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  1. Registriert seit
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    Bin ein bisschen verzweifelt

    Ich möchte euch bitten, mir einen Rat zu geben. Seit einiger Zeit wache ich immer auf gegen 4 und ich versinke in Scham über Vergangenes. Worüber? Das ist das Problem: ich schäme mich über Dinge, die ich gesagt habe von ca. 30 Jahren oder noch länger her. Wohlgemerkt, ich habe nicht Dinge gesagt, die andere verletzten, ich habe einfach einen Blödsinn gesagt, dh. dass man ein Kind auch einmal verhauen kann, usw, das ist eh das schlimmste. Es sind, bei Tageslich betrachtet, Banalitäten, absolut verjährt ( Ich habe nie ein Kind geschlagen). Ich habe mich einfach gelegentlich blöd benommen.
    Ich stelle mir nun die Leute vor, denen ich es gesagt habe, und schäme mich derart, dass ich nicht mehr schlafen kann. Mir ist 90% meiner Persönlichkeit vor 20 oder 30 Jahren oder so, unendlich peinlich. Um 4 in der Nacht erschlägt es mich. Dazu kommt, dass ich in der Schule eine Totalversagerin ab einer gewissen Schulstufe war, es gab einen Lehrer, der nicht mich, sondern meine Eltern hasste. Das habe ich nicht verkraftet, ich war 10. Mein Vater war nicht präsent, wurde nicht damit belästigt, die Mutter war sehr kalt und definitiv nicht auf meiner Seite. Ich habe dann gearbeitet in der Firma meiner Mutter, bin ins Ausland geflüchtet, nach Jahren zurück, weil ich ohne Abitur nichts tun konnte. Ich lebte sehr kurz daheim, dann als Privatist das Abitur, ein aufreibendes Studium neben Arbeit, usw. Jetzt verkrafte ich das alles nicht mehr ganz, kommt mir vor. Nachts holt mich alles ein. Einmal ist es dies, einmal das, aber immer Scham. Die Scham, sie erdrückt mich jede Nacht. Im Grunde bin ich nicht depressiv, ich bin ein fröhlicher Mensch, gerne mit mir alleine, ich lebe in einer glücklichen Beziehung, ich lese sehr viel, studiere sehr viel, momentan chinesisch. Ich war bei einer Therapeutin, aber es ging nicht, ich habe mich derart vor ihr wegen dieses Schulversagens geschämt, ja. Deshalb hier. Danke
    Geändert von Persuasion (11.02.2018 um 18:37 Uhr)


  2. Registriert seit
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    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    Ich bin zwar um einiges jünger als du, aber ich hoffe mal, dass dir meine Antwort trotzdem was bringt. Wenn nicht, sag es mir einfach.

    Diese Art von Scham, die du beschreibst, kenne ich auch. Ich schäme mich für Dinge, die teilweise Jahrzehnte zurückliegen. Ich wurde früher auch oft beschämt, von der Familie oder von Bekannten.

    Dein Lehrer hätte sich besser mal selbst in Grund und Boden geschämt. Eine Zehnjährige wegen der politischen Haltung der Eltern runterzumachen ist einfach nur eine Schande - für den Lehrer, nicht für dich. Er hat sich sicher nicht geschämt, weil ihm niemand die Grenzen mal aufgezeigt hat, stimmt´s?

    Scham ist nämlich etwas ganz anderes als Schuld. Es schämen sich doch selten die Täter, sondern eher die Opfer.

    Oder die Täter schämen sich noch jahrelang für Banalitäten.
    Aber sagt nicht jeder mal etwas Dummes, Unvernünftiges, Unsensibles oder Unangemessenes?
    Du, ich, alle anderen auch. Gerade die, die es von sich selber niemals behaupten würden.

    Ich habe öfter etwas Dummes gesagt, weil ich massive Konzentrationsprobleme hatte und habe. Das glaubte mir aber niemand bzw. es war dann eben einfach "meine Schuld". Hat mir natürlich nicht weitergeholfen, ganz im Gegenteil, es machte alles nur noch schlimmer. Damit klarkommen musste ich als Kind alleine. Die Scham wurde dadurch noch schlimmer.

    Ich würde da mal nach den Schuldigen für deine Scham suchen. Die Schuld liegt nämlich sicher nicht bei dir, vor allem nicht in einem so jungen Alter, in dem du letztlich keine Handhabe hast.

    Im Übrigen müsste ich mich in einer Sache mehr schämen als du: Du bist beruflich erfolgreich, ich bin es nicht. Trotz abgeschlossenem Studium.

    Wenn dich deine Mutter so runterzieht, und daran ändert ganz offenbar auch die Demenz nichts, wie wäre es, wenn du erstmal die Besuche bei ihr einstellst?

    Konnte diese Therapeutin nicht auf deine Scham eingehen?
    Vielleicht solltest du dir eine andere suchen, die genau dieses Thema mit dir anpackt.

    Und ich denke, dass es vielen Menschen so geht wie uns.


  3. Registriert seit
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    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    Danke, ja so ist es.
    Geändert von Persuasion (11.02.2018 um 18:37 Uhr)


  4. Registriert seit
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    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    Zitat Zitat von Persuasion Beitrag anzeigen
    Danke, ja so ist es. Der Lehrer ist tot, seine Kinder hassten ihn, alle hassten ihn, er war ein richtiger Nazi, der diese schrecklichen Nazischulen für Lehrer besucht hat, er war ein durch und durch mieser Mensch, wortwörtlich.
    Und? Hat er sich dafür geschämt?


  5. Registriert seit
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    49

    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    Der? Sicher nicht! Ich will dir auch sehr danke für deine Antwort, sie ist sehr weise, aber bitte mach dich nicht fertig wegen deines angeblichen beruflichen Misserfolgs, manchmal ist es einfach nur Glück und ein Schuss Wagemut.

  6. Moderation
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    6.440

    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    Hast du einmal probiert, dir selbst etwas zu erlauben? Manchmal funktioniert das ganz gut: "Hiermit erlaube ich mir, schlecht in der Schule gewesen zu sein. Hiermit erlaube ich mir, manchmal etwas sehr Dummes zu sagen."
    Always be a little kinder than necessary. – James M. Barrie

    Moderation in den Foren "Rund um den Job", "Rund ums Eigenheim", "Fehlgeburt" und "Wissenschaft und Umweltschutz"


  7. Registriert seit
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    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    hmmm, danke

  8. Avatar von linsemo
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    5.395

    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    Das in der Nacht solche Gedanken auftauchen, das ich mich für etwas schäme, was ich in jungen Jahren gemacht habe, passiert mir auch. Aber ich weiß auch, das ich manches nicht mehr rückgängig machen kann, manches aus Unwissenheit passiert ist und ich heute vieles anders machen würde, das kann ich aber nur, weil ich heute mehr weiß und vieles anders sehe.

    Mir hilf in einer solchen Situation, das ich mir selber verzeihe und ich weiß, daß vieles aus Unwissenheit passiert ist.
    Es geht jedem Menschen so, keiner ist perfekt, jeder macht Mist.
    Und immer wenn wir lachen, stirbt irgendwo ein Problem.
    Dornröschen hätte gar keinen Prinzen gebraucht, nur einen starken Kaffee
    Friedvoll zu sein bedeutet, von Erwartungen frei zu sein und nichts von anderen zu wollen.
    Wenn du jemand anderem vergibst, dann tust du dies deinetwegen, nicht weil der andere das verdient. (Doris Wolf, Psychotherapeutin)


  9. Registriert seit
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    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    Zitat Zitat von Persuasion Beitrag anzeigen
    Der? Sicher nicht! Ich will dir auch sehr danke für deine Antwort, sie ist sehr weise, aber bitte mach dich nicht fertig wegen deines angeblichen beruflichen Misserfolgs, manchmal ist es einfach nur Glück und ein Schuss Wagemut.
    Oh danke, das tut jetzt richtig gut....rotwerd...

  10. Inaktiver User

    AW: Bin ein bisschen verzweifelt

    Leute, seid gnädig und barmherzig mit Euch selbst und redet so mit Euch, wie Ihr auch mit Eurer Freundin reden würdet...

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