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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Lady_Emelia Beitrag anzeigen
    Bin seit rund 25 Jahren als mittelgradig bis schwer depressiv diagnostiziert ...
    Führst Du das denn eindeutig auf die traumatischen Erfahrungen Deiner Eltern und Großeltern zurück?

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Spannendes Thema indeed.

    Ich habe mich in dem Zusammenhang mit der Thema Kriegskinder und Kriegsenkel auseinandergesetzt, dazu gibt es auch viele interessante Bücher und immer mehr Forschung.

    Mich z.B. begleitet von Kindheit an das Gefühl, wurzellos zu sein, nicht so richtig dazuzugehören bzw. nicht herzugehören*, egal wo ich bin, immer auf dem Sprung zu sein, mich nie richtig und komplett einlassen zu können auf einen Ort. Obwohl meine Eltern schon an meinem Geburtsort geboren sind, immer an dem Ort gelebt haben, in die Schule gegangen sind etc. Und ich bin sogar in die gleiche Schule gegangen wie meine Eltern, hatte z.T. noch dieselben Lehrer, war in denselben Vereinen, hatte dieselben Hobbys, die Kinder der Freunde meiner Eltern waren meine Schulfreunde..... Bessere Voraussetzungen für Verwurzelt-Sein kann es eigentlich kaum geben. Trotzdem immer das Gefühl: Ich gehöre hier eigentlich nicht her. Das ist mir schon im Grundschulalter bewusst geworden. Das war schmerzhaft und auch verwirrend für mich. Ich bin dann auch gleich nach der Schule weggegangen und viel umgezogen, inklusive mehrere Länderwechsel, und immer hab ich ein paar Kisten im Keller, die nie ausgepackt werden und die ich bei jedem Umzug dennoch mitgeschleift habe, weil ich mich nicht von ihnen trennen kann, ist heute noch so. Teilweise waren diese Umzüge von meiner eigenen Abenteuerlust getrieben, teilweise waren es die Umstände, durch die ich mich gezwungen fühlte, wieder weg zu gehen, auch jetzt bin ich wieder in so einer Situation....

    Ich konnte mir nie erklären, warum ich so bin, bis ich vor ein paar Jahren über das Thema Kriegenkel gestolpert bin. Und das war ein echter Eye-Opener: Drei meiner Großeltern sind Flüchtlinge bzw. Vertriebene, die "Flucht" war insbesondere bei einer Großmutter ein Thema, das sie bis zu ihrem Lebensende nie losgelassen hat: die Fußmärsche als junge Mutter mit Säugling im Arm und eigener jüngerer Schwester an der Hand, durch Schnee und Kälte und Nässe, der Hunger, die Angst vor Vergewaltigung, Leichen am Wegrand, ein gekentertes Boot in der Ostsee, dann Flüchtlingslager und - ganz wichtig - die Feindseligkeit der Einheimischen, die ihr teilweise entgegenschlug, als es darum ging, wieder neu heimisch zu werden am neuen, zugewiesenen Standort, immer anders zu sprechen und grundsätzlich anders zu "sein" als die Einheimischen.....

    Diese Dinge weiß ich erst heute durch Nachfragen und Nachlesen von Briefen etc., denn es ist nicht so, dass diese Dinge ständig oder oft besprochen worden sind in meiner Familie als ich ein Kind war, zumindest nicht vor mir, aber irgendwie hab ich es doch mitgekriegt, höchstens vielleicht unbewusst mitgehört und dieses Lebensgrundgefühl "Flucht" ist irgendwie auf mich übergegangen.

    Sicher, das ist nun nichts, was ich irgendwie mit Epigenetik restlos erklären oder auf irgendeine andere Weise bis ins Letzte nachweisen kann, aber die Beschäftigung damit hat mich in meiner Selbsterkenntnis ganz immens weitergebracht in den letzten Jahren, und die Möglichkeit, diese Linie zu ziehen von meiner Großelterngeneration und ihrem Leben bis zu meinem Leben hat mir dann doch die Wurzeln gegeben, die mir immer gefehlt haben, und ich konnte mit bestimmten Aspekten meines Lebens und meiner Persönlichkeit Frieden schließen. Also ja, Lösung.

    Alles Gute dir, Lady Emilia, bei deiner Auseinandersetzung mit dieser Thematik, ich für mich kann sagen, es ist eine lohnende Auseinandersetzung

    P.S: Dieses Gefühl hat sogar einen Namen: *Monachopsis
    Geändert von Ragna (25.02.2021 um 09:44 Uhr) Grund: Ergänzung
    „Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben.“ — Philip K. Dick

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von schafwolle Beitrag anzeigen
    Führst Du das denn eindeutig auf die traumatischen Erfahrungen Deiner Eltern und Großeltern zurück?
    Das wäre auch meine Frage.

    Ich glaube zwar auch, dass Traumata über Gene weitervererbt werden können aber das alleine kann meiner Meinung nach nicht ursächlich für Probleme im Hier und Jetzt sein.
    Es ist vielmehr das Verhalten der traumatisierten Eltern gegenüber ihren Kindern.
    Wer Gefühle abgespalten hat, keine Verbindung zu sich hat, wird auch keine Verbindung zu den Kindern herstellen können. Das u.a. hat fatale Auswirkungen.

    Ich glaube man muss nicht Generationen zurück gehen, um möglichen Ursachen auf die Spur zu kommen.
    Geändert von Die-Andere (25.02.2021 um 18:09 Uhr)

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Ragna Beitrag anzeigen
    Ich habe mich in dem Zusammenhang mit der Thema Kriegskinder und Kriegsenkel auseinandergesetzt, dazu gibt es auch viele interessante Bücher
    Beispielsweise "Die vergessene Generation - Kriegskinder brechen ihr Schweigen" von Sabine Bode
    "Wenn du erstmal Feminismus hast, das wirst du so schnell nicht wieder los."
    (Gerburg Jahnke)

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Vielen Dank an alle, die Erfahrungen geteilt haben und Fragen stellen!

    @ starbuck: Danke, Deinen Bericht finde ich sehr aufschlussreich.

    Ich werde versuchen, auch allen anderen Schreiberinnen zu antworten.
    Katzen lieben Menschen viel mehr, als sie zugeben wollen,
    aber sie besitzen genug Weisheit, es für sich zu behalten.


    Mary Eleanor Wilkins Freeman (1852 - 1930), US-amerikanische Schriftstellerin

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Grissom Beitrag anzeigen
    [...]
    ein früherer kollege erzählte mal, er habe total leichtsinnig gelebt bis er 36 jahre war.
    sein vater war mit 36 gestorben (herzinfarkt) und er war da ja noch recht jung.
    ca 10 denke ich mal.
    und er "dachte" dann, er würde ohnehin nur36, könne also raubbau am körper betreiben, weil er eh nicht älter wird.


    wurde er doch, als ich ihn kannte war er ca. 50.
    und er meinte, ab da habe er dann besser auf sich acht gegeben.
    Hallo Grissom,

    da sprichst Du etwas Spannendes an. Die Mutter von Oma väterlicherseits wurde 74. Oma soll auch immer gedacht haben, im Alter von 74 Jahren zu sterben. Es wurden dann 8 weitere gute und 2 krankheitsbedingt schlechtere Jahre.

    Der Vater meines Mannes verstarb an einem fehldiagnostizierten Herzinfarkt im Alter von 48 Jahren, (J. war damals 18.) Er hatte große Bedenken, dass es ihn um das 48. Lebensjahr herum auch erwischen könnte - was ihn aber nie gehindert hat, mit Rauchen etc. weiterzumachen. Er wird heuer 60 und betreibt nun wenigstens Ausgleichssport
    Geändert von Lady_Emelia (25.02.2021 um 14:15 Uhr) Grund: *ups* Grammatik
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    Mary Eleanor Wilkins Freeman (1852 - 1930), US-amerikanische Schriftstellerin

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von Spadina Beitrag anzeigen
    Warum beschäftigen dich Dinge, die 80 Jahre her sind?
    [...]
    Es kann das gesamte Leben vermasseln. Ich halte so etwas für gefährlich, sich an solche Gedanken zu klammern.
    Hallo Spadina,

    das Verhalten Deiner Bekannten hört sich sehr anstrengend an.

    Ich darf Dir aber versichern, dass so etwas bei mir nicht der Fall ist. Seit dem Tod meiner Oma (1979) bis zum Tod meines Vaters (2014) ist der Onkel gewissermaßen in Vergessenheit geraten. Beim späteren Stöbern in Fotoalben ist das Bild wieder aufgetaucht.

    Warum mich seine Geschichte beschäftigt? Fällt vermutlich unter "Sei nicht so sensibel!" Ich interessiere mich generell für die Lebensgeschichten anderer Menschen.
    Katzen lieben Menschen viel mehr, als sie zugeben wollen,
    aber sie besitzen genug Weisheit, es für sich zu behalten.


    Mary Eleanor Wilkins Freeman (1852 - 1930), US-amerikanische Schriftstellerin

  8. Moderation

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Für mich stellt sich die Frage: Was mache ich mit so einer Erkenntnis?
    Ich bin froh, meine Familiengeschichte weitgehend zu kennen, denn sie ist das Fundament, auf dem ich stehe. Aber sonst? Meine Großmutter ist auch mit zwei kleinen Kindern durch halb Europa geflüchtet. Trotzdem war sie bis ins hohe Alter ein positiver Mensch. Meine Mutter hat als Kind darunter gelitten, ein armes Flüchtlingskind zu sein. Sie ist ein sehr statusbewusster Mensch geworden. Mein Vater war Jahrgang 35, hat den Krieg also bewusst miterlebt. Er hat aber eher eine Faszination für das Kriegsgerät behalten (obwohl selbst zutiefst pazifistisch). Und so weiter... jeder meiner Vorfahren hat diese Zeit ganz anders erlebt und eingeordnet.

    Gerade wenn man es so empfindet, dass man von einer Seite eine dominante "Lebenserzählung" mitbekommen hat, könnte es spannend sein, andere Stimmen in der Familie anzuhören. Ich glaube, man tut sich selber einen Gefallen, sich (auch) die positiven Beispiele vor Augen zu halten.

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Zitat Zitat von KittySnicket Beitrag anzeigen
    Spadina, bei mir war's eine langsame Geburt mit auch fast-Steckenbleiben.
    Bis heute hab ich klaustrophobische Tendenzen - in bestimmten Situationen - Fahrstuhl etc kein Problem, alles, wo man sich recht kleinmachen muss bzw. es sehr eng wird, setzt bei mir der Sympathicus ein. Zum Beispiel: ein paar Momente nicht aus einem engen, festgestrickten o.ae. Kleidungsstueck rauskommen.
    Bei der Beschreibung der Rettung der Kinder, die in der thailaendischen Hoehle festsassen und durch extrem enge Felsspalten (im Dunkeln!) schwimmen mussten, hab ich alle Zustaende bekommen. [...]
    Hallo Kitty,

    bei Deiner Erzählung musste ich schlucken. Ich bin überwältigt von den vielen verschiedenen Rückmeldungen!

    Als meine Mutter Wehen bekam, war sie seit der Tagschicht des 13. im Kreisssaal. Am Morgen des 14. war sie immer noch dort, völlig fertig - ich noch drin. Der Arzt vom Vorabend kam, sah - und beförderte mich mit Kristeller-Methode nach draußen. Mir geht es in verschiedenen Situationen ganz ähnlich wie Dir!

    Und rate mal, was passierte, als ich - schwanger mit der Ältesten - Wehen bekam... (Ungeschickterweise war der ET nur geschätzt, da es im ersten Nach-Pillen-Zyklus schon einschlug) Ich war vom Einchecken bis zur Geburt ca. 52 Stunden) im KH...

    So um 23 Uhr hörte ich noch die Radionachrichten und hatte dazu passende Visionen. Um 23.30 wurde sie mittels Saugglocke geholt.

    Kennst Du noch den APGAR-Wert?: (Ideal: 10/10/10) - bei ihr (0/0/2); es folgten Neonatologie und bange Monate, bis die neurologische Nachuntersuchung ohne Befund überstanden war.)

    Wir haben heute ein mittlerweile friedliches Verhältnis, sie ist mit 19 ausgezogen, wir trinken manchmal Kaffee und haben einen Schmäh laufen wie alte Bekannte.

    Gerade eben habe ich so das Gefühl, dass so viele Dinge / Situationen in unseren Leben irgendwie zusammenhängen.
    Katzen lieben Menschen viel mehr, als sie zugeben wollen,
    aber sie besitzen genug Weisheit, es für sich zu behalten.


    Mary Eleanor Wilkins Freeman (1852 - 1930), US-amerikanische Schriftstellerin

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    AW: (Epigenetische) Traumafolgen in einigermaßen intakter Familie?

    Danke auch an Dich, Cariad!

    Ich brauche für heute eine Pause und melde mich morgen wieder!



    Lady E.
    Katzen lieben Menschen viel mehr, als sie zugeben wollen,
    aber sie besitzen genug Weisheit, es für sich zu behalten.


    Mary Eleanor Wilkins Freeman (1852 - 1930), US-amerikanische Schriftstellerin

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