Gestern habe ich eine SMS an einen Freund geschrieben, den ich lange nicht gesehen habe. Ich wollte wissen, wie es ihm und seiner Familie geht und ob wir uns nicht einmal bei einem Kaffee wieder gegenseitig auf den neuesten Stand bringen wollen.
Als er auf dem Handy zurück rief, telefonierte ich gerade auf dem Festnetz mit meiner besten Freundin. Ich legte nicht auf, sodass sie meine Seite des Telefonats mit ihm mit anhören konnte.
Wir verabredeten, uns nächste Woche noch einmal zusammen zu telefonieren, um dann etwas Konkretes auszumachen.
Nachdem ich aufgelegt und wieder mit meiner Freundin telefonierte, machte diese mich rund. Ich sei so kühl zu ihm gewesen, habe ihn kurz und knackig abgefertigt, viel zu sachlich, fand sie. Er sei ein Freund und kein Business-Kontakt.
Beruflich stehe ich fast immer unter Dampf, muss sehr viel in sehr wenig Zeit organisieren. Dabei bin ich sachlich und freundlich, aber schnell. Jetzt hat sich diese "Vorgehensweise" also auch auf den privaten Bereich ausgeweitet und ich bin froh, dass meine Freundin mich darauf angesprochen hat, ich selbst hätte es nicht gemerkt. Ich werde mich also künftig im privaten Bereich bemühen, verbindlicher zu sein.
Dass der Beruf einen Menschen prägt - oder dass man sich einen Beruf wählt, weil man "die Art" mag - ist klar, schließlich sind die meisten Menschen nicht schizophren und legen einen Schalter "Beruf / Privat" um, je nachdem, wo sie sich befinden.
In wie weit prägt euch der Beruf?
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15.09.2007, 09:41
In wie weit prägt euch der Beruf?
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16.09.2007, 14:43Inaktiver User
AW: In wie weit prägt euch der Beruf?
Selbstverständlich lege ich den Schalter um - das reicht von Kleidung über Sprachniveau bis hin zur Körpersprache. Für schizophren halte ich mich trotzdem nicht.
Zitat von flutterby
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16.09.2007, 17:55
AW: In wie weit prägt euch der Beruf?
ich habe oft beobachtet, dass lehrer sich auch im privaten kreis lehrerhaft geben, psychologen auch privat gern psychologisieren und berufsoffiziere auch ihrer familie gegenüber ihren barschen befehlston nicht ablegen können.
man hört dann immer: ja der/die ist so geworden durch ihren beruf.
aber ich denke, es ist umgekehrt: man sucht sich einen beruf, der einem entspricht.
ein freund von mir ist bei der kriminalpolizei, klärt morde auf, leitet sokos, hat ständig den "abschaum" (sorry) unserer gesellschaft vor augen. seine frau ebenso, sie ist seine kollegin. sie empfinde ich als sehr barsch, hart, herzlos oft. sie kleidet sich äußerlich sehr feminin, fast sexy, trägt längeres blondes haar und oft viel make up. doch ihr wesen ist alles andere als weich und weiblich. ich habe einmal erlebt, wie sie ihm bei einem kleinen missverständnis hinterher brüllte: "ich tret dich in den arsch!" als ich ihn einmal darauf hin ansprach, erwiderte er: die kleine muss so sein bei ihrem rauhen beruf! mmmmm....
als ich dann einmal ihre eltern kennenlernte, war mir alles klar.... da ging es ähnlich zu. sie sie hat vorprägung von zu hause und hat sich m.m.n. einen beruf gewählt, der ihrem wesen entspricht.
er ist jedenfalls nicht so. ich kenne ihn sehr lange. bei ihm fällt mir dagegen auf, seit er diesen beruf hat, wie sehr er bestimmte spektakuläre einsätze seines berufslebens aufbauscht und bis ins detail ausschmückt, fast, als wolle er sich damit interessant machen. da einen gangster gejagt, dort eine übel zugerichtete leiche inspiziert. das hört manchmal gar nicht auf, wenn man ihn nicht unterbricht. mit der zeit habe ich festgestellt, dass er das schon auch braucht, um sich ein wenig aufzuwerten. andererseits fällt es ihm schwer, das alles zu verarbeiten und abzuschalten, und er ist da zu seinem eigenen schutz, glaube ich, auch ein stück weit hart und abgebrüht geworden. irgendwelche sentimentalitäten lässt er jedenfalls, so wie auch seine frau, kaum gelten, oft ist an ihn gar nicht so recht heranzukommen. wobei ich bei ihm schon die sehnsucht nach sehr viel mehr zärtlichkeit und weichheit spüre.Bewahre mich vor der Angst,
ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nichts, was ich mir wünsche,
sondern was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.
Antoine de Saint-Exupéry
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16.09.2007, 20:12
AW: In wie weit prägt euch der Beruf?
also, ich merke schon, dass ich manche verhaltensweisen aus meinem beruf ins privatleben trage.
ich arbeite als beraterin, wobei ich mir das ursprünglich nicht ausgesucht habe - ich war eher total erstaunt, dass ich das mit meiner ausbildung machen kann und dass mir das so viel spaß macht.
jedenfalls merk ich im privatleben schon auch, dass ich manchmal dazu neige, gute - oder gutgemeinte
- ratschläge zu geben oder geben zu wollen. meistens kann ich mich aber zumindest so weit bremsen, dass ich entweder vorher frage, ob mein gegenüber den ratschlag auch haben will oder es mir ganz verkneife, mich dazu zu äußern, bis ich explizit gefragt werde.
eine kollegin von mir gibt aber immer zu allem ihren senf dazu - hoffentlich werd ich nicht auch so
mein ex-schwiegervater (ein ehemaliger lehrer) neigt aber auch fünf jahre nach seiner pensionierung ein bisschen zum dozieren
gäbe es die letzte minute nicht, würde ich gar nichts auf die reihe bekommen
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16.09.2007, 20:45
AW: In wie weit prägt euch der Beruf?
Hallo zusammen,
ich glaube wie Marlar, dass man sich den Beruf aussucht, für den man aufgrund seines Wesens schon eine Anlage hat. Dass sich das dann im Privaten verstärkt fortsetzt, ist fast die logische Konsequenz.
Zudem glaube ich, dass es Berufe gibt, die sich prägender ins Privatleben ausbreiten als andere. Vor allem wenn der Beruf stark geprägt ist durch Beziehungen zu anderen Menschen (sei es - wie im Beispiel von Marlar - als Polizist, sei es als Lehrerin, Kindergärtnerin, Manager, Sozialarbeiter, etc.) Diese Berufe zwingen einen zu einem bestimmten rollenkonformen Verhalten, das sich dann im Privatleben oft nicht so leicht ablegen lässt. Die Sachbearbeiterin im Büro hingegen kann sich weitgehend so geben, wie sie auch im Privatleben ist, da gibt es im Beruf einfach größere Verhaltensspielräume.
Viele Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)


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