Warum muss man das "Deutsch" betonen? Kann man nicht auch sagen "Ich bin stolz Europäer zu sein"? Schließlich geht es Deutschland gerade so gut, weil das nationalstaatliche Denken und Handeln in Europa sukzessive in den letzten 25 Jahren abgebaut wurde. Ohne die EU würde Deutschland heute völlig anders da stehen.
Das ist sicherlich richtig, und da kann man auch ein bisschen stolz drauf sein. Insbesondere auf unser äußerst liberales Grundgesetz, das allerdings auch kein wirkliches Verdienst historischen deutschen Humanismus ist, sondern uns nach dem 2. WK von den Alliierten mehr oder weniger aufoktruiert wurde, damit sich die Verbrechen möglichst nie wiederholen. Also ist unser GG nicht wirklich ein Grund stolz zu sein, sondern eher Dankbar für die Behandlung der Amerikaner, Briten und Franzosen uns ggü nach den fürchterlichen Verbrechen.Es gibt ja auch Gründe für so einen Satz: Zum einen steht ja Deutschland heute im Vergleich zu anderen Ländern nicht schlecht da.
Stolz kann man eher sein, dass wir es bis heute geschafft haben, dieses Geschenk des wohl liberalsten Grundgesetzes der Welt weitestgehend aufrecht erhalten zu haben. Nur leider hat sich der Wind seit ein paar Jahren gedreht, und unser freiheitlichs GG ist zum ersten Mal seit WK2 wieder in höchster Gefahr durch das Aufflammen von Hetzern, Fremdenfeinden und Ausgrenzern bei PEGIDA, AfD und co. Auf diesen rasanten Rückschritt in Richtung Rassismus, Homophobie, Ausgrenzung und Beschneidung von Freiheitsrechten, bin ich ganz und gar nicht stolz!
Und man darf auch nicht vergessen, dass unser Wohlstand, den wir uns natürlich auch hart erarbeitet haben, auch zu einem Großteil auf der Ausbeutung der 3. Welt durch ungerechte Handelsabkommen und Zollabkommen basiert. Und unser Wohlstand basiert auch darauf, dass Deutschland einer der größten Waffenexporteure der Welt ist, und sehr viele Kriegswaffen an Unrechtsregime liefert (z.B. Saudi-Arabien, Mexiko, Ägypten usw), mit denen die einheimische Bevölkerung unterdrückt und ermordet wird, Dass sind sicherlich Dinge, auf die ich als Deutscher gar nicht stolz sein kann.
Warum muss man überhaupt wieder eine Renaissance zum Nationalismus einläuten, wo wir doch gerade diese Nationalstaatlichkeit überwinden, die in den letzten Jahrhunderten immer wieder nur zu Krieg und Hass geführt haben, weil ein Land besser sein wollte als ein anderes.
Mir gefällt "Ich bin stolz bzw froh ein Europäer zu sein" viel besser. Oder einfach: "Ich bin Mensch, und ich bin stolz"![]()
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Thema: Nationalstolz
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25.11.2016, 16:47
AW: Nationalstolz
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25.11.2016, 17:46
AW: Nationalstolz
Für mich darf beides nebeneinander existieren. Allerdings habe ich weniger Bezug zu Europa, das ist für mich einfach etwas abstrakter als Deutschland, Frankreich, Italien usw. Deswegen würde ich den Satz, ich bin stolz Europäer zu sein, zwar nicht negieren, aber meine Empfindungen sind geringer als bei dem Satz, ich bin stolz Deutscher zu sein. Ist halt meine Sichtweise.
Aber grundsätzlich wollte ich nochmals fragen, was ist denn überhaupt Stolz. Wie fühlt man eigentlich, wenn man stolz ist?
Wenn ich so in mich hinein höre und nachforsche, wie ich mich fühle, wenn ich stolz bin, kann ich folgendes berichten: Es ist ein Gefühl zwischen Freude und Aufgerichtetsein. Irgenwie als ob man den Kopf waagrecht hebt und den Rücken streckt. Man richte sich sinngemäß auf und empfindet Freude, Befriedigung, Selbstbewußtsein, vielleicht auch Kraft. Es ist ein gutes Gefühl.
Stolz ist für mich kein bedrohliches Gefühlt. Es ist nicht Arroganz oder das sich Überheben über andere. Das meine ich nicht mit Stolz. Es hat nur mit mir zu tun, mit etwas, das ich alleine oder bei als Gruppenmitglied geschafft habe. Bei mir ist Stolz auf eigene Leistungen übrigens ausgeprägter als der Stolz darauf, Deutscher, also Gruppenzugehöriger zu sein. Wenn ich Stolz empfinde, konzentriere ich mich kurz auf mich und betrachte, das auf was ich stolz bin. Und von dem, worauf ich Stolz bin, geht ein gutes Gefühl aus. Stolz hat mit mir zu tun, nicht mit anderen und schon gar nicht mit der Abwertung anderer. Das ist für mich nicht Stolz, sondern Arroganz. Und das ist was anderes als Stolz.
Bei mir ist Stolz auch ein kurzes Gefühl, ich laufe nicht ständig stolz durchs Leben. Aber wenn Grund dazu besteht, darf ich auch mal kurz meinen Rücken durchstrecken, meinen Kopf heben und mich stolz oder erhaben fühlen. Egal ob bei der Rührung über den Mauerfall oder beim Lesen von Büchern über Deustche Geschichte, Kunst, Literatur, Philosophie usw. Oder vielleicht, wenn ich im Ausland ein Lob über Deustchalnd höre, ist mir schon oft passiert. Ein kurzer guter Moment, ein kurzes gutes Gefühl, auch wenn ich es nicht nur alleine verdient habe.
Ich bin stolz Deutscher zu sein. Der Satz fühlt sich für mich, wenn ich ihn kurz denke, nicht überheblich oder negativ oder arrogant an. Er ist ok, wie ein Monstranz trage ich ihn nicht vor mir her. Ich glaube ich habe ihn auch noch nie ausgesprochen, aber ich möchte ihn mir aus politischer Korrektheit überhaupt nicht verbieten lassen. Wei ich mir ein kurzes gutes Gefphl nicht nehmen lassen möchte.
Genau das ist es: Ich möchte mir überhaupt keine Gefühle verbieten lassen, werde gute noch schlechte. Ich habe sie und ich möchte frei sein, darüber reden zu dürfen, ohne verurteilt zu werden. Wie ich mit diesem Gefühlen dann umgehe, da nehme ich Rat von anderen an. Aber niemand hat das Recht mir irgendein Gefühl, das in mir aufsteigt, abzusprechen.Geändert von minouminou (25.11.2016 um 17:52 Uhr)
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25.11.2016, 17:59Inaktiver User
AW: Nationalstolz


Das sind alles für mich "Wortklaubereien".
Dann lassen wir doch mal einfach das Wort "stolz" weg, wenn stolz auf einmal negativ besetzt wird und verpönt sein sollte! Ich bin froh, Deutsche zu sein, dass ich in Deutschland lebe, meine, zwar kleine, Familie und gute Freunde um mich herum habe, einen guten Beruf und entsprechend gutem Verdienst habe, es mir rundum sehr gut geht und ich hoffe, dass es so bleiben wird. Ja, und als Europäerin fühle ich mich auch, obwohl ich sonst in keinem anderen europäischen Land leben möchte, die ich alle besuchsmäßig und über Freundschaftskontakte kenne und überhaupt auch als Nicht-Europäerin weltweit in keinem anderen Land, von denen ich vor Ort auch ziemlich viele kennengerlernt habe, davon 1 Jahr in den USA.
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25.11.2016, 18:40
AW: Nationalstolz
Warum sollten wir das Wort für ein Gefühl weglassen? Weil uns nicht trauen zuzugeben, was wir empfinden?
Das ist nicht gut. Das Wort Stolz bezeichnet ein Gefühl, das wir alle kennen und vielleicht selten oder ab und zu empfinden. Warum sollten wir uns so beschneiden? Auch wenn wir das Wort weglassen oder es nicht zugeben, das Gefühl gibt es trotzdem.
Und wahrhaft wäre es , das zuzugeben. Dazu zu stehen.
Ich möchte mir nichts nehmen lassen, ich habe ein reiches Gefühlsspektrum und manchmal, eher selten bin ich kurz stolz, Deutsche zu sein. Wenn ich dies empfinde, kann ich es erstens gar nicht kontrollieren. Gefühle steigen einfach hoch, man hat sie. Und zweitens hat keiner das Recht meine Empfindungen zu verbieten oder mir zu untersagen, das Gefühl zu benennen, etwa als Stolz. Ich möchte da aufrichtig, offen sein können ohne Nachteile zu befürchten.
Wo ich mir aber immer Kritik gefallen lassen muss, ist wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, ob sie mich beherrschen, ich meinen Verstand ausschalte usw. Dazu bin ich bereit. Aber in der reinen Empfindung bin ich frei, erst die Handlungen muss ich vor mir und ggf. Anderen rechtfertigen.
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26.11.2016, 15:42Inaktiver User
AW: Nationalstolz
danke für das ganze posting!

(und kleine ergänzung: es ist die emrk, die europäische menschenrechtskonvention, die auch von deutschland, wie von den anderen europäischen unterzeichnerstaaten, ins grundgesetz übernommen wurde, die -zumindest eine- grundlage für das "liberale grundgesetz" ist, mithin nicht nur deutsches oder alliierten-erzeugnis)
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26.11.2016, 18:03
AW: Nationalstolz
Zwischenrose, deine Ergänzung ist sachlich leider völlig falsch.
Die EMRK ist 1950 unterzeichnet worden und 1953 in Kraft getreten. Das Grundgesetz ist bereits 1949 in Kraft getreten. Somit wurde die EMRK keineswegs von Deutschland "ins Grundgesetz übernommen."
In Deutschland steht die EMRK außerdem im Rang unter dem Grundgesetz, sie hat denselben Rang wie ein einfaches Bundesgesetz - unter dem Grundgesetz.
Nachzulesen bei Wikipedia:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Euro...chtskonvention
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26.11.2016, 18:43
AW: Nationalstolz
Man muss nicht das deutsch betonen, aber man darf! Nichts ist verkrampfter, als das Land zu verleugnenn aus dem man stammt.
Deiner Argumentation mit Europa kann ich nicht folgen. Was soll an einem Blockdenken besser sein als an Nationalstaaten? Die Einheiten werden größer aber das war es aber auch.
Mein Geschichtsverständnis beginnt allerdings auch nicht erst am zweiten Weltkrieg. Ich lebe in einer Stadt der Aufklärung, die eine wechselvolle weltoffene Geschichte hat. Für diese Wurzeln kann ich nichts, aber sie sind Verpflichtung, mich in diese Tradition zu stellen.
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26.11.2016, 18:49
AW: Nationalstolz
Das finde ich einen sehr wichtigen Gedanken! Man muss es auch nicht verheimlichen oder unter den Tisch fallen lassen, dass man Deutscher oder Deutsche ist. Man darf dazu stehen und aus seiner Zugehörigkeit auch Selbsbewusstsein ableiten.
Man muss das nicht, aber man darf es betonen, damit verletzt man niemanden, es tut niemandem weh und kann einen selbst vielleicht freuen. Und deswegen darf man nicht (mehr) diskreditiert werden.Geändert von minouminou (26.11.2016 um 19:58 Uhr)
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26.11.2016, 19:13
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26.11.2016, 22:16Inaktiver User
AW: Nationalstolz
stimmt.
entschuldigung.
Alle Mitgliedstaaten haben die EMRK in ihre Rechtsordnung inkorporiert. Dies geschah jedoch nicht in einheitlicher Weise, sondernentweder 1) als Bestandteil der Verfassung bzw. im vergleichbaren Rang oder 2) im Rang über den Gesetzen aber unterhalb derVerfassung (dies betrifft die meisten Mitgliedstaaten) oder 3) „nur“ im Rang des einfachen Gesetzes (wie zum Beispiel in Deutschland).In Deutschland sind die einzelnen Gesetze aber dennoch „unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR“ auszulegen.
https://www.jura.uni-tuebingen.de/pr...ystem-der-emrk
bin halt österreicherin und irgendwie stolz drauf, dass bei uns die emrk im verfassungsrang direkt übernommen wurde....
da hab ich mich vergaloppiert.....
und, @zazu
ich habs vor 30 jahren so gesehen und seh es heute so.
als "verkrampft" empfinde ich das allerdings ganz und gar nicht.



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