Hallo Community!
Wie ist das eigentlich mit Menschen, bei denen einmal eine psychische Krankheit diagnostiert wurde -> sind diese nach einer entsprechenden Behandlung wirklich geheilt?
Oder ist es vielleicht eher so, dass die Krankheit, ähnlich wie bei manchen körperlichen Beschwerden, doch nicht mehr völlig weggeht?
Ich habe eine Freundin, die in der Pubertät unter Zwangsneurosen (z.B. ständiges Händewaschen) gelitten hat. Sie wurde deswegen therapiert und lange Zeit hatte sie auch keine Probleme mehr damit. Trotzdem ist sie und war sie tendenziell immer ein sehr "ordenltlicher" Mensch, wäre z.B. nie mit Straßenschuhen in der ganzen Wohnung rumgelaufen. Seit ein paar Wochen (sie ist jetzt fast 30), sagt sie, dass sie wieder ab und zu solche Anwandlungen hat...
Ein anderes Beispiel: Ich kenne jemanden, der lange Zeit mit Depressionen zu kämpfen hatte. Auch diese Krankheit wurde therapiert (vor ca. 2 Jahren war die Therapie dann abgeschlossen.) Dennoch sagt diese Person, dass sie oft noch gegen "leichte" Depri- Anflüge ankämpfen müsse.
Ich selber habe auch eine zeitlang unter leichter Depression gelitten. Von mir kann ich ähnliches berichten. Irgendwie geht das niemals völlig weg, ich muss immer auf der Hut sein, mal mehr, mal weniger.
Das finde ich schade und deprimierend... gibt es vielleicht auch Menschen, die "völlig" geheilt worden sind???
LG
L.
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 42
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18.06.2008, 22:52Inaktiver User
Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
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19.06.2008, 08:41
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
Ich denke die Psyche verhält sich hierbei nicht anders als bei anderen körperlichen Krankheiten. Angenommen ich habe mit viel Mühe eine langwierige chronische Nebenhöhlenentzündung überstanden und darf als geheilt angesehen werden. Wenn die nächste Erkältung kommt, was werde ich bekommen? Husten, Ohrenschmerzen oder einen Schnupfen mit Tendenz zur Nebenhöhlenentzündung? Genau, den Schnupfen und wenn man nicht extrem aufpasst, auch gleich wieder eine Nebenhöhlensache.
Eine Schwachstelle bleibt eine Schwachstelle und wird es meines Erachtens auch bleiben."Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen Monat für Geld zu arbeiten.”
(John D. Rockefeller)
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19.06.2008, 08:45Inaktiver User
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
und ich finde das auch nicht schlimm. sinn von therapie ist es ja auch dir zu zeigen: 'hier ist eine schwachstelle, da solltest du gut zu dir sein.'
Zitat von Nocturna
darüberhinaus: wievielen von den leuten, die nie in therapeutischer behandlung waren, geht es den immer richtig gut? und was heißt denn 'völlig geheilt'? dass man jeden morgen mit einem fröhlichen liedchen auf den lippen aufspringt und dem herrgott dankt für den schönen tag?
jeder hat seine probleme, egal ob er / sie mal therapiert wurde oder nicht ...
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19.06.2008, 10:41
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
Genau so sehe ich das auch.
Zitat von Inaktiver User
Gerade jene Menschen, die sich über psychische Krankheiten echauffieren sind oft solche, die eigentlich am nötigsten Hilfe brauchten. Nur um nicht als "verrückt"
abgestempelt zu werden, würden die nie eine Therapie machen.
Kenne ich aus dem Bekanntenkreis..
Psychische Krankheiten bekommt ja auch niemand per Infekt, wie eine Erkältung. Solche Krankheiten basieren auf seelischen Verletzungen, sobald sich wieder eine ähnliche Situation einstellt, sind häufig auch wieder Krankheitssymptome da. Eine Therapie erleichtert den Betrofffenen auf jeden Fall den Umgang mit der Krankheit.
Ganz sicher gibt es auch zahlreiche Menschen, die nie völlig geheilt werden können, z.B. die Missbrauchs- /Gewaltopfer.
Solchen Menschen ist häufig ein unermessliches Leid widerfahren, da kann auch eine sehr gute Therapie nur lindern.
Ich finde, das wichtigste ist, dass man selbst die Krankheit akzeptiert und per Therapie lernt damit umzugehen. Wie andere darüber denken, ist irgendwie relativ. Niemand ist schließlich vollkommen.Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren. (Berthold Brecht)
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19.06.2008, 10:51Inaktiver User
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
Die Abstempelung passiert ja auch tatsächlich.
Zitat von ganxterlady
Wer in psychotherapeutischer Behandlung wegen einer Depression war, kann sich z.B. nicht mehr privat krankenversichern lassen bzw. die KK wechseln. Das kenne ich aus meinem Bekanntenkreis.
Ich würde es mir auch überlegen, ob ich diesen "Makel" in meinen Krankenakten haben wollte.
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19.06.2008, 10:53
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
So sehe ich das auch. Selbst unser Skelett ist verformbar bis zu unserem Tod. Und das ist weitaus starrer als die Psyche.
Zitat von Nocturna
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19.06.2008, 10:59Inaktiver User
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
private krankenversicherung ist für mich auch durch - aber wegen neurodermitis und sonnenallergie.
Zitat von Inaktiver User
alles was 'chronisch' ist, ist für die PKV ein ablehnungsgrund, egal ob körperlich oder psychisch.
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19.06.2008, 11:19Inaktiver User
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
Hallo!
Vielen Dank für die Antworten. Schade nur, dass hier bisher noch niemand aufgetaucht ist, der ganz klar von sich sagen, kann: ich hatte auch mal "dies und das" und jetzt bin ich aber geheilt!
Vielleicht ist es ja so, dass man dafür ein Leben lang die Situationen meiden muss, Z.B. Stress u.a., die die Seele angereifen und wieder labil machen... aber ob das überhaupt möglich ist???
Den Vergleich mit (angeblich) gesunden Menschen fand ich sehr schön. - Aber ich glaube, dass gesunde Menschen einfach lockerer mit ihren Stimmungsschwankungen umgehen können.
M. E. - wer einmal eine Depri hatte, will das nie wieder bekommen und macht sich schon bei kleinen Anzeichnen viele, zu viele Gedanken!
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19.06.2008, 11:24Inaktiver User
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
ladinita. ich will nie wieder magersüchtig sein. und du kannst wetten, dass ich nach klinikaufenthalt, therapie, etc. mein essverhalten wie mein gewicht argwöhnischst beobachtet habe - bis eine gute freundin mich darauf aufmerksam machte, dass das genauso essgestört, weil kontrollierend sei, wie die vorherige krankheit.
Zitat von Inaktiver User
loslassen heißt das zauberwort. und sich selbst vertrauen.
ich WAR krank. ich BIN geheilt. ich KANN jederzeit wieder krank werden. ebenso, wie ich mir jederzeit einen schnupfen einfangen kann. wenn ich wieder krank werden sollte, vertraue ich darauf, dass es genug gesundes in mir geben wird, was in der lage sein wird, sich hilfe zu holen.
und bis dahin mache ich mir möglichst keinen kopf.
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19.06.2008, 12:12
AW: Einmal "Psycho" immer "Psycho"???
Moin.
Hier, ich!
Zitat von Inaktiver User
Ich hatte 2002 ein Burnout-Syndrom. Auf deutsch heisst diese Krankheit Belastungsinduzierte Depression. Ich war ein halbes Jahr lang komplett arbeitsunfähig, habe Medikamente bekommen und sehr viel Hilfe, und ich bin komplett geheilt.
Du schaust bei Deiner Frage nach jener Gruppe psychischer Krankheiten, die aus einer Schwachstelle in der seelischen Konstitution entstehen, so wie z.B. Allergien an einer Schwachstelle der körperlichen Konstitution sitzen. Bei solchen Krankheiten kann der akute Schub behandelt werden, die Schwäche bleibt aber. Wer unter saisonaler Depression leidet, muss jedes Jahr wieder durch eine schwierige Zeit hindurch.
Es gibt eine ganze Menge von psychischen Erkrankungen, die eben nicht in erster Linie von innen kommen sondern von außen, wie für den Körper Infektionen oder Verletzungen. Mein Burnoutsyndrom zählt dazu: ich werde mich nie wieder so aufreiben, an der Stelle bin ich wesentlich stärker als früher. Ich werde auch im Freundeskreis bei psychischen Problemen seither vertraulich um Rat gefragt: manchmal kann ich helfen, und niemand fühlt sich von mir stigmatisiert, eben weil ich selbst psychisch krank gewesen bin.
Zu dieser Gruppe von Krankheiten zähle ich z.B. Coabhängigkeiten. Werden die Abhängigkeit durchbrochen, die Traumata aus der schlimmen Zeit aufgearbeitet, die Ängste geheilt und der Mensch steht wieder im inneren Gleichgewicht, dann ist das auch vorbei - und es bleibt ein besonders feiner Riecher für ungesunde Beziehungsdynamik, also eine Stärke, wo früher eine Schwäche war.
Auch vererbte Ängste zählen dazu: hat ein Elternteil eine Neurose, lernen Kinder, diese Situation sei gefährlich. Sie laufen Gefahr, die Neurose zu erben. Arbeiten sie das als Jugendliche oder Erwachsene auf, dann können sie die Angst ablegen, denn es ist keine eigene Schwäche sondern eine Familientradition.
Es gibt eine dritte Gruppe psychischer Erkrankungen: die Folgekrankheiten. Das verbreitetste Beispiel dafür ist ein bekanntes Problem in der Altenpflege.
Alte Leute haben häufig ein vermindertes Durstempfinden. Trinken sie aber chronisch zu wenig, werden sie häufig verwirrt - das geht bis zu schwerer Demenz. Wenn das auffällt und ein Angehöriger oder eine Pflegerin sorgt dafür, dass wieder genügend getrunken wird, kann die Demenz wieder komplett verschwinden. Es ist dann gar keine eigenständige Alterskrankheit, sondern eben Folge der Austrocknung.
Fieberdelirien bei Kindern sind auch ein Beispiel in dieser Gruppe. Sobald das Grundproblem beseitigt ist, verschwindet die psychische Erkrankung von alleine.
Einmal Psycho, immer Psycho gilt also ganz eindeutig nicht!
Lieben Gruß -
Halbnomadin
Uns hat ein Goldstück gefunden. 


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