Letzten Oktober waren meine Tochter und ich in Ägypten. Es war kein Badeurlaub, eher Städte, Museums- und Pyramiden-Urlaub, und ganz wichtig für meine Tochter: Basare (Alexandria und Kairo). Wir waren in keiner Reisegruppe, sondern hatten uns Fremdenführer organisiert, einen für die Tage Alexandria und einen für Kairo. Die Fremdenführer waren ägyptische Studenten.
Und jetzt denke ich immer mehr an unsere Gespräche mit diesen jungen Menschen.
Beide sagten, dass sich die ägyptische Diktatur nicht mehr lange halten kann. In den Unis würde sich was zusammenbrauen. Ich wurde immer wieder mit der Frage konfrontiert, warum die Deutschen die Diktatoren in Nordafrika so unterstützen und andere Diktatoren (z. B. im Irak), die nicht passen, derart verfolgen, dass sie sogar dafür Kriege anzetteln. Ich konnte keine Antwort geben.
Was Ägypten betrifft, sehe ich das Regime auch als Diktatur an. Wahlen sind nur eine Alibiveranstaltung, wir brauchen ja nur in unsere eigene Geschichte zurückzublicken, wir wissen, wie so was geht.
Was wäre nun, wenn sich der tunesische Funke ausbreitet? Erst mal nach Ägypten, dann womöglich sogar Saudi-Arabien?
Wie verhalten wir uns? Wahrscheinlich wird unser Außenminister die Bevölkerung in diesen Ländern aufrufen, ruhig zu bleiben und weiterhin die Diktatur zu akzeptieren. Wahrscheinlich mit Appellen an die Diktatoren, ihre Folterherrschaft etwas humaner zu gestalten.
Das kann ganz schlimm enden.
Was passiert mit dem arabisch-israelischen Dialog, der ziemlich auf Sparflamme kocht?
Wie verhält sich die USA, die im Nahen Osten weit mehr Interessen hat als z.B. in Afghanistan?
Wie verhält sich Europa. Unterstützen wir weiter die Diktatoren, z.B. die auf der arabischen Halbinsel.
Wie verhalten sich die Industrienationen, wenn der Ölfluss versiegt?
Ich sehe die Entwicklung jenseits des Mittelmeers mit großer Besorgnis. Gegen den Sturm, der sich dort entwickeln kann, ist Afghanistan ein mildes Lüftchen.
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27.01.2011, 12:02
Tunesien, Ägypten und was dann?
Geändert von Wolfgang60 (27.01.2011 um 13:24 Uhr)
Ich bin, also denke ich
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27.01.2011, 13:41Inaktiver User
AW: Tunesien, Ägypten und was dann?
Ich stimme dir völlig zu in deinen Sorgen.
Die letzten Nachrichten - auch aus Berlin - ermahnen zwar Mubarak und andere Machthaber der Region, dass sie Änderungen des Systems in Richtung Demokratie umsetzen sollten. Aber es ist nicht wahrscheinlich, dass die dortigen Machthaber auf diese Ratschläge hören: Sie werden ihre Pfründe mit Klauen und Zähnen verteidigen.
Ob ihnen dies gelingt hängt wenig von der Position der Europäer und Amerikaner ab, es ist allein eine Frage der Entschlossenheit der Menschen in den kritischen Ländern, die Diktatur abzuschütteln.
Meine Sorge ist allerdings, dass in den meisten Ländern (vielleicht mit Ausnahme von Tunesien und Jordanien) wenig Aussichten bestehen, dass eine neue Regierung wirklich demokratisch würde: Es ist zu befürchten, dass nach einer kurzen Periode der Lockerung sich ganz einfach eine neue Diktatur etabliert.
Und bei demokratischen Wahlen ist zu befürchten, dass sich in vielen Ländern (Algerien, Ägypten, Saudi-Arabien ..) eine islamistische Mehrheit bildet, die dann praktisch automatisch die rsten auch zu den letzten demokratischen Wahlen macht.
Ich rechne fast in jedem Fall mit einer längeren Periode der Unruhe in der gesamten Region, mit klaren Auswirkungen auf die Ölversorgung: Zwar hat jede neue Regierung dr Ölstaaten ein Interesse daran, die Einnahmen zu erhalten, aber allein die möglichen Unruhen dürften die Förderung und den Transport beeinflussen.
Man kann nur hoffen, dass unsere amerikanischen Freunde nicht auf die Idee kommen, zur Sicherung "ihres Öls" militärisch einzugreifen, oder den Vorwand der westlichen Menschenrechte zu nutzen, sich zur Verteidigung (z.B.) der Frauenrechte in die inneren Angelegenheiten der Länder der Region einzumischen. Menschenrechte können nicht von außen aufgezwungen werden, wie man u.a. in Afghanistan sieht.
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27.01.2011, 13:50Inaktiver User
AW: Tunesien, Ägypten und was dann?
Das Problem in diesen Ländern ist, daß sich i.d.R. nur die Alternativen Diktatur oder Fundi-Islamismus bieten.
Da ist mir dann tatsächlich noch eine Diktatur lieber ..... 
Wenn Ägypten fällt, mache ich mir sehr große Sorgen um Israel. So wenig wurde erreicht .... und das ist dann auch noch zunichte.
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27.01.2011, 14:01Inaktiver User
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27.01.2011, 14:22
AW: Tunesien, Ägypten und was dann?
Die Diktaturen züchten gerade die radikalen Islamisten. In einem demokratischen System werden sich auch wieder gemäßigte Stimmen zu Wort melden.
Also ich sehe nicht, dass man zwangsläufig zwischen Pest und Cholera steht.
Und wenn die Bevölkerungen erstmal gegen ihre Despoten aufstehen, gibts sowieso kein zurück mehr.
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27.01.2011, 15:08Inaktiver User
AW: Tunesien, Ägypten und was dann?
Ich würde dir gern zustimmen, aber ich fürchte, dass gegenwärtig die Islamisten die einzigen sind, die eine relevante Oragnisationsstruktur mitbringen, während die anderen demokratischen Gruppen eher zersplittert und unorganisert sind.
Es ist also zu befürchten, dass die Islamisten die ersten Wahlen gewinnen würden (wenn es denn überhaupt zu Wahlen kommt), und dann bezweifle ich, dass es danach noch einmal freie Wahlen geben würde.
Man sieht es im - relativ gesprochen - demokratischen Iran, wo die Wähler nur noch zwischen unterschiedlich radikalen Formen des Islamismus entscheiden können.
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27.01.2011, 15:25
AW: Tunesien, Ägypten und was dann?
@djgm und Junge,
eigentlich hatte man in diesen Ländern, soweit ich mich erinnere, noch keine Möglichkeit, Demokratie zu erlernen. Weder in der Neuzeit, noch in der Kolonialzeit, und auch nicht vorher. Es ist gut möglich (da denke ich wie djgm), dass die "kapitalistische" Diktatur durch "religiöse" Diktatur ersetzt wird.
Meine Beobachtungen waren sehr interessant. Die jungen Männer waren gebildet und religiös. Es war gerade Rammadan, sie aßen den ganzen Tag nichts. Eigentlich kein Problem. Aber sie tranken auch nichts. Und das bei 40 Grad vor den Pyramiden und dann immer in die Sonne raus mit den blöden Touris.
Ich glaube, die wissen gar nicht so genau, was sie wollen. Vielleicht eine Kombination aus allem. Ein bisschen Religion (nicht so extrem) dann ein bisschen Kapitalismus. Ein I-Phone ist nicht das schlechteste, und dann noch ein bisschen Kommunismus. Wenn man die Armut dort gesehen hat, kann man dies nachvollziehen. Und Demokratie? Was ist das?Ich bin, also denke ich
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27.01.2011, 16:03
AW: Tunesien, Ägypten und was dann?
Hallo Wolfgang60,
ich stimme Dir hier zu. Dass dort vieles über Beziehungen erledigt wird, macht mir Angst. Da gibt es keine Chancengleichheit. Es wäre mir nicht recht, wenn das zu uns herüberkommt.
Bildung ist ein hohes Gut, ich denke, sie bemühen sich auch, alles "im christlichen Sinne" korrekt zu machen, also niemandem weh zu tun, aber es sollte auch etwas für sie dabei herausspringen.
Das einzige starke Wertesystem, das es sort gibt, ist der Islam.
Keine großen Firmen wie in China, die dort andere (Arbeitswelt-)Strukturen aufzeigen könnten. Auf der anderen Seite verfolgen die Intellektuellen dort das internationale Tagesgeschehen und könnten sich demokratisch ausrichten, nur die Beziehungen, die fallen in einer Demokratie ja auch weg, bleiben in islamischen Ländern bestimmt wichtig.
Was da zu tun ist? Ich weiß auch nicht. Soll der Westen demokratische Parteien dort unterstützen?
Sollte in Nordafrika genauso investiert werden wie in China?... living next door to ...
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27.01.2011, 16:04
AW: Tunesien, Ägypten und was dann?
Es ist eigentlich erstaunlich, dass sich die alten Diktaturen so lange gehalten haben. Die meisten von denen sind seit mehr als 30 Jahren an der Macht. Das kann nur dehalb funktionieren, weil sie jeweils mehre konkurierende Inlandsgeheimdienste unterhalten.
In all diesen Ländern sind mehr als 60% der Bevölkerung unter 25 Jahre, die meisten mit guten Ausbildungen an Schulen und Universitäten. Und für die gibt es keine Jobs, wenn nur Aushilfsjobs, das frustriert ungemein. Und mit der eigentlich üblichen arabischen Gelassenheit ist es vorbei, sie sind ungeduldig. Wie Ihr alle schon angedeutet habt, es besteht die Gefahr, dass sie anderen charimatischen und ideologischen Führerfiguren nachlaufen werden. Nur ich fürchte, auch sie müssen diese bittere Erfahrung machen: Wir Europa und USA sollten uns da wirklich raushalten und nur versuchen mäßigenden Einfluss zu nehmen.
Auch den alten Konflikt Israel und ihre Anrainer sehe ich nicht dramatisch. So kalt wie zur Zeit die Beziehungen sind, können sie kaum noch kälter werden. Israel hat diese Entwicklung (wahrscheinlich) kommen sehen, was mir erklären würde, weshalb sie zur Zeit so wenig Interesse an Friedensgesprächen zeigen. Bei jedem Umsturz wären diese Verträge nur noch Makulatur. Sie warten die Entwicklung ab.
Die starken islamistischen Tendenzen, die sich in all den Ländern zeigen, sind das wirkliche Konfliktpotential. Die gut gebildeten jungen Menschen erliegen möglicherweise den Heilsversprechen der Islamisten, aber wenn ihnen Internet und der gewohnte Umgang mit bisher allzugänglichen Medien verboten wird, wird ihre Begeisterung verflogen sein. Wie Wolfgang richtig geschrieben hat: ein bißchen Religion, ein bißchen Kapitalismus, ein I-Phone und Kommunismus wäre für sie die richtige Gesellschaftsform.Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel
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27.01.2011, 16:17


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