Ich spreche von den Erklärungen der Politiker, die vor wenigen Tagen abgegeben wurden, von der kürzlich erklärten Absicht, baldmöglichst eine ungestörte Ausübung dieser Riten sicher zu stellen, und von einer Gesetzesvorlage, an der möglicherweise in diesem Augenblick gearbeitet wird (ansonsten spätestens nach der parlamentarischen Sommerpause).
Ich spreche sehr wohl von der Gegenwart. Gegenwärtiger gehts gar nicht.
Ich spreche des weiteren aber auch von einer Presse, die - sobald es um Juden geht - seltsame Artikel absondert, die das übliche Niveau der betreffenden Blätter meilenweit nach unten durchschlagen und die man aus Sicht des professionellen Journalismus nicht anders als erbärmlich bezeichnen kann.
Beispiele gefällig?
Da wird der "Voyeurismus" der empörten Bürger beklagt und ein Altherrenwitz über Penislänge und Sexausdauer zum Besten gegeben (Henryk Broder, WELT).
Da wird ein "Brief an die Vorhaut" geschrieben (Silke Burmester, SPIEGEL).
Der vom Landgericht Köln als Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Kindes bewertete Vorgang wird mit der elterlichen Entscheidung verglichen: 'bei uns gibt es kein Nutella' (Johan Schloemann, SZ)
Aber Harald Martenstein schießt in der ZEIT den Vogel ab: Er fragt spöttisch, ob man sich demnächst bei "Pro Vorhaut" zwangsberaten müsse und empfiehlt beschneidungsgeschädigten Männern eine Transplantation von eigener Pohaut, wahlweise Spender-Vorhaut von Griechen oder Hartz-IV-Empfängern.
Die FAZ ist die einzige der großen Zeitungen, die seriös berichtet.
Übrigens war das bereits anlässlich der Causa Günter Grass der Fall.
Hmm.
Bestimmt ein Zufall.
Kann gar nicht anders sein.
Ja, doch. Gewiss. Zufall.
Es kann nichts zu tun haben mit dem, was Professor Moshe Zuckermann bezüglich der deutschen Gesellschaft diagnostiziert hatte. (siehe Strang Günter Grass)
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18.07.2012, 12:55Inaktiver User
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Geändert von Inaktiver User (18.07.2012 um 13:49 Uhr)
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18.07.2012, 13:17Inaktiver User
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
In einem Land mit funktionierender Pressefreiheit habe ich keine Angst vor geschmacklosen , polemisierenden und emotionalen Pressebeiträgen.
Schlimmer finde ich Merkels Anschiss des "Lächerlichen Staats", da sie implizit ne politische Hoheit über dem gesetz und einen Maulkorb in jüdischen Angelegenheiten fordert.
Und noch schlimmer ist es, wenn direkte Demokratie (IMHO gutes Gegengewicht gegen Lobbyismus und Wählerfremdheit) verunglimpft wird. Ich bin ihr sehr dankbar, verdanke ich ihr doch die letzte kulturelle bayerische Errungenschaft- das Rauchverbot! Danke!
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18.07.2012, 13:21Inaktiver User
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Ich auch nicht. Zumindest so lange die FAZ noch nicht gleichgeschaltet wurde und so lange die genannten Blätter (WELT, ZEIT, SZ, SPIEGEL) die Leserkommentare großteils veröffentlichen.
Dennoch sollte es einem zu denken geben, dass es sich bei meinen Beispielen um solche aus (fast) allen bedeutenden Blättern handelt, und nicht etwa um die Rottaler Dorfpostille.
Insbesondere sehe ich ein wiederkehrendes Muster, das ich genauso bewerte wie Moshe Zuckermann und für das ich dank seiner Analyse mittlerweile eine gewisse Sensibilität entwickelt habe.
.Geändert von Inaktiver User (18.07.2012 um 13:29 Uhr)
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18.07.2012, 13:31
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Ich frage mich, ob sich Knobloch bewusst ist, wie albern und unangemessen ein solcher Rigorismus anmutet.
Als ob die jüdische Identität dermaßen bedroht, instabil und leblos wäre, dass jeder Gedanke an Veränderung, Entwicklung und Anpassung von vornherein unmöglich ist. Als ob die jüdische Identität nur noch in religiöser Starrform existieren könnte...
Oder müssen wir uns wirklich Sorgen machen, dass eine ganze Kultur an einem Zipfelchen hängt?
...praeter gallum, qui cantat.
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18.07.2012, 13:50
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Ein Artikel des humanistischem Pressedienst, fasst alle Aspekte SEHR ausführlich zusammen, wie ich finde -> Scharfe Klingen
Schon einen Satz im ersten Abschnitt, finde ich sehr treffend:
Und der Einwand, nun seien vermehrt illegale und riskantere Beschneidungen zu erwarten, belegt, dass es bei der Beschneidung in Wirklichkeit gar nicht um das Kindeswohl geht.Sie verwechseln Ehrlichkeit und Toleranz, mit Oberflächlichkeit und Arroganz...
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Schau auf deine Haut und lies
Such wo meine Zunge war
Such mein Lied in deinem Haar
Willst Du mein Gefühl verstehen
Mußt Du Dich in Dir ansehen
Schließ die Augen und Du siehst ich bin in Dir
(c) ASP
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18.07.2012, 14:19Inaktiver User
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Die Kinderärzte verstehen eben ihr " Handwerk".
Habe leider das Video geschaut. Ich habe in die Gesichter der Mutter/Frauen geschaut. Diese zeigen den ganzen Schmerz, den sie bei der Bescheidung empfinden. - unverständlich -
Mein Sohn ist aus med. Gründen ungefähr zw. 3-5 J. beschnitten worden.
Ich als Christin hätte niemals meinem Kind eine Beschneidung ohne Narkose zugemutet.
Ich habe mit meinen Sohn darüber gesprochen, er hat keinerlei Erinnerung, Traumata an diesen Eingriff.Geändert von Inaktiver User (18.07.2012 um 14:44 Uhr) Grund: tippfehler
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18.07.2012, 14:26
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Das Ritual ist nicht Ritual, weil es der Wellness und der Convenience dient. Es ist Ritual, weil es brutal ist - gerade deshalb.
Es ist eine Initiation bei der das Individuum seine Bereitschaft dokumentiert, überindividuelle Werte, überindividelle Zwecke zu respektieren, sich ihnen zumindest situativ zu unterwerfen. Es ist die Bereitschaft, gegebenfalls das unmittelbare eigene Interesse zu relativieren.
Bei der Beschneidung ist dieses "Opfer" natürlich nicht freiwillig. Aber es ist das Opfer der Eltern, die ihr unmittelbares Interesse am Wohlbefinden ihres Kindes, relativieren. Zu einem höheren Zweck.
Dies ist der psychologische Mechanismus religiöser/kultureller Bindung. Eltern, die bereit sind, ihrem Kind Schmerzen zuzumuten, sind natürlich nicht so schnell gewillt, dieses "Opfer" nachträglich als sinnlos zu betrachten. Es fällt uns leicht, uns aus einem "Unternehmen" zurückzuziehen, in das wir nichts investiert haben. Haben wir aber etwas investiert, dann ist das nicht mehr so einfach.
Ich verstehen nicht viel von religiösen Bräuchen und Riten, aber ich wage zu behaupten:
Die "Brutalität" des Opfers, der "Preis" des Rituals bestimmt die Bindungsfunktion. Je höher der Preis, je größer das Opfer, desto stärker die Bindung.
Und dieser Preis ist immer der höchstmögliche, der, den das Individuum noch zu zahlen bereit ist. Und diese Bereitschaft wiederum hängt ab von Populationsdichte, der Infrastruktur der sozialen Kontrolle, der kulturellen Konkurrenzsituation, etc.
Keine Gesellschaft, keine Kultur kann ihren Zusammenhalt nur aufgrund individueller Bindungen erhalten. Dazu sind diese zu "Kontingent". Der Zusammenhalt, die "Identität" wird über überindividuelle Bindungen organisiert.
Die sind notwendig. Die sind nicht schlecht. Die brauchen wir.
Was wir aber nicht brauchen, ist die 1:1 Übertragung von stammesgesellschaftlichen Prinzipien in das schöne Durcheinander der modernen Welt...
...praeter gallum, qui cantat.
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18.07.2012, 14:59Inaktiver User
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Bei der Beschneidung ist dieses "Opfer" natürlich nicht freiwillig. Aber es ist das Opfer der Eltern, die ihr unmittelbares Interesse am Wohlbefinden ihres Kindes, relativieren. Zu einem höheren Zweck.
Die Psychologische Auswirkung der Beschneidung
R. GOLDMAN
Circumcision Resource Center, Boston, Massachusetts, USA
. Die Reaktionen der Eltern
Der extreme Schmerz der Beschneidung und die Veränderungen der Interaktion zwischen Mutter und Kind, die nach der Beschneidung beobachtet wurden, werfen die Frage auf, welche Auswirkungen die Beschneidung auf die Mutter hat. Die typische Krankenhausbeschneidung [in den USA] wird Außerhalb der Sichtweite der Eltern, in einem abgetrennten Raum durchgeführt. Dennoch werden einige wenige von den Eltern beobachtet, und viele Jüdische rituellen Beschneidungen werden im Heim der Eltern durchgeführt. Es lieben keine Studien darüber vor, wie diese Eltern auf die Beobachtung der Beschneidung ihres Sohnes reagieren. Die persönlichen Berichte sind unterschiedlich und viele beinhalten starke Emotionen. Einige Eltern bedauern ihren Sohn beschnitten zu haben, und geben an, sie wünschten sich, sie hätten mehr über die Beschneidung gewusst, bevor sie in die Beschneidung ihres Sohnes einwilligten. Margaret Viola fügte ihrem Brief an ein Magazin folgenden Kommentar bei:
„Mein winziger Sohn und ich schluchzten unsere Herzen aus. Nach allem für das ich gearbeitet hatte, Joseph in meinem Bauch getragen und genährt hatte, ihn, gegen keine geringen Widerstände, zu Hause hatte, ihn ständig bei meiner Seite hatte, seit der Geburt, ihn pflegte wann immer er Nähe oder Nahrung brauchte-war die Beschneidung eine entsetzliche Verletzung von all dem, von dem ich fühlte, dass wir es geteilt hatten. Ich weinte Tage lang danach.“ [20]
Melissa Morrison hatte eine schwere Zeit, 7 Monate nachdem sie die Beschneidung ihres Sohnes mit angesehen hatte:
„Ich stelle fest, dass ich mehr und mehr davon besessen bin. Es ist absolut schrecklich. Ich wusste nicht wie schrecklich es sein würde. Es war das aller grauenvollste, das ich jemals in meinem Leben getan hatte. Ich sagte dem Arzt gleich nachdem er fertig war, wenn ich eine Pistole hätte, würde ich ihn töten. Ich schwöre, ich wäre heute im Gefängnis wenn ich damals eine Waffe bei mir gehabt hätte.“ [21]
Andere Mütter haben der Einrichtung des Autors mitgeteilt, dass die Beobachtung, wie ihr Sohn beschnitten wurde, der "schlimmste Tag meines Lebens" war. Einige Mütter erinnern sich nach vielen Jahren noch deutlich an die Beschneidung ihres Sohnes; Pollack berichtet 15 Jahre nach dem Ereignis. „Die schreie meines Babies sind mir in die Knochen gefahren und verfolgen meine Seele. " Sie fügte hinzu: "Sein Schreien klang als ob er geschlachtet wurde. Ich verlor meine Milch“ [22].
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18.07.2012, 16:08
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Die FR hatte heute zwei interessante Artikel dazu, die ich leider nicht online finden kann.
In einem wurde auch auf die Frage der Initiationsriten eingegangen und daß diese in der Regel mit teils erheblichen Schmerzen und/oder Angst und Anstrengung verbunden sind. Die Autoren ließen zumindest die Frage offen, ob dies auch positive Seiten hat.
Aber: in der Regel werden diese in traditionellen Gesellschaften an Jugendlichen vollzogen (also etwa mit 14), eben als Übergangsritual zwischen Kindheit und (jungem) Erwachsenenalter.
Und dann war noch von einer Gebärneid der Väter die Rede, die sozusagen weil sie sich am "Leben geben" nicht ausreichend beteiligt fühlen, durch drastische und blutige Maßnahmen quasi die Geburt nochmal nachvollziehen und dabei die Oberhohheit über den Nachwuchs für sich reklamieren - mal laienhaft zusammengefaßt.
lg lenita
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18.07.2012, 16:16
AW: Kölner Urteil zu Beschneidungen
Nochmal ein Beispiel für parallele Rechtssysteme:
Die Einwohner von Mayotte können entscheiden, welches Recht auf sie angewandt wird, entweder:
* das allgemeine (französische) Recht, wie es im europäischen Frankreich gilt (Code civil, Notare, Verwaltung, Gerichte usw.)
oder
* das sogenannte statut personnel, dann gilt das europäische Recht nicht, auch nicht die Laizität. Dieser Status ist nur möglich für die islamischen Einwohner von Mayotte und Einwanderer von den Komoren oder aus dem Nordwesten Madagaskars. Die Rechtsprechung erfolgt durch islamische Kadis. Betroffen sind die Rechtsstellung der Frauen (unter anderem einseitige Scheidung, Polygamie), das Erbrecht (zum Beispiel Diskriminierung nach Religionszugehörigkeit) und das Bodenrecht. Es gibt zahlreiche Koranschulen. Nach muslimischem Recht werden Ehen ab 15 Jahren geschlossen.
Die Frauen haben eine relativ starke Position in der mahorischen Gesellschaft. Sie sind traditionell die Hausbesitzerinnen. Die Männer ziehen zu ihren Frauen und verlassen deren Haus im Falle der Scheidung, wodurch diese eine gewisse finanzielle Absicherung haben. Jeder Mann muss für seine Töchter bzw. Schwestern ein Haus oder eine Etage bauen. Die Häuser werden von den Müttern auf die Töchter vererbt. Die Familien sind relativ instabil, was sich in einer hohen Scheidungsrate, aber auch Wiederverheiratungsrate zeigt. Problematisch ist dieses vor allem für die Kinder. Scheidungen werden oft von den Frauen eingereicht, was keine soziale Schande ist. Offiziell ist die Polygamie seit kurzem verboten. Die Jungen ziehen im Alter von 14 Jahren traditionell in Lehmhütten (Bangas) neben dem Elternhaus, um selbstständig zu werden. Die Bangas werden von Bruder zu Bruder weitergegeben. Die Mädchen bleiben im Elternhaus wohnen.
Die rechtliche Besonderheit des statut personnel war bisher ein Hindernis für die vollständige Eingliederung Mayottes in den französischen Staat und die Europäische Union. Mit der 2011 erfolgenden Eingliederung soll das Rechtssystem an das des Mutterlandes angepasst werden.
aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Mayotte
Wie ich das verstehe, ist aber genau das bislang ein Hinderungsgrund für die volle Integration in die EU und soll auch im Zuge der Integration "wegreformiert" werden.
lg lenitaGeändert von lenita (18.07.2012 um 16:20 Uhr)



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