Hallo,
ich bin neu im Forum. Gelesen habe ich schon viel hier, aber noch nie etwas geschrieben. Da ich nicht so richtig weiß, wen ich um Hilfe fragen soll, möchte ich es heute hier versuchen. Vielleicht habt ihr ja ein paar Ratschläge für mich. Danke schon mal bei jedem, der sich die Zeit nimmt, hier reinzulesen.
Ich hoffe, ich kann mein Problem nachvollziehbar erklären. Seit über einem Jahr bin ich in einer Psychotherapie. Begonnen habe ich sie, weil ich das Gefühl hatte, mich immer mehr von meinem Leben zu entfernen. Ich konnte fast nichts mehr tun, auch keinen Sport mehr, habe viel Zeit auf dem Sofa verbracht und hatte nicht mehr so richtig Freude an allem. Da ich aber nicht wollte, dass irgendjemand das merkt, habe ich mich immer gezwungen, die Arbeiten zu tun, die nötig sind, um das Familienleben aufrecht zu erhalten. (Ich habe 3 Kinder und bin berufstätig. Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt vorübergehend zu Hause.) Das kostete mich wahnsinnig viel Kraft und ich fühlte mich sehr erschöpft.
Während der Psychotherapie habe ich dann begriffen, dass ich aufgrund von Kindheits- und Jugenderlebnissen traumatisiert bin und eigentlich schon mein ganzes Leben mit - ich nenne es mal - schwierigen Phasen zu kämpfen hatte. Komischerweise habe ich geglaubt, dass das einfach zum Leben dazu gehört, dass jeder Mensch diese schwarzen Löcher hat usw.
Vieles in meinem Leben konnte ich allmählich besser verstehen, aber vieles ist immer noch im Dunkeln. Ich habe bereits 50 Stunden Therapie hinter mir und noch ca. 25 vor mir. Am Anfang habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt. Noch nie in meinem Leben hat mir jemand so viel Empathie entgegengebracht und mir so konzentriert zugehört. Ich konnte meine "Erstarrung" auflösen und kann eigentlich wieder ganz gut am Leben teilnehmen. Wenn da nicht die Stunden der Finsternis wären.
Nun endlich zu meinem Problem in der Therapie (entschuldigt, dass ich so viel schreibe). Je länger die Therapie andauerte, umso schwieriger wurde es für mich, in ihr zu reden. Mittlerweile ist es so, dass ich oft fast die ganze Stunde nichts oder nur wenig sage. Mein Kopf ist einfach leer und meine vor der Stunde noch vorhandenen unterschiedlichen Gedanken sind verschwunden. Und was an Gedanken noch da ist, will einfach nicht in Worte gefasst werden.
Mittlerweile bin nicht nur ich entnervt, sondern auch der Therapeut weiß nicht mehr so recht, was er machen soll. Er weist mich auf meine Mitverantwortung in der Therapie hin, was ich gut nachvollziehen kann. Wie soll er wissen, was in mir vorgeht, wenn ich immer nur schweige. Gleichzeitig verliere ich immer mehr das Vertrauen in ihn, weil ich denke, dass er mir doch irgendwie helfen müsste, da raus zu kommen.
Eine vertrackte Situation. Natürlich könnte ich abbrechen. Aber ich habe so große Angst davor, dass ich dann wieder in ein schwarzes Loch falle.
Ich weiß nicht, ob das reicht, um euch ein Bild von meiner Situation zu geben. Gibt es vielleicht jemanden unter euch, dem es schon mal genauso ging? Oder hat jemand einen Rat, was ich machen könnte, damit ich die Therapie vernünftig weiterführen kann?
Augenblicklich
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21.08.2013, 22:05
Probleme in der Psychotherapie
Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. (Cicely Saunders)
Richtig oder falsch. Es ist sowieso nicht mehr zu ändern. (Haruki Murakami)
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21.08.2013, 22:32
AW: Probleme in der Psychotherapie
Liebe Augenblicklich, mir scheint das Wiederstand gegen eine Übertragung an Werk ist. Ganz wichtig in tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie oder analytischen Psychotherapien ist es, über das zu sprechen, was Du dem Therapeuten gegenüber empfindest, deiner Wut und deinen Ärger solltest Du Ausdruck verleihen, nicht als Vorwurf, sondern um zu schauen woher diese Wut und der Ärger kommt.
Genau über dieses Gefühl solltest Du sprechen, um zu erforschen woher du diesen Vertrauensverlust kennst. Das ist Sinn und Zweck der Psychotherapie.
Und wenn Du das ganze während der Sitzung nicht in Worte fassen kannst, dann mach es schriftlich und gib das Papier deinem Psychotherapeuten.Geändert von Luftpost (26.08.2013 um 22:57 Uhr)
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21.08.2013, 22:34Inaktiver User
AW: Probleme in der Psychotherapie
Hallo Augenblicklich,
für mich hört es sich so an wie wenn Dein Unterbewusstsein auf Schutz umgeschalten hat. Weißt Du ab welchem Zeitpunkt, Therapiestunde das begonnen hat? Ist irgendetwas vorgefallen in einer Stunde (Reaktion des Therapeuten z.B) oder danach in der Du Dich nicht gut aufgehoben gefühlt hast? Oder bist Du vielleicht nun an einem Punkt in der Therapie in der es Dir schwerer fällt weiterzugehen, weil es an das "Eingemachte" geht?
Kannst Du für Dich formulieren, hast Du Worte dafür wie es in Dir aussieht? Könntest Du das aufschreiben?
Falls irgendetwas zwischen Dir und dem Therapeuten vorgefallen ist was Dein Vertrauen beeinträchtigt hat, wäre es ein Ansatz dies mit ihm zu klären. Nimm den Anteil in Dir der lieber schweigt ernst und verurteile Dich nicht dafür. Versuche herauszufinden was Du brauchst um die Sprachlosigkeit zu überwinden. Vielleicht ist es auch so das jetzt eher eine Klinik geeignet wäre, weil Du dort nicht mit der "Finsternis" alleine bleiben müßtest?
VG CSC
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23.08.2013, 19:08
AW: Probleme in der Psychotherapie
Liebe Luftpost,
danke für deine Gedanken. Ich versuche mal, noch ein wenig zu erklären.
Ich habe schon eine ganze Reihe von Stunden hinter mir und dieses Schweigen begleitet mich von Anfang an. Es fällt mir wahnsinnig schwer, über mich selbst zu sprechen, erst recht, wenn ich die Stunde eröffnen soll. (Der Therapeut wartet, bis ich zu sprechen beginne.) Da habe ich immer zu kämpfen. Wenn es mir gut geht, dann klappt es besser, wenn es mir schlecht geht, dann kann es sehr schwierig werden. Da gab es immer mal schweigsame Stunden. (Nur zu Beginn der Therapie konnte ich recht gut die Dinge in Worte fassen, merkwürdigerweise.) Natürlich habe ich mich immer wieder durchgerungen und über diese Sprachlosigkeit mit ihm gesprochen, auch versucht, die Zusammenhänge in der Beziehung zum Therapeuten zu klären. So, wie jetzt - über einen Zeitraum von Wochen - war es allerdings noch nie.Liebe Augenblicke, mir scheint das Wiederstand gegen eine Übertragung an Werk ist. Ganz wichtig in tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie oder analytischen Psychotherapien ist es, über das zu sprechen, was Du dem Therapeuten gegenüber empfindest, deiner Wut und deinen Ärger solltest Du Ausdruck verleihen, nicht als Vorwurf, sondern um zu schauen woher diese Wut und der Ärger kommt.
Schreiben ist für mich die einzige Möglichkeit, meine Gedanken zu ordnen, wieder etwas Klarheit zu finden und vielleicht auch etwas Erleichterung. Was nicht heißen soll, dass ich nicht reden könnte. Ich glaube, dass ich das durchaus ganz gut kann, aber nicht, wenn es es um mich geht bzw. wahrscheinlich eher, wenn ich gefühlsmäßig mit mir selbst "überlastet" bin.Und wenn Du das ganze während der Sitzung nicht in Worte fassen kannst, dann mach es schriftlich und gib das Papier deinem Psychotherapeuten.
Vor kurzem schrieb ich nach einer unerträglich schweigsamen Stunde meine Gedanken auf und schickte sie dem Therapeuten. Auch deshalb, weil ein paar Urlaubswochen bis zur nächsten Stunde dazwischen lagen. Leider erhielt ich keine noch so kurze Antwort darauf. Im Gespräch in der nächsten Stunde meinte er dann, dass diese Themen in die Stunde gehörten. Für mich heißt das: "Sprechen Sie darüber." Aber es geht irgendwie nicht...
Übrigens: Mit den ganzen Begrifflichkeiten der Psychotherapie habe ich so meine Probleme. Natürlich habe ich mittlerweile verschiedenes über Traumatisierung und Therapie gelesen. Aber es ist nicht mein Fachgebiet und ich benutze lieber meine eigene Sprache. Ehrlich gesagt kann ich auch nicht richtig erklären, was Übertragung denn nun wirklich meint.
Viele Grüße von AugenblicklichEs geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. (Cicely Saunders)
Richtig oder falsch. Es ist sowieso nicht mehr zu ändern. (Haruki Murakami)
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23.08.2013, 19:29
AW: Probleme in der Psychotherapie
Hallo CSC,
hallo erscheint mir übrigens besser, da ich ja dein Geschlecht nicht kenne. Auch dir vielen Dank für deine Gedanken. Ich glaube, du hast es ganz gut getroffen. Besonders:
Was ich brauche, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. An meine eigenen Bedürfnisse zu denken, sie in den Vordergrund zu stellen, das ist mir so fern wie Australien von Deutschland entfernt ist. Der Therapeut hat mich das auch gefragt, aber sein Satz ist nicht bei mir angekommen. Deiner schon. Da war wohl meine Mauer schon errichtet.Versuche herauszufinden was Du brauchst um die Sprachlosigkeit zu überwinden.
Ich habe lange nachgedacht und ich denke, beides trifft zu. Schutz, weil ich mich nicht mehr sicher fühle. Er ist der einzige, dem ich mich jemals so weit geöffnet habe und jetzt habe ich gar keine Rückzugsmöglichkeit mehr, wenn ich mich nicht sicher fühle. Nur das Schweigen (das kenne ich seit frühester Kindheit). Gleichzeitig ist genau dieses Schutzlose mein "Eingemachtes", glaube ich.für mich hört es sich so an wie wenn Dein Unterbewusstsein auf Schutz umgeschalten hat. Weißt Du ab welchem Zeitpunkt, Therapiestunde das begonnen hat? Ist irgendetwas vorgefallen in einer Stunde (Reaktion des Therapeuten z.B) oder danach in der Du Dich nicht gut aufgehoben gefühlt hast? Oder bist Du vielleicht nun an einem Punkt in der Therapie in der es Dir schwerer fällt weiterzugehen, weil es an das "Eingemachte" geht?
Und ja, es gab einen Anlass und viele ganz kleine Anlässe, in denen ich mich nicht wirklich als Person wichtig genommen fühlte. (Ist das jetzt ein Widerspruch zu dem oben beschriebenen??)
Danke nochmal für deine Worte. Irgendwie fühlten sie sich beim Lesen für mich genau richtig an.
Ein Klinikaufenthalt kann ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen. Da müsste ich meiner Umwelt viel zu viel erklären, was ich nicht erklären kann und vielleicht auch nicht will. Und das wäre vor meiner Familie außerdem ein Eingeständnis, dass ich nicht mehr weiter kann. Das würde ich nie hinbekommen. Auf der anderen Seite denke ich auch immer, dass ich meine Gefühle viel zu sehr in den Vordergrund rücke und einfach nur aufhören muss, immerzu über alles nachzudenken und negative Gefühle einfach nicht zuzulassen. Mich selbst einfach nicht so wichtig zu nehmen.
Viele Grüße, AugenblicklichEs geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. (Cicely Saunders)
Richtig oder falsch. Es ist sowieso nicht mehr zu ändern. (Haruki Murakami)
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23.08.2013, 22:07Inaktiver User
AW: Probleme in der Psychotherapie
Hallo Augenblicklich,
soweit ich glaube Dich verstanden zu haben ist das Schweigen Deine einzige Rückzugsmöglichkeit in schwierigen Situationen.
Du könntest das, sofern noch nicht geschehen, in der Therapiestunde thematisieren. "Ich fühle mich im Moment nicht sicher." Wichtig fände ich auch das Du gemeinsam mit ihm heraus findest was Du in dem Moment brauchst. Manchmal tut ein Hilfsmittel wie z.B eine Decke die man sich umlegt, ein Kissen das man auf den Bauch legt schon mal gut um sich geschützter zu fühlen. Wichtig fände ich auch das Du so da sein darfst und er nicht genervt reagiert, obwohl das natürlich gerade für ihn keine einfache Übung ist. Aber erst, so meine ich, wenn Du das Gefühl hast er geht auf Deine Bedürfnisse ein kannst Du an dieser Stelle wieder Vertrauen fassen und im Prozess weitergehen. Vertrauen ist immer wieder etwas was es zu überprüfen gilt.
Es ist wichtig das Du Dich selbst ernst nimmst und vor allem das schweigsame Kind in Dir annimmst, wertschätzt, denn diese Strategie hat Dir damals das Überleben gesichert. Heute bist du zwar erwachsen aber die Kleine reagiert immer noch so in emotional brenzligen Situationen. Finde heraus was sie braucht und trete mit Deinem erwachsenen Anteil für sie ein. Möglicherweise überträgst Du Dein eigenes genervt sein über Dein Unvermögen auf den Therapeuten und er empfindet dies gar nicht so?
Du schreibst er ist der Einzige dem Du Dich je so geöffnet hast. Den ersten Schritt hast Du also getan. Du wirst, falls nötig, Dich auch anderen Menschen, Therapeuten offener zeigen können falls Du doch mal in Erwägung ziehen solltest in eine Klinik zu gehen.
Das er nicht auf Deinen Brief geanwortet hat ist völlig normal. Das macht kein Therapeut! Du könntest das was Dich bewegt aber vorab aufschreiben und ggf. ihm in der Stunde vorlesen, damit ihr anschießend darüber sprechen könnt. Dazu gehört auch die großen und kleinen "Anlässe" zu klären die den Rückzug bei Dir eingeleitet haben. Oft sind es nur Mißverständnisse und Annahmen oder man bekommt etwas seinen Mustern entsprechend in den falschen Hals, weil man die Situation unbewusst mit Ähnlichem aus der Vergangenheit vergleicht.
Was Luftpost meint ist, dass Therapeuten häufig eine Stellvertreterfunktion übernehmen bzw. Du überträgst all die Probleme die Du mit Personen, meistens aus der Familie, aus der Vergangenheit hattest auf ihn und reagierst wie früher. Da er an und für sich neutral ist hast Du die Chance diese Muster zu erkennen und eine für Dich andere Verhaltensweise, in dem sicheren Rahmen einer Therapie, zu erlernen. Gib ihm und vor allem Dir eine Chance dazu.
Alles Gute
CSCGeändert von Inaktiver User (24.08.2013 um 10:49 Uhr) Grund: Ergänzt
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24.08.2013, 20:40
AW: Probleme in der Psychotherapie
Ich fürchte da kann sie lange darauf warten, das der Therapeut ihre Bedürfnisse erfüllt. Es wiederspricht der Abstinenzregel die sowohl für Therapeut, wie Patient gilt.
In einer klassischen tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie (die kl. Schwester der Analytischen Psychotherapie) werden die Bedürfnisse des Pat. geweckt, sie sollen deutlich in der Übertragung spürbar werden, damit sie bearbeitet werden können, sie werden aber nicht erfüllt.
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24.08.2013, 20:57
AW: Probleme in der Psychotherapie
Dann ist das Gefühl Schutzlosigkeit ein wichtiges Thema in deiner Psychotherapie. Sprich an, wie Du dich deinem Psychotherapeuten gegenüber fühlst, und wenn das nicht geht, schreib es auf und lies es dem Psychotherapeuten vor.
Meine Erfahrung ist, das nach so einer Sitzung das problematische Gefühl nahezu verschwunden ist.
Nö, ist kein Wiederspruch. Auch das werden Gefühle aus der Vergangenheit sein, deren Bearbeitung sich lohnt.
Und was die Achtung deine Bedürfnisse angeht. kann ich mich CSC nur anschließen.
Wenn Du gesund werden willst, wirst du lernen müssen, das du die wichtigste Person in deinem Leben bist. Du bist für deine Bedürfnisse zu ständig.
Alles Gute DirGeändert von Luftpost (25.08.2013 um 01:15 Uhr)
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24.08.2013, 23:16Inaktiver User
AW: Probleme in der Psychotherapie
@Luftpost
Zwischen Bedüfnisse erfüllen und darauf eingehen, wie ich schrieb, liegt ein Unterschied. Es geht darum das er das was sie braucht ernst nimmt, sie sich damit angenommen fühlt, erst dann wächst die Bereitschaft tiefer zu gucken und sich den damit verbundenen Ängsten zu stellen.Geändert von Inaktiver User (24.08.2013 um 23:22 Uhr)
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25.08.2013, 01:11
AW: Probleme in der Psychotherapie
Ich bin mir absolut sicher, das mein Therapeut auf ein Schutzbedürfnis meinerseits nicht ein gehen würde. Er würde nicht mit mir schauen was ich brauche, z.B. Decke oder anderes.
Die einzige Möglichkeit, mein Schutzbedürfnis zu mindern und Vertrauen wieder herzustellen, besteht in meiner Psychotherapie darin, meine Gefühle bewusst war zunehmen und in Worte zu fassen und zu schauen woher das ganze kommt.
Bedürfissersatzbefriedigung verstößt gegen das Abstinenzgebot. Schau hier: Abstinenz und Abstinenzregeln


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