Also, ganz am Anfang erschafft sich der Mensch einen Gott, um sich weniger ängstlich zu fühlen. Ein Wesen, muss mächtig sein, das ihm Sicherheit vermittelt und ihm selbst ein Gefühl von Macht über die Dinge gibt (durch "Bestechungsrituale").
Und dann, nach Aufklärung, Naturwissenschaft und vielem anderen, kommen wir hier zu dem Schluss, dass Gott dazu da ist, uns im besten Falle wieder Bescheidenheit einzuimpfen.
Ist das nicht irgendwie paradox, wenn man den Ursprung von Religion betrachtet?
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Du sagst es. Das ist genau das, was mich am zweiten Artikel ziemlich gestört hat - das klang so ganz nach dem gutchristlichen Aufruf, nur ja schön bescheiden und demütig zu bleiben, denn Gott ist bekanntlich der Grösste, Halleluja!
Ich bin ja gewiss damit einverstanden, dass Selbstherrlichkeit den Menschen schlecht ansteht. Nur - diese verlangte Bescheidenheit vor Gott klingt arg nach einem blossen Denkmäntelchen für etwas ganz anderes: Unterwerfung unter die Meinung und das System derjenigen, die zu wissen glauben, wer/wie Gott ist und was Gott will/sagt. Also unter die etablierten Kirchen, unter eine christliche Sondergruppierung, unter irgendeinen Propheten oder selbsternannten christlichen Erneuerer...
Warum den einen Satz der Genesis nicht mal wörtlich nehmen? Denjenigen nämlich, der sagt, dass Gott den Menschen als Mann und Frau nach seinem Ebenbild geschaffen habe? Und natürlich reden wir hier nicht von einem äusseren Ebenbild.
Ja, das würde die Selbstvergottung des Menschen beinhalten. Ich wage mal zu fragen: na und? Es bedeutet nämlich nicht nur meine eigene Vergottung, sondern ebenso die Selbstvergottung jedes einzelnen anderen Menschen (die Frage der Tiere klammere ich hier mal aus). Das heisst aber auch, dass ich jedem anderen Menschen mit dem gleichen Respekt gegenüberzutreten habe wie Gott - und natürlich nicht nur den Menschen des eigenen Glaubens, denn in der Genesis steht nichts davon, dass nur die an den biblischen Gott Glaubenden nach Gottes Ebenbild geschaffen worden seien. Sondern ausdrücklich "der/die MenschIn".![]()
Womit die Bescheidenheit gegenüber dem anderen sofort wieder da ist. Vergottung und Bescheidenheit schliessen sich also nicht aus. Im Gegenteil - sie bedingen einander vielleicht sogar.
"Gut" wäre somit eine Religion, die jeden anderen Menschen als Gott sieht und entsprechend behandelt.
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Thema: Was ist "gute Religion"?
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27.03.2006, 15:04Inaktiver User
Re: Was ist \"gute Religion\"?
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27.03.2006, 15:04
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Ich würde sagen, dass ist eine konsequente Weiterführung der harten Arbeit an - GOTT."Gute" Religion ist nicht nur harte Arbeit an mir selbst und an der Religion, sondern auch - oder vor allem - an Gott.
Denn ohne Gott wärs keine Religion mehr.
Das verlangt übrigens der Buddhismus, um nochmals darauf zu kommen. Die Loslösung von allen Verhaftungen und Bildern. Dazu gehören auch religiöse Systeme und Philosophien.

Kommt der Buddhismus vielleicht deswegen zu diesem Schluss, weil schon die blosse Annahme eines Gottes den Anspruch an allerhöchste menschliche Bescheidenheit sprengt und weil das Anhängen an Gottesvorstellungen im Endeffekt keinen konsequenten Ausweg aus dem "menschlichen Leiden" bietet? ("Leiden" im buchstäblichen Sinne
.)
Der "Gipfel der Bescheidenheit" und des Loslassens ist im Buddhismus echt konsequent weitergedacht - (hat aber wieder andere Folgen für die Gemeinschaft).
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27.03.2006, 15:06Inaktiver User
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Der folgende Satz gefällt mir immer mal wieder:
"Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen sei.“
K. Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
Mit freundlichem Gruß an alle Andersgläubigen
Peter
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27.03.2006, 15:37Inaktiver User
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Kommt der Buddhismus vielleicht deswegen zu diesem Schluss, weil schon die blosse Annahme eines Gottes den Anspruch an allerhöchste menschliche Bescheidenheit sprengt und weil das Anhängen an Gottesvorstellungen im Endeffekt keinen konsequenten Ausweg aus dem "menschlichen Leiden" bietet?

Oder vielleicht ganz einfach deswegen, weil der Buddhismus durchschaut hat bzw. zugibt, dass jedes Gottesbild sprich: jeder Gott nichts als menschengemacht ist, geformt nach den aktuellen Bedürfnissen und Wünschen der Menschen.
Oder falls Gott doch mehr sein sollte als ein menschliches Konstrukt, so kann ihm keine menschliche Vorstellung je gerecht werden, denn jedes Bild, jede Geschichte, jede Vorstellung, jeder Glaube über/an/von Gott sind menschlich. Was aber menschlich ist, ist weltverhaftet und steht damit der vollständigen Loslösung im Weg.
Konsequenz daraus: egal ob Gott gar nicht existiert sondern ein blosses Konstrukt ist, oder ob er zwar existiert jedoch nur über menschliche Gleichnisse gefasst werden kann - beides hilft nicht weiter. Beides ist Verhaftung. Also am besten beiseite lassen...
"Gute" Religion wäre somit .... :grosses dickes Fragezeichen:
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27.03.2006, 15:47
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Also, ganz am Anfang erschafft sich der Mensch einen Gott, um sich weniger ängstlich zu fühlen. Ein Wesen, muss mächtig sein, das ihm Sicherheit vermittelt und ihm selbst ein Gefühl von Macht über die Dinge gibt (durch "Bestechungsrituale").
Und dann, nach Aufklärung, Naturwissenschaft und vielem anderen, kommen wir hier zu dem Schluss, dass Gott dazu da ist, uns im besten Falle wieder Bescheidenheit einzuimpfen.
Ist das nicht irgendwie paradox, wenn man den Ursprung von Religion betrachtet?
Danke! Einfach auf den Punkt gebracht! Immer wieder die Frage: Wem nuetzt es?
Selbstvergottung:Womit die Bescheidenheit gegenüber dem anderen sofort wieder da ist. Vergottung und Bescheidenheit schliessen sich also nicht aus. Im Gegenteil - sie bedingen einander vielleicht sogar.
Das Gefuehl fuer und das Streben nach grenzenloser Freiheit, Selbstbestimmung, Individualitaet und Autonomie?
Bescheidenheit:
Die Einsicht in die Notwendigkeit der "Einordnung", der Wunsch nach Verschmelzung mit der Gemeinschaft?
Und die harte Arbeit besteht darin, beidem gerecht zu werden, beides anzunehmen, wertzuschaetzen und auszubalancieren?
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27.03.2006, 15:50
Re: Was ist \"gute Religion\"?
@Horus - Ich habe dieses Zitat immer etwas anders verstanden - auch wenn dein Ansatz von "Respekt" für mich echt vielversprechend ist.Warum den einen Satz der Genesis nicht mal wörtlich nehmen? Denjenigen nämlich, der sagt, dass Gott den Menschen als Mann und Frau nach seinem Ebenbild geschaffen habe?Also, ganz am Anfang erschafft sich der Mensch einen Gott, um sich weniger ängstlich zu fühlen. Ein Wesen, muss mächtig sein, das ihm Sicherheit vermittelt und ihm selbst ein Gefühl von Macht über die Dinge gibt (durch "Bestechungsrituale").
Ja, das würde die Selbstvergottung des Menschen beinhalten...na und?
Mein Ansatz ging davon aus, dass der Mensch sich im religiösen Anfangsstadium ein übernatürliches Wesen (Gott oder Götter, was auch immer) erschafft, welches sehr mächtig ist und hinter ihm steht, damit er sich SELBST überhaupt mächtig fühlen kann - (im Sinne von "die Dinge, die er nicht versteht, irgendwie im Griff zu haben").
Die Vorstellung eines mächtigen Wesens, das auf "meiner" Seite ist, verleiht dem Menschen in diesem Stadium doch erst die Sicherheit und Macht, vermeintlich über den unerklärbaren Dingen zu stehen.
Mit einem solch "großen Bruder" im Rücken bin ich auch viel stärker gegenüber anderen Menschen, die ein solch mächtiges Wesen nicht hinter sich wissen.
Das ist ein ganz und gar unbescheidener Vorgang, oder nicht???
Das Zitat in der Genesis sehe ich dann - auf den ersten Blick - nicht ganz so positiv. Der christliche Gott (mit seiner Allmacht) erschafft den Menschen nach seinem Ebenbilde, weil er ihm (aus Sicht des Menschen) ein genauso hohes - und fragwürdiges - Potential an Verantwortung und Macht (aber auch an Güte) vermitteln möchte wie er selbst hat.
Zusammen mit den 10 Geboten und der Bergpredigt übergibt der christliche Gott dem Menschen auch wieder eine sehr genaue christliche Vorstellung von Verantwortung in der Gemeinschaft - das ist aber nicht unbedingt bescheiden, oder?
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27.03.2006, 16:22Inaktiver User
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Elwyn, das finde ich eine genauso einsichtige und logische Betrachtungsweise des erwähnten Verses.
Womit wieder mal gezeigt wäre, dass es so was wie DIE Interpretation und DAS absolute Verständnis biblischer Texte nicht gibt ...
@Sisyphos
Zu einfach.Selbstvergottung:
Das Gefuehl fuer und das Streben nach grenzenloser Freiheit, Selbstbestimmung, Individualitaet und Autonomie?
Bescheidenheit:
Die Einsicht in die Notwendigkeit der "Einordnung", der Wunsch nach Verschmelzung mit der Gemeinschaft?
Selbstvergottung als Freiheit, ja. Grundsätzlich. Beschränkt allerdings durch den genau gleichen Anspruch jedes anderen Menschen. Womit gleich die Bescheidenheit vor der Göttlichkeit des anderen wieder reinkommt.
Und noch etwas Zusätzliches: Freiheit heisst auch Verantwortung. Und zwar in genau gleichem Masse. Wieder theologisch gesprochen: Gott liebt den Menschen und die Schöpfung und fühlt sich für sie verantwortlich. Ist der Mensch wie Gott, heisst das auch, dass er nicht nur die Freiheit Gottes besitzt, sondern auch die Liebe und die Verantwortung Gottes. Nochmals: In genau gleichem Masse. Benimmt er sich nicht entsprechend, sondern verlangt für sich nur die gottgleiche Freiheit, funktioniert das nicht - dann ist er eben gerade nicht das Ebenbild Gottes. Und hat somit kein Recht, für sich selbst gottgleich zu nennen oder gar so zu handeln.
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27.03.2006, 16:42
Re: Was ist \"gute Religion\"?
OK! Ausgangsbasis Deiner Theorie war ja der christliche Gott der Liebe, der die Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen hat .... Dann bedeutet Gottgleichheit auch Verantwortung und Liebe.Und noch etwas Zusätzliches: Freiheit heisst auch Verantwortung. Und zwar in genau gleichem Masse. Wieder theologisch gesprochen: Gott liebt den Menschen und die Schöpfung und fühlt sich für sie verantwortlich. Ist der Mensch wie Gott, heisst das auch, dass er nicht nur die Freiheit Gottes besitzt, sondern auch die Liebe und die Verantwortung Gottes. Nochmals: In genau gleichem Masse. Benimmt er sich nicht entsprechend, sondern verlangt für sich nur die gottgleiche Freiheit, funktioniert das nicht - dann ist er eben gerade nicht das Ebenbild Gottes. Und hat somit kein Recht, für sich selbst gottgleich zu nennen oder gar so zu handeln.
Wenn man die anderen Eigenschaften, die Gott in der Bibel so an den Tag legt, bedenkt, brauchen wir uns aber nicht wirklich zu aendern, um gottgleich zu werden.
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27.03.2006, 17:03Inaktiver User
Re: Was ist \"gute Religion\"?

Blöderweise hast du Recht ...
Womit wir wieder bei dem Punkt wären, dass die Menschen Gott nach ihrem eigenen Ebenbild erschaffen haben.
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27.03.2006, 17:14
Re: Was ist \"gute Religion\"?
Womit wir in Erweiterung der Ausgangsfrage bei der Frage sind:Womit wir wieder bei dem Punkt wären, dass die Menschen Gott nach ihrem eigenen Ebenbild erschaffen haben.
Guter Gott - böser Gott???


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