, anders kann ich mir diesen Effekt der totalen Ablehnung eines Pantheons nicht erklären.
Aus der Selbstwahrnehmung heraus sind Juden und auch Christen ja fast so etwas wie kleine Rebellen, die sich gegen übermächtige Reiche durchsetzen konnten. Das macht sie interessanterweise "vermeintlich" nicht unsympathisch.
Und trotzdem führt das zur totalen Intoleranz gegenüber anderen Götter und Religionen, egal was diese nun wirklich für moralische Gesetze vorschreiben.
Ich kann mir einfach dieses monotheistische Trauma nicht erklären!!!
Mir fehlt:
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Ergebnis 41 bis 50 von 202
Thema: Was ist "gute Religion"?
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30.03.2006, 15:12
Re: Was ist \"gute Religion\"?
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30.03.2006, 15:39Inaktiver User
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Da hilft beten...
Mir fehlt:
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30.03.2006, 16:02
Re: Was ist \"gute Religion\"?
@Majolika - by the way - hast du schon den Belief-o-Mat gemacht?Doch die Juden als Nation verwarfen den Sohn Gottes, den Messias/Christus und stehen als Ganzes nicht mehr in Gottes Gunst.
Als Einzelpersonen ist das natürlich etwas anderes! Gruß Majolika
Ich könnte auch meditieren statt beten.
Nee, also, ich pack dich jetzt mal bei den biblischen Hörnern!
Ich könnte auch beten dafür, dass der biblische Gott und ALLE Christen der jüdischen Nation nach so langer Zeit mal so langsam vergeben, dass sie Jesus ans Kreuz genagelt haben.
Außerdem, wenn es die Juden waren, warum dann der Ärger gegenüber den ungläubigen Römern und ihrem Pantheon?
Was wäre mit Auferstehung, Auf-Sich-Nehmen der Sünden und Vergebung ohne die Geschichte am Kreuz?

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30.03.2006, 16:59Inaktiver User
Re: Was ist \"gute Religion\"?
@ Elwyn
*nachdenk*
Vielleicht gerade weil sie den anderen schnurzpiepegal waren? Könnte es sein, dass marginalisierte, von anderen kulturell dominierte Völker einen so starken Minderwertigkeitskompex entwickeln, dass sie diesen auf der religiösen Ebene zu kompensieren suchen und sich einen Gott und ein religiöses System basteln, die a) sich mit keinem anderen anderen vertragen (Herausstreichung der eigenen Einzigartigkeit) und b) in der Eigenwahrnehmung allen anderen überlegen sind (Konstruktion einer eigenen Wichtigkeit)?Die Selbstwahrnehmung der jüdischen Religion zeigt, dass die Juden offenbar ein Problem damit hatten, in ein polytheistisches Pantheon integriert zu werden, obwohl sie politisch den Ägyptern und den Römern so piepsegal waren und sie im Grunde ja auch ihren eigenen Gott innerhalb des Pantheons anbeten konnten wie sie wollten.
Nun, vermutlich war ein solches Konstrukt schlicht lebensnotwendig. Die jüdischen Stämme gehörten zu den kleinen vorderasiatischen Volksgruppen, die ständig als Spielball der Grossen herumgetreten, von den umliegenden Grossreichen dominiert und mehr als einmal physisch von der Vernichtung bedroht wurden (gerade Assyrien war berüchtigt dafür, zum Zwecke der eigenen Machterhaltung in seinem Grossreich ganze Völker umzusiedeln oder zu massakrieren - nicht viel anders, als Stalin das dann im 20. Jh. tat).
Vielleicht psychologisch? Der Drang, die einzig richtige, absolute und letzte Wahrheit zu besitzen ("einzig richtig", "absolut" und "letzte Wahrheit" bedingen den Monotheismus), ist vielleicht erklärbar mit menschlichem Narzismus. Man will schliesslich etwas Besonderes sein. Besser als die anderen. Und wenn man das auf politischer oder kultureller Ebene nicht kann, weil die anderen dominierender sind, dann halt auf religiöser. Aus einer realen Ohnmachtsposition heraus konstruiert man sich selbst eine überlegene Rolle auf der religiösen Ebene und vertraut darauf, dass ein absoluter Gott - der einzig richtige! - die eigenen Hoffnungen irgendwann und irgendwie erfüllen werde, notfalls halt erst nach dem Tod?Ich kann mir einfach dieses monotheistische Trauma nicht erklären!!!
Ich weiss es auch nicht. Wäre aber vielleicht ein Erklärungsansatz.
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30.03.2006, 18:10
Re: Was ist \"gute Religion\"?
@Horus

So sehe ich das auch!!!
Ich würde sogar noch weiter gehen:
Erinnerst du dich noch an meinen Ansatz für "Religion" schlechthin (weiter oben bereits andiskutiert), also die Schaffung eines mächtigen Wesens für sich, für den Erhalt der Gruppe und der Abgrenzung gegenüber anderen?
Wenn DAS die Triebfeder von Religion ist, dann ist das grundsätzlich nicht nur ein Problem der monotheistischen Religionen.
Auch die Römer haben meines Wissens nach andere Götter nicht übernommen, weil sie religiös sooo umwerfend tolerant waren, sondern weil sie aufgrund eines gewissen "Aberglaubens" einfach nicht den Zorn einer "unterworfenen" Gottheit auf sich lenken wollten!
Kaiser Konstantin hat da nach meiner Info nach aus ebenso pragmatischen Gründen die christliche Religion übernommen. Ich glaube, sein Militär war schon überwiegend christlich.
Als Großmacht kann man sich so etwas ja auch leisten.
Das Stammesding scheint mir ungeheuer wichtig zu sein für das Konstrukt einer extrem monotheistischen Religion (Ein Gott als Stammesführer?) - letztlich auch im Islam.Die jüdischen Stämme gehörten zu den kleinen vorderasiatischen Volksgruppen, die ständig als Spielball der Grossen herumgetreten, von den umliegenden Grossreichen dominiert und mehr als einmal physisch von der Vernichtung bedroht wurden ...
Aus einer realen Ohnmachtsposition heraus konstruiert man sich selbst eine überlegene Rolle auf der religiösen Ebene und vertraut darauf, dass ein absoluter Gott - der einzig richtige! - die eigenen Hoffnungen irgendwann und irgendwie erfüllen werde, notfalls halt erst nach dem Tod?
Es wäre interessant zu sehen, ob ganz andere stammesähnlich lebenden Volksgruppen auf anderen Kontinenten (Asien - speziell Indonesien, Afrika, Südamerika) auf religiöser Ebene ansatzweise ähnlich reagierten und ebenso gewaltbereit waren - bevor sie "missioniert" wurden. (An die Mär vom friedlichen Naturvolk glaube ich nämlich nicht.)
Das wirft aber leider kein allzu hoffnungsvolles Licht mehr auf "gute" Religion.

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31.03.2006, 09:46Inaktiver User
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Ausser, man befreit sich von allen moralischen Ansprüchen an das Prädikat "gut" und argumentiert rein utilitaristisch: "gut" (im Sinne von nützlich, funktionierend, gutes Instrument) ist diejenige Religion, die die Zwecke der Gemeinschaft, die ihr anhängt, am besten erfüllt und ihre Bedürfnisse am besten stillt.Das wirft aber leider kein allzu hoffnungsvolles Licht mehr auf "gute" Religion.
Also ein funktionales Konstrukt, kein moralisches. Aber ich glaub ich müsste nicht explizit hinschreiben, dass sich mir bei einem solchen Verständnis von "guter" Religion alle Haare sträuben ...
Übrigens, nachdem die evangelische Seite eine Antwort auf den Diskussionseröffnungsartikel in der Neuen Zürcher Zeitung platzieren durfte, konnte jetzt die katholische natürlich nicht abseits stehen, heute wurde die Stellungnahme von Kardinal Lehmmann publiziert. Ich stell den Artikel der Vollständigkeit halber ebenfalls rein, finde ihn aber den schwächsten von allen.
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Dialog ohne Machtanspruch
Von Karl Kardinal Lehmann
Der interreligiöse Dialog hat zwar seit dem 11. September 2001 in der öffentlichen Meinung Hochkonjunktur, die sich vor allem auch in vielen Publikationen niederschlägt, aber die intensiven Bemühungen um einen Dialog der Religionen untereinander sind schon länger im Gang. Der sogenannte Karikaturenstreit dieser Tage hat dem Thema auf drastische Weise neue Aktualität verliehen. Dies ist nicht nur für die Religionen selbst von Bedeutung, sondern betrifft auch den Staat und die Gesellschaft. Die Frage nach dem Dialog setzt die Frage nach der eigenen Standortbestimmung voraus: Welche Aufgabe hat die Religion - und wo wird sie unter Umständen instrumentalisiert und missbraucht?
Zunächst sind aber ein paar wenige Vorbemerkungen nötig: Der interreligiöse Dialog muss unterschieden werden von der Ökumene, die sich um die Aussöhnung der verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften bemüht. Der Dialog mit dem Judentum muss aufgrund der Gemeinsamkeit der biblischen Offenbarung des Alten Testaments, aber auch vor dem Hintergrund des Antisemitismus und der Greuel der nationalsozialistischen Zeit in seinem eigenen Gewicht betrachtet werden. Das Gespräch mit dem Islam hat ebenso eine eigene Struktur. Die katholische Kirche musste immer schon diese Frage des Dialogs mit den nichtchristlichen Glaubensgemeinschaften in betonter Weise aufgreifen, da sie als Weltkirche vor Ort immer schon in Begegnung und Auseinandersetzung mit den anderen Religionen lebte.
Ausführlich geht die Kirche in der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils «Nostra Aetate» auf das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen ein. Das Gespräch und die Begegnung der Religionen setzen einen universalen und menschheitlichen Horizont voraus. Ein Dialog ist nur dann möglich, wenn man sich - unbeschadet aller Unterschiede - zunächst einmal als Ebenbürtiger unter Ebenbürtigen akzeptiert («par cum pari loquitur»). Der Dialog darf nicht durch Machtansprüche welcher Art auch immer verzerrt werden.
Es geht freilich im Dialog nicht nur um die abstrakte Gemeinsamkeit einiger religiöser Elemente, sondern auch darum, wie eine Religion als Ganzes von anderen verstanden wird und gesellschaftlich in Erscheinung tritt. Für das Gelingen eines solchen Dialogs gibt es nach meiner Einschätzung einige Kriterien, die mir gerade heute wichtig zu sein scheinen:
In jeder Religion muss erkennbar bleiben, dass sie ganz auf Gott als Grund und Ziel unseres Lebens bezogen ist. Ihm allein gebührt Ehre und Anbetung. Er darf nicht verwechselt werden mit der Absolutsetzung endlicher Dinge. Dies wären nur Idole und Götzen. Damit ist auch gegeben, dass der Name Gottes nicht instrumentalisiert werden darf für offene oder verkappte andere Interessen.
Eine Religion, die die gleiche Würde der Menschen verletzt und den Rang und Wert der Menschen nach Rasse und Klasse, Herkunft und Stand, Bildung und Reichtum, ja nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion einschätzt und absolut setzt, gefährdet sich fundamental selbst und wirkt zerstörerisch.
Jede Religion muss die recht verstandene Freiheit der Menschen fördern. Gewiss kennt jede Religion Ordnung und Bindung an ethische Normen und religiöse Weisungen. Auch gehören Gehorsam und Gemeinschaftsverpflichtung zu jeder Religion. Aber ein massgeblicher Beweggrund für jede Religion besteht in der Überwindung infantiler Bevormundung und in der Förderung wahrer Freiheit zu einem guten Leben. Die eigene Kritik- und Denkfähigkeit muss gefördert und vertieft werden. Begeisterung, die dies auslöschen würde, und ein blinder Fanatismus können deshalb auch sehr fragwürdige Gestalten innerhalb einer Religion werden. Sie machen sie auch grundlegend unglaubwürdig.
Jede Religion möchte dem einzelnen Menschen und den religiösen Gemeinschaften zum Finden eines unverlierbaren Lebenssinnes und auch zu einer letzten Geborgenheit verhelfen. Sie macht die Menschen nicht weltflüchtig, sondern hilft ihnen, die Gefährdungen dieses Lebens zu bestehen und an ihnen nicht zu zerbrechen. Missionarische Sendung gehört zu einer Religion, wenn und solange sie überzeugt ist, dass sie ihre Orientierung, die den eigenen Mitgliedern und Anhängern kostbar und wertvoll ist, auch anderen zu ihrem Nutzen weitergeben möchte und sollte. Aber in dem Augenblick, in dem diese missionarische Sendung in irgendeiner Weise mit Gewalt verbunden wird, ist nicht nur die Würde und Freiheit des Menschen, sondern auch die der Religion zerstört. Dies kann unter Umständen sehr subtil sein. Dies hängt auch eng damit zusammen, wie eine Religion das Verhältnis des Leidens und des Leides zu Gott sieht.
Es gibt im Dialog freilich ein entscheidendes Element, das vielleicht eher sogar zu den Voraussetzungen des Dialogs gehört. Dies ist die theoretische und praktische Frage der Religionsfreiheit, und dies im Sinne der negativen und positiven Religionsfreiheit. Nach meinem Verständnis ist das Eintreten für eine allseitige Religionsfreiheit und die praktische Verwirklichung dieser Religionsfreiheit ein ganz zentrales und wesentliches Kriterium für jeden interreligiösen Dialog. Die moralische Pflicht des Einzelnen, den wahren Glauben zu suchen und anzunehmen, wird durch die Gewährung der Religionsfreiheit keineswegs aufgehoben oder relativiert, sondern lediglich von den Eingriffsmöglichkeiten staatlicher Gewalt kategorisch geschieden und gegen sie gesichert. In diesem Sinne hat die Religionsfreiheit eine zentrale und kritische Rolle auch für die anderen Menschenrechte.
Ich halte einen Dialog unter den Religionen, der die religiöse Frage ausklammert und nur politisch und sozial relevante Themen in Angriff nimmt, für schädlich. Es wäre geradezu paradox, wenn der interreligiöse Dialog sich um alles kümmern würde, aber nicht um die Suche nach Wahrheit und die Erfüllung dieses Suchens im Glauben an Gott. Unter dieser Voraussetzung ist es gewiss anzuerkennen, dass die Religionen sich gerade darum bemühen müssen, ein verbindendes Ethos zu fördern, das schwierige Konflikte meidet, ja sie sogar lösen hilft und Solidarität unter den Menschen schafft. Hans Küng hat dafür seit vielen Jahren und mit der Unterstützung einer Stiftung dieses «Weltethos» auf einen Nenner zu bringen gesucht. Seine fünf zentralen Imperative darf ich abschliessend nochmals in Erinnerung rufen: Kein Zusammenleben auf unserem Globus ohne ein globales Ethos! - Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen! - Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen! - Kein Dialog zwischen den Religionen und Kulturen ohne Grundlagenforschung! - Kein globales Ethos ohne Bewusstseinswandel von Religiösen und Nichtreligiösen!
Man kann gewiss von diesem «Weltethos», das Hans Küng in vielen Veröffentlichungen entfaltet hat, ausgehen - und dies mitten in allen kulturellen Verschiedenheiten. Vielleicht sollten wir aber auch stärker mit einem bilateralen Dialog beginnen, bevor wir es multilateral versuchen. Beides schliesst sich nicht aus. Aber lernen kann man zuerst und besser beim Gegenüber zweier Partner mit ihrem jeweiligen Profil. Gerade auch in der örtlichen Nachbarschaft muss dies beginnen, wenn der grosse Dialog auf die Dauer gelingen und fruchtbar werden soll.
_______________________________
Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz, ist Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Letzte Buchpublikationen: «Katholische Weltanschauung. Integration und Unterscheidung» (2005); «Von der besonderen Kunst, glücklich zu sein» (2006, beide bei Herder).
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31.03.2006, 10:48
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Zwei Verstaendnisfragen:
Was heisst denn das genau ... ?Die moralische Pflicht des Einzelnen, den wahren Glauben zu suchen und anzunehmen, ...
Was genau ist denn "die religioese Frage"?Ich halte einen Dialog unter den Religionen, der die religiöse Frage ausklammert und nur politisch und sozial relevante Themen in Angriff nimmt, für schädlich.
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31.03.2006, 12:04
Re: Was ist \"gute Religion\"?
@Sisyphos
neben den Punkten die du zu recht aufgreifst, sehe ich noch ganz viele.
Lehmann hält sich einerseits, was den konkreten Dialog angeht, recht vage zurück, andererseits ist die Voraussetzung für einen Dialog aus seiner Sicht das Bekenntnis zu einem wahren Gott (alles andere sind für ihn Götzen) und einer rein christlich umrissenen Gesellschaftsordnung und einem rein christlichen Freiheitsbegriff.
Er spricht auch immer von ausserCHRISTLICHEN Religionen, damit sind dann wohl alle anderen gemeint, oder? Inwiefern unterscheidet er zwischen monotheistischen und polytheistischen Religionen?
Für mich klingt das nach konsequentem Bekenntnis zur rein christlichen Religion, aus dem alle anderen Religionen ebenso konsequent abzulehnen sind.
Auch den Buddhismus lehnt er ab, weil er von "weltflüchtig" spricht.
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31.03.2006, 12:24
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Ich hab da nochmal ganz "schwere" Gedanken zu "guter" Religion.
Ich versuchs mal:
Also ich erkenne irgendwie zwei Grundströmungen von Religionsauffassung:
1. Religionen, die neben der Frage nach Gott und seiner Verehrung eine Hauptaufgabe darin sehen, die soziale Gemeinschaft in diesem Leben moralisch zu ordnen und zu "verbessern", meist mit Gesetzbüchern oder was auch immer.
(Christentum, Islam...)
2. Religionen, die im Kern vermehrt Gott oder Götter verehren mit ausgeklügelten Ritualen, aber nicht viel Veränderungsspielräume für die Gesellschaft als Ganzes sehen. Religiöse Rituale und soziale Handlungen dienen dort eher der Erlösung des Einzelnen, was ihm im nächsten Leben eine bessere Chance für das Leben in der vorgegebenen (!) Gemeinschaft gibt.
(Hinduismus)
3. Buddhismus, der vor allem die Erlösung des Einzelnen von allen weltlichen Fragen in den Vordergrund stellt. Eine bessere Gesellschaft wird hier "lediglich" als konsequente Folge der spirituellen "Verbesserung" des Einzelnen gesehen, aber nicht zentral oder aktiv verfolgt.
Welche Mischformen gibt es da denn? Leider kenne ich nicht alle Religionen.
Eine Idealform müsste für mich alles irgendwie unter einen Hut kriegen.

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31.03.2006, 19:48
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Hallo Elwyn,
deine "Einteilungen" der Religionen in "Grundströmungen" sind teilweise so stark verallgemeinernd, dass sie in der Konsequenz falsch werden:
"Das Christentum" sieht keineswegs eine Hauptaufgabe darin, "die soziale Gemeinschaft in diesem Leben moralisch zu ordnen und zu 'verbessern', meist mit Gesetzbüchern oder was auch immer".Also ich erkenne irgendwie zwei Grundströmungen von Religionsauffassung:
1. Religionen, die neben der Frage nach Gott und seiner Verehrung eine Hauptaufgabe darin sehen, die soziale Gemeinschaft in diesem Leben moralisch zu ordnen und zu "verbessern", meist mit Gesetzbüchern oder was auch immer. (Christentum, Islam...)
Das stimmt in dieser Allgemeinheit selbst für die in dieser Frage noch am weitesten gehende römisch-katholische Kirche nicht und für die großen protestantischen Kirchen von vorne herein nicht.
Die römisch-katholische Kirche lehrt hierzu:
"Zur Sendung der Kirche gehört es, auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen es verlangen. Sie wendet dabei alle, aber auch nur jene Mittel an, welche dem Evangelium und dem Wohl aller je nach den verschiedenen Zeiten und Verhältnissen entsprechen." [Lit. 76.5 der Pastoralen Konstitution über die Kirche "Gaudium et spes"]
Die protestantischen Kirchen bekennen sich traditionell zur "Zwei-Regimenten/Zwei-Reiche-Lehre", d.h. zu einer klaren Unterscheidung und Trennung des staatlichen und kirchlichen Auftrags. Die Kirche hat in der staatlichen Ordnung kein eigenes politisches Mandat:
"Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. [...] Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden." [Art. 5 der theologischen Erklärung von Barmen]
Der Islam unterscheidet sich in dieser Frage tatsächlich wesentlich vom Christentum. Hier gilt: "Al-Islam din wa daula" (Der Islam ist Religion und staatliche Macht), d.h. eine Trennung von religiöser und politischer Sphäre, die dem Christentum von Anbeginn an eigentümlich war, ist dem Islam (jedenfalls dessen religiösem Mainstream) fremd. Zwar hat es auch im Islam durchaus beachtenswerte Einzel-Ansätze zu einer Säkularisierung gegeben, in der Breite durchsetzen konnten sich diese jedoch bislang nicht. - Was nicht heißen soll, dass dies nicht in Zukunft geschehen kann. Moderne islamische Theologen und Rechtslehrer vertreten z.B. bereits heute die Auffassung, dass der Islam eine "Mehrheitsgesellschaft" erfordert, d.h. nur dort politischen Einfluss entfalten kann und sollte, wo er die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat, nicht dagegen in Diaspora-Gesellschaften (wie z.B. "dem Westen").
Da es "den Hinduismus" als Religion nicht gibt, sondern nur eine Vielzahl verschiedener indischer Kultformen (die teilweise nur wenig bis keine Gemeinsamkeiten haben), ist die Aussage in dieser Allgemeinheit nicht zutreffend. Unabhängig davon gibt es wohl kaum ein "ausgeklügelteres" soziales System als das religiös begründete hinduistische Kastensystem (varna). Auch die Bewahrung eines derart starren religiös-gesellschaftlichen Systems ist eine - keineswegs unbedeutende - soziale Maßnahme.2. Religionen, die im Kern vermehrt Gott oder Götter verehren mit ausgeklügelten Ritualen, aber nicht viel Veränderungsspielräume für die Gesellschaft als Ganzes sehen. Religiöse Rituale und soziale Handlungen dienen dort eher der Erlösung des Einzelnen, was ihm im nächsten Leben eine bessere Chance für das Leben in der vorgegebenen (!) Gemeinschaft gibt.(Hinduismus)
Nicht ohne Grund führt für viele Unberührbare (parias) der einzige Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg über die religiöse Konversion (z.B. zum Christentum).
Das wird zwar immer wieder gerne kolportiert, tatsächlich ist es jedoch nur die halbe Wahrheit. Vielmehr ist es durchaus so, dass der Buddhismus - überall dort, wo er zu staatlichem Einfluss gelangt ist - ein sehr reges politisches und gesellschaftliches Macht-Bewusstsein nebst Anwendung entsprechender staatlicher Mittel (Gesetze, sozialen und moralischen Ordnungen, etc.) entfaltet hat. Das begann beim religiösen Staatsideal des Großkönigs Asoka und setzte sich über die theravada-buddhistischen Königreiche (insb. Sri Lanka und Thailand) und die mahayana-buddhistischen Länder (insb. Japan) bis zum buddhistischen "Kirchenstaat" Tibet (mit dem Dalai Lama als weltlichem und religiösem Staatsoberhaupt) fort. Dass der Buddhismus trotzdem den Ruf einer eher "staatsfernen" Religion hat, liegt wohl hauptsächlich daran, dass seine politischen Einflussphären in in weltpolitischer Perspektive eher unbedeutenden Ländern lagen und er in keinem einzigen weltpolitisch-mächtigen Staat dauerhaft die religöse Majorität erringen konnte.3. Buddhismus, der vor allem die Erlösung des Einzelnen von allen weltlichen Fragen in den Vordergrund stellt. Eine bessere Gesellschaft wird hier "lediglich" als konsequente Folge der spirituellen "Verbesserung" des Einzelnen gesehen, aber nicht zentral oder aktiv verfolgt.
Selbst der Buddha hat sich übrigens bereits durchaus intensiv mit rechtlichen und politischen Fragestellungen befasst; jedenfalls soweit diese der Erhaltung und dem Ausbau des sangha (Orden) dienten. Er lehnte zwar eine Tätigkeit von Mönchen in staatlichen Ämtern ab, jedoch nicht eine Berater-Tätigkeit in gesellschaftlichen Fragen. So gilt es aufgrund verschiedener Quellen als historisch gesichert, dass der Buddha wiederholt Reden in der Parlamentshalle von Kapilavastu gehalten hat und einen regen Austausch mit dem örtlichen Monarchen Bimbisara pflegte. - Er beschränkte sich dabei, ebenso wie seine Nachfolger, auch keineswegs nur auf "religiöse" oder "spirituelle" Fragen.
Heute gibt es in den buddhistischen Ländern einen sehr aktiven sog. "engagierten Buddhismus", der sich die Lösung sozialer und gesellschaftlichet Fragen zum Ziel gesetzt hat. Aufgrund seiner in viele Sprachen übersetzten Bücher im Westen bekannt geworden ist dabei insb. die Schule um den Vietnamesen Thich Nhat Hanh.


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