Warum interessiert uns die Frage "Gehört der Islam nach Deutschland" so sehr? Und warum lässt und die Frage "Gehört das Baguette nach Deutschland" eher kalt, obwohl es im Leben der meisten von uns präsenter als der Islam ist?
Dazu muss man prinzipielle und relative, kulturelle Aspekte unterscheiden. Ein prinzipieller Aspekt ist die im Menschen evolutionär angelegte Fremdenangst (Xenophobie). Der größte Feind des Menschen war in den letzten 2 Millionen Jahren immer der (fremde) Mensch. Selbst das Fremdeln des Säuglings hat seine Wurzeln in der Angst vor fremden (nichtverwandten) Artgenossen (Männchen und Weibchen). Die Tötung durch Artgenossen war (und ist es auch heute für alle Menschenaffen) die häufigste Todesursache für Säuglinge während der gesamten Menschwerdung.
Fremdes macht uns Angst, signalisiert uns Gefahr, noch ohne dass ein konkreter Grund vorliegt (etwa eine aggressive Handlung der Fremden). Auf diese Angst reagiert man mit Flucht oder Aggression (von beiden Seiten, denn das Fremdheitsgefühl ist natürlich reziprok).
Das Fremdheitsgefühl ist evolutionären und vor allem kulturellen Änderungen unterworfen. Vor dem Pleistozän wurde vermutlich jeder außerhalb der eigenen Kleingruppe/Familie als fremd empfunden. Im europäischen Mittelalter die Bewohner des Nachbardorfes. In der Neuzeit Menschen mit einer anderen Sprache und/oder einem deutlich anderen Aussehen. Mit der Ausweitung des Kreises, was wir nicht mehr als fremd empfinden, sinkt auch die zwischenmenschliche Gewalt (siehe z.B. S. Pinker: Gewalt)
Fremdheit wird durch zwei Wahrnehmngen hervorgerufen: Unterschiede im Aussehen und kulturelle Unterschiede. Erstere ist die Quelle für Rassismus, zweitere die für Fremdenfeindlichkeit.
Warum empfinden nun viele Deutsche den Islam, aber auch die muslimischen Mitbürger, als fremd, sogar als Gefahr? Denn nur dann macht die Frage, ob der Islam nach Deutschland gehört, einen Sinn. Vermutlich spielt die Fremdheit im Aussehen nur eine untergeordnete Rolle (obwohl ich ihn nicht kleiner reden möchte, als er leider immer noch ist). Der Paschtune aus Afghanistan mit blauen Augen ist uns vom Aussehen näher als so mancher Italiener oder Spanier. Die kulturelle Fremdheit ist aber nicht zu leugnen.
Nun gibt es viele Kulturen, die uns fremd sind, aber doch keine oder doch weniger Angst in uns auslösen. Warum gerade der arabisch dominierte Kulturkreis des Islam? (Muslimische Philippinos lösen wahrscheinlich weniger Ängste aus.)
Zwei in meinen Augen wichtige Aspekte spielen eine zentrale Rolle: die Religiösität der Muslime und die (fehlende) Modernität der arabischen Gesellschaft.
Der "Muselmann" als Feindbild des Europäers ist seit den ersten Kreuzzügen virulent. Hier wurde nicht so sehr die andersartige Religion, sondern die Herausstellung kultureller Barbarei (als Zeichen der Fremdheit) verwendet. Diese 1000 Jahre anti-arabische Prägung findet auch in uns immer noch einen Widerhall.
Stärker aber wird die Fremdheit der arabischen/Islamischen Kultur durch ihre Nähe zu unserer eigenen Vergangenheit geprägt. Viele Aspekte dieser Gesellschaft(en) erinnern uns an unser europäisches Mittelalter (wunderbare Architektur neben Armut, der Familienclan als bestimmendes Lebensumfeld, die Stellung der Frau in der Familie, die geringe soziale Mobilität, der Absolutismus der Herrschenden (seien sie Könige oder Präsidenten) usw. Wir verorten Gesellschaften diesen Typs in der Vormoderne, die wir lange schon "überwunden" glauben. Eine Mischung aus Arroganz und Ablehnung des Veralteten, Unmodernen. Nichts ist uns fremder als das Spiegelbild aus der Vergangenheit. Asiatische Kulturen empfinden viele als exotisch, das Mittelalter aber als primitiv, unmodern. Es stößt uns ab, zeigt es uns doch (vermeintlich), wie wir auch einmal waren.
In Verbindung mit der wahrgenommenen viel stärkeren Religiösität islamischer Gesellschaften im Vergleich zur unseren entsteht ein Gefühl der Bedrohung, der Nichteinschätzbarkeit des Gegenüber (das typische Merkmal des Fremden: er agiert nach anderen, uns unbekannten oder nicht nachvollziehbaren Regeln). Die Europäer haben in einem langen Prozess der Säkularisierung (seit der Renaissance) die Religion von einem lebensbestimmenden Kult in einen innerweltlichen Raum verschoben und betrachten dies als eine der wesentlichen Errungenschaften der Moderne. Der Islam ist diesen Weg bisher nicht gegangen. Er kennt keine Trennung von Staat und Kirche, keine Gewaltenteilung, ist in seiner heutigen Form in meinen Augen weder mit Marktwirtschaft noch mit Demokratie kompatibel. Beide sind Kräfte gegen jede Form von religiöser Dominanz des Alltagslebens, ihr Erstarken seit dem 15. Jh hat die Transformation des Christentums in eine "Privatsache" vorangetrieben. Daher sind religiöse Fragen in unserem Kulturkreis intellektuelle Fragen, aber keine, die unser Leben existenziell prägen. Jeder kann religiösen und auch kulturellen Vorschriften ausweichen, ohne dabei mit Gefahr für Leib und Leben rechnen zu müssen. Als Atheist in Oberbayern erfahre ich religiöse Inzoleranz fast täglich, aber sie erreicht nie das Niveau einer Gefährdung. Eine solche Gefährdung aber fürchten wir gegenüber Muslimen, unterstellen wir ihnen doch (ob zu Recht oder nicht), dass sie ihre Religion und die damit verbundenen kulturellen Regeln sehr ernst nehmen. Nun sind die Regeln im Islam, wie mit un-islamischem Verhalten, mit religiöser oder kultureller Kritik umzugehen ist, für uns nicht durchschaubar und vermutlich drastisch (und jeder kennt solchge drastischen Reaktione aus den Medien). Also fremd und damit angsterzeugend.
Was liegt bei Angst aber näher, als die Reihen zu schließen, die Burgbrücken hochzuziehen und sich zu rüsten? Das beobachten wir heute. Gegenmittel sind vertrauensbildende Maßnahmen jeder Art.
Ein dritter Punkt sind der Zusammenstoß westlicher Arroganz und muslimischer Überlegenheitsgefühle. Letztere basieren auf der Auszeichnung des Islam als einzig wahrem Glauben sowie der Unterlegenheit aller anderen Ungläubigen. Das daraus folgende Missionieren steht aber in keiner Korrelation zu der von uns wahrgenommenden fehlenden Modernität der muslimischen Kultur. Die natürlich auch den meisten Muslimen deutlich wird und durch einen übertriebenen Nationalismus bzw. Islamismus kompensiert wird. Die Abwertung der islamischen Kultur durch den Westen treibt diesen aber immer tiefer in die Beharrung auf dem Dogma und verhindert so das notwendige Öffnen gegenüber der Moderne.
Hans
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21.03.2018, 17:12
AW: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
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"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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21.03.2018, 17:17Inaktiver User
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21.03.2018, 17:21Inaktiver User
AW: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
@ Hans...
bist du so nett und baust in dein lesenswertes Posting ein paar Absätze ein? Dann ist es lesefreundlicher.
Dankeschön!
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21.03.2018, 17:25
AW: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sehr vom eigenen Einfluss auf andere Kulturen ausgegangen wird. Der Westen verhindert also, dass sich der Islam öffnen kann.
Das ist geradezu diskriminierend und rassistisch gegenüber von Millionen erwachsener Muslime.
Auf Augenhöhe bedeutet, klarzumachen, was der Westen erwartet, wenn Muslime hier leben. Der Rest sollte ihnen überlassen werden, es geht den Westen schlicht nichts an.
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21.03.2018, 17:38
AW: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
Wenn Merkel sagt, dass der Islam mittlerweile ein Teil Deutschlands ist, dann frage ich mich, was sie denn sonst hätte sagen sollen...hätte sie sich quergestellt, dann wäre es sicherlich zu einer riesen Diskussion gekommen…irgendwie muss sie ja „Frieden stiften“ und sehen, dass alle zusammenhalten. Das schafft man nur, wenn man gemeinsam daran arbeitet, und nicht wenn man andere ausschließt.
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21.03.2018, 17:59Inaktiver User
AW: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
@HansDampf
Einspruch!
Ich habe eine ganz persönliche Abneigung gegen spezielle Seiten des Islam. Da mache ich auch überhaupt keinen Hehl draus!
Wenn ich als Oberärztin im Krankenhaus Patienten aus irgendeinem arabischen Staat begrüße, dann wird mir schon mal von den wenigsten die Hand geschüttelt. Meinem männlichen Assistenzarzt hingegen schon.
Meine Aussagen gelten manchen Menschen (auch Frauen schrecklicherweise) aus diesem Kulturkreis (nur ganz selten bei den hier Geborenen!) weniger als die meines Oberarztkollegen, wenn er anwesend ist, selbst wenn er den Patienten vielleicht gar nicht kennt, ich dagegen sehr gut.
Und da hat meine Abneigung des Islam nix mit Xenophobie zu tun, sondern das Ganze ist in meinen Augen übler Sexismus - und da pfeif ich drauf und JA - diese Leute dürfen gern wieder nach Hause! Ganz friedlich und gesittet.
Wenn ich mich als intelligente, gebildete und dazu noch tolerante Frau dermaßen behandeln lassen muss, dann pfeif ich auf Willkommen für Jedermann in Deutschland.
Systematische Frauenverachtung hat in Deutschland einfach nix verloren!Geändert von Inaktiver User (21.03.2018 um 18:04 Uhr)
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21.03.2018, 18:12Inaktiver User
AW: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
Nö, so schließt Frau Dr. Merkel nur drei Viertel der Bevölkerung aus, die eben genau nicht ihrer Meinung sind. Aber warum auch nicht, sie hat ihren Posten für die nächsten 3,5 Jahre und um die Zukunft braucht sie sich bei ihrem Einkommen/Pensionsansprüchen und als Kinderlose auch eher weniger zu sorgen.
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21.03.2018, 18:15Inaktiver User
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21.03.2018, 18:16
AW: Der Islam gehört nicht zu Deutschland
Die Diskussion ist sehr überfällig, insofern hätte ich das nicht schlimm gefunden. Ich tippe eher darauf, dass Merkel hinter ihre Festlegung, der Islam gehöre zu Deutschland nicht ohne Gesichtsverlust zurückkann.
Inhaltlich ist der Satz zumindest überflüssig, wenn nicht sogar dumm. Es gibt den Islam so wenig, wie es das Christentum gibt, und mit Beteuerungen schafft man keine Zugehörigkeit, selbst oder gerade als Kanzlerin nicht.
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21.03.2018, 18:18


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Ich nehme auch stark an, das ist von beiden Seiten gewollt.
Danke