Liebe Leute,
Es ist mein erster Foreneintrag dieser Art, ich hoffe, ihr nehmt euch trotz der Länge die Zeit, mal reinzulesen, denn ich weiß momentan nicht mehr weiter.
ich habe seit längerer Zeit das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Als ob ich dem Leben als Solchem nicht gewachsen wäre.
Ich habe eine sehr enge Beziehung zu meiner Mama, da mein Vater ein recht komplizierter Mensch war, welcher sich nicht wirklich für das Familienleben interessiert hat. Meine Mama und ich waren immer das Power-team, was den Alltag organisiert hat, als mein Vater immer älter und kränker wurde. Meine Mama ist eine ganz tolle Persönlichkeit, fernab jeder Spießigkeit, und hat immer einen guten Rat auf Lager. Wir hatten ein schönes Haus mitten im Wald, und schon damals hatte ich immer großes Heimweh, wenn ich mal länger auf Klassenfahrt war.
Zum Studium bin ich dann recht überstürzt in die Großstadt gezogen, viele Hundert Kilometer weit entfernt. Ich wollte mir selber beweisen, dass ich es schaffe, mich in einer vollkommen fremden Umgebung zurechtzufinden. Mit 16 hatte ich einen Aufenthalt auf einer Elite-Schule in Irland abgebrochen, weil ich mit Internatsleben und -Leuten nicht zurecht kam. Einen Abbruch wie diesen wollte ich nicht wiederholen. Außerdem hatte ich einen Losplatz für das Fach Psychologie, womit ich bei meinem Normalo-Abitur nicht gerechnet hätte. Ich habe das dann auch mit viel Anstrengung und Stress den Bachelor mit gutem Abschluss geschafft, habe mir einen Freundeskreis aufgebaut, der zwar immer wieder fluktuiert und auch nicht ständig erreichbar ist (jeder hat so seinen Kiez), aber im Prinzip sind Leute da. Beim Master musste ich lange auf einen Platz warten, da es zu wenige Studienplätze für Psychologen gibt. Jetzt habe ich noch ein Semester vor mir, dann habe ich endlich, nach 7 Jahren des Studierens und Wartens, den Master. Das Fach hat mir nie wirklich Spaß gemacht, ich wollte aber durchhalten, da ich ja gerade dafür in die Stadt gezogen war und außerdem dachte, dass ein Beruf als Therapeut ein sinnvoller und erfüllender Beruf sein könnte. Doch jetzt denke ich nur noch mit Angst daran, vor allem nach einem langen und harten Psychiatriepraktikum. Meine Mama, selbst Therapeutin, übt ihren Beruf sehr gerne aus, und hat mich natürlich dadurch in der Berufswahl inspiriert. Sie sagt, dass man in der Ausbildung das Therapeutensein lernen würde. Andere Tätigkeitsbereiche fallen aufgrund meiner mäßigen Naturwissenschaftlichen Begabung weg. Ich weiß also nicht wirklich, wie es im Herbst weitergehen soll.
Gerade weiß ich nicht mehr weiter. Ich war für ein paar Wochen in der alten Heimat, weil ich dachte, ich würde dort auftanken. Dort habe ich meine Mama mit fast täglichen Heulattacken sehr zu schaffen gemacht. Nun bin ich zurück in der Großstadt, sehe das Chaos in der Wohnung und die seit Monaten nicht wirklich angerührten Seminararbeiten, und verstehe nicht, wie ich an diesen Punkt kommen konnte. Ich dachte, ich hätte alles sorgsam abgewägt und bedacht, aber ich scheine kein Glück mit meinen Entscheidungen zu haben. Als Kind war ich selbstbewusst, fröhlich und hatte nur gute Noten. Ich habe das Gefühl, als ob bis zum Ende meiner Kindheit im Haus im Wald alles wunderbar war, und sich dann alles nach und nach grau verfärbt hat. Obwohl ich weiß, dass auch damals nicht alles aus Zucker war, meine Eltern hatten viele Probleme in der Ehe. Aber so kann es nicht mehr weitergehen. Ich war schon einmal in einer Therapie,als ich Entscheidungsprobleme hatte und mein Vater gestorben ist. Aber die ist schon seit längerer Zeit beendet. Jetzt nähert sich das Studium dem Ende, ich werde 27, und muss schauen, wie ich meine Miete zahle. Das meine Mutter mich in ihrem hohen Alter zusätzlich unterstützt, mit Geld und guten Worten, macht die Sache ehrlich gesagt noch schlimmer, ich habe dadurch so ein schlechten Gewissen. Etwas neues anzufangen, das ist vor allem eine Alters- und Kostensache. Und woher weiß ich, dass ich in fünf Jahren nicht wieder an dem Punkt bin?
Außerdem wäre da noch mein Bruder zu nennen, auf den ich wütend und neidisch zugleich bin. Er war immer der Pascha im Haus, nennt sich selbst ein absolutes Glückskind, und das ist er auch. Während ich zwischen meinen Eltern vermittelt habe, hat sich mein Bruder immer davongestohlen. Als ich nach Berlin gegangen bin, wohnte er noch zuhause und meinte, ich solle mich nicht mit einem so schweren Studium stressen. Jetzt hat er mit minimalen Aufwand und den Kontakten meiner Eltern eine Riesenkarriere hingelegt, wird bald Firmenchef sein, UND ist auch noch viel abgelöster als ich: Obwohl er von dem besagten Waldhäuschen nur 15 min entfernt wohnt, ist er so gut wie nie zuhause.
Meine Gefühlszustand sieht man mir im übrigen nicht an. Ich kann sehr gut schauspielern, bin hübsch und sehr kontaktfreudig. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass es in meinem Freundeskreis jemandem ähnlich ergeht.
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Ergebnis 1 bis 10 von 17
Thema: Lebenskrise
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21.03.2016, 15:56
Lebenskrise
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21.03.2016, 16:14
AW: Lebenskrise
eben, man weiß nie was einem in 5 Jahren noch gefällt, deshalb lohnt es sich auf jeden Fall immer das Angefangene zu beenden.
Was deinen Bruder betrifft, er ist eben ein Glückskind. Nehme ihn dir doch als Vorbild und mach es wie er, dann musst du dich nicht mit so hässlichen Neidgefühlen herumplagen.
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21.03.2016, 16:16Inaktiver User
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21.03.2016, 16:29Inaktiver User
AW: Lebenskrise
Wenn ich Deine Zeilen lese, dann kommt es mir vor als ob Du gar kein eigenes Leben je hattest!
Kindheit mit der Mutter-Fusion.....Studium im Fach der Mutter....enge Verbindung....
Ich kann in dem Ganzen nicht wirlich erkennen, wo DU bist!???
Dann Deine Zeilen zu Deinem Bruder, der ganz am Ende erwähnt wird und dann doch eine solche Wirkung auf Dich hat!
Mein Tipp:
Mach Dich mal auf zu Dir und geh ruhig nochmal in eine Therapie.
Löse Dich von Deinem Elternhaus und werde frei um zu erkennen, wer Du bist und was Du willst.
Du wirkst auf mich wie die brave Tochter, die alles richtig machen will und allmählich spürt, dass sie gar nicht sie selber ist.
Wenn Deine Mutter so toll ist, dann wird sie Dich a- unterstützen und b- Dich auch gehen lassen.......ihr bleibt ja immer Mutter und Tochter.
lg kenzia
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21.03.2016, 16:45
AW: Lebenskrise
Wer älter als 10 Jahre ist und gegenüber fremden Leuten ständig von seiner "Mama" anstatt von seiner "Mutter" redet, sollte in der Tat eine Therapie machen. Du bestätigst die gängigen Vorurteile gegenüber Psychologen.
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21.03.2016, 16:53Inaktiver User
AW: Lebenskrise
27 - männlich oder weiblich Max??
Wie alt ist deine Mutter? In deinem Alter doch sicher noch keine 70 oder?
Mama? Tja in der Tag wäre ein Abnabeln angesagt und sich mal ein wenig zusammen reißen vielleicht?
Mit Neid auf deinen Bruder kommst du jedenfalls nicht weiter
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21.03.2016, 17:54
AW: Lebenskrise
Unabhängig von den anderen Fragen:
Warum brauchst Du für andere Tätigkeitsgebiete als das der Therapeutin, des Therapeuten eine naturwissenschaftliche Begabung?
Lehre, Aussagepsychologie sind gleich zwei Gebiete, die mir als Fachfremder spontan einfallen, gibt bestimmt noch mehr.
Wenn Du Deine Augen nicht nur auf Deine Familie und das Vorbild Deiner Mutter richtest, hast Du die Möglichkeit, Deine Nische, Deinen Weg zu finden.
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21.03.2016, 18:02Inaktiver User
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21.03.2016, 20:40
AW: Lebenskrise
Danke schonmal für die vielen Antworten.
Zunächst ist meine Mutter tatsächlich über siebzig, da sie mich mit Mitte vierzig bekommen hat. Das macht das Ablösen schwieriger, da sie gesundheitlich nicht immer ganz fit ist und ich nach dem Tod meines Vaters ein Gefühl dafür bekommen habe, das man die Zeit zusammen bewusst nutzen sollte. Nur habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht so weiß, wer ich jenseits dieser braven Tochter bin. Wie findet man das heraus? Ich dachte, dass die räumliche Entfernung und dem damit einhergehenden Zwang, sein Leben selbst auf die Reihe zu bekommen,ein erster Schritt in diese Richtung ist. Wie gesagt, ich verstehe mich ja gut mit meiner Mutter, und hätte das gerne auch weiter so, aber meine andauernde Unzufriedenheit und Depression zeigen ja an, dass etwas verkehrt läuft. Und momentan habe ich einfach nur Angst vor dem, was auf mich zu kommt. Da muss es doch einen Kompromiss zwischen gesundem Familienleben und Selbstständigkeit geben!
Zu den Fragen: Da Psychologie heutzutage eher den Naturwissenschaften zugeordnet ist, arbeiten tatsächlich die meisten meiner Kommilitonen in Neuropsychologischen Instituten, programmieren Fragebögen oder schauen sich biologische Korrelate an. Das ist bestimmt auch der Uni geschuldet, die viel Richtung Neuro-kognitive Prozesse forscht.
Mutter, Mama, das war jetzt eher willkürlich gewählt. Ich nenne meine Mutter eigentlich beim Vornamen
@Stefanie: das Klischee vom seelisch angeknacksten Psychologen anzubringen, find ich ziemlich schwach und auch nicht sonderlich hilfreich. Es gibt nicht mehr oder weniger psychisch Kranke als in anderen Fächern. Das ist kein Fach, was man durchziehen kann, wenn man zu labil ist.
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21.03.2016, 20:51
AW: Lebenskrise
Zu dem Neid auf meinen Bruder: ich weiß, dass mir das nicht weiterhilft.
Trotzdem kann ich es nicht abschalten, es ärgert mich einfach, das jemand mit so einer "hoppla wo bin ich denn da gelandet"-Haltung von Job zu Job schwebt und eine Steilkarriere hinlegt. Ich will meinem Bruder nichts schlechtes, aber er hat schon immer über unseren familiären Verhältnissen gelebt und sich viel von meinen Eltern finanzieren lassen (die das auch mitgemacht haben). Manchmal habe ich mir gewünscht, dass er auch mal etwas von der Job- und Lebensrealität anderer Menschen annimmt. Und mir nicht mit seiner neuen Porsche ankommt, wenn ich ihm gerade erzähle, dass ich mein Auto verkaufen musste, weil ich mir gerade keins leisten kann.


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