Aus einem FAZ-Artikel vom 22. März 2011 (F.A.Z., 22.03.2011, Nr. 68 / Seite T1):
Es gibt kein Vertun: Auch in jedem der heute neu gebauten Kernkraftwerke kann es zur Kernschmelze kommen. Dass dieser Super-GAU eintritt, ist jedoch deutlich unwahrscheinlicher als bei den 1971 in Betrieb gegangenen Fukushima-Blöcken, die nicht nur wegen ihres Alters von zahlreichen Fachleuten, wie man heute weiß, schon länger überaus kritisch beäugt wurden. Denn mit dem vergleichsweise klein bemessenen Containment (Sicherheitsbehälter) baut sich bei einem schweren Störfall rasch ein zerstörerisch wirkender Druck auf. Auch fehlte den Unfallreaktoren die an deutschen Anlagen vorhandene "gefilterte Druckentlastung", die entweder über ein gezieltes Abbrennen oder über "Rekombinatoren" den bei mangelnder Kühlung an den (zu) heißen Brennstäben ent-stehenden Wasserstoff zu Wasser werden lässt.
Auch waren die Havarie-Reaktoren weder gegen ein Erdbeben mit Magnituden von neun und größer noch gegen gewaltige Tsunami-Wellen geschützt. Nur so ist zu erklären, dass das externe Notstromsystem weggespült wurde. Auch soll die Flutwelle Öltanks weggerissen haben, die den Brennstoff für die innerhalb der Gebäude stehenden Notstromgeneratoren bunkerten. Die Dieselgeneratoren, die ordnungsgemäß angelaufen waren, haben Wasser "gezogen", was sie binnen Sekunden zerstörte.Daher hat man in den Folgejahren nach "sichereren" Konzepten gesucht und den European Pressurized Water Reaktor (EPR) entwickelt. Diese Technik wurde vom französischen Reaktorbauer Framatom gemeinsam mit Siemens vorangetrieben. Seit der Zusammenlegung der Nuklearaktivitäten beider Gesellschaften werden die Arbeiten von Areva NP weitergeführt.
Hinter dem Konzept dieses europäischen Druckwasserreaktors steht der Gedanke, dass man einen schweren Störfall grundsätzlich nicht ausschließen kann, die Auswirkungen auf den Reaktor aber begrenzen will. Hierzu wird der Reaktorbehälter auf eine Keramikwanne und eine mehrere Meter dicke Betonschicht gesetzt. Eine gleichstarke Betonhülle soll verhindern, dass radioaktiver Dampf nach außen dringt. Zudem hat der Reaktor ein vierfach redundantes Notkühlsystem, das zum Schutz vor inneren oder äußeren "Einwirkungen" in getrennten Gebäuden untergebracht ist. Und ein "Sprühsystem" soll den Druck im Containment reduzieren helfen, wenn es hier zu einem Leitungsbruch kommt.Inhärent sichere Kernkraftwerke der vierten Generation kommen ohne ein aktives, auf Generatoren und Pumpen angewiesenes Notkühlsystem aus. In der Welt wird an sechs solcher Konzepte gearbeitet, wobei alle auf Vorläuferentwicklungen, wie etwa den Kugelhaufenreaktor in Hamm-Uentrop, aufbauen. Zwei Konzepte gelten als besonders aussichtsreich: der Natriumgekühlte Schnelle Reaktor (SFR) und der Überkritische Leichtwasserreaktor (SCWR). Sollte der drucklose SRF überhitzen, würde sich die Reaktion im Reaktor selbständig reduzieren. Von Vorteil ist auch die hohe Wärmeleitfähigkeit des Natriums, das "Überschusswärme" rasch abführt. Beim SCWR befindet sich das als Arbeitsmedium genutzte Wasser stets über dem "kritischen Punkt". Im Primärkreislauf findet kein Phasenübergang statt.
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Thema: Die Ereignisse in Japan
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24.03.2011, 20:56Inaktiver User
AW: Die Ereignisse in Japan
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24.03.2011, 21:31
AW: Die Ereignisse in Japan
Mal ne Frage an alle:
Wie sieht es eigentlich mit der Notstromversorgung in deutschen AKW's aus? Und wie lange können die vor Ort ohne Strom die Kühlung aufrecht erhalten?
VanDyckEs gibt so viele schöne Momente im Leben; ich sollte mich entspannen,
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24.03.2011, 21:39Inaktiver User
AW: Die Ereignisse in Japan
Notstromversorgung auf dem Prüfstand
Sicherheit "unserer" Reaktoren
Pannenmeiler mit Notstromversorgungsmängeln
Dazu liegen keine Praxistests vor. Auswirkungen sind abhängig von der jeweiligen Katastrophe und deren Folgen auf Kühlsystem plus Stromzufuhr.Geändert von Inaktiver User (24.03.2011 um 21:51 Uhr)
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24.03.2011, 21:56
AW: Die Ereignisse in Japan
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24.03.2011, 22:22Inaktiver User
AW: Die Ereignisse in Japan
Hier habe ich eine recht detailreiche, interessante Seite gefunden. Insgesamt sieht es seriös aus, auch wenn die Seite eher "Atomkritisch" auftritt. Im Kapitel "Kernschmelzunfallabläufe bei Siedewasserreaktoren" wird es einigermaßen konkret. So ganz klar ist mir noch nicht, inwiefern diese "Wasserstoffexplosion" da einzuordnen ist bzw. ob die/ ob eine Explosion nicht dem benannten "Bersten des Sicherheitsbehälters" entsprechen, was in Folge bedeuten würde: Vom Augenblick des Berstens an stünde das Containment offen, eine Rückhaltung radioaktiver Stoffe wäre nicht mehr möglich. Es deutet ja einiges darauf hin.
Kernschmelzunfallabläufe bei Siedewasserreaktoren
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24.03.2011, 22:25Inaktiver User
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24.03.2011, 22:32
AW: Die Ereignisse in Japan
Also der Hintergrund meiner Frage ist ja:
Im November 2005 ist im Münsterland durch den harten Winter/viel Schnee und dadurch bedingten Ausfall von Überland-Stromleitungen großflächig in der ganzen Region tagelang der Strom komplett weg gewesen. In einigen Orten dauerte es eine ganze Woche!
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24.03.2011, 22:34Inaktiver User
AW: Die Ereignisse in Japan
Ein wenig KritikZerlegt hat sich aber nur der Eindruck, es gäbe eine besonnene und rational handelnde Regierung. Es ist jetzt zu befürchten, daß die ohnehin fragwürdige Energiepolitik nun vollends an den Illusionen einer Versorgung des Industrielandes Deutschland mit Wind- und Solarstrom ausgerichtet wird – mit fatalen Konsequenzen für Industrie und Arbeitsplätze.
Deutschland schafft sich als stabiles und wohlhabendes Industrieland ab, aber ganz anders und vermutlich viel schneller, als es Herr Sarrazin prophezeite.
So furchtbar das Erdbeben war; Fukushima war ein Geschenk für gewisse Politiker
Und noch mehr Kritik an der Kasperle-Politik, die von Leuten des Panik-Zugs negativ beeinflusst wird.Medienberichten zufolge ist Deutschland mit seinem Vorstoß für EU-weite AKW-Sicherheitsstandards gescheitert. Bei einem Treffen der EU-Energieminister am Montagabend in Brüssel gab es keinen verbindlichen Stresstest für Atomkraftwerke in der EU. Vielmehr warfen die EU-Mitgliedstaaten dem Energiekommissar Günther Oettinger sowie der deutschen Bundesregierung Aktionismus und Panikmache vor, wie die Financial Times Deutschland (FTD) und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in ihren Ausgaben vom Dienstag berichteten
Sicht eines Verantwortlichen:
Überhang an Nachrüstungen
Die von der Bundesregierung jetzt angeordneten Sicherheitsüberprüfungen hält der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz Sebastian Pflugbeil für überflüssig.Geändert von Inaktiver User (24.03.2011 um 22:40 Uhr)
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24.03.2011, 22:43Inaktiver User
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24.03.2011, 22:52Inaktiver User
AW: Die Ereignisse in Japan
Ich nehme einfach an: sowas banales hatten die bei angedachten Szenarien nie auf dem Zettel.
Generell ist das deutsche Stromnetz dermassen durch Notfallschaltungen- und Anlagen, Reserve-Einspeisungen- und Verteilungen absolut gesichert, sodass notfalls binnen Minuten Strom aus Frankreich oder aus der anderen Richtung Schweden oder gar Norwegen eingespeist werden könnte ... nur eben dass Überland-Leitungen auf grosser Strecke ausfallen könnten ... wie gesagt: zu banal ...


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