entmachtet die nationalen Regierungen in der Eurokrise
Ein Artikel in Zeit online:
Von Robert von Heusinger 13. Juni 2011 um 15:23 Uhr
Als ich gestern die Seite eins der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) las, da wurde mir richtig übel – und mir wurde einmal mehr klar, dass die Art und Weise, wie Europas und Deutschlands Politiker versuchen die Euro-Zone zu retten, gründlich gescheitert ist. Das Einzige, was die hilflosen, weil über die nationalen Parlamente abzuwickelnden Rettungsversuche provozieren, sind nationalistische Ressentiments. Ein solch plumpes, deutsch-überhebliches und vorurteilsbeladenes Stückchen hätte ich zumindest in der FAS nicht erwartet.....
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Kein Wort davon, dass keine westliche Demokratie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs binnen eines Jahres härter gespart hat als die Griechen. Kein Wort davon, dass die Troika (EU, EZB und IWF) festgestellt hat, dass die Griechen die “quantitativen Haushaltsziele für das erste Quartal erreicht” haben. Kein Wort auch davon, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands verbessert hat wie die Troika feststellt: “Der Außenhandelssektor war dynamisch und trug so zur Reduzierung der Leistungsbilanzungleichgewichte bei.” Das große Problem der griechischen Wirtschaft sind nicht die 4500 Rentenbescheide. Es ist die Binnennachfrage, die unter den Sparauflagen leidet und die Wirtschaftsleistung stärker drückt als von der Troika angenommen – und damit die Neuverschuldung stärker erhöht, den Schuldenstand immer gruseliger werden lässt.
Doch wozu Wahrheit, wenn es so viel Spaß macht, Ressentiments zu schüren. Das ist das zentrale Problem der Euro-Rettung. Sie muss den nationalen Parlamenten entrissen werden. Ansonsten schaukeln sich das Unverständnis und der Nationalismus in Europa gegenseitig auf.....
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16.06.2011, 09:32Inaktiver User
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
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16.06.2011, 10:56
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
Es gibt immer einzelne Länder, die durch einen starken oder schwachen Euro das Nachsehen haben. Je nach Import / Export wo die Währung eine Rolle spielt. Es wurde berichtet, dass einzelne Länder in der EU Probleme mit der Konkurrenzfähigkeit haben werden. Das ist unvermeidbar. Aber da bin ich kurzsichtig, da ich dazu nicht die erforderlichen Kenntnisse habe, um da mitreden zu können. Da sehe ich in dem Fall hauptsächlich Deutschland, das viel exportiert und durch einen starken Euro profitiert.
Ich sehe Griechenland, das durch geringe Nachfrage an Konkurrenzfähigkeit verloren hat, viele Schulden besitzt und somit wäre ein schwacher Euro für sie möglicherweise wünschenswert.
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16.06.2011, 10:58Inaktiver User
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
Das Problem ist, dass weder Heusinger noch irgend jemand anders einen umsetzbaren Vorschlag zur Lösung der Krise hat. Es werden immer neue und immer wieder dieselben Vorschläge gemacht, die in keinem Falle ein Gesamtbild zeigen. Und wenn einige (auch hier) eine Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorziehen, so ist dies für die wirklich Verantwortlichen keine Option, denn niemand weiß, wie groß der Schrecken sein könnte.
Da nützt es auch nix die nationalen Regierungen zu entmachten.
Wer soll denn in der Praxis übernehmen?
Die EZB? Die Kommission? Heusinger?
Nein, ich werde den Job nicht übernehmen!!
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16.06.2011, 11:09Inaktiver User
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
Ich denke nicht, dass GR wirklich von einem schwachen Euro profitieren würde - der überwiegende Teil des Handels geht in die Euro-Zone bzw. die Länder, die ihre Währung an den Euro gebunden haben.
Einen Handelsvorteil (auch beim Tourismus) gäbe es beim Austritt aus dem Euro und einer Rückkehr zu einer sehr schwachen Drachme. Das hätte allerdings zur Folge, dass die Schulden nochmals explodieren würden, da diese ja in Euro aufgenommen wurden, die dann in den neuen Drachmen gerechnet noch teuerer würden. Es sei denn, man wählt den Staatsbankrott und ist die Schulden los - aber auch die Kreditwürdigkeit.
Auf jeden Fall braucht GR eine komplette Umstrukturierung seiner Wirtschaft und der Haushaltspolitik: GR gibt anscheinend etwa 6 % seines Budgets für Importe von Militärgütern aus (u.a. die bereits erwähnten U-Boote), aber nur 0.5% für F&E. Kein Wunder, dass das Land kaum exportiert und ein gewaltiges Handelsdefizit hat, das auch durch die Touristen bei weitem nicht ausgeglichen wird (2008: 64 Mrd. Euro Importe, 20 Mrd. Euro Exporte, ca. 12 Mrd. Euro Einnahmen aus Tourismus).
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16.06.2011, 11:21Inaktiver User
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
Ich habe eine enge Verwandte, die seit vielen Jahren in Athen lebt.
Die Stimmung dort schwankt zwischen Wut und Frustration.
Ihrer Meinung nach ist es den weitaus meisten Griechen durchaus klar, dass ihr Problem hausgemacht ist. Sie wissen auch sehr wohl, dass ein massiver Sparkurs und die rigerose Bekämpfung der Korruption unumgänglich ist. Diesbezüglich wurde auch schon ne Menge getan.
Das Problem ist - wie bei uns auch - diese Last gerecht auf alle Schultern zu verteilen. Die meisten gehen mittlerweile aus purer Verzweifelung auf die Strasse.
Was vielen auch sauer aufstösst sind die Forderungen der Geberstaaten. Es ist völlig klar das Finanzhilfen an Bedingungen geknüpft sind.
Das muss aber auch realistisch umsetzbar sein und braucht seine Zeit. Man kann jahrelange Misswirtschaft und Korruption nicht in so kurzer Zeit korrigieren. Eine kurzfristige Privatisierung der staatseigenen Betriebe z.B. käme einem Ausverkauf gleich.
Es ist doch für alle Seiten völlig kontraprodupriv erst Milliarden reinzupumpen, gleichzeitig aber das Land durch hohe Auflagen so zu würgen, dass sie nie wieder wirtschftlich auf die Beine kommen.
Einfache Regel: Wenn ich den Schuldner umbringe, sehe ich mein Geld nie wieder ...
PS: Im übrigen lagen konkrete Zahlen über die wirtschaftliche Lage Griechenlands der EU schon lange offiziell vor. Dann so zu tun als hätte GR bis zum Schluss versucht die Lage zu verschleiern ist schlichtweg gelogen.
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16.06.2011, 11:36Inaktiver User
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
Es ist richtig, dass man vieles nicht kurzfristig ändern kann, aber bisher ist einfach - aus dem Blickwinkel der Gläubiger gesehen - sehr wenig geschehen. Es gibt keine überzeugenden Hinweise , dass diejenigen, die massiv Steuern hinterziehen, jetzt nennenswert herangezogen werden, und dass Fehlzuweisungen zurückgeschnitten werden. Renten für Tote und 18 Monatsgehälter sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Und was geschieht, findet offenbar nicht die Akzeptanz der Menschen.
Dabei sind die angekündigten 28 Mrd. Euro Kürzungen schon ein Riesenbrocken - auf Deutschland übertragen wären es mehr als 220 Mrd.
Wenn es denn auch umgesetzt wird!
Die Zahlen, die von Griechenland zur wirtschaftlichen Lage der EU vorgelegt wurden, sind jedes Jahr - auch diesmal - "korrigiert" worden, weil man vieles einfach unter den Tisch fallen lässt.
Die Kommission und Eurostat nehmen die griechischen Zahlen schon mit mehr als einem Kilo Salz (nix mehr mit Körnchen), aber offiziell sind die verpflichtet, auf der Basis der offiziellen Lügen zu arbeiten.
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16.06.2011, 12:06Inaktiver User
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
Vom Schreibtisch in Brüssel oder Berlin aus mag das durchaus so aussehen. Dort sieht man auch nur die kalten Zahlen. Es ist ja gar keine Frage das noch vieles zu tun ist, aber alles auf einmal zu lösen ist praktisch einfach nicht umsetzbar.
Wenn man in GR vor Ort ist sieht die Situation schon ganz anders aus. Viele Geschäfte müssen schliessen, Entlassungen, Zusammenbruch.
Ich habe durch meine Verwandte da einen recht guten Eindruck.
Ich kann mich nur wiederholen ... welchen Sinn hat es den Knebel so fest anzuziehen, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung gar nicht möglich ist und alles zusammenbricht?
zum Thema Zahlen:
Ja, sie wurden jahrelang frisiert.
Aber längst nicht so lange wie es offiziell heisst.
Mein Schwager hatte einen ehemaligen (glaubhaften) Schulfreund im gr. Aussenministerium, der schon lange selbst versucht den Filz zu bekämpfen. Echte Zahlen wurden der EU durchaus schon vor längerer Zeit vorgelegt. Das wurde nur offiziell von EU-Seite nicht zugegeben, vermutlich um die Märkte im Rahmen der Wirtschatfkrise nicht noch mehr zu verunsichern.
Letztlich hat das die GR-Krise aber eher verschlimmert.
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16.06.2011, 12:27
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
Meine Überlegung war beim schwachen Euro: Mehr gedrucktes Geld senkt den Wert des Geldes, macht den Euro schwach und lässt sowohl Schulden als auch Vermögen weniger wert sein. Wodurch die Griechen eher mit ihren Schulden klar kämen. Ist möglicherweise weiter hergeholt.
Eine Rückkehr zur alten Währung wäre für Griechenland die Staatspleite. Wobei es in der Geschichte immer Staatspleiten gab und jede Wirtschaftswährung nur zeitweise hält (Dollar ausgenommen). Daher sähe eine Staatspleite und Währungsreform für Griechenland für mich naheliegend aus.
Handelsvorteile hätte dies nicht, ihre Wirtschaft würde minimalistisch leben und durch den Kapitalismus ausgebeutet werden, also langfristig würde das Land verschuldet bleiben.
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16.06.2011, 12:32Inaktiver User
AW: Sinn und Unsinn einer Rettung Griechenlands
Wenn ich ihn nicht umbringe, ist das auch keine Garantie, dass ich mein Geld wieder sehe

Bei temporären Krisen ist es sinnvoll, mit hohem Aufwand zu helfen. Wenn absehbar ist, dass es sich um strukturelle Probleme handelt, die nicht in kurzer Zeit unter Druck verändert werden können, kann eine Radikalkur auf Dauer die bessere Lösung sein.
Dazu ein Artikel aus der ZEIT
Sicher ist das schlimm für die Griechen, die nicht dem Filz angehören.
Alles andere ist so, als ob man einem Kaufsüchtigen immer wieder Geld gibt und darauf hofft, dass er seine Sucht von alleine überwinden wird.
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16.06.2011, 12:35Inaktiver User


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