Hallo, in die Runde :)
Unter der Rubrik "Macht Landleben glücklich? (Ohne Post, ohne Bäcker, ohne Einkaufsmöglichkeit)" ist mir letzte Woche folgende Geschichte begegnet, die für all diejenigen interessant sein könnte, die auf dem "platten Land" leben und sich in die Diskussion darüber einmischen wollen, dass der letzte Laden im Ort unrentabel sei und deshalb auf die "Grüne Wiese" verlagert werden sollte ;)
Herzlich aus Bellheim
(auch plattes Land)
C.
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Asterix ist überall
Reilingen setzt auf attraktiven Ortskern mit Zukunft /
Wegweisendes Konzept bringt Absage für Supermarkt „auf der Grünen Wiese“
Wenn ein kleines Dorf voller unbeugsamer Badener nicht aufhört, den Betreibern einer ortsansässigen Supermarktkette die Stirn zu bieten, ist die Rede von Reilingen bei Hockenheim. Mit einem Aufsehen erregenden Konzept setzt die Gemeinde ein Zeichen gegen die zunehmende Verödung der Innenstädte im Land. Unterstützt werden die Reilinger dabei durch „Hilfstruppen aus dem freien Germanien“. Städteplaner der Kaiserslauterer WSW und Partner GmbH helfen den Stadtvätern bei ihrem Vorhaben einer umfassenden Neustrukturierung der Ortsmitte. Im Zentrum des gemeinsamen Projektes steht der Erhalt einer Supermarkt-Filiale im Ortskern.
Nach Auskunft von Bürgermeister Walter Klein hatte es Bestrebungen gegeben, den bestehenden Markt durch eine moderne Niederlassung am Rand der Gemeinde zu ergänzen. Das aber hätte über kurz oder lang zu einer Schließung des Geschäftes im Zentrum der 7.000 Seelen-Gemeinde geführt. Sollten die Ratsherren dem Vorhaben Steine in den Weg legen, würde sich das Unternehmen komplett aus Reilingen zurückziehen.
„Dieses Risiko sind wir eingegangen“, sagt Walter Klein. Trotz allerlei Befürchtungen, dass ihnen „der Himmel auf den Kopf fallen könnte“, hatte der Gemeinderat nach einem tragbaren Kompromiss gesucht, der den Interessen beider Seiten gerecht wird. Mit Erfolg. Gemeinsam mit den Pfälzer Stadtplanungs-Experten ist ein Konzept entstanden, das ein Beispiel für Städte und Gemeinden in vergleichbarer Lage geben könnte. Reilingen plant, den vorhandenen Supermarkt in eigener Regie weiter zu führen und gemäß dem Bedarf der Einwohner auszuweiten.
„Weil eine Gemeindevertretung keinen Supermarkt betreiben kann, führt der Weg zum Ziel über eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft“, erklärt WSW-Geschäftsführer Dieter Wild. Neben der Erweiterung des Supermarktes im Ortskern plant die Gemeinde nun eine umfassende Sanierung mit dem Ziel, ungenutzte innerörtliche Flächen in die gewerbliche Nutzung einzubeziehen und neue „Gallier“ zu einer Ansiedlung in einem zunehmend attraktiven Ortskern zu bewegen.
Nach Auskunft von Walter Klein ist das eben anlaufende Projekt der vorläufige Höhepunkt eines, seit 16 Jahren andauernden Prozesses, dessen Ziel es ist, „den Ortskern unserer Gemeinde für ältere Menschen interessant zu erhalten und das Interesse junger Familien zu wecken." Nicht nur die Pfälzer Stadtplaner werten dies als eine richtungweisende Absage an die, in ganz Germanien verbreitete Praxis, funktionierende Strukturen in „gallischen Dörfern“ durch „Trabantenstädte auf der Grünen Wiese“ zu ersetzen. Und selbst die Reilinger Supermarkt-Betreiber haben sich – so „Dorfchef“ Klein - inzwischen von Vorzügen und Nutzen einer innerörtlichen Versorgung überzeugt und seien auf bestem Weg, sich zu wichtigen Verbündeten der „Unbeugsamen“ zu entwickeln.
Antworten
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Thema: Landleben macht glücklich?
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02.07.2007, 12:55
Landleben macht glücklich?
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02.07.2007, 13:26
AW: Landleben macht glücklich?
Ich finde es gut, daß in kleinen Dörfern ein "Tante Emma Laden" weiterexistieren kann. Supermärkte auf der grünen Wiese sind für die zunehmend Älteren nur schwer erreichbar und das Dorfleben ist ohne Laden einfach viel ärmer. Die Kommunen subventionieren so viel Mist, da ist jeder Euro in den Erhalt des Versorgungsumfeldes SEHR gut angelegt.
Wird bei uns in Karlsruhe in abseits gelegenen Stadtteilen praktiziert. Oft reicht ja schon ein Zuschuß zur Pacht oder ein 1,--€ Jobber als Hilfe aus.
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02.07.2007, 15:07
AW: Landleben macht glücklich?
Genau so ein Szenario ist in unserem Ort (10 000 Einwohner) abgelaufen. Eine überregionale Supermarktkette hat die Gemeinde bequatscht, am Rande des Örtchens eine große Fläche für einen Supermarkt der Superlative auszuweisen.
Nun hat dort diese Supermarktkette zwei große Läden hingeklatscht, einen aus ihrem Niedrigpreissortiment und den anderen aus ihrem Hochpreissortiment, unter einem Dach vereint (soll wohl gleich die Aldi/Lidl Konkurrenz aus dem Rennen werfen). Der neue Doppelsupermarkt war noch nicht eröffnet, da haben sie gleich die Schließung ihrer zwei kleineren Läden in der Ortsmitte bekannt gegeben.
Die Gemeinde und die Bürger fühlen sich verarscht, weil das vorher kein Mensch gesagt hat und das Zentrum leidet an Bürgerschwund. Ganze Kundenströme haben sich verlagert, weil die Anfahrt der Supermärkte nicht mehr übers die Dorfmitte führt. Das schwächt die lokalen Bäcker, ansässige Cafes, sowie kleinere Läden, die auf Laufkundschaft angewiesen sind.
Klar ist alles schöner, größer, ein modernes Gebäude mit riesigen komfortablen Parkplätzen. Aber das bezahlen die Leute mit zum Teil viel längeren Anfahrtswegen und der Markendominanz dieser Lebensmittelkette. Wo es der älteren gebrechlichen Generation mit ihrem Rollwägelchen gerade noch möglich war ins Zentrum zu gehen, um ihre täglichen Einkäufe zu bestreiten, haben es manche Senioren nun 1,5 km einfach zum Einkaufen. Und der nächste Winter kommt bestimmt.
Irgendwie eine Frechheit, dass alles auf die jüngere, mobile Generation ausgerichtet wird, die möglichst komfortabel mit dem Auto vor die Tür fahren soll und mit einem Schwupps ein paar Hundert Euro Lebensmittel einkaufen soll. Die ältere Kundschaft, die heute mal ein Brot und eine Milch mitnimmt und morgen dafür den Käse und die Wurst, ist in diesem Konzept eher störend. Das bindet nur Kassenpersonal und ist wirtschaftlich unrentabel.
Insofern finde ich die Initiative, von der Dienstreise berichtet hat, ganz super. Ich bin sicher, auch in unserem Ort hätte sich Widerstand geregt, wenn die Pläne des Konzerns früher bekannt geworden wären."Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen Monat für Geld zu arbeiten.”
(John D. Rockefeller)
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05.07.2007, 16:30Inaktiver User
AW: Landleben macht glücklich?
Wieso fühlen sich die Bürger urplötzlich verarscht ?
Es ist ja wohl nicht so, dass diese Problematik nicht seit Jahren bekannt wäre. Das ist 1000 fach so passiert und passiert weiterhin.
Ein Supermarkt setzt sich auf die sog. grüne Wiese am Stadt/Ortsrand und die kleineren Geschäfte, ob Tante Emma-Laden oder kleinerer Ableger von Supermärkten schließt bzw. muß mangels Kundschaft die nun im Zeichen der neuen Sparsamkeit beim Billigheimermarkt einkauft , schließen.
Das war schon vor weit mehr als 30 Jahren zu beobachten und wird sich solange fortsetzen, bis es keine Fachgeschäfte, Tante Emma-Läden etc. mehr gibt.
In unserer 3000 Seelengemeinde auf dem Land, gibt es mittlerweile 5 Supermärkte auf engstem Raum und nahezu keinerlei Fachgeschäft mehr - ob Bäcker, Fleischer oder Tante-Emma Laden. Selbst der Bioladen existiert nicht mehr seit ein Biosupermarkt im näheren Umkreis eröffnet wurde. Gerade schließt ein Baumarkt mit über 100jähriger Tradition, hervorragender Beratung und qualitativ hochwertiger Ware da er ringsum umzingelt ist von Globus, Toom und Co. die mit ihrem Schrottsortiment und Dumpingpreisen die Kunden abgraben.
Man sollte sich also nicht wundern oder beschweren, sondern ggf. sein Einkaufverhalten verändern - finde ich.
Fritz
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05.07.2007, 16:41
AW: Landleben macht glücklich?
Die Bürger und der Gemeinderat haben sich deswegen verarscht gefühlt, weil die Supermarktkette vorher nicht kundgetan hat, dass sie ihre kleineren Dependancen im Zentrum schließen wird. Eines der Geschäfte lag in unmittelbarer Nähe eines Betreuten Wohnen Objekts der Gemeinde, dem nun der Punkt „Einkaufsmöglichkeit in der Nähe“ für die DIN Qualifizierung fehlt.
Unser Gemeinderat war wohl zu blauäugig, um dort vorher mal nachzufragen. Und die Bürger hatten den Supermarkt als Ergänzung für die ansässigen Neubaugebiete angesehen, keinesfalls als Ersatz aller Einkaufsmöglichkeiten.
Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Die Gemeinde bemüht sich nun darum, die Konkurrenz der Supermarktkette anzulocken. Ob diese den Fehdehandschuh gegen einen jetzt übermächtigen Großmarkt aufnehmen wird, ist jedoch fraglich. Wahrscheinlich kommt ein Matrazengeschäft rein oder sonstige Läden, die die Welt nicht braucht."Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen Monat für Geld zu arbeiten.”
(John D. Rockefeller)
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05.07.2007, 18:46Inaktiver User
AW: Landleben macht glücklich?
Na ja, sowas war ja wohl zu erwarten - dass kleinere Dependancen dann geschlossen werden. In der Tat waren da Bürgermeister und Gemeinderat wohl etwas blauäugig... vielleicht gabs aber auch noch weitere Gründe für die Ansiedlung des S. Marktes vor den Toren eures Städtchens.
Gruß Fritz
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06.08.2007, 23:27Inaktiver User
AW: Landleben macht glücklich?
Hallo zusammen,
ich bin auf einem Dorf groß geworden, in dem es in meiner Kindheit noch einen Bäcker, eine Post, eine Bank und einen Lebensmittelladen gab. Heute gibt es gut wie gar nichts mehr da und ich wohne mittlerweile auch n einer Großstadt. Ich selbst möchte nicht mehr auf das Land ziehen, wo man ohne Auto aufgeschmissen ist. Ich habe hier alle GEschäfte um die Ecke, was mir persönlich sehr gut gefällt, habe hier sämtliche Freizeitangebote, die mir kein Landleben bieten kann.
vor allen Dingen habe ich hier meine Ruhe vor den Nachbarn, weil ich mich nicht für sie interessiere und sie hoffentlich auch nicht für mich. Ich mag nämlich kein Nachbarschaftsgetratsche.
Wenn ich mir vorstelle, ich bin alt und wohn auf dem Land, wo kein bus fährt und ich brauche Lebensmittel oder muss zum Arzt und muss jedes Mal jemanden bitten, mich mitzunehmen bzw. mir etwas mitzubringen, nein danke.
Wenn ich mich mit jemandem treffen möchte, der nicht in meinem Dorf wohnt, ist das für mich doch sehr umständlich irgendwo hinzukommen. Hier in der Stadt kann ich mit dem ÖVP zu sämtlichen Bekannten und Freunden fahren, man hat hier viele Lokalitäten, in denen man sich treffen kann und das gefällt mir.
Für mich kommt dieses Dorfleben nicht mehr in Frage und ich bin heute sehr froh mitten in einer Großstadt wohnen zu können.
Viele Grüße reise
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09.08.2007, 08:39Inaktiver User
AW: Landleben macht glücklich?
Dort, wo Supermärkte am Stadtrand entstehen, dauert es nicht lange, bis ein Baumarkt, ein Autohaus, ein Fliesenzentrum, eine Tankstelle usw. dazukommt.
Bald haben die Bürger dann ein Industriegebiet vor der Einfahrt zu ihrem Ort.
Dass Bürgermeister nicht im Vorfeld wissen, was auf die Gemeinde zukommt, wenn die Betreiber des Supermarktes in der Ortsmitte zusätzlich am Rand der Kommune ein grossflächiges Geschäft bauen, stimmt entweder nicht oder sie arbeiten unzufriedenstellend.
Es ist übrigens nicht nur für alte Menschen angenehm, kurz mal Milch und Brot einzukaufen; auch ich kann es nicht leiden, wenn ich für ein bisschen Käse mit einem riesigen Einkaufswagen über hunderte Quadratmeter fahren muss. Abgesehen davon, dass guter Käse, sofern erhältlich, im Supermarkt nicht weniger kostet als im mittleren Feinkostladen.
Gruss Colonna
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09.08.2007, 11:11
AW: Landleben macht glücklich?
Das Problem der fehlenden Einkaufsmöglichkeiten ist nach meiner Erfahrung nicht nur ein dörfliches Problem. Ich habe jahrelang in einem Stadtteil einer Großstadt gearbeitet, der vor 30 Jahren noch Friseur, Bäcker, Milchladen, Tante-Emma-Laden, Heißmangel und vieles andere hatte. Genau in diesen schönen am Waldrand gelegenen Stadtteil ist auch vor 30 Jahren eine der ersten Seniorenresidenzen gebaut worden.
Seit 15 Jahren gibt es nicht einen einzigen Laden mehr in dem Stadtteil, der nächste Supermarkt ist etwa 5 km entfernt, und nur mit Umsteigen per Bus zu erreichen. In das Stadtzentrum fährt nur jede halbe Stunde ein Bus bis etwa 19.00 Uhr. Also ist ein Theaterbesuch nur mit dem Taxi zurück möglich.
Anfangs fuhr ein Zivildienstleistender mit einem Bulli einmal die Woche die alten Damen in den Supermarkt und half ihnen auch die Einkäufe in ihre Appartments zu schaffen (dass machten die Zivis gerne, denn es sprangen eine Menge Tafeln Schokolade dabei heraus).
Als der Wohlfahrtsverband vor ca. 5 Jahren eine Kostenbeteiligung von 1,- € verlangte, verzichteten die Damen auf diesen Service und er wurde eingestellt. Wie jetzt die Senioren ihre Lebensmittel beschaffen, weiß ich nicht.Geändert von Opelius (09.08.2007 um 11:14 Uhr)
Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel
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09.08.2007, 11:57Inaktiver User
AW: Landleben macht glücklich?
@Opelius
Nein, es ist kein dörfliches Problem. Hat viel mit Bequemlichkeit zu tun.
In Wien musste kürzlich ein Buchladen schliessen (wohlsortiert, bestes Personal), weil er etwas abseits der grossen Strassen lag.
Und viel über Internet bestellt wird.
(Off topic stell ich gleich meinen Dank herein: ich hatte über die Schliessung berichtet, und es kamen viele Frauen, die hier mitlesen, um einzukaufen, so dass am Ende zumindest der Schuldenberg abgetragen werden konnte
)
Gruss Colonna


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