Hallo Merveilles,
Dein Post hätte auch von mir sein können.
Seit Jahren quäle ich mich mit bestimmten "Baustellen" rum (Selbstzweifel, kein Selbstvertrauen, Lethargie, Konfliktunfähigkeit) und es würde mir vermutlich nie jemand anmerken. Das ist auch mein Problem: ich denke, ob mich ein Therapeut wohl ernst nehmen würde?
Leider sind meine ersten Erfahrungen mit Therapeuten für meine Begriffe in die Hose gegangen und nun traue ich mich kaum, mich weiter darum zu kümmern, weil ich mich nicht ernst genommen fühle.
Einmal war ich damals im Studium beim psychologischen Dienst des Studentenwerks. Ich habe lange gebraucht mich durchzuringen, dorthin zu gehen. Und dann saß da diese junge, recht gutaussehende (nur mein äußeres Selbstbild ist okay), auf den ersten Blick recht starke und selbstbewusste Frau mit Noten im oberen Drittel und redet und heult davon, dass sie nix kann und nix weiß und überhaupt...
Ich habe mich überhaupt nicht ernst genommen gefühlt. Ich weiß noch nicht mal mehr, was der Therapeut mir damals konkret geraten hat, aber es war jedenfalls etwas in die Richtung "naja, ihr Studium ist eh bald vorbei und wenn sie gute Noten schreiben, dann müssen sie ja auch irgendwas drauf haben, die kriegen sie ja nicht geschenkt".
Ah ja...Das hat mir dann sehr weitergeholfen.
Das zweite Mal war vor wenigen Wochen als ich mir aus der Liste der Therapeuten eine Dame rausgesucht habe und meinen ersten Anruf gewagt habe. Ich habe ihr gesagt, dass ich ein paar Baustellen in meinem Leben habe, die ich gerne mal mit professioneller Hilfe angehen möchte. Und was meinte sie? Sie würde mir raten, mit diesen Baustellen erstmal selbst fertig zu werden.Und dann klingelte ein anderes Telefon, wo sie wohl rangehen musste und bat mich, noch einmal zurückzurufen. Hab ich natürlich nicht gemacht.
Muss ich am Telefon heulen und total verzweifelt klingen, damit man mich ernst nimmt?
Seitdem habe ich mich jedenfalls nicht getraut, einen neuen Versuch zu starten.
Mein Problem ist ja leider auch eine große Antriebslosigkeit, mich um die wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben (z.B. Job) zu kümmern. Und wie soll ich den Antrieb finden, wirklich ein paar Therapeuten durchzuprobieren, bevor ich den passenden gefunden habe...?
Amelie
Antworten
Ergebnis 11 bis 20 von 31
-
14.01.2010, 07:38Inaktiver User
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
-
14.01.2010, 10:11
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
Liebe Amelie,
geht es Dir auch so, dass Du, wenn Du das Gespräch schon mal im Kopf durchspielst, Du Dir total jämmerlich vorkommst? Ich maßregele mich echt schon im Ansatz und sage mir im Stillen "Mann hör Dich mal an, Du Jammerlappen, die arme Therapeutin muss sowas den ganzen Tag hören! Reiß Dich zusammen!". Ich weiß, dass das falsch ist. Naja, jedenfalls kannst Du es auch andersrum sehen: ruf doch einfach mal noch ein paar andere Therapeuten an - schlimmer kanns ja nicht mehr werden!
Ich wünsche Dir viel Erfolg (und mir auch....).
Bis bald,
M.
-
14.01.2010, 11:15
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
ich denke die Erwartungshaltung an Therapeuten ist gigantisch!
Es wäre so, als wenn man wegen einem Bandscheibenvorfall von seinem Arzt eine Pille erwartet - und alles ist wieder gut.
Eine erfolgreiche psychologische Therapie erfordert als erstes die Bereitschaft sich zu öffnen. Das geht nur mit gegenseitigem Vertrauen. Und das muss erst geschaffen werden. Es erfordert auch ein Mindestmaß an Durchhaltevermögen, wer schon beim erstes gescheiterten Versuch aufgibt, wer soll ihn da abholen?
Um beim Beispiel Bandscheibenvorfall zu bleiben, jeder würde mehrere Versuche unternehmen bis er einen Arzt gefunden hat, der das Problem ernst nimmt und auch erfolgversprechend behandelt. Gibt er schon beim ersten Orthopäden auf, wird er mit Schmerzen leben müssen.
Und was soll das Ziel einer psychologischen Beratung sein: ein komplett neuer Mensch oder jemand, der lernt mit seinen Schwächen umgehen zu können?Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel
-
14.01.2010, 11:25
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
Es geht doch gar nicht darum, dass man erwartet, nach dem ersten Anruf geheilt zu sein. Aber man wird ja auch bei einem Bandscheibenvorfall nicht weggeschickt mit den Worten: "Ach das bisschen Muskelkater, nu stellen se sich ma nich so an!". Oder?

Es geht um Empathie und darum, dass man, nachdem man sich überwunden hat, dort anzurufen, nicht abgekanzelt wird. Natürlich kann es immer sein, dass ein Therapeut keine Zeit hat oder an der Notwendigkeit einer Therapie zweifelt. Aber der Ton macht die Musik. Nur darum ging es doch.
-
14.01.2010, 14:34Inaktiver User
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
Ich finde, du hast Recht.
Und insofern ist schon der erste Anruf eine gute Möglichkeit, um herauszufinden, ob du mit dem Therapeuten wohl klar kommen wirst. Ob sich eine gute Beziehung aufbauen wird.
Deshalb bewahrt dich nichts vor dem ersten Anruf. Den musst du schon hinter dich bringen.
Und an Opelius: Du hast auch komplett Recht. Aber manches davon habe ich erst am Ende der Therapie in der Tiefe verstanden, nicht am Anfang.
-
16.01.2010, 02:04Inaktiver User
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
wahrscheinlich ist dein Problem eher, dass du dich selbst nicht ganz ernst nimmst? Und dass du außerdem von vornherein daran zweifelst, dass eine Therapeutin dich ernstnehmen könnte? Das kann natürlich zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden...
Die "arme Therapeutin" ist übrigens dafür da, sich den ganzen Tag solche Sachen anzuhören.
Nur Mut!
nein, natürlich nicht!
Zitat von Inaktiver User
Beim ersten Anruf geht es wirklich nur um 2 Sachen. 1. fragen, ob überhaupt ein Therapieplatz frei ist und 2. Terminvereinbarung für ein Erstgespräch. Und natürlich kann man auch am Telefon schon einen Eindruck bekommen, ob die Chemie passen könnte oder nicht. Denn das ist eigentlich sowieso das wichtigste in der Therapie: die Chemie muss passen, sonst geht gar nichts.
Meine Erfahrung: manche Therapeuten wollen kurz wissen, worum es ungefähr geht, manchmal erzähle ich das auch von selbst. Aber nur ein paar Stichworte, z.B. habe Depressionen, Angstzustände, will Traumata aufarbeiten. Oder ich erzähle kurz von vergangenen Therapieerfahrungen. Das wars aber auch schon.
Beratungsstellen kann ich zur Überbrückung übrigens auch sehr empfehlen, dort bekommt man auch meist schneller einen Termin!
Viel Glück
-
16.01.2010, 12:49
-
23.02.2010, 20:28
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
da es halbwegs zum Thema passt: was war für euch der Auslöser, endlich einen Therapeuten zu kontaktieren, was hat "das Fass zum Überlaufen gebracht"?
Ich hab schon öfter gelesen, dass jemand "einfach nicht mehr konnte" oder einen Zusammenbruch hatte. Wie äußert sich sowas konkret?
Ich schlepp mich schon seit Monaten ... eigentlich schon seit Jahren rum, hab auch solche Momente und glaube immer noch, dass es schon irgendwie wieder von alleine weggeht, dass ich sowieso gesagt bekäme, ich soll mal eine Woche Urlaub nehmen, mehr Sport machen und "stelln se sich mal nicht so an". Dass ich vielleicht nur selbst zu faul bin und sowieso keine Zeit für eine Therapie habe, schließlich muss ich ja arbeiten.. und so weiter und so fort.Viele Grüße
von der Bummelhummel
-
23.02.2010, 20:51
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
Hallo, Hummelchen!
Bei mir war der Auslöser zweimal ein "externes" Ereignis gewesen mit dem ich einfach nicht umgehen konnte.
Ich war quasi jeweils so geschockt, dass es mir dann auf eimal ganz leicht viel, mich zu überwinden und um Hilfe bei einem Therapeuten zu ersuchen.
Bis dahin war auch mein Leidensdruck nicht groß genug und ich habe versucht, es alleine zu schaffen.
Du merkst es, wenn es alleine nicht mehr geht.
Liebe Grüße und alles Gute!
wünscht
Chrissilein.Hauptsache gemütlich.
-
24.02.2010, 19:51
AW: Hemmung vor dem Anruf beim Therapeuten
Okay, ich vermute mal, mit externem Ereignis meinst du so etwas wie einen Unfall, Trauerfall, Trennung oder ähnlich, etwas, was plötzlich kam. Dann versteh ich ja, dass man danach losgeht, weil man einen Auslöser oder Rechtfertigungsgrund hat.
Bei mir ist das eher schleichend, mal besser, mal schlechter, und mit Motivation ist gerade ganz schlecht...Viele Grüße
von der Bummelhummel



Und dann klingelte ein anderes Telefon, wo sie wohl rangehen musste und bat mich, noch einmal zurückzurufen. Hab ich natürlich nicht gemacht.
Zitieren
