Hallo zusammen,
ich bin zwar spät dran, aber darf ich noch bei euch mit diskutieren? Natürlich treibt mich das Thema auch um.
Ich denke, eine Lösung wird unglaublich schwierig sein. Die EU wird das NATO-Mitglied Griechenland aber nicht im Chaos versinken lassen, auch bei einem Grexit nicht. Allerdings wird der Lebensstandard dort sinken.
Bei den ganzen Verhandlungen dachte ich erst, Tsipras und Varoufakis pokern einfach. Es kann doch niemand im Ernst glauben, der Rest der Eurozone wäre bereit, Griechenland auf Dauer zu finanzieren, ohne dass dort grundlegende Änderungen statt finden.
Bei allen Diskussionen über eine stärkere Fiskal- und Schuldenunion lautete die Prämisse in Mitteleuropa stets: Dann müssen auch überall die selben Regeln gelten.
Nun scheinen die Griechen aber gerade das nicht zu akzeptieren. Sie wollen weiterhin ihr Klientelsystem behalten, obwohl ihnen völlig klar ist, dass es nicht finanzierbar ist. Gleichzeitig aber werden alle Fragen, wer das denn finanzieren soll, permanent abgeblockt. Politiker ebenso wie Journalisten wechseln dann sofort die Ebene und sprechen von Demokratie, Würde und Respekt.
Ich dachte bisher, das wäre Show, aber nach dem Referendum in Griechenland frage ich mich ernsthaft, wie es mit der politischen Bildung der Menschen dort aussieht. Ein Referendum, das weder klare Fragen vorlegt noch Antworten auf die Frage gibt, was bei der Entscheidung für A oder B an Folgen zu erwarten ist, ist einfach grotesk. Die Politiker sprachen von Stolz, Würde und Terrorismus - und das Volk wählte entsprechend.
Das ist für mich unbegreiflich. So etwas passiert normalerweise nur in Dikaturen, in denen den Menschen jede politische Bildung vorenthalten wird. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass so etwas in einem demokrtischen europäischen Land möglich ist.
Was die Syriza-Regierung wollte und will, wird dem gegenüber immer klarer: Sie wollen eine europäische Schuldenunion, in der wie beim Länderfinanzausgleich automatisch Geld von den reicheren an die ärmeren Länder fließt. Und zwar ohne dass erst die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Also trotz nationaler Budgets, unterschiedlicher Rentensysteme etc.
Die Schriften von Varoufakis gehen automatisch von dem Szenario einer Fiskalunion mit Länderfinanzausgleich aus. Das war auch der Inhalt seiner "Reden" an die Finanzministerkollegen. Der neue Finanzminister agiert zwar nicht so plakativ, aber er ist bekennender Marxist und will im Grunde genau dasselbe.
Syriza will nichts weniger als Europa umkrempeln. Und zwar sofort und ohne Rücksicht darauf, dass auch die anderen Eurostaaten demokratisch gewählte Regierungen haben.
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07.07.2015, 14:37Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland
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07.07.2015, 14:38Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland
mh ... ein Einstieg in ein 3. Hilfspaket wäre nur möglich, wenn einige nationale Parlamente – wie auch der Deutsche Bundestag – zustimmen.
Erkennt man jedoch die Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung und auch in den deutschen Medien, wird Merkel sich genau überlegen, ob sie diese Debatte durchstehen kann.
Die deutsche Bevölkerung lehnt mittlerweile neue Griechenland-Kredite mit 80% ab. Die CSU lehnt neue Kredite gänzlich ab, CDU und SPD sind gespalten; nur die Linke und die Grünen sind dafür.
Und Parlamentsbeschlüsse sind auch in Finnland, den Niederlanden, Estland, der Slowakei und in Slowenien notwendig.
Aber ich kann mir vorstellen, dass und wie heute bei der Weiterfinanzierung der Deutsche Bundestag ausgeschaltet wird.
Die EU-Regierungschefs werden keine Entscheidung finden, nicht solange Merkel dabei ist. Die EZB wird gezwungenermaßen die ELA-Nothilfen ausweiten, weil sonst die Banken pleite sind und sie die Entscheidung trifft, die ihr politisch nicht zusteht - und so wird dann Griechenland über ELAs weiterfinanziert. Praktisch für Merkel wäre, dass der Bundestag dabei nie gefragt werden muss.
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07.07.2015, 14:42Inaktiver User
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07.07.2015, 14:42Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland
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07.07.2015, 14:51Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland
Derzeit ist der Euro in Bezug auf die Wirtschaftskraft der nördlichen Länder unterbewertet. Ein Vergleich mit dem Schweizer Franken, der überbewertet ist, zeigt das deutlich.
Für den Export mag das gut sein, aber es hat auch den Nachteil, dass Immobilien und Industriebeteiligungen zu billig an ausländische Investoren verkauft werden - also die Substanz.
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07.07.2015, 14:53Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland
Ich selbst erachte die Krise für wesentlich grundsätzlicher. Die EU hat es in seit der letzten Wirtschaftskrise nicht geschafft, nationale Interessen in einer föderalen Struktur angemessen Raum zu geben, weder in Griechenland noch in den Geberländern.
Alle reden von Reformen in Griechenland, aber die derzeitige Form der EU ist m.E. das grössere Problem.
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07.07.2015, 14:57Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland

Und genau das kann nicht funktionieren:Was die Syriza-Regierung wollte und will, wird dem gegenüber immer klarer: Sie wollen eine europäische Schuldenunion, in der wie beim Länderfinanzausgleich automatisch Geld von den reicheren an die ärmeren Länder fließt. Und zwar ohne dass erst die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Also trotz nationaler Budgets, unterschiedlicher Rentensysteme etc.
Entweder ist wirklich jedes Euroland einigermaßen souverän, mit eigenem Rentensystem, eigenem Steuersystem, eigener Finanz- und Wirtschaftspolitik - muss dann aber die Folgen seiner Entscheidungen grundsätzlich selbst tragen.
Oder wir werden die Vereinigten Staaten von Europa, mit einer abgestimmten, einheitlichen Politik und Länderfinanzausgleich.
Aber einerseits selbst entscheiden dürfen, wie man wirtschaftet, während andere die Zeche zahlen - das ist ein Hirngespinst. Das macht niemand mit.
Jetzt muss der alte/neue Finanzminister nur noch eines erreichen: 18 Länder der Eurozone davon überzeugen, dass der Marxismus der richtige Weg für die Euro-Zone ist.Die Schriften von Varoufakis gehen automatisch von dem Szenario einer Fiskalunion mit Länderfinanzausgleich aus. Das war auch der Inhalt seiner "Reden" an die Finanzministerkollegen. Der neue Finanzminister agiert zwar nicht so plakativ, aber er ist bekennender Marxist und will im Grunde genau dasselbe. Syriza will nichts weniger als Europa umkrempeln.
Da kann man nur viel Vergnügen und gute Unterhaltung wünschen.
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07.07.2015, 15:00Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland
Zustimmung, das Problem ist allerdings momentan eher, dass überhaupt die Substanz verkauft werden muss. Momentan ist Krise, früher mit der starken DM war die Party der 90er.
Das sind zwei völlig verschiedene Bewertungsgrundlagen, wenn man sie - wie es Koi getan hat - mit der starken DM vergleicht.
Für mich ist der Vergleich unzulässig auf Grund der veränderten Situation.
Wenn Griechenland austritt, ist die Substanz noch billiger zu haben. Ob das die Lösung für das Land ist, ist für mich fraglich.
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07.07.2015, 15:01Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland
Zustimmung.
Außerdem wäre eine weiche Währung auch für die Eurozone insgesamt keine Lösung:
eine weiche Währung würde die Exportstärke der ohnehin exportstarken Euroländer unterstützen, während die schwachen Euroländer durch Reformverschleppung nicht vom Fleck kommen würden. Damit würde sich die Kluft zwischen "Nord-Euro" und "Süd-Euro" bzw. Nord-EU und Süd-EU immer weiter vertiefen. Das löst keine Probleme, sondern birgt zusätzlichen Sprengstoff.Geändert von Inaktiver User (07.07.2015 um 15:35 Uhr)
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07.07.2015, 15:11Inaktiver User
AW: Wahlsieg von Syriza in Griechenland
In Mitteleuropa ist das Konsens. Aber mir scheint, Syriza hat es genau darauf angelegt. Varoufakis und Tsipras sind nicht so dumm, dass sie das nicht wüssten.
Aber sie sind erklärte Marxisten. Die ganze Regierung besteht nur aus extremen Parteien. Vielleicht träumen sie wirklich von einem "Volksheim Europa", analog zur DDR? Dann wäre es auch nur folgerichtig, wenn ihr Ziel wäre, den Wohlstand der reicheren Länder zugunsten der ärmeren nach unten zu drücken.
Ich habe immer mehr den Eindruck, dass Syriza gar keine Einigung will: Bei den letzten Gesprächen ging es nur noch um ein paar Millionen - das wäre kein großes Problem gewesen. Die Rückzahlungen der Darlehen sind schon so weit in die Länge gezogen, dass es de facto einem Schuldenschnitt gleich kommt. Und trotzdem gingen die Griechen nicht darauf ein, sondern spielen das Katz- und Maus-Spiel weiter.
Kann man ausschließen, dass die Syriza-Regierung ihr eigenes Volk und sein Elend als Hebel einsetzt, um damit den Rest Europas zu erpressen?
Ich fand diesen Aufsatz des Schriftstellers Petros Markaris, der das Denken in GR beschreibt, sehr aufschlussreich.
Die EU-Verhandler inclusive Juncker scheinen lange nicht begriffen zu haben, dass Syriza völlig anders tickt als alle anderen Regierungen in der Eurozone.


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