Antworten
Seite 3 von 58 ErsteErste 123451353 ... LetzteLetzte
Ergebnis 21 bis 30 von 573
  1. User Info Menu

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    An die Mitschreibenden: habt ihr denn eine Idee/Erklärung dazu, dass ihr, trotz schwieriger Erfahrungen in eurer Familie, angefangen habt, das zu reflektieren und zu versuchen, es nicht eine Generation weiter zu führen.?
    In einem anderen Forum, in dem ich regelmäßig schreibe hat dazu mal jemand folgende Theorie aufgestellt (oder weitergegeben): jede Generation macht es zumindest ein kleines Bisschen besser, als die vorhergende, und irgendwann kommt der Punkt, an dem jemand aus der aktuellen Generation dann im Stande ist, wirkliche Verbesserungen umzusetzen. Quasi so wie wenn man Hocker aufeinanderstapelt, bis schließlich mit dem letzten Hocker der Gegenstand, den man haben möchte erreicht werden kann.

    Keine Ahnung, ob da war dran ist, für meine Familie passt es irgendwie.

    Bei mir kommt hinzu, dass ich schon sehr jung psychisch "auffällig" wurde (Ängste, Depressionen, ausgeprägte soziale Inkompetenz) und gezwungen war, mich mit gewissen Dingen auseinanderzusetzen. Hat aber dann trotzdem lange gedauert, bis sich wirklich was gelöst hat.

    Zitat Zitat von Paraplumeau Beitrag anzeigen
    Was mich zu der Schlussfolgerung bringt, dass ich gar nicht fragen brauche, wenn ich doch an der Wahrhaftigkeit der Antwort ohnehin zweifeln muss.
    Ich zweifle an ihrer Version und ich zweifle an meiner Version, wie soll man denn unter diesen Umständen korrekt erinnern?
    (rhetorische Frage)
    Das kann einen tatsächlich wahnsinnig machen. Dass diese Frage so wichtig ist zeigt für mich aber auch, dass in der Beziehung was nicht stimmt. Mein Mann und ich erinnern uns auch sehr oft unterschiedlich/gegensätzlich, aber das ist egal, weil die Beziehung im hier und jetzt passt.

  2. Inaktiver User

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Liebe Mitternachtsblau,

    danke auch von mir für diesen Strang.

    Allein das Lesen Deiner Geschichte(n) "schmerzt" schon, um wieviel schlimme muß es sein, das selbst durchlebt zu haben.

    Ich bin mir sicher, dieser Strang wird uns noch lange- hoffentlich hilfreich und erkenntnisbringend- begleiten.

    Zitat Zitat von Mitternachtsblau Beitrag anzeigen
    Ich höre erstmal an dem Punkt auf, das liest ja sonst kein Mensch freiwillig am Stück...
    Doch.
    Gerade Familiengeschichten und -dynamiken müssen ausführlicher geschildert werden, um üerhaupt den Hauch eines Eindruckes vermitteln zu können.

    Zitat Zitat von guerteltier Beitrag anzeigen
    In der sehr lesenswerten Biographie von der Schriftstellerin Jeanette Winterson schreibt sie sinngemäß (das Originalzital habe ich mir irgendwo aufgeschrieben, müsste ich raussuchen): "Ich brauchte Worte weil unglückliche Familien sich zum Schweigen verschworen haben."
    Dieser Satz ist der Hammer und so wahr.

    Vielleicht gilt aber auch der Umkehrschluß:
    Weil die Worte fehlen (gemeint: der Mut für die Worte/Tatsachen) bleibt Schweigen und macht unglücklich.

    Das ist bestimmt interessante Lektüre, aber da muss man sich als Laie ja echt durchackern .
    Mary, Du postest so oft sicherlich extrem gute, sinnvolle und erkenntnisreiche Literatur, meist leider auf englisch, wahrscheinlich einfach deshalb, weil es keine entsprechende ebenso gute deutsche Fachliteratur dazu gibt.

    Obwohl ich beruflich englisch auch ständig sprechen und schreiben muß, sogar englische Fachbücher lektoriere, empfinde ich es dann bei diesem doch sehr intensiven Thema leider oft als sehr mühsam, mich auch mit diesem Bereich in einer Fremdsprache zu befassen.

    Ich würde mir wünschen, daß jemand wie Du - mit Deinem Wissen und der Parkettsicherheit in beiden Sprachen - mal ein entsprechendes Buch schreiben würde, das die englischen Artikel und Bücher für den ja reichlich vorhandenen deutschen Markt "zusammenfassen" würde. Ich wäre sofortiger Kunde.

    Zitat Zitat von Paraplumeau Beitrag anzeigen
    Wenn generationenübergreifend geschwiegen wird, habe ich gegenüber der Vorgängergeneration gar keine Möglichkeit, an Wissen über die Dinge von früher zu gelangen.
    Auf die Weise des verbalen Austausches können die Ereignisse, die eventuell zu Verletzungen geführt haben, nicht aufgearbeitet werden. Es muss dann eben ohne "Wortbeitrag" der Altvorderen passieren. (Schlecht wenn man auf der Suche nach Wahrheit ist, aber es gibt eben keine Alternative.)
    Manchmal gelingt es, die Fakten nicht in einem "Austausch" hervorzukitzen, sondern indem man das Gegenüber erzählen läßt.

    Oft reicht es ja, wie Mitternachtsblau es ebenfalls beschreibt, schon aus, daß man bestimmte Informationen neu dazu bekommt, mit denen man dann - für sich- weiterarbeiten kann.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, daß das Schlimmste nicht die Familienkonflikte an sich sind, auch wenn diese schlimm und schmerzhaft sind, sondern das absolute Totschweigen dieser Dynamiken.

    In dysfunktionalen Familien hat genau das meist noch ein so massives zusätzliches Gewicht zur eigentlichen Dysfunktionalität, daß da ganz schwer rauszukommen ist.

    Worte finden- wie guerteltier es oben so gut zitierte.
    Ich glaube, es fehlen vor allem Worte.

    Und das Schlimme ist, jedes Kind erlebt ja seine Ursprungsfamilie als erstmal als einzig bekanntes System.
    Es ist also lange erstmal gar nicht bekannt oder bewußt, daß dieses Totschweigen Mitursache der eigenen Schmerzen ist.

    Zitat Zitat von Paraplumeau Beitrag anzeigen
    Mich macht es wahnsinnig, wenn meine Mutter sich an Dinge anders erinnert.
    Damit meine ich nicht die Farbe der Latzhose, die ich in der zweiten Klasse trug, sondern Ereignisse, die unser Verhältnis prägten.
    Ich komme damit wirklich gar nicht klar, dass es keine übereinstimmende Version, dass es keine Wahrheit gibt.
    (Mich stört das immer, aber bei meiner Mutter tut es auch noch weh dazu, weil es mich als böses, verlogenes Kind dastehen lässt. )

    Ich zweifle an ihrer Version und ich zweifle an meiner Version, wie soll man denn unter diesen Umständen korrekt erinnern?
    (rhetorische Frage)
    Wer das nicht kennt, der kann sich darunter nichts vorstellen,
    wer Ähnliches erlebt hat, weiß genau was Du meinst.

    Das Phänomen Gaslighting geht ja in dieselbe Richtung und auch das Thema Double Binds, denn wer mit so verquerer Kommunikation aufwächst, der muß ja erstmal erkennen, daß es "woanders" auch anders laufen kann.

    Zitat Zitat von Mitternachtsblau Beitrag anzeigen
    Ja, sowas finde ich auch hart - weil man so ohnmächtig davorsteht und chancenlos ist. Deswegen war ich ganz froh, dass bestimmte Dinge per Brief erfolgten und ich das aufgehoben habe.
    Die "Beweisführung" ist mir z.B. immens wichtig, obwohl ich genau weiß, dass meine Kinder mir auch glauben, wenn ich das nur einfach so sage.
    Siehe oben.
    Wem ständig "die Wahrheit" verdreht wird, der hat umso mehr ein Bedürfnis, rational über prüfbar Beweise von Tatsachen zu haben, die einem eben nicht verdreht werden können.

    Mary, Du fragtest:
    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    An die Mitschreibenden: habt ihr denn eine Idee/Erklärung dazu, dass ihr, trotz schwieriger Erfahrungen in eurer Familie, angefangen habt, das zu reflektieren und zu versuchen, es nicht eine Generation weiter zu führen.?
    Für mich kann ich sagen, daß ich aufwuchs im Mantra einer "ganz normalen Familie", immer so betont von meinem Vater.
    Es war logischerweise lange die einzig mir bekannte, die in meiner Umgebung waren häufig scheinbar "kaputter" als meine (heute würde ich das teilweise anders sehen).

    Doch je älter ich wurde, desto mehr konnte ich die Abgründe meiner Familien (beide Seiten elterlicherseits) erkennen.

    Kontaktabbrüche in allen Generationen zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern, Scheidungen, x.te Ehen,
    Krieg, Vertreibungen, Enteignungen, Gewalt, Not, Aggressionen-
    und immer wieder Schweigen über die eigentlich wichtigen zwischenmenschlichen Ebenen bei gleichzeitig vordergründiger Kommunikation, was es umso schwieriger erkennbar machte.

    Je älter ich wurde, desto mehr habe ich natürlich reflektiert, auch weilich (erst mit 40) an einem schwierigen Punkt angelangt war und förmlich erstarrt war in meinem Leben.
    Aber ich dachte damals, das hat nur mit mir zu tun.

    Heute würde ich sagen, das hatte am Allerwenigsten mit mir zu tun - ich war nur die erste, die das Leid und den Schmerz der ganzen Familie nach außen ließ und sich ihm stellte.

    Daß unsere Familie ja wohl nicht so normal war, wie es mir "verkauft" wurde-
    und dann habe ich mich - nur für mich- immer tiefer reingearbeitet.

    Ich wollte verstehen, welchen Faktoren da mitspielten und welche Mechansimen so ungut ineinandergegriffen hatten, daß ich an diesem Punkt in meinem Leben stand, bei eigentlich realtiv guten "Außenbedingungen".

    Allein das Verstehen der Dynamiken und der Mechanismen hat viel bewirkt.

    Um es mal ein wenig überzogen auszudrücken, aber es ist was dran an Freuds Spruch:

    Bevor Sie bei sich selbst eine schwere Depression oder Antriebsschwäche diagnostizieren, stellen Sie sicher, dass Sie nicht komplett von A... umgeben sind.“

    Meine angeblich ach so heile Familie hatte (natürlich vor allem unbewußt) viele exteme Faktoren und Mechanismen, die ein empfindsames Kind an den Rand des Verkraftbaren führten und es gab nie eine Chance, das aufzuarbeiten, denn es stellt ja die gesamte Familie in Frage.

    Und da es eben eine scheinbar "heile Familie" war, nach außen so kommuniziert und von mir lange auch so geglaubt, suchte ich jahrzehntelang alle "Fehler" bei mir, statt mich "meinen Wahrheiten" zu stellen.

    Seit ich mir all dies eingestehen kann, seit ich meine Familie nicht mehr mit der schützenden Blick der loyalen-liebevollen Tochter sondern sie rational betrachte, geht es mir emotional weit besser.

    Denn endlich stimmen Wahrnehmung und Wertung überein -
    und zerreißen mich nicht mehr in falsch verstandenen (weil nicht anders bekannter) Loyalität.
    Geändert von Inaktiver User (08.03.2018 um 12:38 Uhr)

  3. Inaktiver User

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    An die Mitschreibenden: habt ihr denn eine Idee/Erklärung dazu, dass ihr, trotz schwieriger Erfahrungen in eurer Familie, angefangen habt, das zu reflektieren und zu versuchen, es nicht eine Generation weiter zu führen.?
    Bei mir scheint auch das einfache Glück der späteren Geburt mitzuspielen.

    Sowohl meine Mutter als auch mein Vater waren zutiefst unglücklich und auf unterschiedliche Weise tierisch schwierig im Umgang. Vor allem mein Vater, aufgewachsen in einem sehr sehr engen, rigiden Umfeld, konnte seine inneren Nöte/Zweifel/Ängste/Schuldgefühle/Geringschätzung seiner selbst nicht zugeben. Therapeutische Hilfe für die Seele war für beide (noch) sehr nah mit dem Irrenarzt assoziiert, dessen Patienten so verrückt sind, dass ihr Leben wenig wert ist und dass sie damit nichts zu tun haben wollten - bei niemandem in der Familie. Sie versuchten, ihre schlechten Gefühle immer wegzudrücken; für meine Mutter hatte dies u.a. eine tiefe Depression zur Folge, bei meinem Vater ab und an unglaubliche Wutausbrüche, die er kaum zügeln konnte.

    Ich dagegen ging in eine liberale Schule, die in vielerlei Hinsicht hilfreich war. Ich kann mich beispielsweise noch wie heute erinnern, dass wir im Ethikunterricht H.E. Richters "Patient Familie" lasen und stundenlang besprachen, was für mich sehr entlastend war: Ich erkannte, dass ich nicht die einzige war, die in der Familie unglücklich ist; dass dieses Unglück nicht bedeutete, dass ich zu doof fürs Leben war; und dass es interessante Leute gab, deren Aufgabe es ist, dieses Unglück zumindest zu mildern.

    Ich will sagen, dass es einfach Glück war, dass ich Hilfsangebote wahrnehmen konnte, während meine Eltern mit ihren Dämonen alleine kämpfen mussten - und den Kampf weitgehend verloren.

  4. User Info Menu

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Bei mir scheint auch das einfache Glück der späteren Geburt mitzuspielen.
    Zauberwort, wie alt bist du denn?
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

  5. Inaktiver User

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    An die Mitschreibenden: habt ihr denn eine Idee/Erklärung dazu, dass ihr, trotz schwieriger Erfahrungen in eurer Familie, angefangen habt, das zu reflektieren und zu versuchen, es nicht eine Generation weiter zu führen.?
    Mary, das ist schwer zu sagen. Ich glaube, das war gar keine bewusste Entscheidung. Ich bin ein Mensch, der schon immer viel hinterfragt hat. Auch schon als Kind. Und ich habe sehr sehr viel gelesen. Querbeet. Dabei lernt man ja sehr viele Ansichten, Meinungen, Weltbilder, andere Wirklichkeiten kennen. Und ich habe mir mein Teil dazu gedacht. Habe mich dann in vielen Dingen ("es ist wichtig, was die anderen im Dorf denken, es ist wichtig, normkonform zu sein") von der in der Familie herrschenden Meinung befreit.
    Vor allen Dingen habe ich mich räumlich sehr entfernt (bin nach dem Vordiplom mehrere 100 km weit weg gezogen), mich dem direkten Zugriff entzogen. Das kann auch den Geist und die Seele befreien.
    Wobei es mich lange sehr zerrissen hat - wenn ich zu Hause war, wurde von mir erwartet, weiter die alte Rolle zu spielen, das ging immer weniger lange gut und war für mich sehr anstrengend - aber ich habe es nicht über's Herz gebracht, meine Mutter zu enttäuschen.

    Ich glaube endgültig die Befreiung brachte eine Beziehung zu einem Mann (meinem heutigen Mann und Vater meiner Kinder), der aus teilweise ähnlichen, teilweise anderen Gründen wichtig fand, Konflikte offen anzusprechen und offen, aber fair auszutragen, und ich dann gemerkt habe, ja, man kann sich lieben und trotzdem mal anderer Meinung sein (kannte ich ja aus normalen Freundschaften schon). Man muss im Streit nicht verletzen.

    Und die Kinder haben mich nochmal sehr nachdenken lassen. Das war aber mehr so unbewusst. Plötzlich in der Rolle der Mutter zu sein, und zu sehen, dass Verhaltensweisen, die meine Mutter an den Tag gelegt hatte, nicht "natürlich" oder "typisch Mutter" waren, sondern mir einfach fremd.

    Und im Gegensatz zu vielen Beispielen hier komme ich nicht aus einer wirklich dysfunktionalen Familie. Meine Mutter hat "nur" einen Hang zur emotionalen Erpressung, aber Bösartigkeit ist ihr wirklich fremd, und sie kann damit auch nicht umgehen (wenn ich nur an meine Oma väterlicherseits denke, das war eine bösartige Frau, und meine Mutter, die immer nur versucht hat, ihr eine gute Schwiegertochter zu sein, hat unter dieser Bösartigkeit gelitten und wäre daran zugrunde gegangen, hätte mein Vater nicht die Bösartigkeit seiner Mutter gekannt - deshalb hat er für ausreichend Abstand gesorgt). Also bei mir ist da nicht sooo viel zu reflektieren, im Vergleich zu vielem, was ich hier lese.

    Was mir gerade noch einfällt - mir hat es geholfen, auch mal anderswo als in der Familie auf gewissen Verhaltensmuster zu treffen. Ich hatte in meinem ersten Job nach der Promotion einen Kollegen, der hat mich mit seiner Art mit mir umzugehen und zu reden schier auf die Palme getrieben. Obwohl er vordergründig total nett, fast "väterlich" war (er war nur 5 Jahre älter als ich und 3 Jahre länger in der Firma). Irgendwann habe ich mir Literatur besorgt, um irgendwie mit ihm professionell kommunizieren zu können, ohne ständig innerlich an die Decke zu gehen. Und habe dabei dann festgestellt, dass er mit mir genau wie meine Mutter kommuniziert, und dass mich das wahnsinnig macht. (Bei mir war damals Transaktionsanalyse das Zauberwort, mit dem ich das in den Griff bekommen habe - er kommunizierte mit mir, wie meine Mutter auch, ständig als Eltern zu Kind, und ich versuchte ständig, auf der Erwachsenenebene zu kommunizieren und als Kind behandelt zu werden, trieb mich zur Weißglut - vermutlich um so mehr, weil das in der Beziehung zu meiner Mutter so eine wichtige Rolle spielte.)

  6. Inaktiver User

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    An die Mitschreibenden: habt ihr denn eine Idee/Erklärung dazu, dass ihr, trotz schwieriger Erfahrungen in eurer Familie, angefangen habt, das zu reflektieren und zu versuchen, es nicht eine Generation weiter zu führen.?
    Erstmal an Mitternachtsblau ... ich ziehe den Hut, dass Du alles soweit dennoch gut verarbeitet hast .

    Ich greife die Frage von Mary auch einmal auf. Habe recht lange darüber nachgedacht und bin in die (Kindes-)Vergangenheit. Ich bin mit weiteren 2 Schwestern und 1 Bruder als 3. Geborene aufgewachsen. Selbst habe ich als Kind schnell "Antennen" entwickelt, wer mir gut tut und wer nicht.

    Meine Eltern (geboren 1935 -Mutter- und 1930 -Vater-) waren Kriegskinder (aber keine Flüchtlinge). Die Großväter beide im Krieg, wobei der Vater meines Vaters später wahrscheinlich aufgrund Traumata zum Alkoholiker wurde. Die dazugehörige Großmutter war eine grundgütige Frau, zu der mein Vater sich stärker hingezogen fühlte. Aufgrund der Alkoholsucht meines Großvaters hat mein Vater als Jugendlicher auch draußen geschlafen, weil er nicht mit anhören und -sehen konnte, wenn der Vater betrunken nach Hause kam und rumrandalierte. Dies hat mir mein Vater mal erzählt. Selbst mitbekommen habe ich davon nichts.

    Die Großeltern mütterlicherseits kannte ich besser. Mein Großvater dort war der klassische Patriarch. Es musste nach seinem Gusto gehen und wehe, um 12.30 Uhr stand das Essen nicht auf dem Tisch. Die dazugehörige Großmutter war eine nachtragende, zänkische Frau, mit der ich als Kind überhaupt nicht klarkam und auch recht früh meinen Eltern sagte, dass ich dort nicht mehr zu Besuch hinfahren möchte.

    Mein Vater war ein ruhiger, ausgeglichener Mann, belesen und ich vermisse ihn sehr (er ist vor 2 Jahren verstorben) weil ich eben eine Papa-Tochter bin .

    Meine Mutter war definitiv mit uns 4 Kindern überfordert, hätte gern gearbeitet, aber aufgrund des ungewöhnlichen Dienstes meines Vaters war das nicht möglich.

    In den 1970iger-Jahren musste eine Frau funktionieren und später haben wir Mädchen mal so unsere Eindrücke abgeglichen und wir mussten feststellen, dass unsere Mutter aufgrund der Überlastung natürlich psychisch reagierte. Von den damaligen Ärzten bekam sie dann Psycho-Pharmaka, von denen sie im Verlauf der Jahrzehnte abhängig wurde und heute hängt sie an der Tablettenschachtel (Benzodiazipine). Selbst reflektierte sie das aber nicht, sondern die "Glückspillen" haben ihr schlicht über den Tag geholfen und heute kommt ein Pflegedienst und die Tagesdosis wird ihr gebracht.

    Die Ehe meiner Eltern war in den ersten 20 Jahren - denke ich mal - recht gut, aber je älter wir Kinder wurden, desto mehr wurden wir auch in Schieflagen hineingezogen, von denen wir uns dann aber distanziert haben.

    Als Kind kann ich jetzt nicht sagen, dass ich schlecht behandelt wurde, obwohl die Hand meiner Mutter sehr locker war. Schläge war zur damaligen Zeit an der Tagesordnung und ein probates Erziehungsmittel. Wobei meine Mutter nur ihre schrille Stimme erheben musste, dann haben mir schon die Ohren geklingelt und ich habe nachgegeben. Meine anderen Geschwister waren da leidensfähiger und holten sich schon mal die eine oder andere Schelle von ihr.

    Als Kind war ich introvertiert und habe mich oft in mich selbst zurückgezogen, dennoch alles um mich herum beobachtet, bewertet, aber wenn meine Mutter von mir ein Statement wollte, habe ich geschwiegen. Das hat sie rasend gemacht (sagte sie mal zu einer meiner Schwestern später). Sie wisse bei mir gar nicht, was mich umtreibe.

    Selbst halte ich meine Entwicklung für gut geglückt und sicherlich habe ich Erziehungsmaßnahmen der Eltern nicht übernommen, weil ich von einigem nicht überzeugt war.

    Wenn ich aber heute mit 2 weiteren noch aus der Kindheit und Jugend stammenden Freundinnen spreche, muss ich sagen, dass ich verdammtes Glück hatte.

    Der Alkohol war in vielen Familien absolut präsent und eine meiner Freundinnen erzählte uns, dass der Vater sie hat mitten in der Nacht aus den Betten geholt und sie mussten strammstehen.

    Ich denke heute, dass unsere Eltern einfach das Beste versucht haben, vieles aus dem Bauch heraus, sie haben immer zusammengehalten und ansonsten sehe ich sicherlich die Ehe meiner Eltern auch kritisch, aber ich maße mir da nichts an und letztlich haben sie 63 gemeinsame Jahre geschafft. Wie sie sie selbst mal bewertet haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Ein beobachtendes Regulativ waren die Eltern meiner Mutter auf alle Fälle, weil sie auch die Familie finanziell unterstützten und auch wenn vielleicht meine Eltern mal ne Scheidung in Erwägung gezogen hätten ...., meine Mutter wären von ihren Eltern gelyncht worden.

  7. User Info Menu

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich glaube endgültig die Befreiung brachte eine Beziehung zu einem Mann (meinem heutigen Mann und Vater meiner Kinder), der aus teilweise ähnlichen, teilweise anderen Gründen wichtig fand, Konflikte offen anzusprechen und offen, aber fair auszutragen, und ich dann gemerkt habe, ja, man kann sich lieben und trotzdem mal anderer Meinung sein (kannte ich ja aus normalen Freundschaften schon). Man muss im Streit nicht verletzen.
    Ich habe auch in der Beziehung zu meinem Mann ganz viel gelernt. Wir sind sehr jung zusammengekommen und gemeinsam gewachsen. Seine Familie ist anders als meine und deutlich weniger dysfunktional, aber es gibt schon Gemeinsamkeiten. Unter anderem ist es uns beiden sehr wichtig, mit Streitigkeiten konstruktiv umzugehen und daran haben wir auch über die Jahre aktiv gearbeitet.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich habe die Erfahrung gemacht, daß das Schlimmste nicht die Familienkonflikte an sich sind, auch wenn diese schlimm und schmerzhaft sind, sondern das absolute Totschweigen dieser Dynamiken.

    In dysfunktionalen Familien hat genau das meist noch ein so massives zusätzliches Gewicht zur eigentlichen Dysfunktionalität, daß da ganz schwer rauszukommen ist.
    Es erstaunt mich bis heute, wenn Menschen scheinbar selbstverständlich offen über ihre Gefühle reden, ich bin darin schon besser geworden, aber die fehlenden Jahrzehnte sind nicht leicht, vielleicht auch garnicht, aufzuholen.
    Aber ich möchte meiner Tochter vermitteln, dass es wichtig und legitim ist, zu den eigenen Gefühlen zu stehen und diese auch zu kommunizieren.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich würde mir wünschen, daß jemand wie Du - mit Deinem Wissen und der Parkettsicherheit in beiden Sprachen - mal ein entsprechendes Buch schreiben würde, das die englischen Artikel und Bücher für den ja reichlich vorhandenen deutschen Markt "zusammenfassen" würde. Ich wäre sofortiger Kunde.
    Ich auch .

  8. User Info Menu

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Und die Kinder haben mich nochmal sehr nachdenken lassen. Das war aber mehr so unbewusst. Plötzlich in der Rolle der Mutter zu sein, und zu sehen, dass Verhaltensweisen, die meine Mutter an den Tag gelegt hatte, nicht "natürlich" oder "typisch Mutter" waren, sondern mir einfach fremd.
    Das ist bis heute ein wirklich wesentlicher Bestandteil meines Lebens.

    Ich kann absolut verstehen, wenn Menschen keine Kinder wollen - ich wollte welche, ganz früh und ganz viele. Ich hätte sehr gern noch (mindestens) ein drittes Kind gehabt, gesundheitlich war das unmöglich.

    Was ich alles an meinen Kindern gelernt habe, geht auf keine Kuhhaut!
    Einfach war das auch nicht immer, weil man als Mutter mit einer solchen Biographie sich ständig selbst abfragt, ob man alles "nach bestem Wissen und Gewissen" macht, weil man keine Handlungsoptionen mitgegeben bekam und sich das alles selbst erarbeiten muss.

    Schwer zu verstehen für mich war zum Beispiel der Umstand, dass meine Kinder absolut grundverschieden sind. Meine Tochter war etliche Jahre lang eine wahre Herausforderung.
    Mein Sohn hingegen ist eine Art Klon von mir, auch nicht immer einfach für die Welt da draußen, aber für mich, als könnte ich in ihn hineinschauen. Wir stehen uns extrem nahe.

    Als ich noch keine Kinder hatte, glaubte ich ernsthaft, man muss nur lieb und gerecht und anständig zu seinen Kindern sein, dann wird das ganz automatisch zur harmonischen Rama-Familie. Und dann durfte ich natürlich entdecken, dass es nicht annähernd so simpel läuft.

    Mit dieser Diskrepanz hatte ich sehr zu kämpfen und streckenweise so ein diffuses schlechtes Gewissen, weil meine Tochter sich sehenden Auges in wirkliche Abgründe geritten hat, während es mit dem kleinen Bruder einfach keine Konflikte gab. Und ich konnte jetzt auch schlecht künstlich Konflikte züchten, nur damit das Verhältnis ausgeglichener ist.

    Mein Sohn ist rein temperamentsbedingt in jeder Hinsicht völlig moderat geraten, während meine Tochter lange das dringende Bedürfnis hatte, jede Art von Konflikt soweit zu treiben, bis quasi Blut floß.

    Es wäre mir vielleicht sehr viel leichter gefallen, meine Kinder beim Großwerden gut zu begleiten, wenn ich einen Ansprechpartner der nächstälteren Generation gehabt hätte. Oder überhaupt irgendwelche brauchbaren Erfahrungswerte nach dem Motto "Wir haben früher immer..."
    Andererseits, wenn man all diese Großeltern-Eltern-Kinder-Enkel-Schwierigkeiten beobachtet, hatten wir es hier vielleicht doch besser getroffen?
    Mangels zweiter Chance werden wir das nicht herausfinden.
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

  9. Inaktiver User

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Mitternachtsblau Beitrag anzeigen
    Es wäre mir vielleicht sehr viel leichter gefallen, meine Kinder beim Großwerden gut zu begleiten, wenn ich einen Ansprechpartner der nächstälteren Generation gehabt hätte. Oder überhaupt irgendwelche brauchbaren Erfahrungswerte nach dem Motto "Wir haben früher immer..."
    Naja, was heißt Ansprechpartner in der nächstälteren Generation? Die hatte ich ja, meine Mutter (die mir immer nur sagte, ich solle es genau so machen wie sie damals, dann hätte ich auch so brave stille Kinder wie sie eins hatte), aber was nützt das, wenn man es so eben nicht machen will?
    Meine Schwiegermutter war da einerseits hilfreicher, andererseits sagte sie aber selbst, dass unsere Kinder vom Naturell her auf ihre schon sehr lebhaften Kinder echt noch mal eine Schippe drauflegten, gleichzeitig unser Leben und das Umfeld und dessen Erwartungen (2000-er vs. 60-er/70-er in eher konservativer Umgebung) auch ganz anders war (arbeiten auch mit sehr kleinen Kindern usw.), dass sie oft auch nicht wusste, was sie raten sollte. Sie hat ja ihre "Methoden" (sie ist eine ganz Liebe, hat aber die Macke, dass Konflikte für sie nicht aushaltbar sind und sie ständig am Schlichten und Trösten ist, wenn die Kinder gerade einfach mal traurig oder wütend oder was-auch-immer sein wollen) auch ausprobiert, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.
    Aber Du hast schon recht, an vielen Punkten hat sie einfach Verständnis für die Probleme gezeigt, auch wenn sie keine Lösungshilfe geben konnte, schon allein ein mitfühlendes "ja, ich weiß, das ist anstrengend" oder "ja, das ist wirklich eine schwierige Situation" tat einfach gut. Von meiner Mutter kam nur so eine Art "selbst schuld, Du hast halt Kinder, und dann erziehst Du sie auch noch falsch, was erwartest du?"

    Mir haben am meisten tatsächlich Unterhaltungen mit anderen Müttern gleichaltriger Kinder geholfen.
    Meine Schwägerin war zeitweise fast beleidigt, dass ich sie nie um Rat gefragt habe (ihre Kinder sind 15 Jahre älter als meine), aber sie ist auch so ein dogmatischer Typ, da hatte ich oft keine Lust drauf - und auch sie hatte z. B. neben einem anstrengenden Kind ein ganz ruhiges pflegeleichtes, das war bei uns ganz anders, so manche Tipps und Vorschläge, die sie ungefragt gegeben hat, da wusste ich schon, das wird bei uns nie und nimmer funktionieren (wie z. B. die Kinder für Essen zu interessieren, das sie nie anfassen, indem man es über eingeladene Freunde und Futterneid interessant macht - auf sowas sind meine Kinder nie reingefallen).

  10. Inaktiver User

    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    wollte nur rasch mal "danke" sagen für diesen Strang, den ich jetzt nur mal querlesen konnte- werd es mir wohl ausdrucken und in Ruhe lesen...

    früher habe ich meterlange Reihen von Büchern zum Thema gelesen, was mir zu überleben half...

    ich dachte, ich hätte abgeschlossen mit der Thematik- aber nun holt es mich in Form einer zunehmend unterstützungsbedürftigen Mutter wieder ein, die keinerlei Hilfe annimmt außer von mir, die stundenweit entfernt wohnt und arbeitet und ratlos ist....

Antworten
Seite 3 von 58 ErsteErste 123451353 ... LetzteLetzte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •