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  1. Registriert seit
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    Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Ich habe lange nichts mehr geschrieben – heute wäre ich euch für eure Meinung dankbar, ich sehe gerade nur noch einen Tunnel, aber keinen Ausweg – der Text ist lang, aber das liegt daran, dass ich keine Linie reinkriege, wo das Problem ist.

    Ich bin seit fast 30 Jahren in einem großen Unternehmen in verantwortlicher, aber nicht leitender Funktion. Meine Branche ist sehr „jugendgetriggert“, sprich, viele Berufsanfänger nach dem Studium, die ihre Karriere hier starten und entsprechend motiviert sind. Durch diverse Umstrukturierungen im Unternehmen in den letzten Jahren wird momentan von oben vorgeschrieben krampfhaft versucht, eine Struktur zu leben, die die meisten in unserem Bereich extrem schwierig finden. Projekte, die vorher eine Person alleinverantwortlich gesteuert hat, werden gesplittet und den jungen Kollegen übertragen, die aber keine erfahrenen Mentoren an die Seite gestellt bekommen.

    Ich habe eine junge, sehr ehrgeizige direkte Vorgesetzte, mit der ich anfangs sehr gut zusammenarbeiten konnte, die ersten Feedbackgespräche waren super. Sie kam als Azubi in die Firma und bis auf mich sind alle ihre Kollegen langjährig im gleichen Team gewesen. Ich hatte einen Bereich, den ich seit Jahren verantwortet habe und meine Art zu Arbeiten wurde anfangs geschätzt. Bis wir eine neue Bereichsleiterin bekamen.

    Das Klima hat sich immer mehr verändert. Wo früher konstruktive Kritik gewünscht war, wird immer mehr versucht, alle zu vereinheitlichen, bis hin zu entsprechenden Seminaren. Anfangs legte meine Chefin noch Wert auf ein offenes Klima innerhalb ihrer Abteilung. Inzwischen passt sie sich nach oben an und versucht, das an uns weiterzugeben – was ich auch verstehe, ist ja auch ihre Aufgabe.

    Nun zu mir und meinem Problem. Ich gelte als tough und offen in meinen Meinungen. Niemand, der mich nicht besser kennt, kann sich vorstellen, dass ich innerlich ganz anders unterwegs bin. Vor einigen Jahren habe ich mir nach einigen schweren Jahren, wo ich immer versucht habe, alles ohne Hilfe zu schaffen und aus heutiger Sicht depressiv war, nach einem Burnout endlich Hilfe geholt. Es hat lange gedauert, mir einzugestehen, dass ich es allein nicht schaffe – in der Therapie, die ich dann gemacht habe, kam viel extrem Schmerzhaftes an die Oberfläche, das ich selber nie aufbrechen konnte. Meine Altlasten aus der Kindheit habe ich so lange mit mir rumgeschleppt. Ich weiß nicht, wo ich ohne diese Hilfe heute wäre. Wahrscheinlich würde ich mich immer noch im Kreis drehen. Aber ich habe gelernt, meine Bedürfnisse zu sehen und auch dafür einzustehen. Immer noch bin ich jemand, der sehr genau in sich hineinhört, was richtig ist und was nicht.

    In der Firma hat das nie jemand mitbekommen. Mein Anspruch an mich war immer hoch, nie hatte ich echte Probleme in Teams, weil leben und leben lassen immer gegolten hat und die Toleranz untereinander vorhanden war.

    Das ist inzwischen anders. Ich habe durch die Umstrukturierung alle meine vertrauten Bereiche abgeben müssen und mich in neue Felder eingearbeitet, die aber strategisch wenig Bedeutung haben. Priorität haben die Bereiche der Kolleginnen, die schon länger im Team waren.

    Beim letzten Feedbackgespräch kam die erste für mich plötzliche Wende. Nach vielen Jahren an gleicher Position ohne Gehaltserhöhung hatte die neue Chefin eine Aufwertung in Aussicht gestellt, wenn auch nur als „Titel“. Ich habe mich tatsächlich gefreut, als ich das hörte. Plötzlich wurde mir erklärt, es gäbe Defizite, die mit absoluten Nichtigkeiten belegt wurden. Als fiktives Beispiel „du hast einen Vorgang falsch abgeheftet“ oder „du hast die Aufgabe nicht so erledigt, wie ich es gewollt habe, alle anderen Kolleginnen haben das richtig gemacht“. Kein Fehler mit Umsatzrelevanz, nur banale Dinge. Hier wurde das dann schon an die nächste Chefin weiter eskaliert. Man stellte mir Schulungen in Aussicht, wenn schon kein Titel oder mehr Gehalt. Mein Wunsch nach einem bestimmten Seminar wurde abgelehnt, weil nicht direkt fachbezogen. Stattdessen bot man mir verpflichtend ein „Konfliktmanagementseminar“ an. Da hab ich dann schon die ersten Schlüsse draus gezogen.

    Wir haben uns dann 1 Jahr lang wieder halbwegs zusammen gerauft. Aber eben nur an der Oberfläche. Immer mehr hatte ich das Gefühl, dass die alten Kollegen bevorzugt werden. Ich wurde mit einem neu ins Team integrierten extrem erfahrener Kollege (kurz vor der Rente) in ein separates Büro umgesiedelt. Er ist auch heute noch einer der wenigen, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten und mich vorbehaltlos unterstützen und auch mal spiegeln, wenn es sein sollte, er hat aber ein anderes Standing als ich und sitzt die letzten Monate nach seiner Aussage eben noch ab.

    Vor einigen Wochen hat mir ein Kollege einer anderen Fachabteilung von einem Konflikt mit einem der neuen Kollegen erzählt, verursacht durch das oben beschriebene Schnittstellenproblem. Ich habe daraufhin die betroffene Kollegin in meinem Team gefragt, ob sie davon etwas weiß und bewusst die Chefin nicht involviert, hätte gar nicht gewusst, warum. Innerhalb von Sekunden wurde alles hoch emotional, die Kollegin fühlte sich so persönlich angegriffen in ihrem Projekt, dass sie sofort zur Chefin ging und danach 1 Woche krank war. Die informierte wieder die nächste Chefin, die den fachfremden Kollegen zu sich beordert und informell abgemahnt hat wegen „Verunsicherung der Teams“.

    Heute wurde ich einbestellt. Man sprach von meiner Verantwortung in meiner Position, moderierend auf das Team einzuwirken (wie gesagt, ich habe keine Führungsverantwortung und die emotionale Kollegin hat die gleiche Position). Offene Worte würden geschätzt, aber wenn, dann direkt an den Vorgesetzten. Man hätte nach oben eine Beweispflicht, dass die neue Struktur auch läuft und wolle keine Störfeuer. Ich solle das nicht als Maulkorb verstehen, aber im Prinzip heißt es „Klappe halten“.

    Ich habe auch durch meine Therapie gelernt, bei mir zu bleiben. Wir haben einen psychologischen Dienst in der Firma, der mir Mut zugesprochen hat, als ich nach den ersten Irritationen bei ihm war. Er hat mich bestärkt, dass meine Art, mit den Dingen umzugehen, für ihn gerechtfertigt klingt. Ich müsste meine Leistung nicht verstecken und müsste nicht krampfhaft in dem „Haifischbecken“ mitschwimmen, ich dürfte mir zugestehen, etwas entspannter damit umzugehen.

    Nur wie, wenn nur noch Anpassung gefragt ist? Ich mache keine Karriere mehr, ich will nur einfach meine Arbeit machen. Aber wie macht man das, wenn man offenbar unter Beschuss ist und egal, wie man es macht, alles falsch sein kann?

  2. Avatar von Jamamouna
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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Hallo Marga,

    zunächst einmal tut es mir Leid, dass du dich in deinem Arbeitsumfeld nicht mehr so richtig wohl fühlst
    Ich habe mir deinen Text jetzt zweimal durch gelesen. Ganz klar ist mir die Geschichte noch nicht geworden

    Mir kommt es so vor als ob du mit Team und Vorgesetzten echte Kommunikationsprobleme hast.
    Ihr redet aneinander vorbei.
    Im übrigen halte ich Anpassung im beruflichen Umfeld durchaus für richtig.
    Ebenso wie manches mal "Klappe halten"

    Hast du an dem Seminar zum Konfliktmanagement teilgenommen?
    Ist ein Jobwechsel eine Option?
    Alles wandelt sich. Neu beginnen
    Kannst du mit dem letzten Atemzug. (B.Brecht)


  3. Registriert seit
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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Zitat Zitat von Jamamouna Beitrag anzeigen
    Hast du an dem Seminar zum Konfliktmanagement teilgenommen?
    Ist ein Jobwechsel eine Option?
    Ich hab gestern beim Schreiben schon gemerkt, dass ich das Thema nicht wirklich sortieren kann, fürchte, es klingt tatsächlich verwirrend.

    Das Konfliktmanagement-Seminar wurde verschoben zugunsten eines Teambuilding-Workshops für die beiden Bereiche, die zusammenwachsen sollen

    Jobwechsel habe ich immer mal wieder versucht, bisher aber ohne Erfolg. Ich bin Ü50, da ist es schwierig in meinem Umfeld, und ich hatte in den Jahren nie solche Probleme, trotz vieler Teamwechsel.

    Die momentane Entwicklung kam auch sehr schnell und überraschend für uns alle. Vor allem, weil die Vorgesetzten bis vor Kurzem noch gegen diese Entwicklung waren und jetzt für uns plötzlich das Gegenteil vorgeben. Unser Stellenprofil hat sich geändert von Projektarbeit mit viel Eigenständigkeit zu einer Art Backoffice für die neu geschaffenen Bereiche. Das empfinden viele als schleichende Degradierung. Je nachdem, wie selbstständig man gerne arbeitet, schätzt man das sicher auch unterschiedlich ein.

    Für mich ist es in erster Linie ein Strukturproblem, mit dem ich noch nicht umgehen kann. Aber es ist schon richtig, dass wohl abwarten und Klappe halten das einzige ist, was im Moment Sinn macht.


  4. Registriert seit
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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Habe gerade Deinen Beitrag gelesen und kann Dir sagen: Du bist nicht alleine, bei uns auf der Arbeit ist das ganz ähnlich.

    Früher war mehr möglich, den Mitarbeitern wurde eigener Spielraum zugestanden. Nach und nach, so binnen 5 Jahre, haben sich die Strukturen verhärtet, mittlerweile gilt man als Exot, wenn man selbstständig denkt, nachfragt oder gar "Nein" sagt.

    Die meisten Kollegen kuschen, selbst der Betriebsrat ist ziemlich angepasst (worden).

    Da meine Stelle gut bezahlt und sicher ist, werde ich demnächst einen Antrag auf Teilzeit/Homeoffice stellen. Ich hoffe, das geht durch, denn auf Dauer (also fünf Tage die Woche) ist das Klima zu belastend.

    Vielleicht helfen diese Auszeiten. Falls nicht, bleibt nur die berufliche Umorientierung, ggf. auch mit gehaltlichen Einbußen, denn auf Dauer geht so etwas an die Gesundheit.


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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    @kerzi, auch dir danke. Tut gut zu hören, dass es andere auch so empfinden. Genau diese Abwertung, denn das ist es für mich, belastet mich. Vorher war viel Arbeit, aber sie hatte Sinn und ich konnte sie selbst gestalten. Jetzt muss ich mich sogar rechtfertigen, wenn ich 1h länger als die Kollegen eine Messe besuche, auf der ich gute Gespräche hatte. Und mich ein Stück weit wie früher gefühlt habe.

    1 Tag der Woche arbeite ich wohnortnah in einer Filiale, die vor Jahren die Verwaltung aufgegeben hat. Ich war dort extra für die Firma hingezogen. Den Rest der Woche muss ich seitdem 50km einfach pendeln.

    Home Office wurde abgeschafft. Interne Bewerbungen wurden abgeblockt mit dem Argument, ich hätte eine zu hohe Gehaltsklasse.

    Ich habe halt keinen Plan B und muss mich wohl anpassen. Aber es belastet mich unheimlich, keinen Ausweg zu sehen.

  6. Avatar von brighid
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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Zitat Zitat von Marga3 Beitrag anzeigen


    1 Tag der Woche arbeite ich wohnortnah in einer Filiale, die vor Jahren die Verwaltung aufgegeben hat. Ich war dort extra für die Firma hingezogen. Den Rest der Woche muss ich seitdem 50km einfach pendeln.


    .
    a) das war doch deine freie entscheidung umzuziehen.

    b) es gibt auch arbeitsplätze da ist homeoffice überhaupt nicht drin.
    hinfallen ist keine schande, liegenbleiben schon.

    das leben ist kostbar, lasst uns jeden tag gebührlich feiern


  7. Registriert seit
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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Marga, ich rate Dir nicht alles zu schlucken. Sorge für Dich, sei unbequem. Alles anderes führt zu nichts.

    Früher war auch nicht immer alles besser, allerdings haben sich die Unternehmensstrukturen mit Einzug der Jüngeren geändert - heute ist eher Ellenbogenmentalität gefragt und gleichzeitiges kollektives Kuschen. Es wird mit den Ängsten gespielt, Unsicherheiten geschürt. Leider kann Mensch so nicht unbedingt das Maximum an Leistung abrufen.

    Entweder Du ziehst das weiter durch, vielleicht ist der Ruhestand absehbar, oder aber Du traust Dich was Neues, gar die Selbständigkeit. Ängste blockieren uns oft, aber meist treten die Schlimmsten Erwartungen nie ein.


  8. Registriert seit
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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Hallo Marga,

    auch ich habe ein wenig Probleme, durch deinen Text durchzusteigen.
    Daher meine Frage an dich:
    1. Was genau müsstest du tun, damit du richtig gut in die Firma passt?
    2. Was von Punkt 1 kannst du erfüllen- was nicht? Und- a) warum kannst du es nicht erfüllen- b) was bräuchtest du, um das zu tun?

    Es ist für uns- und vielleicht auch für dich- einfacher, wenn du ganz klar ausdrücken kannst, um was es geht.

    lg kenzia


  9. Registriert seit
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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Zitat Zitat von Vannity Beitrag anzeigen
    heute ist eher Ellenbogenmentalität gefragt und gleichzeitiges kollektives Kuschen.
    Jetzt musste ich schmunzeln😉 Hab mich verlesen und Kuscheln statt Kuchen gelesen. Obwohl das sogar auch passen könnte. Feindliches Kuscheln sozusagen.

    Im Ernst, du hast Recht, take it, change it or leave it. Ich war immer recht Arbeitgeber-freundlich unterwegs, hatte ja auch eine Management Position. Die Waage hat sich immer wieder ausgeglichen, somit war es selbstverständlich, auch Kompromisse einzugehen.

    Seit einiger Zeit ist die Waage aber nicht mehr ausgeglichen. Ich habe glaub ich das hier jetzt noch gebraucht, um zu verstehen, dass ich mit meinem alten Werteverständnis nicht mehr weiterkomme. Weil das, was von oben vorgelebt wird, nur noch schwer zu greifen ist. Scheint vielleicht wirklich ein Symptom größerer Unternehmen zu sein.

    Momentan tendiere ich zu Take it, ich brauche schlicht das sichere Gehalt und habe Angst, einen falschen Weg einzuschlagen. Muss ich mir weiter Gedanken machen, fürchte ich.


  10. Registriert seit
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    AW: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wie damit umgehen?

    Ich empfinde es so, dass mit zunehmendem Alter man einfach nicht gewillt ist, jeden Mist mit sich machen zu lassen.
    Mit einer andere Haltung Dir gegenüber kannst Du schon einiges erreichen - und hast damit eine dementsprechende Ausstrahlung.

    Du kannst natürlich die vorgegebenen Strukturen nicht ändern, aber klare Grenzen setzen und Dir Respekt verschaffen.

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