liebe Brigitte Community,
ich möchte es nicht so lang machen: ich schäme mich für meine Familie.
Es treibt mich um und fühlt sich sehr ambivalent an.
Meine Familie ist chaotisch. Sehr von dem Geld anderer abhängig. Ich würde sie sogar "geldgeil" nennen.
Sie sind unfassbar kaltherzig, oder zumindest verstehe ich ihre Art der Zuneigung nicht. Das Hauen und Stechen ist deshalb so schlimm, weil ein Teil der Geschwister nichts gelernt hat und keine stetigen Jobs hat. Daher ist das wohl auch Überlebenstrieb.
Neid gegenüber mir besteht schon immer, weil ich gut in der Schule war. Es ging so weit, dass eine der Geschwister, die wesentlich älter sind als ich, mein Abitur versuchte zu torpedieren, indem sie mich dauerbeschäftigte vor den Klausuren oder Dramen spann. Selbst wenn ich den Kindern Postkarten schicke, will ich damit wohl beweisen, dass ich ein besserer Mensch sei.
Ich habe mal als kleines Kind auf einem Schulflohmarkt etwas verschenkt. Ich habe einen richtige Standpauke bekommen. Es kam aber noch schlimmer, als mein Vater starb (ist sehr lange her), ich war 12 und eine der drei Erben, mir wurde als Kind (das überhaupt gar nichts davon verstand) eingebläut, dass ich zu weinen habe auf der Beerdigung und das mein Anteil jetzt aufgeteilt wird.
Das war dann wohl die Trauerarbeit.
Ich kam wohl nie drüber weg. Weil ich einfach meinen Vater vermisst habe und überhaupt nicht verstanden habe, was passiert.
Heute gibt es einen ähnlichen Fall in der Familie. Und ich schäme mich.
Sehr.
Ich weiß nicht so wirklich, wie ich mit dieser Scham umgehen soll.
Wir steuern auf ein ähnliches Szenario zu. Ich habe bereits böse Emails von meinen Halbgeschwistern bekommen, dass ich mich jetzt wohl wieder (ich war damals 12 Jahre alt) als der Gutmensch aufspielen würden wolle und Leute gegeneinander aufhetzen wolle.
Das macht ja keinen Sinn.
Bei mir macht sich deswegen jedoch unfassbare Panik breit.
Und ich schäme mich sogar, mit meinen Freunden darüber zu reden. Daher freue ich mich, über Tipps hier. Ich hoffe, das war nicht zu verworren, ich habe sogar sehr lange gebraucht um herauszufinden, dass es tatsächlich Scham ist, was ich da empfinde.
Fragen beantworte ich gern, falls ich mich nicht klar ausdrücken konnte.
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 13
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29.07.2018, 18:01
Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
Geändert von Madri (29.07.2018 um 18:13 Uhr)
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29.07.2018, 18:28Inaktiver User
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
Hallo Madri, herzlich willkommen

Nüchtern betrachtet hast Du ja einigen Grund, Dich in Deiner Familie unwohl zu fühlen.
Wofür aber schämst Du Dich?
Ist das so eine Art Fremdschämen für deren Verhalten?
Die benehmen sich schlecht... dafür musst Du Dich doch nicht schämen!
Oder schämst Du Dich Deiner Familie gegenüber für Dein Verhalten, Deine Gefühle ihnen gegenüber?
Hast Du ein schlechtes Gewissen wegen Deines Schämens?
In dir macht sich Panik breit? Wovor?
Ist es die Angst, verstoßen zu werden, nicht dazu zu gehören?
Hast Du unterschwellig Angst, dass sie recht haben könnten und Du tatsächlich diejenige bist, die "falsch" fühlt, wahrnimmt und (absichtlich?) einen Keil in das Familiengefüge treibt?
Und zum Schluss:
Was möchtest Du?
Anerkanntes Mitglied einer freundlichen, zugewandten Familie sein? Ist dies mit diesen Menschen möglich?
Deine Gefühle verändern, um so zu sein, wie sie Dich gerne hätten?
Souveräner zu Dir, Deinen Wahrnehmungen und den hierdurch bei Dir entstehenden Gefühlen stehen?
Den Kontakt deutlich einschränken oder abbrechen?
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29.07.2018, 18:42
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
Hallo Madri!
Ich gestehe, dass ich nicht ganz durchblicke, was Deine Familienkonstellation
betrifft.
Du sprichst abwechselnd von Geschwistern, Kindern, denen Du Postkarten
schickst, von Halbgeschwistern.
In wie fern spielen sie im Einzelnen eine Rolle in Deinem Leben?
Hast Du viel oder wenig Kontakt?
Du meinst, dass jemand aus Deiner Herkunftsfamilie verstorben ist und
irgend ein Erbe aufgeteilt werden soll?
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29.07.2018, 19:02
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
Ich ekel mich vor deren Hinterhältigkeit.
Sie sind fürchterlich unmenschlich. Und ich gebe zu, dass ich eigentlich gern etwas machen würde, egal wie wird es allerdings gegen mich gerichtet werden. Also ist nichts tun, wohl das beste.
Für mich fühlt es sich allerdings an wie Ohnmacht.
Beides.Oder schämst Du Dich Deiner Familie gegenüber für Dein Verhalten, Deine Gefühle ihnen gegenüber?
Hast Du ein schlechtes Gewissen wegen Deines Schämens?
Ist bereits geschehen.In dir macht sich Panik breit? Wovor?
Ist es die Angst, verstoßen zu werden, nicht dazu zu gehören?
Es war auch immer so.
Die Blicke sind so verächtlich. Es tut richtig weh.
Ich bin dafür nicht gemacht.
Oje, auch das.Hast Du unterschwellig Angst, dass sie recht haben könnten und Du tatsächlich diejenige bist, die "falsch" fühlt, wahrnimmt und (absichtlich?) einen Keil in das Familiengefüge treibt?
Ich kann überall nur zustimmen.
Nein. Ich kann mich in fast vierzig Jahren an nicht ein gutes Gespräch erinnern.Was möchtest Du?
Anerkanntes Mitglied einer freundlichen, zugewandten Familie sein? Ist dies mit diesen Menschen möglich?
Hier habe ich ein bisschen Hoffnung, glaube ich.Deine Gefühle verändern, um so zu sein, wie sie Dich gerne hätten?
Ich interpretiere vieles was sie tun, als bösartig. Manchmal denke ich, sie könnten es ja einfach nur nicht besser wissen.
Ich habe in diesen Gedankengang allerdings schon als Kind so viel Energie gesteckt, dass ich allein bei dem Versuch eine Depression bekomme. Meine eine Schwester hat mich als Kind dann häufig als "Ideengeber" genutzt, wie man es auch machen könnte. Ich bekomme Panik, wenn sie wieder an meine Reserven geht.
Eigentlich habe ich den Kontakt abgebrochen. Mein Kopfkarousell hört sich aber nicht auf zu drehen. D.h. ich habe ein schlechtes Gewissen.Souveräner zu Dir, Deinen Wahrnehmungen und den hierdurch bei Dir entstehenden Gefühlen stehen?
Den Kontakt deutlich einschränken oder abbrechen?
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29.07.2018, 19:05Inaktiver User
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
Hallo Madri,
ich habe mich in dem, was du geschrieben hast, sehr wiedererkannt. Auch ich habe mich oft für meine Familie geschämt, und mich dann dafür geschämt, dass ich mich schäme. Das ist vorbei!
Du hast in deiner Familie offenbar wenig Liebe erfahren. Also schuldest du ihnen auch keine Zuneigung. Distanziere dich von ihnen, soweit es möglich ist, und leb dein Leben. Du kennst oder triffst bestimmt viele andere Menschen, die du magst und die dich mögen. Und auch wenn du aus einer kaltherzigen Familie kommst, kannst du selbst lieben und geliebt werden. Manchmal braucht man dazu etwas Zeit und auch Hilfe, aber es geht.
Ich bin heute noch manchmal ein wenig traurig, keine wirkliche Familie zu haben. Aber wenn ich meiner Familie nicht irgendwann gekündigt hätte, wäre ich wirklich vor die Hunde gegangen. Also: Nur Mut! Du bist nicht deine Familie, du bist Madri, und du kommst auch ohne die Familie klar.
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30.07.2018, 07:03Inaktiver User
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
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Geändert von Inaktiver User (17.11.2021 um 20:15 Uhr)
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30.07.2018, 07:58
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
Meinst Du, mit "gerne etwas machen", den Kontakt wieder auflebenEigentlich habe ich den Kontakt abgebrochen.
zu lassen?
Ich schätze, damit würdest Du das Risiko eingehen, mit all denjenigen
Personen, für die Du Dich schämst, assoziiert zu werden, also auch
eine Sache der Identifikation.
Fremdschämen hat auch viel mit Selbstreflektion zu tun, denn es führt
Dich unweigerlich zu der Frage, wie Du sein willst - und wie Du überhaupt
nicht sein willst.
Bei dem Thema als solchem handelt es sich um eine soziale Emotion,
und ich denke, dass es jeden von uns mal im Laufe des Lebens betrifft.
Man kann sich ganz gut auf der kognitiven Seite damit auseinandersetzen.
Professionelle Unterstützung halte ich in diesem Fall echt für überzogen
(sorry, @kenzia).
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30.07.2018, 08:37Inaktiver User
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
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Geändert von Inaktiver User (17.11.2021 um 20:15 Uhr)
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30.07.2018, 09:54
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
liebe Madri, vielleicht ist es ja wirklich ein etwas ungewöhnlicher Schritt, mal zu gucken, was Scham eigentlich ist - aber manchmal kann man die Dinge ja leider nicht ändern, die Bewertung der Dinge jedoch schon. Dabei könnte dieser Schritt vielleicht helfen.
die Negativbesetzung des Gefühls Scham ist eine kulturelle Sache, Scham ist erstmal einfach nur neutral, und wie jedes Gefühl hat auch sie grundsätzlich mal einen praktischen Nutzen, der uns dient. Scham kann u.a. als eine Wächterin unserer Grenzen verstanden werden, d.h. wenn unsere Grenzen überschritten werden oder wenn wir unsere eigenen Grenzen überschreiten, dann kann das als Scham oder Beschämung gefühlt werden. Das ist unangenehm, aber grundsätzlich nichts schlechtes, da wir dadurch lernen können, unsere Grenzen mehr zu achten und ggf einzufordern, dass unsere Grenzen geachtet werden.
Letzteres wird vielleicht in deiner Familie so nicht gehen, aber dann musst du dich auch nicht zur Verfügung stellen, dass ständig über deine Grenzen gelatscht wird, Und vor allem - du musst dich dann nicht mehr schämen. Es geht um innere und äußere Distanzierung.
Der Schmerz um den Verlust der familiären Geborgenheit, oder das, was man dafür hält, wird vielleicht nie ganz vergehen - aber du kannst eine Position finden, wo du dich deshalb nicht abwertest oder abwerten lässt und/oder dich schlecht fühlst.
Mir persönlich hat es übrigens auch viel geholfen, mich mit unserer eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen, um die Themen in unserer Familie besser verstehen und meinen Platz darin finden zu können. Zu dem Zeitpunkt hatte ich allerdings schon einiges an innerer und äußerer Distanz. Und meine Erkenntnisse führten auch nicht dazu, irgendwen oder was entschuldigen zu wollen, ja, ich habe nicht einmal mal eine Änderung damit beabsichtigt. Es war einfach meine Art, die Dinge zu sortieren und neu zu bewerten, damit ich besser damit klar komme.Geändert von Amelie63 (30.07.2018 um 10:01 Uhr)
Grüße
A.
Wenn man bedenkt,wie oft ich in diesem Leben schon falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch auf diesem Planeten befinde.
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31.07.2018, 06:36Inaktiver User
AW: Scham gegenüber der Herkunftsfamilie
Liebe Madri,
ich sehe das wie Kenzia. Es wäre wichtig, sich diese belastenden Gefühle gegenüber Deiner Familie anzuschauen und das, was wirklich früher gelaufen ist bzw. mit Sicherheit immer noch läuft.
Du beschreibst eine Verwirrtheit bzw. es scheinen Dich die Gefühle zu überwältigen. Es ist toll, dass Du das so äussern und beschreiben kannst. Es wäre besser, das besprechen zu können, und zwar tatsächlich mit prof. Hilfe.
Du scheinst im Familiensystem das Aschenputtel oder irgendwie die Gemobbte gewesen zu sein. Dein Wesen (gut in der Schule, Focus nicht auf materiellen Dingen) wurde Dir zum Vorwurf gemacht. (Kenne ich übrigens gut).
Problem ist: wenn man sowas jahrzehntelang gehört hat, verinnerlicht man das und macht es sich selbst zum Vorwurf bzw. schämt sich wegen der eigenen Person.
So kommt man nie dazu sich-selbst zu werden. Ich wünsche Dir, dass Du bald Dein eigenes, schönes Wesen leben und diese schreckliche Familie hinter Dir lassen kannst!



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