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  1. User Info Menu

    Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Ich würde dies hier gern als Outtake eines bereits bestehenden Stranges weiterführen.

    Viele UserInnen haben Erfahrungen mit Konflikten mit der Generation vor ihnen. Wie kann man diese Konflikte soweit bearbeiten, dass die nachfolgende Generation nicht mehr davon betroffen ist?

    Dass dieses EP sehr kurz gehalten ist, ist der späten Stunde geschuldet.
    Ich hoffe auf maryquitecontrary und den Beitrag, den ich mir von ihr "hierhergewünscht" habe...
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

  2. Moderation

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Hier isser, Mitternachtsblau, ohne Zitate und Querverweise, da die in einen anderen Kontext gehören und hier ja ohne Bezug auf Problemstellungen aus anderen Strängen diskutiert werden soll, wenn ich dich richtig verstanden habe. Habe also ein bisschen redigiert.




    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    Ich greife das noch mal auf. Nehme wahr, dass meine bisherigen Beiträge wahrscheinlich zu telegrammartig-kryptisch waren.


    Dieses wirr werden (in der Erzählung, im Austausch) handelt von einem Mangel an Kohärenz .


    Kohärenz (coherence) ist ein wichtiger Begriff, wenn es darum geht, nicht einfach kognitive Prozesse (Rechnen, Logik) zu leisten, sondern Beziehung zu reflektieren.


    Beziehung reflektieren und dabei kohärent, also zusammenhängend, zu bleiben kann man dann, wenn man den Gefühlen, die das auslöst und beinhaltet, gewachsen ist.

    Wenn man sie gleichzeitig wahrnehmen und reflektieren kann.



    Wenn das schwierig ist, weil zu schmerzhaft, vielleicht auch zu schmerzhaft gekoppelt an wiederum andere, eigene Erfahrungen - dann wehrt sich der psychische Apparat (wenn ich diesen Begriff für das Zusammenspiel aus bewussten und unbewussten Prozessen mal benutzen darf) gegen das Aufkommen der Gefühle. Das nennt man Verteidigungsprozesse (defensive processes).

    Und hier geht es wirklich um Leid, um Schmerz, beziehungsweise den Versuch, mit diesem umzugehen. Das ist auch keine bewusste Wahl, das sind intrapsychische Prozesse, die unterhalb der kognitiven Verarbeitung ablaufen. Und sie haben "Kosten" - sie gehen auf Kosten der Beziehung.

    Und auf Kosten der Kohärenz und des Verstandenwerdens.



    Bei diesen Verteidigungsprozessen gibt es zwei "Stufen" in der Intensität der Verteidigung:


    In der ersten Stufe werden entweder 1) die Beziehungsgefühle heruntergedimmt bzw ausgeschaltet. "Deaktivieren" nennt man das. Man kann dann erzählen, aber ohne gefühlsmässige Beteiligung, und man spielt die gefühlsmässigen Inhalte herunter. Das ist ein Versuch, Distanz zu schaffen.


    eine 2) Variante ist die Flutung, die "kognitive Abkoppelung". Es kommen viele Gefühle, aber sie werden nicht in Zusammenhang gebracht und müssen keinen Sinn ergeben. Solange kein Zusammenhang da ist, entsteht bedeutend weniger Schmerz.


    Wenn diese erste Stufe nicht ausreichen würde, gibt es eine zweite Stufe in der Intensität der Verteidigung. Dies ist die Abspaltung/Dissoziation ("getrennte Systeme").

    Dabei wird die Kohärenz sehr beeinträchtigt. Man kann kaum noch verstanden werden, weil die Sinnzusammenhänge fragmentiert sind.






    Noch mal zu der Frage der Nichtbeachtung. Von Erwachsenen gegenüber Kindern. Und (größeren) Kindern gegenüber Erwachsenen.
    (Bezug zur Aussage eines Users)


    Zum ersten Fall: Nichtbeachtung ist für Kinder, je kleiner umso schlimmer, sehr schwer auszuhalten und in konsequenter Form schädlich und misshandelnd.

    Aber ich nehme an, so ist das gar nicht gemeint

    Sondern mehr als Plädoyer dafür, dass Eltern sich auch mal aus dem Schmerz rausnehmen dürfen, der in der Beziehung zu den Kindern entstehen kann (bzw aktualisiert wird). Und Nichtbeachtung ist im Grunde eine Variante der oben beschriebenen ersten Stufe der Verteidigung, die Deaktivierung heisst. Der versuch Distanz zu schaffen und die Emotionen zu reduzieren.


    Gleichermassen lese ich die Beschreibungen der ehemaligen Kinder hier im Forum, Distanz zu schaffen, indem die Beziehung zu den Eltern angebrochen wird, als Versuch, mit einem immer wieder neuen Schmerz umzugehen.
    Im leichteren Fall dem Schmerz, erneut nicht verstanden zu werden. Im schweren Fall dem Schmerz der immer neuen Verletzung.



    Zurück zur Kohärenz: wie kann man in Angesicht von Verletzung, Schmerz, seelischem Trauma aus früheren Beziehungserfahrungen, in Kontakt mit seinen Gefühlen bleiben und nicht in die Verteidigung gehen?


    Durch Integration.


    Integration dadurch, dass man, eventuell im geschützten Raum einer Psychotherapie, lernt, sich von alten Bildern und Gefühlen mehr zu lösen. Dass sie nicht im heutigen Leben so stören müssen, dass Wunden heilen können, weil sie alt sind, und man heute anders leben kann. Dadurch kann man seine Gefühle, seine Beziehungen und auch seine Körperempfindungen im Heute anders leben, als man früher geprägt worden ist.

    Aber das können lange Prozesse sein, wenn man viele schwierige Erfahrungen hat und wenn man schon lange so gelebt hat- man baut ja immer neue schwierige Erfahrungen auf die alten drauf. Je nachdem, wie tief das sich eingewebt hat.


    Wenn man nicht mehr den Schmerz alter Gefühle mit sich schleppt, kann man aktuellen Gefühlen in Beziehungen ohne allzu große Abwehr begegnen. Und sie reflektieren. Und zuammenhängend = kohärent von ihnen sprechen.


    Ich weiss nicht, ob das, was ich versuche zu beschreiben, verständlich wird.

    Ich hoffe, man kann es trotz fehlender Zitate/Bezüge noch lesen.

    Gute Nacht :-)

  3. User Info Menu

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Lieben Dank!! Ich werde morgen früh ausführen, worauf ich hinaus will und freue mich auf eine rege Diskussion!
    So long,
    Mitternachtsblau
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

  4. Inaktiver User

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Habe mir den Ursprungsstrang soweit durchgelesen.

    Hhm .... immer so eine Sache mit Konflikten in Familien und wie damit umgegangen wird. Da fällt ja auch ne Menge drunter.

    Sehr weites Thema hast Du da angepackt Mitternachtsblau und danke Mary für Deine Ausführungen. Sehr interessant .

    Werde den Strang aufmerksam verfolgen.

  5. User Info Menu

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Liebe MitschreiberInnen,

    zumeist schreibe ich nicht sehr enthusiastisch in den Müttersträngen mit, weil ich mit meinem Mutterthema abgeschlossen habe.
    Was mich allerdings hier zu dieser Frage treibt, ist eher allgemeiner Natur und meine Muttersituation soll dafür als Beispiel herhalten.


    Ich wuchs auf als einziges Kind einer ostdeutschen Künstlerfamilie. Meine Mutter trennte sich von meinem Vater, als ich fünf Jahre alt war, von da an durfte ich ihn nie wieder sehen und meine Mutter ließ nie einen Zweifel daran, dass sie mich aus dem Hause werfen und nie mehr sehen wollen würde, wenn ich jemals diesen Kontakt aufleben ließe.

    Meine Kindheit war geprägt von einer gelungenen Mischung aus sadistisch gefärbtem Besitzanspruch und massiver Vernachlässigung. Details sind für die Frage an sich aber wohl unerheblich.


    Als ich erwachsen und eben mit meiner Erstgeborenen schwanger war, befand ich, dass es meine Entscheidung wäre, ob ich meinen Vater kennenlerne oder nicht und ich mich nicht mehr erpressen lasse.
    Meine Mutter warf mich in Folge per Brief aus dem Haus.
    Dies ist nun über 28 Jahre her. Vermisst habe ich sie nie. Mit Anfang /Mitte 20 habe ich über einige Jahre eine Gesprächspsychotherapie gemacht, Ziel derselben war vordringlich, die Mechanismen einfach zu begreifen. Wenn ich Dinge der Logik nach begreife, kann ich mich mit ihnen arrangieren, das ist meine Art der (offensichtlich erfolgreichen) Bewältigung.
    Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich beim Störungsbild meiner Mutter um eine sehr heftig ausgeprägte Narzisstische Persönlichkeitsstörung handelt. (Es spielt noch anderes mit hinein, aber verifiziert ist das alles nicht.)


    Was mich umtreibt, dieses Thema hier anzurühren: einen Punkt im System habe ich bis heute nicht abschließend klären können, nämlich den: haben solche Menschen wie von Mary oben beschrieben, tatsächlich Gefühle, die sie abspalten?
    Zitat von Mary:
    Beziehung reflektieren und dabei kohärent, also zusammenhängend, zu bleiben kann man dann, wenn man den Gefühlen, die das auslöst und beinhaltet, gewachsen ist.
    Mir fehlt einfach die Vorstellung davon, dass diese zutiefst bösartige Frau einfach nur "ihren Gefühlen nicht gewachsen sein könnte".

    Nun gehört zum Bild der NPS, dass diese Menschen lügen, ohne es zu merken. Also quasi nicht "absichtlich" die Unwahrheit sagen, sondern die Wahrheit so modifizieren,dass sie zu ihrer persönlichen Wahrnehmung passt.
    Bis zu einem gewissen Grad tut das jeder, weil Wahrnehmung subjektiv ist. Aber bei meiner Mutter (oder einer NPS allgemein) nimmt das wirklich groteske Züge an.

    Als letztes Jahr meine Oma starb, gab es Korrespondenz.
    Meine Mutter teilte mir den Umstand mit, ich verteilte ihn an meine Kinder weiter, wir kondolierten.
    Die einzige, die zur Beerdigung fahren wollte, war meine Tochter. Kurz vorher musste sie allerdings absagen - und sie schrieb meiner Mutter/ihrer Oma eine sehr freundliche E-Mail (es war zu diesem Zweck - Logistik Beerdigung - eigens ein Mailaccount erstellt worden), dass sie leider nun doch nicht kommen könne, weil ihr Sohn krank sei.

    Da könnte man nun annehmen, dass sowas einigermaßen unangreifbar wäre.
    Darauf antwortete meine Mutter allerdings mit einer unglaublichen Schmähtirade, die vor glühendem Hass nur so triefte.
    Vordringlich erklärte sie meiner Tochter (obwohl das gar nicht Gegenstand irgendeiner Frage gewesen war), wie froh sie sei, schon "vor 30 Jahren die Füße 'rausgezogen zu haben", seit sie eine Vorladung zur Polizei bekam, weil ich sie wegen Einbruchs in meine Wohnung und Diebstahl meiner Wertsachen angezeigt hätte. Das alles wurde so detailverliebt beschrieben ("natürlich war nichts gestohlen, der Hausmeister musste die Tür vor Zeugen wegen eines vergessenen laufenden Wasserhahns öffnen"), dass ich echt an meinem eigenen Verstand gezweifelt hätte, hätte ich meinen Rausschmissbrief von damals nicht all die Jahre sorgsam aufbewahrt...
    Das, was sie da schrieb, ist komplett ausgedacht und hat nicht stattgefunden. Ich kann es beweisen und ich kann allerhand Details anführen, die das logisch widerlegen. Z.B. dass die bewusste Wohnung auf ihren Namen lief, sie auch einen Schlüssel besaß und dort als Zweitwohnsitz angemeldet war - und ich gerade eben zu meinem Kindsvater gezogen war - und man wohl niemanden wegen angeblichen Einbruchs in seine eigene Wohnung anzeigen kann.

    Und mir fällt eben immer wieder auf, das betraf meinen Vater, das betraf später mich, auch meinen langjährigen Stiefvater - ihr Hass auf Menschen schwächt sich nicht im Laufe der Jahrzehnte ab. Der glüht so heiß wie am Tag der akuten Kränkung.
    Aber die Vorstellung davon, dass es für sie schmerzhaft im Sinne von bemitleidenswert ist, die fehlt mir. Dass ihr irgendwas wehtut und sie das als Wut kanalisiert.
    Sie hat ja nur ein Kind - und zwei Enkel und einen Urenkel - und keinerlei Kontakt.
    Aber von Wehmut, Trauer, Kummer kann ich keine Spur wahrnehmen.

    Ich höre erstmal an dem Punkt auf, das liest ja sonst kein Mensch freiwillig am Stück...
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

  6. Moderation

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    @Mitternachtsblau: nur kurz, sonst prokrastiniere ich

    Die Modelle, die ich hier anspreche, sind Modelle für eine tiefgreifende Persönlichkeitsorganisierung. Der Schmerz ist also auch tief unten irgendwo drin und oft in einem rigiden System ganz weit weg gehalten. Es handelt sich ja auch um einen alten Schmerz, aus einer frühen Phase.

    Insofern ist dieses "ihren Gefühlen nicht gewachsen" eine nicht so passende Beschreibung. Es handelt sich um deutlich mehr als "nicht gewachsen", und das ist so lange her, und seither ist viel geschehen. Aber die Organisiserung der Persönlichkeitsstruktur beginnt eben in den frühen Interaktionen und gestaltet sich mehr oder weniger defensiv. Was du von deiner Mutter schilderst, weist ja auf eine möglicherweise sehr pathologische, polarisierte Struktur hin.

    Ich betrachte diese Modelle grundsätzlich als Annäherungen zum Zwecke des Verständnisses. In meinem Beruf auch als Modelle, um die Eltern (eben solchermassen strukturierte) meiner kleinen Patienten besser zu verstehen. Es geht nicht um "Entschuldigungen" oder Exkulpation.




    Dass du "keine Spur ... von Wehmut, Trauer, Kummer wahrnehmen" kannst, verwundert nicht. Vielleicht würde dich, wenn du es wissen wolltest, Literatur zum Thema weiterbringen. Ich würde aber nicht Wardetzki lesen (nichts gegen sie, also) sondern Kernberg. Vielleicht anfangen mit diesem Artikel von Anthony Bateman 'Thick- and thin-skinned organisations and enactment in borderline and narcissistic disorders', siehe evt. hier.
    that was the river - this is the sea


    Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum

  7. Inaktiver User

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Mitternachtsblau, das ist ja heftig.

    In meinem viel viel harmloseren Fall glaube ich schon, dass meine Mutter da viele Gefühle "verbuddelt" hat - und sich ihnen nie gestellt hat. Was zu seltsamen Reaktionen bei gewissen alltäglichen Kontakten führt. Bei mir ist es so, dass die Tatsache, selbst Kinder zu haben, vieles in Frage gestellt hat, was ich für selbstverständlich hielt und mir sehr vieles klar geworden ist so im Nachgang, obwohl ich, wie ich glaube, eigentlich immer eine sehr kohärente Person war.

    Ein Beispiel erstmal von mir: ein Problem meiner Kindheit und meiner frühen Erwachsenenzeit war, dass ich immer sehr nah am Wasser gebaut war. Ich fing sehr schnell an zu weinen, mir wurde sogar manchmal unterstellt, aus manipulativen Gründen, und mir war es nur höchst unangenehm und peinlich, wenn ich wieder in irgendeiner Situation, in der ich lieber tough gewirkt hätte, das Weinen nicht unterdrücken konnte.
    Erst sehr spät sind mir die Mechanismen aufgegangen, als mir auffiel, was die Situationen waren, in denen ich geweint habe. Das waren fast immer Situationen, in denen ich mich hilflos fühlte, oft einer Autorität gegenüber (Eltern, Lehrer, aber auch kräftiger, größere Kinder, die mich irgendwie angingen).
    Als Kind wurde mir eines massiv eingeimpft: man darf Autoritäten nicht widersprechen, man darf vor allen Dingen (gerade den Eltern gegenüber) keine Wut, keinen Gegenwind zeigen - das ist böse. Meine Mutter fing dann an zu weinen, dass ich sie so behandle, schmollte mindestens einen Tag lang, und mein Vater neigte dann zu (damals völlig im Rahmen des Normalen liegenden) Schlägen und Rumschreien.
    Da ich aber ein selbst und durchaus kritisch denkendes Kind oft innerlich Widerspruch hatte, machte sich das wohl in dem Weinen Luft - für das ich selbst aber überhaupt keine Erklärung hatte - diese Gefühle von Wut waren da schon so weit unterdrückt und abgespalten, dass ich sie gar nicht mehr wahrnehmen konnte.
    Und als Kind hat man ja ständig mit Autoritäten zu tun, ich bin da erst dahintergekommen, als es im Erwachsenenalter immer nur noch in gewissen Situationen auftrat.

    Übrigens: trotz dieser Erkenntnis ist das mit dem Weinen noch nicht ganz weg. In Situationen der Hilflosigkeit, vor allen Dingen, meine Kinder betreffend, kommen mir immer noch die Tränen. Also sind vermutlich die Situationen von damals nicht wirklich aufgearbeitet (woher auch, eine Therapie habe ich nie gemacht) bzw. wirken noch sehr stark im Unterbewusstsein.

    Und noch ein Nachtrag, nachdem ich Marys Posting gelesen habe - ich kann das natürlich nicht wirklich an Situationen festmachen, das ist so ein nachträgliches Bild, und ich könnte auch nicht sagen, wann das angefangen hat - aber auf jeden Fall weiß ich, dass meine Mutter sich sklavisch (evtl. sogar mit schlechten Gefühlen, das weiß ich nicht) an die Dogmen jener Zeit gehalten hat: Kind schreien lassen, streng nach der Uhr füttern, Kind dann eben auch alleine in einem Zimmer schreien lassen etc. - und überhaupt wurde es als schlecht erachtet, einem Kind zu viel Aufmerksamkeit zu geben (und "zu viel" war schon vieles, was ich heute als selbstverständliche Aufmerksamkeit nehmen würde). Ich sage übrigens nicht, dass alle damals so waren - meine Schwiegermutter war da ganz anders drauf, sie war auch immer der Meinung, dass man die Kinder erstmal anhören muss in Streitfällen, auch ihre Meinung zumindest in Erwägung ziehen - bei meinen Eltern hatten die Erwachsenen grundsätzlich recht. Und auch das hat mit deren Vorgeschichte zu tun.

    So, auch ich schicke das erst mal ab, im nächsten Posting dann zu meiner Mutter.
    Geändert von Inaktiver User (08.03.2018 um 08:42 Uhr)

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    Ich hoffe, man kann es trotz fehlender Zitate/Bezüge noch lesen.
    Vielen Dank für die ausführliche Erläuterung . Mir hilft das sehr, bestimmte Dynamiken in meiner Familie besser zu verstehen.

    Zitat Zitat von Mitternachtsblau Beitrag anzeigen
    Was mich umtreibt, dieses Thema hier anzurühren: einen Punkt im System habe ich bis heute nicht abschließend klären können, nämlich den: haben solche Menschen wie von Mary oben beschrieben, tatsächlich Gefühle, die sie abspalten?
    (...)
    Mir fehlt einfach die Vorstellung davon, dass diese zutiefst bösartige Frau einfach nur "ihren Gefühlen nicht gewachsen sein könnte".
    Das kann ich gut verstehen, es übersteigt auch meine Vorstellungskraft. Sicherlich ist es für dich noch mal schwerer, weil deine Mutter der Beschreibung nach tatsächlich bösartig gehandelt hat. Meine eigene Eltern waren/sind für mein Empfinden "nur" extrem egozentrisch und empathielos.

    Aber ich finde Marys Erklärung sehr schlüssig. Ich habe mir die "Weigerung" meiner Eltern, bestimmte Dinge anzuerkennen, eigenes Fehlverhalten zu reflektieren, immer so erklärt, dass es für sie zu schmerzhaft wäre und ja letztendlich im Nachinein ja auch ihr ganzes Weltbild ins Wanken bringen würde.

    Bei meinem Vater sind immerhin Ansätze von Reflektion erkennbar und er bemüht sich in den letzten Jahren auch spürbar um eine Verbesserung unseres Verhältnisses, komplett sehen kann und will er manche Dinge aber nicht.

    Meine Mutter lebt überzeugt mir ihrem Bild von sich als vorbildhafte Mutter, die das sie ja immer so eine wunderbare Mutter war auch garnicht verstehen kann, warum die Beziehung mit ihren Kindern, besonders mit ihrer Tochter nicht so läuft wie sie sich das vorstellt. Um das rauszukommen müsste sie sich eingestehen, dass sie trotz bester Vorsätze (die sie sicherlich hatte) viele Denk-u nd Verhaltensweisen ihrer eigenen Mutter fortgeführt hat.

    Zum Thema Bewältigung dieser generationen übergfreifenden Konflikte: dies ist für mich noch mal ganz wichtig geworden, seit meine Tochter auf der Welt ist. Meine Erkenntnis ist, dass der Weg leider ohne meine Mutter stattfinden muss. Also, nicht im Sinne von Kontaktabbruch, aber sie ist kein Teil der Lösung sondern ein Hindernis, dass irgendwie "bewältigt" werden muss, wenn Kontakt zum Enkelkind aufrecht erhalten werden soll.
    Bei meinem Vater bin ich noch nicht ganz sicher.

    Zentral ist für mich die gründliche Aufarbeitung meiner familiären Vergangenheit und die Konfrontation mit mir selbst, vor allem auch mit meinen "schlechten" Anteilen. Ich bin der Überzeugung, nur wenn ich die schmerzhaften und ungewollten Vergangenheitselemente und Eigenschaften sehe, kann ich sie überwinden und verhindern, dass diese Dinge an meine Tochter weitergegeben werden.
    Teil davon ist die emotionale Loslösung von meinen Eltern, für die ich leider sehr lange gebraucht habe.

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Erst sehr spät sind mir die Mechanismen aufgegangen, als mir auffiel, was die Situationen waren, in denen ich geweint habe. Das waren fast immer Situationen, in denen ich mich hilflos fühlte, oft einer Autorität gegenüber (Eltern, Lehrer, aber auch kräftiger, größere Kinder, die mich irgendwie angingen).
    Mir geht es z.T. bis heute so. Allerdings war und ist das bei mir oft gepaart mit unbändiger Wut, die sich als Kind auch in körperlicher Aggression geäußert hat, was mich natürlich oft in Schwierigkeiten gebracht hat.

    Bei uns war es allerdings so, dass meine Mutter die einzige Autorität war. Widerspruch (so ich mich denn überhaupt getraut habe) wurde mit verbaler Gewalt (Niederschreien, beißender Sarkasmus) oder Liebesentzug unterdrückt.

    Für mich ist es sehr erkenntnisreich und heilsam zu sehen, wie bei uns im Freundeskreis die Eltern von älteren Kindern so gänzlich anders mit ihren Kindern umgehen. Natürlich gibt es auch da Streit, aber dann werden konstruktive Lösungsansätze entwickelt, das Kind wird trotz Fehlverhaltens mit Respekt behandelt.

    Respekt vor dem eigenen Kind ist für mich auch ein ganz zentraler Punkt. Ist mit einem eineinhalbjährigen Töchterchen mit sehr ausgeprägtem Willen nicht immer leicht umzusetzen , aber da muss ich halt durch.
    Geändert von guerteltier (08.03.2018 um 09:04 Uhr) Grund: Tippfehler

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von guerteltier Beitrag anzeigen
    Zentral ist für mich die gründliche Aufarbeitung meiner familiären Vergangenheit und die Konfrontation mit mir selbst, vor allem auch mit meinen "schlechten" Anteilen. Ich bin der Überzeugung, nur wenn ich die schmerzhaften und ungewollten Vergangenheitselemente und Eigenschaften sehe, kann ich sie überwinden und verhindern, dass diese Dinge an meine Tochter weitergegeben werden.
    Teil davon ist die emotionale Loslösung von meinen Eltern, für die ich leider sehr lange gebraucht habe.
    Ja, das halte ich auch für einen zentralen Punkt, sobald man Verantwortung für die eigenen Kinder übernimmt.

    Mich hat das lange intensiv beschäftigt - wo kam es her, was war der Anteil meiner Oma, was davon wirkt sich auf meine Kinder eventuell aus...und ich glaube, diese sehr bewusste Beschäftigung und (hoffentlich doch) Reflektion samt Weiterentwicklung hat maßgeblichen Schaden von meinen Kindern abgewendet.
    Zumindest wirkt das im Moment so auf mich (Tochter ist jetzt 28, Sohn bald 22), aber das Leben ist ja gewisser Veränderungen in der Perspektive unterworfen, wer weiß, worüber wir hier diskutieren, wenn der Enkelzwerg in der Pubertät ist, was keine 10 Jahre mehr hin sein dürfte.
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

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