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  1. Inaktiver User

    AW: Tanzen in Auschwitz

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Hat aber auch nicht wirklich viel angerichtet und ist auch nicht wirklich sinnbildlich für Auschwitz. Da geht es für mich um das Absprechen jeglicher menschlicher Würde, das Absprechen des Rechts auf Leben.
    Es geht aber in einer solchen Lage darum, sich das Recht auf Würde nicht nehmen zu lassen - und das sehe ich auch als Widerstand, nicht nur den bewaffneten, aktiven. Denn den Nazis ging es ja genau um die Entmenschlichung ihrer Opfer.

    In KZ's wurde heimlich gemalt, Gedichte geschrieben, Lieder komponiert. So z.B. das Lied "Donna, donna", das ihr vielleicht kennt - über das Kälbchen, das vom Bauern geschlachtet wird .... und der Bauer verspottet das Kälb'chen noch mit "Selber schuld - warum bist Du auch nicht als freier Vogel geboren worden".
    Ich kriege jedesmal Beklemmungen, wenn ich dieses tieftraurige, sarkastische Lied höre.
    Das so gut das Gefühl der Opfer wieder gibt - und das Bizarre dieser ganzen Nazi-"Logik".

    Sehr anrührend fand ich auch eine Ausstellung, die es in Yad Vachem mal gab, wo gezeigt wurde, wie Frauen in Ausschwitz wirklich jeden Papierfetzen genutzt haben, um Kochrezepte aus ihrem normalen Leben nieder zu schreiben.

    Ich glaube, die Leute, denen es gelungen ist, auf diese Weise ihre Würde und Identität ein Stück weit zu bewahren, an der Normalität fest zu halten, sind auch die, die die besten Chancen hatten, diese Hölle zu überleben. Ich habe da wirklich tiefen Respekt vor.
    Geändert von Inaktiver User (15.07.2010 um 10:41 Uhr)

  2. Inaktiver User

    AW: Tanzen in Auschwitz

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Nur weil wir seine Motivation nicht verstehen, ihm den gesunden Menschenverstand absprechen?
    Klingt für mich ziemlich respektlos. Immerhin
    Genauso sehe ich das auch.

    Man kann diese Aktion bescheuert, pietätlos... whatever finden, das kann ich durchaus verstehen.

    Den alten Herrn deshalb als senil zu diffamieren, finde ich ein starkes Stück. In dem Interview wird sehr deutlich, daß er in keiner Weise senil ist.

    Übrigens ist die Künstlerin tatsächlich seine Tochter, es ist die Dame rechts im Bild. Die anderen 3 sind die Enkel.
    Ihre Mutter ist Internet-Quellen zufolge übrigens auch eine Ausschwitz-Überlebende. Sie wollte bei der Aktion aber nicht mitmachen.

    Und nochmal: Für die Kinder von Überlebenden der Shoa ist diese keineswegs weit weg oder abstrakt. Sie mußten sich von klein auf damit auseinandersetzen, so oder so.

  3. Inaktiver User

    AW: Tanzen in Auschwitz

    Anbei mal ein sehr interessanter Ausschnitt aus einem Buch von Dina Wardi, die sich als Therapeutin mit den Kindern Überlebender beschäftigt:

    Als ich meine therapeutische Arbeit mit Angehörigen der Zweiten Generation aufnahm, erinnerte mich meine Mutter an den Schriftsteller Primo Levi, einen Verwandten aus Turin, den sie noch in ihrer Kindheit kennengelernt hatte. Sie erzählte mir, was er während des Krieges in den Todeslagern erlebt hatte, und gab mir sein Buch Ist das ein Mensch?

    Als ich dieses Buch auf italienisch las, das heißt in der Sprache des Autors, die auch meine Muttersprache ist, war ich sehr bewegt und aulgewühlt. Ich erinnere mich insbesonders an meine Empfindungen während des Abschnitts, in dem Levi beschreibt, wie er während einer der Selektionen im Hof des Lagers Auschwitz stand, nackt wie am Tag seiner Geburt. Plötzlich hörte ich zu lesen auf, denn mich durchfuhr ein Gedanke so scharf wie ein Rasiermesser:

    An Primos Stelle, oder neben ihm, hätte mein Großvater, meine Großmutter oder irgendein anderer meiner zahlreichen Verwandten stehen können, die nur durch ein Wunder diesem Schicksal entronnen waren. In diesem Moment der Erkenntnis überflutete mich eine große Welle von Schmerz und Trauer. Ich zwang mich, zu diesem imaginären Bild meiner Großmutter und meines Großvaters zurückzukehren, wie sie da nackt im Schnee in einer Schlange von Menschen stehen, die in den Tod marschieren. Das Gefühl schrecklicher Demütigung und Angst, das dieses Bild in mir hervorrief, war derart stark, daß ich es nicht ertragen konnte und mich von dem Bild emotional distanzieren mußte. Erst nach einer Weile konnte ich zu ihm zurückkehren. In diesen Momenten, so schien es mir, konnte ich einen winzigen Teil der intensiven Gefühle und Ängste nachempfinden, die in den Tiefen der Psyche eines jeden Kindes von Holocaust-Überlebenden herrschen.

    Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, verspürte ich auch Stolz, Dankbarkeit und Bewunderung für Primo Levi, weil er es geschafft hatte, »ein Mensch« zu bleiben und sein Bild vom Menschsein selbst mitten auf jenem »anderen Planeten« zu bewahren. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und schrieb ihm einen Brief. Ich erzählte ihm von meiner therapeutischen Arbeit mit den Kindern Überlebender, dankte ihm für die eindringliche Erfahrung, die mir sein Buch vermittelt hatte, und erklärte ihm die besondere Bedeutung, die es persönlich wie beruflich für mich hatte. Levi antwortete mir, und bis zu seinem Tod schrieben wir uns noch einige Male.

    Im engeren Sinne bin ich also eigentlich nicht die Tochter von Holocaust-Überlebenden, doch wie andere Nachkommen des europäischen Judentums jener Zeit bin ich das Kind von Eltern, die ebensogut zu den überlebenden Opfern des Holocaust hätten zählen können.

    Und in der Tat, welcher Jude ist nicht zumindest das Kind von Eltern, deren Schicksal es auch hätte sein können, in den Holocaust hineingerissen zu werden und am Ende zu überleben? Ich glaube deshalb, daß die in diesem Buch angesprochenen Probleme den Wesenskern der jüdischen Nation nach dem Holocaust und vor allem den Kern der israelischen Gesellschaft berühren. Das zentrale Thema dieses Buches ist, wie die Traumata von Entwurzelung, Vertreibung und Vernichtung, die unsere Vorfahren im Laufe der Jahrhunderte nur zu oft erlitten haben und deren Ende auch heute noch nicht absehbar ist, von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Vielleicht können meine Beschreibungs- und Erklärungsversuche dazu beitragen, Probleme zu erhellen, mit denen sich viele Menschen in vielen Ländern seit Generationen auseinandersetzen müssen. In Israel jedenfalls leben viele Familien, die solchen Traumata in verschiedener Weise und in unterschiedlichem Maße ausgesetzt waren. Deshalb werden sich wahrscheinlich junge ebenso wie ältere Menschen von den hier dargestellten Problemen angesprochen fühlen, und den Sensibleren kann das Buch vielleicht eine Hilfe sein, ihre Mitmenschen besser zu verstehen.

    In der Fachliteratur zu den psychischen Problemen der Kinder von Holocaust-Überlebenden wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob diese spezifischen, von Psychologen festgestellten Syndrome bei allen Kindern von Überlebenden auftreten oder nur bei der klinischen Population zu finden sind, also bei denjenigen, die psychotherapeutische Hilfe suchen. Die Frage stellt sich noch dringlicher, wenn man die überdurchschnittlichen Leistungen der Zweiten Generation auf praktischem und theoretischem Gebiet betrachtet. Sie hat sich in Politik und Geschäftsleben bis hin zur Literaturwissenschaft und Kunst hervorgetan, ohne daß dabei irgendein bedeutsamer Unterschied zu erkennen wäre zwischen denen, die therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, und denen, die keine Therapie machen. Die Antworten sind kontrovers und bergen entweder das Risiko unzulässiger Verallgemeinerungen oder besitzen nur für die klinische Population Gültigkeit. Deutlich ist jedenfalls, daß man, um eine zutreffende Antwort geben zu können, viele unterschiedliche Variablen berücksichtigen muß, zum Beispiel wie alt die überlebenden Eltern zur Zeit des Holocaust waren, in welchen Verhältnissen sie vor dem Krieg lebten und welche Art von Trauma sie während des Holocaust erlitten haben. Alle diese Faktoren können, ebenso wie die psychische Stärke des jeweiligen Kindes der Überlebenden, Art und Intensität der Übertragung von Traumata auf die nächste Generation entscheidend beeinflussen. Die Formen, die diese Übertragung annimmt, sind einander im allgemeinen sehr ähnlich, und auf sie konzentriere ich mich in meinem Buch.

    Hinzu kommt, wie in folgendem deutlich werden wird, daß in den meisten Familien von Überlebenden eines der Kinder die Rolle einer »Gedenkkerze« für alle im Holocaust umgekommenen Angehörigen erhält und daß ihm die Last aufgebürdet wird, an der inneren Welt der Eltern in weit stärkerem Maße Anteil nehmen zu müssen als seine Geschwister. Diesem Kind wird auch die besondere Aufgabe übertragen, jenes Verbindungsglied zu sein, das einerseits die Vergangenheit bewahrt, andererseits jedoch die Verbindung zur Gegenwart und Zukunft herstellt. Seine Rolle entspringt dem Bedürfnis, das ungeheure Vakuum, das der Holocaust hinterlassen hat, zu füllen. Weil die natürliche Kontinuität zwischen den Generationen abgeschnitten wurde, ist der Zweiten Generation das Privileg wie auch die Pflicht zugefallen, das Verbindungsglied zu bilden, welches jenes Trauma des Abbruchs heilen und die gewaltigen Erwartungen der Eltern und in gewissem Maße sogar des gesamten jüdischen Volkes erfüllen soll. Die Last dieser Erwartungen ist für die Zweite Generation ein anspornendes und aktivierendes Moment und zugleich auch ein Faktor, der sie in ihrem psychischen Wachstum und ihrer Lebenstüchtigkeit hemmt und behindert. Meiner Meinung nach sind diese beiden inneren Kräfte bei allen Kindern von Überlebenden wirksam, aber bei jedem einzelnen anders ausbalanciert, so daß die Lebenstüchtigkeit und das Bedürfnis nach therapeutischer Hilfe jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt sind.

  4. Moderation

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    AW: Tanzen in Auschwitz

    Danke, Lorelei, fuer den Auszug.
    "I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves

    Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.

  5. Inaktiver User

    AW: Tanzen in Auschwitz

    Frangi: Ja, ich kenne das auch von Mexiko. Dass auf den Gräbern gefeiert und den Toten so ins Gesicht gelacht wird.
    Auschwitz ist sicherlich mehr als ein Friedhof. Nur für mich stellt sich schon die Frage, ob man in Europa überhaupt auf Friedhöfen tanzt. Das ist doch ein Tabu. Muss man das dann machen?
    Die Überlebenden und deren Kinder werden da sicher von Kultur zu Kultur unterschiedlich mit umgehen, überwiegend denke ich aber, der Respekt vor den Toten eint durchaus. Aber das wird untereinander geklärt werden, wenn es überhaupt so ernst genommen wird.

  6. Inaktiver User

    AW: Tanzen in Auschwitz

    In Mexiko besucht man am Dia de los Muertos die Toten und erzählt ihnen, was seit dem letzten Besuch passiert ist - als ob sie noch lebendig seien. Außerdem wird ein Picknick am Grab veranstaltet, das Ganze ähnelt also einer kleinen Party und ist, wenn ich mich recht erinnere, einer der höchsten Feiertage, allerdings vorchristlichen Ursprungs.

    Ich denke nicht, dass man diese Videoaktion, die in keinerlei Tradition steht, damit vergleichen kann. Ein entscheidender Unterschied ist ja auch, dass nicht die Handlung (das Tanzen der Familienmitglieder als solches) im Mittelpunkt stand, sondern das Ergebnis, das wir bei youtube gesehen haben. Ob das nun Kunst ist oder eine effekthaschrische Eintagsfliege muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

  7. Inaktiver User

    AW: Tanzen in Auschwitz

    Stimmt, Natalie - da hast Du recht.
    Ich versuche mich aber gerade in die Rollen der Überlebenden zu versetzen. Würde ich das an ihrer Stelle mögen?
    Nein.

    Ich würde mich allerdings auch nicht dazu äußern, weil das bedeutet, das Video auf- und meine Trauer, mein Gefühl für zu bewahrende Würde, mein Ringen mit der Vergangenheit abzuwerten. Dass die therapeutische Aufarbeitung sehr unterschiedlich ausfallen kann, ist mir auch klar - aber dem Respekt vor anderer Leute Trauer würde ich so nicht entgegentreten. Mit diesem Klamauk.

  8. User Info Menu

    AW: Tanzen in Auschwitz

    für mich ist die ausschlachtung des leides der betroffenen überlebenden durch filmen eines tanzvideos am ort unzähliger morde, unfraglich unmoralisch.
    ich gestehe den opfern und zeugen schwerer verbrechen einen äusserlich unmoralisch erscheinenden umgang mit ihrem eigenen leid zu.
    ich habe nicht das recht, von opfern moralische überlegenheit oder nach meinem wertsystem als pietätvoll geltenden umgang zu fordern.
    lg
    legrain

  9. Inaktiver User

    AW: Tanzen in Auschwitz

    Nö, deswegen halten sich die Tageszeitungen da ja auch raus. Trotzdem kann man sich eine Meinung dazu bilden; das hast Du ja auch getan.

  10. Inaktiver User

    AW: Tanzen in Auschwitz

    Ehrensenff, weder Du noch ich können uns in die Lage der Überlebenden oder ihrer Nachkommen versetzen und dafür bin ich sehr dankbar.

    Du nennst es das Videospektakel Klamauk, mir spukt schon den gesamten Morgen der Begriff "Banalität des Alltäglichen" durch den Kopf. Und da sehe ich einen Anknüpfpunkt zur jüdischen Lebensweise. All diese Vorschriften zu koscherem Essen, dem Sabbat, die Kleidervorschriften, die orthodoxe Juden einhalten, dienen allein dem Zweck die Transzendenz in den Alltag zu integrieren und so den Glauben zu leben. So gesehen kann man auch das Tanzen als den Versuch, eine neue Tradition für Überlebende zu etablieren, betrachten.
    Die Entscheidung liegt in jedem Fall bei den Betroffenen.

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