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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    Die Modelle, die ich hier anspreche, sind Modelle für eine tiefgreifende Persönlichkeitsorganisierung. Der Schmerz ist also auch tief unten irgendwo drin und oft in einem rigiden System ganz weit weg gehalten. Es handelt sich ja auch um einen alten Schmerz, aus einer frühen Phase.

    Insofern ist dieses "ihren Gefühlen nicht gewachsen" eine nicht so passende Beschreibung. Es handelt sich um deutlich mehr als "nicht gewachsen", und das ist so lange her, und seither ist viel geschehen. Aber die Organisiserung der Persönlichkeitsstruktur beginnt eben in den frühen Interaktionen und gestaltet sich mehr oder weniger defensiv. Was du von deiner Mutter schilderst, weist ja auf eine möglicherweise sehr pathologische, polarisierte Struktur hin.
    Ich habe dem mal im Rahmen meiner Therapie hinterhergeforscht.
    Dabei trat zutage:
    Meine Oma bekam sie zu Kriegsende von einem russischen Besatzer, da war sie bereits 27. Der Kindsvater musste zurück, wollte sie in seine Heimat hinterherholen.

    Als die behördlichen Wege durch waren, hatte meine Oma in der Zwischenzeit einen heimgekehrten Soldaten kennengelernt, den sie heiratete und mit dem sie zwei weitere Mädchen bekam.
    Beide Mädchen starben kurz nach der Geburt.

    Ich habe dann durch geschickte Fragerei 'rausgeklopft, wie damals damit umgegangen wurde und wie alt meine Mutter/die Erstgeborene von dem anderen Mann war.

    Und o-Ton die Oma: "Ach, da haben wir gar nicht drüber gesprochen. Das hat sie ja gar nicht so mitgekriegt".
    Das ist durchaus glaubhaft, dieses "Da wollen wir mal gaaaaar nicht mehr drüber sprechen!" zieht sich wie ein roter Faden und ich habe mich ständig bei der Oma unbeliebt gemacht, weil ich über die Dinge eben doch dauernd sprach.

    Nachgerechnet: beim ersten toten Geschwister war meine Mutter acht, beim zweiten elf Jahre. Und das sollte sie "gar nicht so mitgekriegt haben??" Zweimal neun Monate Schwangerschaft, am Ende kommt eine heulende Mutter ohne Baby heim?
    (Der Beschreibung nach schien meine Oma schwer depressiv deswegen gewesen zu sein, auch das ist glaubhaft).

    Und genau dort dürfte der Grundstein für das verkorkste Familiending gelegt worden sein.
    Meine Mutter bekam mich dann mit 19, also nur 8 Jahre später. Deswegen glaube ich, ich war so eine Art "Ersatzvornahme" für das, was vorher schiefgegangen ist.
    Sie sonnte sich, soweit überliefert auch sehr in der Tatsache, was für eine wunderbare, strahlend schöne Schwangere sie war - nur dass man das Balg hinterher normalerweise behalten muss, das hatte ihr keiner gesagt...

    So viel zur Vorvorgeschichte. Die Vorvorgeschichte hat meiner Ansicht nach hohen Anteil, wenn nicht den höchsten Anteil überhaupt. Deswegen heißt dieser Strang so.
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Bei mir ist es so, dass die Tatsache, selbst Kinder zu haben, vieles in Frage gestellt hat, was ich für selbstverständlich hielt und mir sehr vieles klar geworden ist so im Nachgang, obwohl ich, wie ich glaube, eigentlich immer eine sehr kohärente Person war.
    Das war bei mir sehr ähnlich, dass ich an meinen eigenen Kindern sehr viel darüber gelernt habe, wie man miteinander vordringlich nicht umgeht.
    Vieles wusste ich bis dahin gar nicht, weil ich es nicht anders kannte. Z.B., dass man kein Dreijähriges über Nacht allein lässt oder kein Fünfjähriges allein in einen Zug setzt und quer durch die Landschaft zur Oma schickt oder dass man sein Erstklässlerkind morgens weckt, selbst wenn der Zeitpunkt eigentlich nicht der präferierten Aufstehzeit entspricht.

    Angesichts der eigenen Brut erschien mir sowas dann plötzlich rein instinktiv (eine Vorbildfunktion dafür gab es ja nicht) komplett abwegig und irrwitzig.
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Mitternachtsblau Beitrag anzeigen
    Und o-Ton die Oma: "Ach, da haben wir gar nicht drüber gesprochen. Das hat sie ja gar nicht so mitgekriegt".
    Das ist durchaus glaubhaft, dieses "Da wollen wir mal gaaaaar nicht mehr drüber sprechen!" zieht sich wie ein roter Faden und ich habe mich ständig bei der Oma unbeliebt gemacht, weil ich über die Dinge eben doch dauernd sprach.
    In der sehr lesenswerten Biographie von der Schriftstellerin Jeanette Winterson schreibt sie sinngemäß (das Originalzital habe ich mir irgendwo aufgeschrieben, müsste ich raussuchen): "Ich brauchte Worte weil unglückliche Familien sich zum Schweigen verschworen haben."

    Meine Oma war auch immer sehr "offensiv" wenn es um das Nicht-Sprechen ging ("darüber redet man nicht"), bei meiner Mutter war das subtiler. Die redet ganz viel und hat glaube ich auch das Selbstbild als Person, die alles "offen anspricht" - aber es gibt nie einen wirklichen Dialog, und über Gefühle durfte z.B. nur geredet werden, wenn es ihre eigenen Gefühle waren.

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    Vielleicht anfangen mit diesem Artikel von Anthony Bateman 'Thick- and thin-skinned organisations and enactment in borderline and narcissistic disorders', siehe evt. hier.
    Das ist bestimmt interessante Lektüre, aber da muss man sich als Laie ja echt durchackern .
    Interessant finde ich, dass es ja Beobachtungen auch Therapiegsprächen sind, wenn ich das richtig verstanden habe?
    Meine Mutter hat erstaunlicherweise auch mehrere Therapien gemacht. Allerdings schließe ich aus ihren Erzählungen, dass es in der Therapie primär darum ging, ihre Überzeugung zu bestätigen, dass alle anderen Schuld an ihren Problemen sind.
    Kann jemand mit einer derartigen Persönlichkeitsstörung überhaupt im Rahmen einer Therapie echte Einsicht gewinnen?

  4. gesperrt

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Wenn generationenübergreifend geschwiegen wird, habe ich gegenüber der Vorgängergeneration gar keine Möglichkeit, an Wissen über die Dinge von früher zu gelangen.
    Auf die Weise des verbalen Austausches können die Ereignisse, die eventuell zu Verletzungen geführt haben, nicht aufgearbeitet werden. Es muss dann eben ohne "Wortbeitrag" der Altvorderen passieren. (Schlecht wenn man auf der Suche nach Wahrheit ist, aber es gibt eben keine Alternative.)

    Man kann es bei den Nachkommen besser machen, aber auf die Vorfahren hat man keinen Einfluss.
    Das muss man so hinnehmen.

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Paraplumeau Beitrag anzeigen
    Wenn generationenübergreifend geschwiegen wird, habe ich gegenüber der Vorgängergeneration gar keine Möglichkeit, an Wissen über die Dinge von früher zu gelangen.
    (...)
    Man kann es bei den Nachkommen besser machen, aber auf die Vorfahren hat man keinen Einfluss.
    Das muss man so hinnehmen.
    Naja. Bei meiner Mutter hätte ich tatsächlich keinerlei Chance und muss es einfach so hinnehmen - denn wenn sie mir irgendwas erzählen, irgendeine Frage beantworten würde, wäre der Wahrheitsgehalt darin schon von vornherein anzuzweifeln, weswegen es keine Punkte brächte.

    Bei meiner Oma habe ich durch geschickte Fragerei manches an Antworten bekommen.
    Beispielshalber wollte ich ganz gern wissen, ob da Möglichkeiten gefunden wurden, mich aus dem Testament zu streichen - das habe ich im Gespräch so hingestellt, als wüsste ich ja, dass dies so sei.
    Darauf meinte die Oma begütigend: "Aber die Kinder! DIE kriegen es dann mal!" (Es ging um ein Haus)
    Und schwupp - hatte ich die Antwort auf die Frage.
    Hätte ich die Frage direkt gestellt, so "Sachma - bin ich eigentlich enterbt worden?", wäre die Antwort komplett anders ausgefallen.
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

  6. Moderation

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    An die Mitschreibenden: habt ihr denn eine Idee/Erklärung dazu, dass ihr, trotz schwieriger Erfahrungen in eurer Familie, angefangen habt, das zu reflektieren und zu versuchen, es nicht eine Generation weiter zu führen.?
    that was the river - this is the sea


    Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum

  7. gesperrt

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Mich macht es wahnsinnig, wenn meine Mutter sich an Dinge anders erinnert.
    Damit meine ich nicht die Farbe der Latzhose, die ich in der zweiten Klasse trug, sondern Ereignisse, die unser Verhältnis prägten.
    Ich komme damit wirklich gar nicht klar, dass es keine übereinstimmende Version, dass es keine Wahrheit gibt.
    (Mich stört das immer, aber bei meiner Mutter tut es auch noch weh dazu, weil es mich als böses, verlogenes Kind dastehen lässt. )

    Was mich zu der Schlussfolgerung bringt, dass ich gar nicht fragen brauche, wenn ich doch an der Wahrhaftigkeit der Antwort ohnehin zweifeln muss.
    Ich zweifle an ihrer Version und ich zweifle an meiner Version, wie soll man denn unter diesen Umständen korrekt erinnern?
    (rhetorische Frage)

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    An die Mitschreibenden: habt ihr denn eine Idee/Erklärung dazu, dass ihr, trotz schwieriger Erfahrungen in eurer Familie, angefangen habt, das zu reflektieren und zu versuchen, es nicht eine Generation weiter zu führen.?
    Was mich betrifft:
    Einer der Auslöser war, dass ich aus dieser Kindheit nicht un- oder wenig beschadet einfach nur ausgestiegen bin, sondern mit 16,17,18 durchaus schwer aneckte bei der Umwelt.
    Ich kam dann relativ fix auf die Geisterfahrertheorie: wenn alle anderer Meinung sind als ich, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass meine Meinung richtig ist?

    Da es nicht um leicht zu verifizierende Meinung ging, sondern um Benehmen, musste ich mir bestimmte Verhaltensmuster gezielt anschauen und abgewöhnen.

    Verkorkst war z.B., dass meine Hauptattribute in meiner Kindheit "stinkend faul und völlig bescheuert" hießen. Das war eine Art feststehende Redewendung, es kam nie einzeln vor, sondern ich bekam stets diese Kombination ans Hirn geworfen. Gern in meinem Beisein über mich: "Die ist ja..."
    (...btw., ich bin beides nicht. Ich sag's nur mal...)
    Zeitgleich aber wurde mir unaufhörlich gesagt, ich sei "was Besseres als die blöden Bauerngören".
    Mit dem Selbstbewusstsein, was einem aus dieser Information erwächst, muss man arbeiten. Das kann man einfach nicht so stehenlassen, es bleibt einem ja keine Alternative (wenn man nicht in der Geschlossenen landen will).
    Geändert von Mitternachtsblau (08.03.2018 um 10:55 Uhr)
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Zitat Zitat von Paraplumeau Beitrag anzeigen
    Ich komme damit wirklich gar nicht klar, dass es keine übereinstimmende Version, dass es keine Wahrheit gibt.
    (Mich stört das immer, aber bei meiner Mutter tut es auch noch weh dazu, weil es mich als böses, verlogenes Kind dastehen lässt. )
    Ja, sowas finde ich auch hart - weil man so ohnmächtig davorsteht und chancenlos ist. Deswegen war ich ganz froh, dass bestimmte Dinge per Brief erfolgten und ich das aufgehoben habe.
    Die "Beweisführung" ist mir z.B. immens wichtig, obwohl ich genau weiß, dass meine Kinder mir auch glauben, wenn ich das nur einfach so sage.
    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.

    Oscar Wilde

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    AW: Generationenübergreifende Familienkonflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten

    Vielen Dank, alle, vor Allem Mb für die Eröffnung des Stranges und Mary für die Erklärung innerpsychischer Prozesse!

    Mich haut es grad ein bisschen um, und macht auch traurig, weil ich merke, ich bin bei rationaler Aufarbeitung und Schmerzvermeidung hängengeblieben und nicht dazu bereit, mir irgendwelche Schmerzen anzutun!

    Ich sehe garnicht ein, dass das nützlich sein soll! Bin doch vielmehr froh, dass ich mir schmerzbereitende Beziehungen zu Menschen, inklusive meine ex-Familie, in den vergangenen Jahren erfolgreich vom Hals geschafft habe und mein Leben in sehr weitgehender Autonomie lebe.

    Die Kehrseite der Medaille ist freilich jetzt auch die Freiheit von jeglichen Sozialkontakten (dabei fühle ich mich komischerweise fast nie einsam oder bedürftig und ich ahne, auch das könnte eine Schmerzvermeidungsstrategie sein)

    Lieber vermeide ich das herauskommen aus dem Schneckenhaus und rede mir (sehr erfolgreich!) ein, dass ich ja garnix brauche, keine Bedürfnisse habe bzw. lieber wesentlich lieber darauf verzichte, Stressrisiken einzugehen und es so schon in Ordnung ist.

    Wenigstens taucht am Rand vom Horizont ab und zu der Wunsch auf, dass es Aspekte geben könnte, die anders schöner wären. Mal sehen, ob diese Bilder mal ein bisschen mehr Farbe annehmen können.

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