Du widersprichst dich selbst. Im Eingangsthread bezweifelst du, dass es psychische Erkrankungen gibt.
Gerade bei psychischen Erkrankungen ist es so, dass die Betroffenen nicht wahrnehmen, dass sie krank sind. Und dein Horrorszenario mit den Medikamenten ist völlig fehl am Platz. Niemand muß Medikamente schlucken wenn er nicht will.
Antworten
Ergebnis 11 bis 20 von 161
-
10.09.2015, 09:20Inaktiver User
AW: Gibt es wirklich Psychisch Kranke oder sind diese Krankheiten erfunden?
-
10.09.2015, 09:26
AW: Gibt es wirklich Psychisch Kranke oder sind diese Krankheiten erfunden?
Mein Leben ist nicht so langweilig. Ich bin nur öfters momentan für paar Minuten im Forum, weil ich nicht richtig laufen kann, wie jeder hier auch in Forum ist und viel schreibt. Nur die anderen sehen sich hier nicht in Forum. Das ich ab und zu neue Themen eröffne ist ja nicht so tragisch. ich kann draußen leider nicht viel machen und meine Bücher befinden sich fast alle woanders. Sobald ich Sport wieder machen kann, sieht man mich eh kaum hier, aber ich wollte trotzdem das Thema ansprechen.
ich habe etwas über einen Mathe-Studenten gelesen, der behauptete, die Leute würden über ihm lästern. Dann warf er einen Paket für einen Nachbar weg, weil er dachte, da wäre eine Bombe drin und erkannte darauf, dass er Schizophrenie hatte. Jetzt frage ich mich, was daran so schlimm ist, wenn er die Leute lästern sah. Das wäre nicht zwangsläufig eine Krankheit und damit würde ich nicht zum Psychiater gehen, weil ich heutzutage genug komische Leute auf der Straße treffe, die wirklich lästern. Man muss natürlich unterscheiden können, ob es Lästerei ist. Das können manche nicht, manche weniger, andere mehr und wiederum andere einwandfrei. Ich habe für solche Sachen schon immer ein Feingefühl gehabt, da ich unter den Hochsensiblen gehöre. Seine zweite Aussage würde mir aber selber schon zu Denken geben. Das mit der Bombe ist natürlich eine Illusion/ eine Einbildung. Aber wenn er das selber erkannte, wieso kann er sich da nicht helfen? Z. B. konnte ich mich auch aus einer Depression selber heraushelfen und eine Bekannte auch.
-
10.09.2015, 09:28Inaktiver User
AW: Gibt es wirklich Psychisch Kranke oder sind diese Krankheiten erfunden?
Selbstverständlich gibt es psychische Krankheiten. Man kann zB ohne objektiv schwierige Lebensumstände an einer Depression leiden. Stress lässt sich über den Cortisol-Level (ok Cortisol ist etwas vereinfacht, bitte nach Prof. Florian Hosboer googeln) auch nachweisen. Normalerweise macht man das aber nicht, da die Diagnose anhand der Symptome möglich ist.
Geändert von Inaktiver User (10.09.2015 um 09:41 Uhr)
-
10.09.2015, 09:33
AW: Gibt es wirklich Psychisch Kranke oder sind diese Krankheiten erfunden?
Ich arbeite als Ärztin in einer psychiatrischen Klinik für Kinder und Familien, und ich kann aus meiner Arbeit bestätigen, dass es psychische Krankheiten und Störungen gibt, die viel Leid verursachen und die Lebensqualität und Entfaltungsmöglichkeiten der Patienten und Angehörigen beeinträchtigen.
Wer schon mal einen schwer depressiven Menschen, einen Menschen in einer akuten Psychose oder Manie, mit einer ausgeprägten Anorexie, mit einer Zwangsstörung, einer Angststörung oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung, oder den belastenden Symptomen einer Persönlichkeitsstörung wie z.B. Selbstverletzung erlebt hat, der wird gesehen haben, wieviel Leidensdruck und Bedarf nach Hilfe damit verbunden ist. Daher finde ich es gut, dass es Behandlungsmöglichkeiten gibt, und ich mache meine Arbeit sehr gerne
Dennoch halte ich es für wesentlich, wie man sich diese Krankheiten/Störungen gemeinsam mit den Patienten erklärt. Meine Kollegen und ich, und insgesamt immer mehr Professionelle in meinem Bereich, verstehen diese Krankheiten und Störungen als den - wenngleich nicht funktionalen - Versuch, schwierige Erfahrungen und Lebenskonstellationen zu meistern, sich selbst sicher zu fühlen, seinen Stress und seine Affekte zu regulieren und den lebenswichtigen Kontakt zu anderen Menschen zu gestalten.
Und wir erleben, dass diese Herangehensweise auch für die Patienten sinnvoll und weiterführend ist - sie weiter zu sich führt, auch im Sinne von Empowerment, anstatt sie durch ein mechanistisches Krankheitskonzept weiter von sich selbst zu entfremden.
Insgesamt sehe ich grössere Teile der Psychiatrie auf einem guten Weg. Ich weiss aber auch, dass das Fachgebiet eine lange und teils sehr unrühmliche und schwierige Geschichte hat, und dass es viel Machtmissbrauch gegeben hat. Wenn man in einer psychischen Krise steckt, dann ist man sehr wehrlos und davon abhängig, dass die Behandler sich dessen bewusst sind und in gutem, konstruktivem Sinne handeln.
Dazu kommt, dass die pharmazeutische Industrie ein grosses Interesse daran hat, die medikamentelle Behandlung voranzutreiben und zu stärken, wovon wir als Psychiater uns stark abgrenzen und unsere unabhängigen Behandlungsentscheidungen treffen sollten - was dadurch erschwert wird, dass etliche manipulierte Studien publiziert worden sind und es nicht so leicht ist, sich ein unabhängiges Bild zu machen.
Ich habe alte Patienten getroffen, die Jahrzehnte ihres Lebens in psychiatrischen Einrichtungen verbracht haben und danach nicht mehr für sich alleine sorgen konnten, ich habe Spätfolgen von antipsychotischer Behandlung gesehen, die sehr belastend waren. Ich arbeite zur Zeit in einem der ältesten psychiatrischen Gebäude Norwegens und hoffe, dass wir durch unsere neuen Behandlungsansätze das "Karma" von Zwang und Machtmissbrauch aus den alten Mauern austreiben können.
Persönlich habe ich das Glück, dass ich auch im Akutpsychiatrischen Bereich mit Kollegen zusammengearbeitet habe, die vorwiegend auf Beziehung und Begegnung setzen in der Behandlung, und Medikation, insbesondere mit Zwang, sehr bewusst einsetzen. Anders würde ich nicht arbeiten wollen. Ich weiss aber, dass es andernorts teilweise anders gehandhabt wird.
Wir brauchen eine menschliche, informierte Psychiatrie - die vor allem sich aus den Dichotomien "dort die Kranken - hier wir Gesunden", Psyche und Körper (weil es den Unterschied, wissenschaftlich gesehen, nur noch gradweise gibt), Psyche und Gehirn, Gefühl und Nerven, befreit. Und die immer eine Ethik zur unweigerlich entstehenden Machtfrage hat.
Keine Konzepte zu psychischen Krankheiten zu haben, hiesse, die an ihnen Leidenden im Stich zu lassen.that was the river - this is the sea
Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum
-
10.09.2015, 09:36
AW: Gibt es wirklich Psychisch Kranke oder sind diese Krankheiten erfunden?
@ bittersweet0403
Ich weiß schon welche es gibt, aber ob man diese wirklich als Krankheiten einstufen kann, ist fraglich. Zumindest, wenn ich den Bericht über einen Mathe-Studenten gelesen habe (diagnostizierte selbst Schizophrenie nur weil er die Lästerei von anderen Leuten vernahm), der noch freiwillig in Kauf nimmt, ewig Medikamente schlucken zu müssen und dafür schlechter laufen kann.Geändert von nadine-1986 (10.09.2015 um 09:44 Uhr)
-
10.09.2015, 09:37Inaktiver User
-
10.09.2015, 09:43
AW: Gibt es wirklich Psychisch Kranke oder sind diese Krankheiten erfunden?
@maryquitecontrary
Vielen Dank für diesen ausführlichen, informativen und tollen Eintrag.
Es interessiert mich halt nur noch über den Mathe-Studenten, über den ich schon zweimal schrieb. Vielleicht könnte da mal jemand darauf eingehen.
-
10.09.2015, 09:45Inaktiver User
AW: Gibt es wirklich Psychisch Kranke oder sind diese Krankheiten erfunden?
Nadine, zweifelst Du dann nicht eher an der Diagnose des Mathe Studenten? Was hat das mit der grundsätzlichen Existenz der Krankheit zu tun. Wenn er behaupten würde er hätte einen Blinddarmdurchbruch, würdest Du dann daran zweifeln, dass es Blinddarmdurchbrüche gibt?
-
10.09.2015, 09:47Inaktiver User
-
10.09.2015, 09:53
AW: Gibt es wirklich Psychisch Kranke oder sind diese Krankheiten erfunden?
@ Amavah
Nein, daran würde ich nicht zweifeln, aber das Lästerei mit einer Krankheit zutun hat. Jemand der oft Lästereien hört, kann es sich im Endeffekt doch nicht einbilden. Man muss aber wohlgemerkt unterscheiden, ob die Leute es auch wirklicj differenzieren können, also ob sie wirklich unterscheiden können, ob jemand lästert. Das können manche nämlich sehr wohl. Heutzutage gibt es auch genug die ohne Grund und ohne das sie einen kennen, vielleicht nur weil man sich jeden Tag sieht, lästern. Das stell ich nämlich sehr im Zweifel, daraus eine Krankheit zumachen. Das Wegwerfen des Paket dagegen ist natürlich eine unnatürliche Reaktion. Nur, wenn er Mathe-Student ist, kann er doch etwas ändern und wenn er schon selber diagnostiziert, kann er seine Gedanken auch selber verändern, oder nicht?



Zitieren