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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Lady_Emelia Beitrag anzeigen
    Hallo Grissom,

    da sprichst Du etwas Spannendes an. Die Mutter von Oma väterlicherseits wurde 74. Oma soll auch immer gedacht haben, im Alter von 74 Jahren zu sterben. Es wurden dann 8 weitere gute und 2 krankheitsbedingt schlechtere Jahre.

    Der Vater meines Mannes verstarb an einem fehldiagnostizierten Herzinfarkt im Alter von 48 Jahren, (J. war damals 18.) Er hatte große Bedenken, dass es ihn um das 48. Lebensjahr herum auch erwischen könnte - was ihn aber nie gehindert hat, mit Rauchen etc. weiterzumachen. Er wird heuer 60 und betreibt nun wenigstens Ausgleichssport

    das ist im grunde eine fortsetzung des sogenannten "magischen denkens", das normalerweise nur kleinere kinder praktizieren
    -stichwort märchen
    -stichwort zaubern......
    Die Gedanken sind frei....

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Wir sind ja immer auch das, was unsere Familie ist. Ich habe eine weitläufige und bunte Familie. Wie bei fast allen meiner Generation, haben meine Eltern und Großeltern im Krieg und in der Nachkriegszeit Schlimmes erlebt.

    Meine Mutter war z. B. als kleines Mädchen (so ca. 6 Jahre alt) mit ihren älteren Schwestern auf dem Feld, als plötzlich Fliegeralarm kam und kurz danach ein britischer Kampfjet direkt auf die Mädchen zusteuerte. Die älteren Schwestern warfen sich über meine Mutter, der Kampfjet flog ganz tief über ihnen, drehte aber ab, als er wohl bemerkte, dass da Kinder waren.

    Meine Mutter sagt, man hätte den Piloten im Cockpit gesehen. Mein Vater wurde von seiner Mutter nach einem Fliegerangriff durch das brennende Dorf geschickt (der Angriff war, weil wenige Kilometer entfernt eine Rüstungsfabrik war), er solle schauen, ob die Tante, die neben der Kirche wohnte, noch lebe, da es aus dieser Richtung stark rauchte.

    Mein Vater lief mit seinen damals etwa 9 Jahren durch das brennende Dorf, hörte Schreie, sah Tote, an einem ansonsten schönen Spätsommertag war der Himmel vor lauter Rauch nicht mehr zu sehen.

    Die Tante hatte überlebt nächst ihren Kindern, mein Vater träumt heute noch manchmal, dass er durch Feuer rennen muss.

    Mein jetziger Schwiegervater kommt aus dem heutigen Polen, Kolberg, damals deutsch. Bei Kriegsende war er ungefähr 12 Jahre alt. Da zogen Russen durch und fragten im Dorf, ob hier Jungs seien, die sich mit Pferden auskennen. Er meldete sich, natürlich ohne die Tragweite seiner Entscheidung zu kennen.

    Also wurde er rekrutiert und Pferde nach Russland zu bringen, zu Fuß über mehrere Wochen. Irgendwann, da waren sie wohl schon auf russischer Gemarkung, sagte ein älterer Junge zu ihm, jetzt müssen wir abhauen, sonst kommen wir vielleicht gar nicht mehr zurück.

    Also machten sie sich nachts heimlich aus dem Staub, verloren sich irgendwann aber. Er lief zu Fuß alleine zurück in Richtung Heimat, klaute nachts in Ställen Eier oder sonstige Lebensmittel. Und kam, so unwahrscheinlich das klingt, tatsächlich wieder in seiner Heimat an.

    Wie lebt man weiter, mit solchen Erlebnissen? Ich kann von unseren Eltern nur sagen, recht gut. Keiner von ihnen kommt mir sehr traumatisiert vor, klar es gibt Träume (siehe mein Vater) und meine Mutter, die sonst ein sehr angstfreier Mensch ist, hat panische Angst vor lauten Donnerschlägen, ich nehme an, eine Kriegserinnerung an Bomben.

    Ansonsten ist meine Mutter nicht der empathischste Mensch und kann schlecht Gefühle zeigen und hat durchaus etwas narzistische Tendenzen. Mein Vater ist ein sehr liebevoller Mensch, der viel aus seinen schwierigen Anfängen gemacht hat und er ist auch recht selbstbewusst. Er hat uns als Kinder oft in den Arm genommen, im Gegensatz zu meiner Mutter. Ach ja, ich hatte vergessen zu erwähnen, dass bei beiden Eltern die Väter nicht mehr aus dem Krieg zurück gekommen sind, in unserer Familie also auch nie Großväter vorhanden waren.

    Auch der Vater meines Partners ist ein sehr fröhlicher und lebenstüchtiger, inzwischen alter Mann.
    Manchmal denke ich, Entschuldigung wenn ich das so sage, sie hatten nach dem Krieg einfach keine Zeit für ein Trauma. Mein Vater musste zeitweise sogar hungern, meine Mutter und der Vater meines Partners hatten jeweil Bauernhöfe, da musste was laufen.

    Vielleicht hinterfragen wir auch viel zu viel. Natürlich werden oft Verhaltensweisen und Ängste durch die Generationen weiter gegeben. Aber wenn wir das nicht aushalten könnten, hätte die Menschheit niemals überlebt. Überlegt doch mal, was die Leute in früheren Zeiten alles mit machen mussten!

    Das Thema ist durchaus interessant, aber ich bin kein Freund davon, alles im Leben auf die Vergangenheit zu schieben oder gar auf die Erlebnisse der Vorfahren. Was man aus seinem Leben macht, ist doch immer noch jedem überlassen, in gewissen Bahnen.

    Und was hätte denn die Bekannte mit dem hängengebliebenen Kopf gemacht, wenn man es ihr gar nicht erzählt hätte? Auch meine Tochter hing längere Zeit im Geburtskanal fest. Ich weiß gar nicht, ob ich ihr das mal erzählt habe, ist für mich nicht relevant.

    Sie ist auch nie "hängengeblieben", sondern eine sehr lebensfrohe und unternehmungslustige junge Frau mit wenigen Ängsten geworden.
    Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg (Mahatma Gandhi)

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Cariad Beitrag anzeigen
    Für mich stellt sich die Frage: Was mache ich mit so einer Erkenntnis?
    Ich bin froh, meine Familiengeschichte weitgehend zu kennen, denn sie ist das Fundament, auf dem ich stehe. Aber sonst? Meine Großmutter ist auch mit zwei kleinen Kindern durch halb Europa geflüchtet. Trotzdem war sie bis ins hohe Alter ein positiver Mensch.

    ........
    da möchte ich mich gerne anschließen, nicht alle vertriebenen hatten gleich zu leiden.
    da gab es dann innerhalb einer kernfamilie noch ein "ranking".
    ein kind wurde massiv bevorzugt, die anderen um so schlimmer verdroschen und hungern gelassen.

    und manchmal "erfinden" dann die kriegsenkel eine schlimme kindheit für ihr liebloses brutales elternteil,
    um sich selbst zu erklären, warum sie von dem einen elternteil so massiv misshandelt werden.......muss doch irgendwelche gründe haben.......
    Die Gedanken sind frei....

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Cariad Beitrag anzeigen
    Für mich stellt sich die Frage: Was mache ich mit so einer Erkenntnis?
    Ich bin froh, meine Familiengeschichte weitgehend zu kennen, denn sie ist das Fundament, auf dem ich stehe.

    Gerade wenn man es so empfindet, dass man von einer Seite eine dominante "Lebenserzählung" mitbekommen hat, könnte es spannend sein, andere Stimmen in der Familie anzuhören. Ich glaube, man tut sich selber einen Gefallen, sich (auch) die positiven Beispiele vor Augen zu halten.

    das kann ich so unterschreiben.

    ich hatte ein sehr gutes vertrauensvolles verhältnis zur grossmutter mütterlicherseits.
    in meiner familie musste niemand fliehen. sie haben den krieg hier erlebt. und alles was damit zu tun hatte. meine eltern (jahrgang 35 und 36) haben sehr offen auf fragen geantwortet.

    ich sehe meine geschichte bzw. die geschichte meiner eltern und grosseltern als boden. auf den ich aufgebaut habe. gelernt habe dass andere menschen andere geschichten und grundlagen haben. und es meine aufgabe ist- weiterzugehen. mit dem wissen um so manches- aber nicht aufzugeben.
    hinfallen ist keine schande, liegenbleiben schon.

    das leben ist kostbar, lasst uns jeden tag gebührlich feiern

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Bei mir kristallisiert sich heraus, dass Vaterfiguren fehlen. Das zieht sich seit 1927 durch meine Familie.

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    wenn ich so darüber nachdenke- ist meine erkenntnis:

    starke frauen entwickeln sich, manchmal nicht freiwillig- aber sie stehen immer einmal mehr auf als sie hinfallen.

    und die frauen in meiner familie sind stark!
    hinfallen ist keine schande, liegenbleiben schon.

    das leben ist kostbar, lasst uns jeden tag gebührlich feiern

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Starbuck Beitrag anzeigen
    Einen solchen Antrag hat meine Familie tatsächlich schon vor vielen Jahren gestellt- bislang leider ohne Ergebnis

    Habt ihr es schon einmal beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel versucht? Man kann den Antrag unter "Gräbersuche online" stellen.
    "Wir brauchen Bürokratie, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindert sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen."
    Ralf Dahrendorf (1929-2009)

    "Widme dich der Liebe und dem Kochen mit ganzem Herzen!"
    Dalai Lama (geb. 1935)

    "Warum denn immer gleich so sachlich werden, wenn es doch auch persönlich geht!"

    André Heller (geb. 1947)

    in der BriCom als Hillie unterwegs seit 2003

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Wirklich super interessantes Thema!

    Ich dachte immer, das gäbe es nicht. Mir hat nur mal eine Freundin erzählt, dass sie vermutet, das gleiche Schicksal wie ihre Oma durchzumachen. Ich habe es zu dem Zeitpunkt nicht verstanden.

    Der Begriff "Epigenetik" ist mir neu, doch ich lese mich auf jeden Fall mal in die Thematik ein. So versteht man sich selbst am Ende vielleicht auch ein Stück weit besser.
    Frühlingsgefühle

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    spannend wäre da natürlich, wie die enkel der aktiven nazis und mitläufer davon nun betroffen sind.


    da muss es ja unmengen geben hier in deutschland bei den mehrheiten
    die hitler und sein menschenverachtendes system fast eine generation lang aktiv unterstützt haben.
    Die Gedanken sind frei....

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Vorab: Ich bin ein durchaus rationaler und technokratischer Mensch.

    Vor ein paar Jahren bat mich eine Freundin, als "Versuchskaninchen" bei ihrer Ausbildung zur Aqua-Healing-Lehrerin teilzunehmen.

    Ich hatte das Gefühl, mit geschlossenen Augen total entspannt zu sein. Ihr Eindruck war konträr, ich war ihrer Meinung nach total verspannt.

    Sie fragte mich unter anderem, ob ich etwa bei meiner Geburt steckengeblieben bin. Ich machte noch Witzchen, fragte aber vorsichtshalber meine Mutter.

    Die druckste herum, ich war tatsächlich steckengeblieben.

    luci

    ps: Interessanter Thread!
    LEBE LIEBER UNGEWÖHNLICH

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