Insofern bin ich so überrascht, dass es Menschen gibt, die heute - in einer Zeit, in der die meisten ihren Heimatort nicht wegen Krieg verlassen - 20 Jahre an einem Ort leben und diesen nicht als Heimat empfinden.
Wie geht es Kindern, deren Eltern ihren Ort nicht als Heimat empfinden?
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Ergebnis 81 bis 90 von 96
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03.02.2015, 16:44Inaktiver User
AW: Heimat - was ist das für Euch?
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03.02.2015, 16:54
AW: Heimat - was ist das für Euch?
Meine Mutter war "eingeheiratet",hatte ihre Schwierigkeiten mit den ländlichen Charakteren oder mit dem alten Haus, das soviele Kosten machte. Verstand ich damals nicht, kratzte mich aber auch wenig. Es gefiel mir gut bei Besuchen der Verwandten in der Großstadt. Meine "Heimat" war das aber nicht, und Konflikt wurde auch keiner draus.
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03.02.2015, 18:16Inaktiver User
AW: Heimat - was ist das für Euch?
Meine Eltern waren Flüchtlinge, aber ihr Heimatbegriff war recht flexibel und ging in das neue Zuhause über. [Edit] Erst am Ende seines Lebens sprach mein Vater wieder mehr über seine alte Heimat.
Und ja, man kann mehrere Heimaten haben. Da mein Heimatbegriff ohnehin nicht geographisch orientiert ist, habe ich einige Orte, an denen ich gerne auch bleiben würde. Kann mich leider nur nicht aufteilen, manchmal wär's schön.
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03.02.2015, 21:35
AW: Heimat - was ist das für Euch?
Alles eingeborene Westdeutsche oder Österreicher in der Familie. Meine Mutter und ihre Geschwister haben zugesehen, daß sie Land gewannen, sobald sie das Abitur in der Tasche hatten, und haben sich zuhause nur noch sehr sporadisch, wenn überhaupt, blicken lassen. Sie erzählen von dem Tal, wo sie gespielt haben und im Winter schlittengefahren sind, und wo das Pferd stand, aber wir sind da nie zusammen hingegangen. An einem Tag bin ich mal alleine der Beschreibung gefolgt, da ist jetzt ein Gewerbegebiet.
Ich habe meine Mutter nie von Heimat reden hören, und die grünanarchistischen Politvolkslieder meiner Jugendjahre fand sie ideologisch der Tümelei verdächtig. Das hat mich genervt, aber daß sie den Ort, wo es sie hinverschlagen hatte, nicht mythologisch überhöhte, war die natürlichste Sache der Welt.
Mein Stiefvater ist schon als Jugendlicher zur See gefahren, aber dann immerhin wieder in dem Dialektgebiet gelandet, wo er aufgewachsen ist. Meine Cousins und Cousinen sind über den ganzen Erdball gezogen, und wo immer sie jetzt sind, planen sie nicht, für immer zu bleiben. In meiner Familie bin ich ganz fürchterlich ortsfest.
** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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05.02.2015, 08:35
AW: Heimat - was ist das für Euch?
Oh, dann guck mal nach Norddeutschland, wieviel Brauchtum es gerade dort in kleineren Gemeinden noch gibt und wehe, du passt dich nicht an.
Ich hab eben beim Lesen überlegt, was für mich 'Heimat' ist. Das ist schwierig zu beschreiben. Ich lebe seit 32 Jahren nicht mehr in dem Ort und der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Ich bin zwar die ersten 10 Jahre noch oft dortgewesen, hab aber erst in D in 5 weiteren Städten gelebt und bin dann vor 15 Jahren ja ganz weit weggezogen.
'Heimat' ist für mich weniger ein gefühlsbeladener Begriff, sondern eher sachlich. Alte Heimat, neue Heimat, Heimatsprache, Heimatsklänge, etc. Es geht für mich eher in Richtung 'Herkunft'.
Die Heimat, die ich mit 20, als ich wegzog, verlassen habe, die gibt es so nicht mehr. Mein Elternhaus ist seit der Scheidung meiner Eltern nicht mehr Heimat, wenn meine Eltern nicht mehr leben, wird das Städtchen für mich eher biografische Bedeutung haben, denn sentimentale. Wenn ich heute zu Besuch bin, muss ich nach 2-3 Wochen raus, weil es mir zu eng wird.
Ich mag mein deutsches Erbe, ich mag auch Deutschland. Aber genauso, wie mir das Herz aufgeht, wenn ich Sonntags nach einer Radtour über Rapsfelder gucke, irgendwo eine Kirchenglocke bimmelt und es Streuselkuchen gibt, geht mir das Herz auf, wenn ich hier bei mir am Strand stehe und die Seeadler über mir kreisen. Oder wenn ich im Anflug über die Harbour Bridge fliege. Das ist inzwischen genauso 'zuhause'.
Am Ende wird Heimat vielleicht ein fertiges Puzzle aus lauter kleinen Geschichten sein. Hoffentlich. Fragt mich in 20 Jahren nochmal.
Nachtrag: Möglicherweise ist mein Aufenthalt hier in der Bri auch deshalb, weil ich bestimmte Teile der alten Heimat mit in das Puzzle einbauen kann."I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves
Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.
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05.02.2015, 13:37
AW: Heimat - was ist das für Euch?
Ich bin einfach mal so frech, ganda55 zu zitieren, weil sie das schöner in Worte fasst, als ich es je könnte.
So empfinde ich das auch, wobei das, was in meiner Erinnerung Heimat ist, wahrscheinlich irgendwann größtenteils in meinem Kopf stattfindet, da sich in dem Ort, aus dem ich komme und in dem ich meine ersten 25 Lebensjahre verbracht habe, seit meinem Wegzug irre viel verändert hat.
Zitat von ganda55
Das Wort "Heimat" an sich mag ich im übrigen so gar nicht, weil ich es einerseits mit Heimatfilmen, -musik und -romanen und Florian-Silbereisen-Shows und andererseits mit rechtslastiger Deutschtümelei verbinde. Aber ein besseres fällt mir jetzt auch nicht ein.
frangi, Dein Puzzle-Bild gefällt mir sehr. Es gibt neben dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, ein paar Plätzchen auf der Welt, die ähnliche Heimatgefühle bei mir hervorrufen.May you be surrounded by friends and family,
and if this is not your lot, may the blessings find you in your solitude.
Leonard Cohen
Entweder man lebt, oder man ist konsequent.
Erich Kästner
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06.02.2015, 20:20Inaktiver User
AW: Heimat - was ist das für Euch?
@ ganda 55
DAS muss wirklich ein schönes Gefühl sein..
Beneide Dich ein wenig darum....
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09.02.2015, 17:34
AW: Heimat - was ist das für Euch?
Ja, so ungefähr geht es mir auch. Es gibt sicher schlechtere Länder auf dieser Welt, in denen man geboren worden sein kann und das weiß ich auch durchaus zu schätzen, aber ich habe keinerlei emontionale Bindung zu diesem Land.
Ja, dieses diffuse Unwohlsein kenne ich auch. Insbesondere im Zusammenhang mit nationalen Symbolen wie Fahnen oder Nationalhymne.
Für mich ist Heimat auch nicht der Ort, in dem ich geboren und aufgewachsen bin wie für andere hier; denn der Ort meiner Kindheit hat mich frühzeitig einfach nur erstickt mit seiner Enge und dem beschränkten Horizont, der Abgrenzung nach außen. So lange ich denken kann wollte ich einfach nur weg und raus.
Heute ist - neben meiner Wohnung - der Ort, den ich Heimat nenne, der Ort an dem mein Herz und meine Liebe ist; und das muss nicht notgedrungen mein aktueller Aufenthaltsort sein.*lost in the woods*
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10.02.2015, 10:32
AW: Heimat - was ist das für Euch?
Ja, ich denk immer, wenn eine Fahne schwingt, daß dahinter jemand steckt, der Zusammengehörigkeit sucht, und ich weiß aus langen Vereinsjahren, wie Zusammengehörigkeit am bequemsten und befriedigsten konstruiert und demonstriert wird.

Und die Heimatspodiumsredenhalter waren immer die ersten, die wild darauf waren, das, was mir an einem Ort etwas bedeutete, unter einem Autobahnzubringer oder einer autoritären oder paternalistischen Ideologie zu begraben.** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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20.02.2015, 00:46
AW: Heimat - was ist das für Euch?
Ich bin aus "meiner" Region (Ruhrpott) nie weggezogen. Nicht, weil ich schon als junger Mensch so heimatverbunden gewesen wäre, sondern weil es sich einfach nicht ergeben hat. Ausbildung, Beruf, Liebe und Ehe... alles bekam ich quasi frei Haus geliefert.

Aber jetzt, nachdem Ehe und Beruf sich erledigt haben, käme ich auch nicht mehr auf die Idee, wegzugehen. Urlaub, auch gerne länger - okay. Aber dann möchte ich wieder nach Hause.
Heimat ist für mich:
- die deftige Ruhrpottsprache zu hören und zu sprechen (ohne als Prolet schief angesehen zu werden),
- beim Gang durch den Stadtteil Zeit einkalkulieren zu müssen, um rechts und links zu grüßen und immer mal wieder auf einen Schwatz stehenzubleiben,
- immer noch mal Bekannte meiner Eltern zu treffen (werden leider immer weniger), die sich freuen, was aus Klein-Rotfuchs geworden ist,
- durch Stadtteile zu schlendern und auf den ersten Blick zu sehen, was sich gegenüber früher geändert hat
- durch Stadtteile zu schlendern und zu sehen, was sich NICHT geändert hat
- in die nächstbeste Kneipe/Cafe zu gehen und immer ein bekanntes Gesicht zu treffen
kurzum... das Zuhause-Gefühl zu haben.
Das Gefühl zu haben, ich kann mich hier frei (!) bewegen, hier kann hier frei (!) reden und werde VERSTANDEN.
Hier kenne ich mich aus, hier kenne ich die Menschen, hier kennt man mich. Das ist mein soziales Umfeld, seit Jahrzehnten. Was ich (für mich) mit zunehmendem Alter immer wichtiger und wertvoller empfinde.
Wäre ich in jungen Jahren woanders hingezogen, würde ich es heute vielleicht an einem anderen Ort ähnlich empfinden. Hätte... wäre... wenn...
Wenn die Kiwi ein Schnitzel wäre, könnte man Pommes dazu essen....
Heimat ist für mich meine Region, meine Stadt, meine direkten Mitmenschen.
Ja, auch mein Land - aber Bayern (nur als Beispiel) gehört auch zu "meinem" Land und ist mir irgendwie doch fremd. Vor 25 Jahren kamen die "neuen" Bundesländer dazu - die sind mir noch fremder. Ich bin in einem geteilten Deutschland aufgewachsen und hatte keinen Bezug zur DDR und keine Verwandschaft "drüben".
Na klar freue ich mich, wenn Deutschland Fußballweltmeister wird... und schwinge beim Public Viewing auch mal ein Deutschland-Fähnchen... aber ich kann nicht sagen, dass ich mit andächtiger Inbrunst die Nationalhymne schmettere oder mich zu Tränen gerührt als Deutsche fühle.
Mit diesem "Heimat" im nationalistischen Sinne kann ich nicht viel anfangen.Geändert von Rotfuchs (20.02.2015 um 01:03 Uhr)
Bleiben Sie gesund und bleiben Sie bei Trost. (Lisa Feller)


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