Das würde ich unterschreiben. Vor vielen Jahren wurde ich verletzt von jemandem, den ich für einen Freund hielt. Er hat auf eine Weise, die mir sehr weh tat, diese Freundschaft verraten. Ich war zutiefst verzweifelt und verletzt, ich hatte all die Gedanken, die hier schon beschrieben wurden: Ich wollte ihm meinen Schmerz begreiflich machen, ich habe an Rache gedacht, ich lechzte nach einer Entschuldigung.
Er hat meinen Schmerz und seine Schuld (wie ich sie sah) nie begriffen, er hat sich nicht entschuldigt, ich habe mich nicht gerächt. Die Jahre gingen ins Land. Ich habe das nicht verziehen, und ich finde sein Verhalten noch heute grundsätzlich falsch. Aber er gehört nicht mehr zu meinem Leben, und er ist mir egal. Es tut mir nicht mehr weh. Ich verbinde keinerlei Gefühle mehr damit, es war eben so. Wie ein längst verheilter Beinbruch, der monatelang tierisch wehtat, aber keine bleibenden Schäden hinterließ. Sorry wenn ich immer wieder die körperlichen Schmerzen als Beispiel bringe, aber körperlicher Schmerz ist vielleicht eher vergleichbar und vorstellbar als psychischer Schmerz.
Auch @Schnarchstop, weil du auf dieses Posting als Erkärung verwiesen hast:
Wenn sich der, der mich verletzt hat, nur als Auslöser und nicht als Verantwortlicher ansieht, finde ich verzeihen sehr schwer.
Das Verdrängen der eigenen Verantwortlichkeit ist leider ein sehr menschliches Verhalten und steht wohl sehr oft dem Verzeihen im Wege. Das reicht von "Schläge haben noch keinem Kind geschadet" über "Aber sie wollte den Sex doch auch" bis hin zu "Du hast es provoziert".
Abwägen, dass man nie im luftleeren Raum hängt, ist eine Sache. Sich für den eigenen Anteil entschuldigen, ohne im gleichen Atemzug auf den Anteil des anderen hinzuweisen, eine andere. Eine Bitte um Verzeihung sollte für mich erstmal ohne Wenn und Aber daherkommen.
Grüße, Cariad
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26.01.2011, 09:50Inaktiver User
AW: Schuld und was heißt es zu verzeihen?
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26.01.2011, 10:03
AW: Schuld und was heißt es zu verzeihen?
@Nathalie:
Ich verstehe den Zusammenhang Deiner Antwort mit meiner Aussage ehrlich gesagt nicht. Hier nochmal:
Eigentlich bin ich noch nicht einmal davon überzeugt, dass Verzeihen ein Akt der freien Willensentscheidung ist. Da ist meiner Meinung nach viel Raum für sich was Vormachen, auch weil man durch das gesellschaftliche Paradigma sich gewissermassen genötigt sieht.
Ich wollte darauf hinaus, dass die Neurowissenschaften (ich bin nur interessierter Laie) Hinweise in die von mir angedeutet Richtung geben.
Ich hatte ja schon gesagt, dass ich der Meinung bin, dass der innere Friede, der durch Verzeihen entsteht, genauso wie der, der durch/trotz Nichtverzeihen entstehe, eine ganz persönliche, also subjektive Erfahrung und Angelegenheit ist. Prinzipiell kann beides eine Illusion sein. Prinzipiell kann beides das Ergebnis eines genaueren Hinschauens sein. Wobei beide, genaues Hinschauen und Illusion erstmal definiert werden müβten. Bei der Definition werden meiner Meinung nach oft auch wieder Paradigmen und (wissenschaftlich) unbewiesene Annahmen für Fakten und Tatsachen zugrunde gelegt. Zum Beispiel ist ein groβer Teil der psychoanalytischen Grundthesen, wenn ich die Diskussion richtig verfolge (bin aber nur interessierter Laie), nicht wirklich wissenschaftlich erhärtet und wird in manchen Kreisen wohl eher als ein Glaubenssystem denn als Wissenschaft betrachtet.
Ich habe selber ein Kind, und versuche dadurch ebenfalls genau hinzuschauen. Bei den Vorfahren UND selbstverständlich vor allem auch bei mir.
Und ich gebe Dir Recht: wir leben nicht im luftleeren Raum. Das heisst aber eben auch, dass wir oft nach unhinterfragten und unbewiesenen Paradigmen handlen. Paradigma, in der Bedeutung einer "in einem bestimmten Zeitraum (heute) prägenden allgemein akzeptierten Auffassung". Und "akzeptiert" heisst eben nicht automatisch "richtig".Geändert von balalala (26.01.2011 um 10:06 Uhr)
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26.01.2011, 10:25Inaktiver User
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26.01.2011, 10:49
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26.01.2011, 11:00Inaktiver User
AW: Schuld und was heißt es zu verzeihen?
Geändert von Inaktiver User (26.01.2011 um 11:13 Uhr)
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26.01.2011, 11:12Inaktiver User
AW: Schuld und was heißt es zu verzeihen?
Im wissenschaftlichen Sinne nicht richtig? Nicht richtig heißt falsch.
Das heißt, Du zweifelst die Richtigkeit meiner Lebenserfahrung an. Lüge ich also?
Du hast gefragt woher das Paradigma kommt und ich sage, möglicherweise aus Erfahrungen, die Menschen gemacht haben. Nicht nur ich, sondern auch andere. Das fällt doch nicht vom Himmel. Und nur, weil Du das für Dich nicht so sehen kannst, kannst Du doch nicht behaupten, die Erfahrungen anderer Menschen seien falsch.
Ich empfinde diese Haltung als Unverschämtheit. Wir tauschen uns hier aus und ich lass mir von irgendjemandem sagen, was ich erlebe sei falsch. Finde ich echt respektlos, sowas.
Im Übrigen arbeite ich im wissenschaftlichen Bereich und lass Dir gesagt sein, das sogenannte Wissen hat ein Verfallsdatum. Hänge das nicht zu hoch und glaube nicht, nur weil Wissenschaft dransteht, ist es richtig. Und missbrauche die Wissenschaft nicht dafür, alles "andere" einfach in die Tonne kloppen zu können.Geändert von Inaktiver User (26.01.2011 um 11:25 Uhr)
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26.01.2011, 11:17Inaktiver User
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26.01.2011, 11:24Inaktiver User
AW: Schuld und was heißt es zu verzeihen?
Ich versuche mal zu schlichten: Blablabla schreibt, dass Verzeihen nach aktuellem Kenntnisstand nicht der einzige Weg ist, um den Seelenfrieden wiederzubekommen. Das widerspricht überhaupt nicht deiner Ansicht, Uli, dass es für dich ein funktionierender Weg war.
Grüße, Cariad
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26.01.2011, 11:29Inaktiver User
AW: Schuld und was heißt es zu verzeihen?
Bitte nicht streiten - ich möchte, dass wir den friedlichen Austausch beibehalten.
balalala, ich habe ein Beispiel, das Dir vielleicht deutlicher macht, warum ich einen Wissenschaftlichen Ansatz für untauglich halte.
Vertrauensbruch (feststehender Begriff, der heute selbstverständlich für eine Handlung benutzt wird) -
Das ist kein Beinbruch (umgangssprachlicher Ausdruck, der die alte Erkenntnis verdeutlich, dass zu bestimmten Zeiten ein gebrochenes Bein, das Ende der physischen Existenz bedeuten konnte)
Mit wissenschaftlichen, ärztlichen Methoden kannst Du einen Beinbruch heute relativ leicht heilen. Einen Vertrauensbruch nicht - zumindest ist mir nichts davon bekannt, dass die Forschung auch nur ansatzweise verstehen würde, wie der zu heilen ist. Man kann Pillen nehmen, um den psychischen Zustand zu ändern, damit er leichter erträglich ist, das ist alles. Und mir ist das zu wenig.
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26.01.2011, 11:32Inaktiver User
AW: Schuld und was heißt es zu verzeihen?
Ich denke, es ist der typische Konflikt zwischen Praktiker und Theoretiker.



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