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    Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Dies ist eigentlich eher eine akademische Frage, auf der ich im Moment ein wenig herumdenke...

    Im Grunde lügen wir unsere Kinder seit ihrer Geburt an: Wir bewahren sie vor der Wirklichkeit und versuchen, ihnen so lange wie möglich eine heile Welt vorzuspielen. Dass es Krieg gibt und böse Menschen lernen sie noch früh genug. Dazu gehört aber auch, sich als Persönlichkeit gegenüber dem Kind nie ganz ehrlich zu öffnen, sei es aus Gründen des Alters (das Kind ist noch zu jung) oder auch später, einfach der Rolle als Mutter/Vater geschuldet. Vielleicht will man da, auch im Rückblick, nichts kaputt machen oder auch einfach frühere Entscheidungen nicht rechtfertigen müssen.

    Ich komme gerade auf das Thema, weil mein Vater, ein schwieriger Mensch, vor einiger Zeit gestorben ist und wir öfter darüber reden, warum er wohl war wie er war. Meine Mutter kennt ihn natürlich anders als ich, und irgendwie erschrickt es mich immer, wenn sie mir Dinge von ihm erzählt, die so wahnsinnig menschlich sind und ich merke "hups, er war ja nicht nur mein Vater". Als wäre er ein anderer Mensch gewesen, den ich nicht kenne. Auf der anderen Seite kennt sie das Gefühl nicht, wie es war, ihn als Vater zu haben.

    Ich glaube mittlerweile, es braucht Distanz, Neutralität, um sich jemandem wirklich öffnen zu können. Das kann ich bei Freunden und anderen, aber nicht bei Familienmitgliedern. Da weiß nie jeder alles vom anderen. Es gibt zuviel zu verlieren, man ist zu subjektiv, hat eine gemeinsame Geschichte. Bei Geschwistern mag das manchmal gehen, bei Eltern nie - da ist ein Gefälle. Sie waren mal meine "Götter", sie haben mich gemacht, dann sind sie irgendwann normale Menschen und haben Fehler und müssen sich erklären. Und vieles will man vielleicht gar nicht erklärt haben.

    Die Kinder distanzieren sich aber auch von den Eltern. Spätestens mit 16 erzählen sie nicht mehr alles, und die Eltern fragen sich, was in dem Menschlein vorgeht.

    Vielleicht ist sich niemand so (ein bißchen) fremd wie eine Familie. Vielleicht hält man es auch nur so miteinander aus? Weil man die Verwandschaft nicht beenden kann? Weil man sich sonst komplett entbößt vor den Menschen, die einen andererseits am längsten und intensivsten kennen?

    Ich weiß auch nicht so recht, worauf ich damit hinaus will... Vielleicht möchte ich den Gedanken auch einfach nur niederschreiben.

    Gruß,
    die Avocado
    "Wenn du erstmal Feminismus hast, das wirst du so schnell nicht wieder los."
    (Gerburg Jahnke)

  2. Inaktiver User

    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Avocado,

    ich finde, das ist ein spannendes Thema und das sind anregende Gedanken

    Kommt darauf an, was du unter kennen verstehst.

    Die Selbstoffenbarung?
    Die Geheimnisse, die man sich erzählt oder eben nicht?
    Die Zeit, die man sich begleitet hat?

    Ich glaube, es gibt verschiedene Dimensionen einander zu kennen.

    Unsere Eltern kennen uns von Kindheit an, haben unsere Entwicklung erlebt.
    Meine Mutter kennt mich sehr gut - nicht, was ich alles so treibe oder denke, aber sie kennt mein Wesen. Wie ich in bestimmten Situationen reagiere. Solche Dinge.

    Für mich ist meine Mutter - heute - in erster Linie ein Mensch.
    Ihre Mutterrolle ist heute nicht mehr so wichtig für mich.
    Auf der Basis lerne ich sie besser kennen.
    Mein Vater ist leider schon vor vielen Jahren gestorben, ich wünschte, ich hätte ihn besser kennen lernen dürfen.

  3. Inaktiver User

    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Interessantes Thema.

    Ich denke dazu, es gibt halt nicht nur den einen Menschen, sondern jeder hat eigentlich viele verschiedene Menschen in sich, und jeder der mich beurteilt sieht mich ja auch nicht objektiv, sondern durch seine Persönlichkeit gefärbt. Selbst wenn ich mich "offenbare" hab ich doch immer einen Filter - und auch der andere hat den.

    Insofern glaub ich tatsächlich nicht daran, dass man jemand anderen vollumfänglich kennen kann, ja nicht mal sich selbst. Das sind immer Facetten und Momentaufnahmen und könnte auch anders sein. Was ich eher spannend als beunruhigend finde.

    Wirklich erschrecken tun mich nur Menschen, die sagen, sie kennen z.B. den Partner in- und auswendig - und das auch noch glauben.

  4. Inaktiver User

    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Oscar Wilde: Children begin by loving their parents; after a time they judge them; rarely, if ever, do they forgive them.

    Das Eltern-Kind-Verhältnis beginnt mit totaler Abhängigkeit der einen Seite und endet unter Umständen mit totaler Abhängigkeit der anderen Seite...

    Und dazu ein weiteres Zitat, diesmal Ebner-Eschenbach: Dauernde Freundschaft kann nur zwischen Menschen von gleichem Wert bestehen.

    Ich interpretiere das mehr in Richtung "Menschen auf gleicher Ebene" - und das sind Eltern und Kinder nur eine sehr kurze Zeit in ihrem Leben.

    Natürlich sehen wir unsere Eltern lange mit Kinderaugen. Natürlich sehen unsere Kinder UNS lange mit Kinderaugen.

    Und ganz ehrlich - lange Zeit hat mich überhaupt nicht interessiert, "wie meine Eltern ticken" - sie waren meine Eltern und ich liebte sie, aber ihr "wahres Inneres" darüber hab ich mir null Gedanken gemacht, als Teenie - da war ich mit meinem eigenen Inneren gut beschäftigt gg.

    Später gab es eine lange Phase, in denen meine Mutter und ich auf gleicher Ebene waren, und dennoch nie Freundinnen. Die Mutter/Kindgeschichte verhindert das einfach. So lieb ich sie habe, und umgekehrt. So eng unser Verhältnis ist.

    Mit meinem Vater ist es wieder komplett anders - dessen "Fehler" und Macken sah ich schon immer kritischer als die meiner Mutter. Keine Ahnung warum, als Vater ist er wirklich gut gewesen -a ber als Ehemann und Partner find ich ihn gruselig gg. Und ich habe nicht verstanden - und verstehe es bis heute nicht - warum meine Mutter sich so einiges hat bieten lassen. Womit wir wieder beim Thema sind: meine beste Freundin hätt ich am Schlawittchen gepackt und in die (meiner Meinung nach) richtige Richtung geschoben. In die Ehe meiner Eltern würde ich mich nie einmischen.

  5. User Info Menu

    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Ich denke auch, dass man niemanden wirklich kennt. Wir kennen alle Menschen um uns herum nur in einem bestimmten Kontext. Das was Du über das Eltern-Kind-Verhältnis schreibst, gilt doch für alle anderen Verhältnisse auch.

    Freunde kennen wir im privaten Kontext. Häufig wird es doch auch schwierig, wenn Freunde plötzlich mit einander arbeiten sollen / müssen.

    Ich denke, dass es daher auch wichtig ist, den Partner in möglichst vielen unterschiedlichen Lebenslagen kennen zu lernen. Wie geht er mit seinem Personal / seinen Kollegen / seinen Vorgesetzten usw. um? Wie verhält er sich beim Sport / innerhalb einer Mannschaft / im Team? Das ließe sich jetzt unendlich fortsetzen.

    Nicht zuletzt haben viele Paare doch auch Schwierigkeiten, sich in die Elternrolle hinein zu finden und daneben noch genug Platz zu haben für ihre Paarrolle.

    Ich denke das kommt daher, dass wir eben in jedem Gefüge nur einen Teil unserer Persönlichkeit zeigen wollen und können.

    Und, klar kennen wir uns selbst nicht wirklich. Sonst wäre es mit dem Ändern Gewohnheiten und Verhaltensmuster echt viel einfach.

  6. Moderation

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    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Hmmm.

    Einerseits mag da etwas dran sein - aber ich weiß schon eine Menge von meinen Eltern (und dem Rest der Verwandtschaft) und je mehr ich erfahren habe, desto mehr habe ich verstanden und kann dieses Verstehen und Erkennen auch auf andere übertragen.

    Daher finde ich es eher ungewöhnlich, dass du das Gefühl hast, deinen Vater so wenig gekannt zu haben.

    Vieles von dem, was ich über meine Eltern weiß habe ich von meinen Großeltern erfahren oder auch durch Gespräch (oder Streits), die ich mitbekommen habe.



    Und ich bin zwar nicht der Meinung, dass man als Kind alles von seinen Eltern wissen muss (die Tatsache wann und wo ich gezeugt wurde, hätte ich nicht wissen brauchen), aber gerade die Geschichte von Traumata, die meine Eltern selbst erlebt haben (Krieg, Verlassenwerden, Schicksalsschläge) haben durchaus meinen Horizont erweitert.

    Und ich bin eine Anhängerin der These, dass es niemandem gut tut, wenn es Familiengeheimnisse gibt. Denn Kinder merken, wenn es Unstimmigkeiten in der Familie gibt und es verunsichert sie, weil das was ihnen gesagt wird und das was sie spüren nicht übereinstimmt. Das kann durchaus langfristig dazu führen, dass man seinem eigenen Gefühl nicht traut, was nicht gut ist.


    Ich habe zB von meinem Großvater kurz vor seinem Tod eine Familiengeschichte erfahren, die mein Verständnis unserer Familie stark zurecht gerückt hat, weil ich plötzlich ganz viele Dinge verstanden habe, es war, als wären in einem Puzzle plötzlich alle Teile an die richtige Stelle gerückt und ich könnte plötzlich statt einem surealistischen Gemälde ein klares Bild sehen.


    Die andere Frage ist, wann der richtige Zeitpunkt für manche Information ist.
    Freiheit ist, wenn jeder sich auf seine Art zum Deppen machen kann.

    .... und das demnächst auf www.befriendsonline.net/


    Profilbild © edwardbgordon
    Moderation:
    "Rund um den Job", "Mietforum" und "Selbstständige, Freiberufler & Co"

  7. User Info Menu

    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Ich denke, dass ich meine Eltern und meine Schwester besser kenne als alle anderen Menschen.
    -Ein Stall eben.
    Eigentlich ist meine Schwester der Mensch den ich ,und umgekehrt sie mich am besten kenne. immerhin sind wir zusammen
    aufgewachsen.
    Dinge, die mit den Familienleben bzw. mit den eigenen Gefühlen die daraus resultieren zu tun haben , versteht sie am besten.
    Ich muss nichts erklären, - sie weiss. Bei anderen erkläre ich meine Befindlichkeiten in bestimmten Situationen oft vergeblich,
    Bei meinen Eltern war das Interesse an den Kindern teilweise mau . Insofern kann ich nicht sagen wie gut sie mich kannten.

    Ich weiss auch nicht jede Einzelheit aus der Biografie meiner Eltern, das ist auch nicht notwendig. Ich wusste immer welche Reaktionen oder Verhaltensweisen sie so an den Tag legen werden.

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    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Was heißt schon kennen? Ich kannte meinen Vater recht gut, seine Macken, teile seiner Geheimnisse und vor allem seine Vergangenheit. Keines meiner Geschwister wusste das er ein "lediges Kind" war. Ich kannte sogar den Namen seines biologischen Vaters und ich war es auch, der Kontakt zu diesem Teil der Familie herstellte.

    Aber er war kein so toller Vater, wenig einfühlsam, auch hat mich all die Jahre gewundert dass meine Mutter das 62 Jahre ausgehalten hat. Sie hat ihm nie widersprochen. Und wenn ich anderer Meinung war, sagte sie jedes mal: lass es doch, es ändert doch nichts.

    Andersherum denke ich, dass mich meine Eltern nicht wirklich kennen. Sie haben sich ein Bild von mir gemacht, ohne Kontraste, ohne wirklich einmal nachzufragen, warum ich dies oder das mache. Ich kann mich auch nicht entsinnen ob mich meine Eltern jemals gefragt haben: wie geht es dir?

  9. Inaktiver User

    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Ich halte dieses "kennen in der Familie" für eine gewaltige Illusion, die noch dazu zu immensen Problemen führen kann (oft führt).

    Das erinnert mich an die Aussage meiner Eltern"wir kennen dich!"-- womit ich meinen Stempel weg hatte und sagen konnte, was immer ich wollte.......ich steckte in deren Schublade fest!

    Es erinnert mich auch daran, dass jeder Mensch mich anders beurteilt als das die Familie getan hat.
    Ich war "so"- die haben ihr Bild und das ist unverrückbar.

    Es ist die Krux genauso von den Kindern- ein Bild der Eltern erschaffen zu haben, was dem realen Menschen kaum bis gar nicht entspricht.

    Wir sehen das, was wir sehen wollen.
    so einfach ist das.
    Wir wollen eine Illlusion aufrecht erhalten, weil unsere innere Stabilität - unsere Welt - davon abhängt.

  10. Inaktiver User

    AW: Wie gut können sich Eltern und Kinder kennen?

    Kenzia,

    das kann auch daran liegen, dass Eltern die Entwicklung welche wir als Erwachsene machen nicht mehr so mitbekommen und in uns immer noch das Kind sehen - das übrigens immer noch da ist, aber einen gewissen Platz gefunden hat.

    Gerade weil man sich dann reduziert fühlt oder auch verkannt (je nachdem, wie sehr man sich verändert hat), kann das für beide Seiten irritierend sein.
    Die Anlagen, die Grundzüge sind da - aber was wir daraus gemacht haben, erleben sie meist nicht mehr mit.

    Das mit den Illusionen sehe ich auch so.

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