Hallo zusammen,
ich komme gerade vom "Weihnachtsbesuch" von meinen Eltern zurück und bin irgendwie ganz deprimiert
Mein Vater hat eine chronische Krankheit (nicht lebensbedrohlich) und hat zur Zeit mal wieder einen akuten Schub. Es tut mir total leid, ihn - den eigentlich immer Starken - so angeschlagen zu sehen aber mein Vater ist total tapfer und lässt sich nie hängen und ist trotzdem gut gelaunt![]()
Ich telefoniere alle zwei bis drei Tage mit meinen Eltern (wenn es meinem Vater gerade schlechter geht natürlich auch öfter) und bin ca. alle drei Wochen für ein, zwei Tage am Wochenende dort. Jedoch - und da kommt das große Problem - lebe ich ca. 200 km von meiner Familie entfernt.
Für meinen Vater ist das kein Problem (zumindest sagt er nie was), er ist eh der Meinung, dass jeder sein Leben führen sollte, wie er es mag. Meine Mutter jedoch hat mir der "weiten Entfernung" ein Riesen-Problem. Gestern erst meinte sie zu mir, dass sie ja "ganz alleine" wären, ich wäre ja "weit fort"... Und dass ich "im Notfall" ja nicht gleich da wäre. Damit kommt sie immer wieder an, macht mir damit ein riesiges schlechtes Gewissen und ich schwanke zwischen Aggression und Schuldgefühlen.
Klar kann ich nicht "sofort" da sein aber sooo weit sind 200 km ja auch nicht und wenn sie oder mein Vater krank waren, war ich am Wochenende immer sofort da. Außerdem sind meine Eltern gerade mal Mitte 60 (daran wie es wird, wenn sie mal 10 oder noch mehr Jahre älter sind, will ich gar nicht denken) und ich kann auch nicht "einfach so" mal umziehen weil ich in einer Branche arbeite, in dem die Stellen in meiner Heimatstadt nicht gerade reichlich sind ...
Ich glaube das "Kernproblem" liegt daran, dass meine Mutter - außer meinem Vater - recht wenige Kontakte hat und sich so natürlich "alleine" fühlt. Klar gibt es ein paar Bekannte aber keine engen Freunde oder Hobbies. Ich habe ihr schon mehreres vorgeschlagen (VHS, Ehrenamt etc.) aber alles wird unter fadenscheinigen Ausreden abgelehnt.
Gerade ist mir mal wieder zum Heulen zumute und ich schwanke zwischen Wut ("warum macht sie mir immer solche unterschwelligen Vorwürfe") und Trauer ("sie hat ja recht, ich bin tatsächlich nicht da").
Ist jemand von Euch in einer ähnlichen Situation und kann mir einen Rat geben?
Vielen Dank und liebe Grüße vom
Wassernixlein
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27.12.2013, 20:20
Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
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27.12.2013, 20:50
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
Zum Glück habe ich das nur im weiteren Verwandtenkreis, aber aus der Beobachtung:
Zieh dir das nicht an. Mach dir in Gedanken eine Rüstung, in der das hängenbleibt. Übe vor dem Spiegel, ein freundliches und verständnisloses Gesicht zu machen, wenn Forderungen an dich herangetragen werden. Finde drei Gründe, warum du den Forderungen nicht nachgeben kannst, und wiederhole sie gebetsmühlenartig in freundlichem, bedauerndem und verständnisvollem Tonfall. Ein paar nette, allgemeine Komplimente, die die Annahmen deiner Mutter über sich und die Welt ein bißchen untergraben, sind auch gut, im Repertoire haben.
Du kannst deine Mutter nicht ändern, du kannst ihr Leben nicht einrichten, du kannst sie nicht dazu bringen, dich zu verstehen, oder sich in deine Position zu versetzen. Was sie von dir will, ist nichts, was du tun kannst. Solche Forderungen, dein Leben aufzugeben, um besser in ihres zu passen, sind Wolkenkuckucksheime, Fässer ohne Boden, und je mehr du versuchst, ihr entgegenzukommen, desto mehr Schuld wird dir zugewiesen.
Das ist keine angenehme Position, und es wird nie eine werden. Alles, was du tun kannst, ist, den Frieden zu wahren, und das erreichst du am besten, indem du keine Scharmützel an deinen Grenzen zuläßt, ihr keine falschen Hoffnungen machst, und bei all dem freundlich und gelassen bleibst.
Ich wünsche dir gute Nerven, innere Ruhe, und viel Erfolg!** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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27.12.2013, 20:55Inaktiver User
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
Hallo wassernixlein, Du solltest aufhören zu schwanken und die Trauer in Wut umwandeln.
Deine Mutter hat eine ziemliche Anspruchshaltung. Das, was Du für Deine Eltern tust, ist sehr viel und sehr liebevoll.
Mehr braucht es nicht.
Deine Mutter macht es sich sehr bequem. Sie verlässt sich ganz auf Dich.
Das solltest Du nicht so hinnehmen. Sage ihr deutlich, dass Du Dich genug kümmerst und Dein eigenes Leben leben musst, ebenso wie sie das Ihre.
Lass' Dich nicht so herunterziehen, trainiere Dein Selbstbewusstsein.
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27.12.2013, 20:57Inaktiver User
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
Du kannst versuchen, allgemein gehaltene Aussagen, die du als Vorwürfe und Aufforderungen verstehst, durch Nachfragen konkreter zu machen: zum Beispiel hier
nachfragen, was sie genau damit meint. Dann muss sie ihre Wünsche formulieren, und du kannst sagen, ob du sie erfüllen kannst oder ob dir das zuviel ist. Du kannst sie auch fragen, was sie braucht, um nicht allein zu sein. Sie wird dir wahrscheinlich nicht sagen, du sollst jeden zweiten Tag zu ihnen kommen, sondern sich eher in allgemeine Floskeln flüchten. Du brauchst darauf aber nicht zu reagieren. Ich jedenfalls würde nur auf ganz konkret genannte Wünsche reagieren, und mir auch da die Freiheit nehmen, nur die zu erfüllen, die du bei guter Selbstfürsorge auch wirklich erfüllen kannst.dass sie ja "ganz alleine" wären
Das, was du für dich tun kannst, hat Wildwusel schon genannt: Zieh dir nicht jeden Schuh an, den sie dir hinstellt.
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27.12.2013, 21:30
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
Erst einmal ganz lieben Dank für Eure schnellen Antworten

Wildwusel, das "freundlich-distanzierte" Gesicht versuche ich schon bzw. es kommt automatisch in mir hoch, wenn meine Mutter anfängt zu jammern
In meiner Familie ist Herzlichkeit nicht so üblich (umarmt, z. B. wird überhaupt nicht und auch sonst zählt eher das Motto "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" und Probleme werden gerne totgeschwiegen). Und da kommt das nächste Problem: wir sind schon lustig und nett miteinander aber "emotional" - das geht mit meiner Familie einfach nicht. Wäre meine Mutter z. B. meine beste Freundin, die da "jammern" würde, hätte ich kein Problem sie einfach mal zu drücken und zu sagen "hey, sooo weit bin ich doch nicht weg und wenn Du mich brauchst komm ich doch vorbei"... Aber bei meiner Familie ... irgendwie geht das nicht
Es ist mir TOTAL unangenehm, wenn sie mal wieder mit dem "... wir sind ja allein und ich weiß gar nicht, was wird, wenn ich mal ganz allein bin ..." anfängt. Irgendwie erstarre ich da innerlich und kann nur kurze Antworten geben von wegen "Ihr seid doch nicht allein" etc.
Rodrigue, daher kommt auch nie ein richtiges Gespräch zustande von wegen "was wünscht Ihr Euch eigentlich?". Klar weiß ich, was sich meine Mutter wünscht: dass ich in der Nähe wohne und sie mindestens zwei Enkelkinder kriegt, die sie täglich hüten darf. Das kann und will ich im Moment aber nicht erfüllen, daher fange ich gar kein Gespräch darüber an
Ich schaffe es aber auch nicht ihr zu sagen, dass ich mich genug kümmere und mein eigenes Leben leben möchte (mushunt, das geht in die Richtung, die Du vorschlägst) ... aber ich glaube, beim nächsten Mal sollte ich das mal tun, auch wenn es mir sehr unangenehm ist...
Puh, irgendwie zieht mich das total runter... Ich würde mir einfach mal ein bißchen mehr "Leichtigkeit" seitens meiner Mutter wünschen. Dass sie sagt: ich freu mich riesig, wenn Du kommst aber es ist auch ok, wenn Du wieder fährst und es ist schön, dass es Dir so gut geht in der Stadt. Warum verdammt muss sie mir es so schwer machen
? Natürlich wär es schön einfach mal schnell auf einen Kaffee bei den Eltern vorbeischauen zu können, das geht bei uns natürlich nicht aber hey, andere "Kinder" leben in den USA oder in Australien ... deren Eltern überleben das doch auch, oder
?
Liebe Grüße vom
Wassernixlein
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27.12.2013, 21:43
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
In ihrem "Film" bist du die Ursache von allem, was in ihrem Leben nicht stimmt oder sie unglücklich macht. Wahrscheinlich hinterfragt sie das nicht. Andere Leute denken, ihr Leben würde endlich traumhaft, wenn sie einen bestimmten Partner hätten, oder eine andere Nase, oder in einer anderen Stadt wohnen würden... Ist nicht so, ist aber sinnlos, das erklären zu wollen.
Ich habe nicht den Eindruck, daß deine Mutter und du "unemotional" miteinander umgeht -- nur, daß die Emotionen der "dunklen Seite der Macht" entspringen. Daß da oberflächlich gut Wetter gemacht wird ist dann eigentlich ein Segen, da hat man ein Maske, hinter der man sich verstecken kann.
Wenn du bei gewissen Sätzen sprachlos bist, überleg dir vorher, welche sind das, und was du darauf sagen könntest. Das ist wie Feueralarm-Übungen: Man geht solange ohne echtes Feuer durch die nötigen Handlungen, bis man eine Chance hat, das auch zu tun, wenn's brennt und man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.
Ein Abwiegeln der Form "was du sagst, stimmt nicht" ("Ihr seid doch gar nicht allein") kann klappen... muß aber nicht. Hat sich das für dich bewährt?
Es gibt natürlich auch immer die Möglichkeit zu sagen, "ich möchte dieses Gespräch nicht führen, es ist alles dazu gesagt". Gegen stumme Vorwürfe hilft das leider nicht besonders, aber eventuell hilft es gegen falsche Hoffnungen.** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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27.12.2013, 21:47Inaktiver User
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
Dreh es doch mal um. Sag DU IHR beim nächsten Besuch, wie sehr DU dich freust, bei ihnen zu sein und dass du dich aber auch freust, wenn du wieder zuhause bei dir bist, weil da DEIN Leben ist, wo es DIR gut geht. Und dann schau mal, wie sie reagiert.
Kann es sein, dass du nicht nur ihr, sondern vor allem dir mehr Leichtigkeit wünschst? Und wenn das in eurer Familie BISHER nicht üblich war mit der Herzlichkeit, kannst du anfangen, es zu ändern. Umarme sie doch beim nächsten Mal und schau, was passiert. Sag ihr, was dich bekümmert, dass du dich um die Gesundheit deines Vaters sorgst, auch wenn du weit weg lebst, dass dir wohler wäre, sie hätte ein paar mehr Kontakte und es bliebe nicht die ganze Sorge an dir hängen. Vielleicht reagiert sie nicht sofort darauf. Aber vielleicht bewegt es etwas in ihr. Und sicher bewegt es etwas in dir. Es einfach mal deutlich aussprechen, was in einem so vorgeht, kann die Dinge wirklich in Bewegung bringen.
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27.12.2013, 21:56Inaktiver User
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
Du kannst deine Mutter nicht ändern, aber du kannst dich selbst ändern. Die Anspruchshaltung deiner Mutter mußt du nicht erfüllen. Mache klar, dass du dein eigenes Leben lebst und dich nicht vereinnahmen läßt.
Deine Mutter will vermutlich weiter behütet werden, so wie ihr Ehemann das immer gemacht hat. Du bist aber nicht der Ersatz für den Ehemann. Wenn deine Mutter mal ganz alleine ist, kann sie auch näher zu dir hin ziehen. Aber ich würde an deiner Stelle darauf achten, dass sie nicht "zu nah" zieht, damit dir die Möglichkeit bleibt, dich zu distanzieren.
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28.12.2013, 20:26Inaktiver User
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
auweia, ich sehe da sehr viele Parallelen zu meiner Mutter und meiner Situation- meiner Meinunge nach eine Gratwanderung und da ich grade eben erst 5 Tagen "in family" gemacht habe, muss ich mich echt erholen, ich bin so fertig- habe aber wohl insgesamt meinen Weg gefunden....auch wenns traurig ist. sie ändert sich niemals mehr...
Liebe Grüße erst mal und danke @Wildwusel, so seh ich das auch!
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28.12.2013, 21:32
AW: Stumme Vorwürfe - wie geht Ihr damit um?
Hallo Monika,
danke für Deine Antwort! Magst Du erzählen, wie Deine Situation ist und wie Du es schaffst, Dich mehr abzugrenzen?
Liebe Grüße vom
Wassernixlein


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