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    (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Liebe Bri,

    ich habe da ein Thema aus der Vergangenheit, das immer wieder mal an meinem Horizont auftaucht:

    Wie weit die Verlusterfahrungen meiner Großmutter und meines Vaters in mein Gefühlsleben hineinreichen. (?)

    Mein Vater hatte zwei Brüder, einer starb 1943 mit gerade einmal 19 Jahren in der Ukraine, der Älteste kam mit schweren körperlichen und wohl auch seelischen Verletzungen aus dem Krieg zurück.

    Als die Todesnachricht über Onkel Felix kam, war mein Vater 8 Jahre jung.

    Als er etwa 15 Jahre jung war, starb der Vater bei einem Arbeitsunfall.

    Großmutter verkaufte dann das Familienhäuschen und zog mit den beiden Söhnen in die Stadt, in der unsere Familie heute noch lebt.

    Sie erkrankte leider in ihren letzten Lebensjahren an Demenz, ich war elf als sie starb, daher hätte ich sie nicht näher befragen können.

    Mein vor rund 5 Jahren verstorbener Vater war ein sehr gutmütiger, sensibler, aber auch impulsiver Mensch. Im späten Berufsleben hatte er schwere Probleme mit Mobbing. Nach der Frühpensionierung aus Gesundheitsgründen (Bluthochdruck, Depression) hat er definitiv zu viel getrunken, wurde aber nur sentimental und niemals gewalttätig.

    Ich bin nun um die 50 und schlage den Bogen zurück zu Onkel Felix. Oma lebte bei uns im Haus und über ihrem Bett hing ein großformatiges Foto von ihm. Das Wissen um seine Geschichte hat mich schon als kleines Kind zur Pazifistin gemacht.

    In den letzten Jahren habe ich viele von Vaters Charaktereigenschaften in mir wiedererkannt. Schon als ich 5 oder 6 war, sagte man (speziell meine Mutter) immer wieder zu mir: "sei nicht so sensibel!" Super.

    Ich habe den einen oder anderen Test gemacht: Hypersensibel trifft nicht zu. Bin seit rund 25 Jahren als mittelgradig bis schwer depressiv diagnostiziert und auch mit Medikamenten gut eingestellt.

    Allerdings gibt es gelegentlich Situationen / Texte / Anlässe, an denen ich mit intensiverer Traurigkeit reagiere als gesellschaftlich (ich sag mal - erwartet).

    (An dieser Stelle Querverweis in den Katzen-Gedenk-Strang von 02/2020 - ich hatte damals eine Wein-Attacke erster Güte...)

    Letztes Jahr war meine Mutter mal wieder am Dokumente- und Bilderkramen. Da fiel mir der "Wehrpass" von Felix in die Hände - mit Passfoto. Ich bin in Tränen ausgebrochen, als ich die unglaubliche Ähnlichkeit meines 15jährigen Sohnes mit dem 18jährigen Felix (der, wie ich erfuhr, eine Freundin hatte...) erkannte.

    Einige Zeit später habe ich meinen Mann gefragt, ob es von Seiten seiner Verwandtschaft Menschen gab, die im Krieg gestorben sind. Die Antwort war "keine Ahnung". (Seine Mutter ist Jahrgang 1935, wie es auch mein Vater war.)

    Auch meine Mutter hat als kleines Mädchen Furchtbares erlebt (Stichwort: Bleiburg, Partisanen).

    Beide haben sich mit dem späten Einzelkind wirklich Mühe gegeben, ich hatte eine recht gute Kindheit!

    *Seufz*

    Ich habe keine konkrete Frage, würde aber sehr gern wissen, ob Euch etwas zu diesem Thema einfällt!


    Danke & alles Liebe

    Lady Emelia
    Katzen lieben Menschen viel mehr, als sie zugeben wollen,
    aber sie besitzen genug Weisheit, es für sich zu behalten.


    Mary Eleanor Wilkins Freeman (1852 - 1930), US-amerikanische Schriftstellerin

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Hi,

    von „Familientraumata“ habe ich vor einigen Jahren zum 1. Mal gehört.
    In der Familie einer Bekannten von mir wurde ihre Großmutter vom Zug überfahren, Jahre später starb ihre Schwester bei einem Autounfall.
    Sie hat nur gesagt: das ändert alles.
    Vorher hatte ich darüber nie nachgedacht.
    Ich bin mir sicher, dass Traumata weiter „vererbt“ werden.

    Mein Großonkel ist aus dem Krieg nicht zurückgekommen. Er ist im heutigen Moldavien verschollen.
    Er war erst 18, hatte gerade sein Abitur gemacht und wurde dann eingezogen.
    Da die Urgroßeltern und Großeltern reich waren, gibt es von ihm bzw. der ganzen Familie meiner Großmutter viele Fotos, sie haben Urlaube gemacht usw. und es gibt viele Briefe von meinem Großonkel von der Front.
    Er hatte viel Humor, aber er hatte auch Heimweh und war so stolz auf seine erste Nichte (meine Tante)...
    Es ist vielleicht komisch, aber ich werde heute noch aufmerksam, wenn wieder neue Kriegstote irgendwo im Osten gefunden werden. (Gerade gestern oder vorgestern kam wieder ein Bericht darüber im Fernsehen...)
    Ich frage mich heute noch, ob wir je erfahren werden, wo er gefallen ist.
    (Ich als Kind habe mir oft den Gedanken gegönnt, dass er sein Gedächtnis verloren hat, irgendwo da im Osten weiter gelebt hat, und aus unerfindlichen Gründen wieder auftaucht, und wir „noch mehr Familie“ haben)
    Er hat gefehlt. Obwohl wir ihn nicht kannten.

    Es fehlt immer ein Stück Familie, das es nie gab.
    So empfinde ich das. Als Enkelin bzw. Großnichte.

    Ich hoffe, es passt zu deinem Thema.
    Ich glaube, das „Verlustgefühl“ hört noch lange nicht auf.
    Die Generation unserer Kinder und Großkinder (ich bin zweifache Großtante) hat dieses Gefühl wahrscheinlich nicht mehr.
    Klar habe ich meiner Tochter von meinem Großonkel erzählt. Aber für sie ist es einfach zu weit weg.
    Für sie ist es eine traurige Geschichte.

    Leider habe ich das Thema nie mit meiner Schwester oder meinen Cousinen angesprochen. Ich kam mir albern vor.
    Das wird demnächst definitiv nachgeholt.
    Denn es interessiert mich einfach, ob ich da alleine bin mit meinen Gedanken.

    Liebe Grüße
    Ich schwanke schon seit Langem zwischen möglichst gut informiert sein und am liebsten gar nichts mehr wissen wollen.

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    an genetik im sinne von erblichkeit glaube ich in diesem zusammenhang nicht.
    wohl aber an weitergabe durch erzählungen, erziehung, vor-leben etc..

    mini-beispiel:
    ein früherer kollege erzählte mal, er habe total leichtsinnig gelebt bis er 36 jahre war.
    sein vater war mit 36 gestorben (herzinfarkt) und er war da ja noch recht jung.
    ca 10 denke ich mal.
    und er "dachte" dann, er würde ohnehin nur36, könne also raubbau am körper betreiben, weil er eh nicht älter wird.


    wurde er doch, als ich ihn kannte war er ca. 50.
    und er meinte, ab da habe er dann besser auf sich acht gegeben.
    Die Gedanken sind frei....

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Warum beschäftigen dich Dinge, die 80 Jahre her sind?

    Eine Bekannte von mir, redet über nichts anderes als von der Schrecklichkeit, dass ihr Kopf im Geburtskanal stecken geblieben ist und dass deshalb ihr ganzes Leben verklemmt war, so dass ihr das mit 72 Jahren immer noch zu schaffen macht.

    Körperlich nicht, aber das ganze Gedankenkarrussel über etwas, was längst vergangen ist, was mal 30 Minuten ihres Lebens betraf, sind so 72 Jahre immer noch präsent.... Statt zu sagen, das war mal, wird es täglich wieder durchgekaut.

    Es kann das gesamte Leben vermasseln. Ich halte so etwas für gefährlich, sich an solche Gedanken zu klammern.
    Mein Himmel bleibt magisch, wie meine Träume, meine Bilder, mein Leben....
    Ich bin die, die ich bin.

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Spadina, bei mir war's eine langsame Geburt mit auch fast-Steckenbleiben.
    Bis heute hab ich klaustrophobische Tendenzen - in bestimmten Situationen - Fahrstuhl etc kein Problem, alles, wo man sich recht kleinmachen muss bzw. es sehr eng wird, setzt bei mir der Sympathicus ein. Zum Beispiel: ein paar Momente nicht aus einem engen, festgestrickten o.ae. Kleidungsstueck rauskommen.
    Bei der Beschreibung der Rettung der Kinder, die in der thailaendischen Hoehle festsassen und durch extrem enge Felsspalten (im Dunkeln!) schwimmen mussten, hab ich alle Zustaende bekommen.

    Ich halt mich nebstbei nicht fuer traumatisiert (dazu hab ich zu gute Mechanismen zur Bewaeltigung entwickelt), aber stark gepraegt.
    Und das ist ja noch ein harmloses Beispiel - dann gibt's sicher heftigere Kaliber.
    Ich erinnere mich, von Leuten (paar Jahre aelter als ich) gelesen zu haben, die Kinder von ehemaligen KZ-Insassen waren, aber lang nach Kriegsende geboren, und die Eltern haben ihnen nix erzaehlt, und sie hatten kein Wissen ueber das, was passiert ist - aber sie hatten Alptraeume ueber das, was im Lager passiert ist.

    Gibt vermutlich Erklaerungen, warum und wieso, und muss nix 'Esoterisches' sein (wobei: was waer schlimm daran?) -- tja.

    Spannendes Thema, Pummelfee, ich denke mal eine Runde drueber nach

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Nein, nein, das ist nichts Esoterisches.

    Die Epigenitik ist für mich ein faszinierendes Wissenschaftsgebiet.
    Nein, traumatische Erlebnisse ändern natürlich nicht die Gene.
    Aber Botenstoffe, die für bestimmte Gene zuständig sind, können quasi "ein- oder ausgeschaltet" werden. Das können Wissenschaftler heute nachweisen.
    Und deshalb werden Traumata eben manchmal auch weiter gereicht.

    Das erste Mal bin ich mit dem Buch von Christina von Braun (aus der Atombomben-Sippe) "Stille Post" darauf gestoßen. Sie beschreibt, dass Familiengeheimnisse (Traumata) unausgesprochen weiter gereicht werden. Nicht das Geheimnis an sich, sondern das Wissen/sichere Gefühl, dass "da" was ist.

    Dann bin ich auf Epigenitik gestoßen.
    Bei mir ist es so, dass mein Großvater im Krieg in Frankreich war.
    Ich habe jahre-, fast Jahrzehnte lang von Verfolgung von Juden (mit Fluchtszenen, in Zügen die Deportation...) geträumt.

    Meine Herkunftsfamilie ist nicht jüdisch, mir hat auch keiner früher aus unserer Heimatstadt etwas erzählt, was diese furchtbaren Träume begründen würde.
    Nun hat sich wohl kaum ein Mann damit gerühmt, was er Furchtbares im Krieg erlebt bzw. selbst getan hat.
    Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit Genealogie und bin dadurch darauf gestoßen, einen Antrag bei der WAST (Wehrmachtsauskunftsstelle), mittlerweile im Bundesarchiv in Berlin zusammen gefasst, zu stellen. Dort werden alle noch erhaltenen Dokumente der ehemaligen Wehrmachtsangehörigen archiviert.


    Starbuck, für Deinen vermissten Angehörigen kannst Du auch einen Antrag beim DRK-Suchdienst in München oder eben auch beim Bundesarchiv in Berlin stellen. Das sind 2 Möglichkeiten, etwas über sein Schicksal zu erfahren.

    Die Recherche dauert übrigens ewig. Bei der WASt hab ich mehr als 2 Jahre auf Antwort gewartet, bei einem anderen Angehörigen, wo ich bei DRK-Suchdienst angefragt habe, dauert es eben noch an. Ich nehme an, dass sie das Personal bei diesen Dienststellen dermaßen runter gefahren haben, dass die restlichen Mitarbeiter in Arbeit schier ertrinken.

    Übrigens, zum Thema "im Geburtskanal fast stecken geblieben": Ich bin immer eine gute Schwimmerin gewesen. Ich kann aber nicht tauchen, noch nicht einmal schnorcheln. Ich bekomme Panik. Und eine Psychologin, die definitiv nicht esoterisch angehaucht war, sagte mir dazu, dass dies etwas vorgeburtliches sein müsse.
    Das Böse, das wir tun, wird uns Gott vielleicht verzeihen,
    aber unverziehen bleibt das Gute, das wir nicht getan haben.
    Karl Heinrich Waggerl

  7. VIP

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Mathildchen Beitrag anzeigen
    Nein, nein, das ist nichts Esoterisches.
    Abslut nicht esoterisch, sondern unglaublich spannend.

    Ganz offenbar schlagen sich Lebensgewohnheiten, aber auch Erlebnisse, Traumata, so nieder, dass sie simpel gesagt mitvererbt werden können.
    Epigenetik zwischen den Generationen | Max-Planck-Gesellschaft

    Epigenetik wird auch zunehmend im Bereich der Krebsforschung interessant. Epigenetik von Krebsstammzellen: UKM - Kinder- und Jugendmedizin - Padiatrische Hamatologie und Onkologie
    Thank you for observing all safety precautions.

    (aus Dark Star von John Carpenter)


    Moderation in den Foren Diagnose Krebs, Depressionen, Umgangsformen und Rund ums Tier,
    sonst normale Userin

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Mathildchen Beitrag anzeigen

    Starbuck, für Deinen vermissten Angehörigen kannst Du auch einen Antrag beim DRK-Suchdienst in München oder eben auch beim Bundesarchiv in Berlin stellen. Das sind 2 Möglichkeiten, etwas über sein Schicksal zu erfahren.
    .
    Einen solchen Antrag hat meine Familie tatsächlich schon vor vielen Jahren gestellt- bislang leider ohne Ergebnis
    Ich schwanke schon seit Langem zwischen möglichst gut informiert sein und am liebsten gar nichts mehr wissen wollen.

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Hey, ich finde das Thema extrem spannend. Habt ihr einen Buchtipp für mich? Bin keine Wissenschaftlerin. Danke
    Hund: Sie füttern mich, sie pflegen mich, sie kümmern sich um mich. Sie müssen Götter sein!

    Katze: Sie füttern mich, sie pflegen mich, sie kümmern sich um mich. Ich muss ein Gott sein!

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von rosemary_ Beitrag anzeigen
    Hey, ich finde das Thema extrem spannend. Habt ihr einen Buchtipp für mich? Bin keine Wissenschaftlerin. Danke
    spannend durchaus.

    bieten sich dadurch auch lösungsmöglichkeiten an?
    Die Gedanken sind frei....

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