Kurzes Huhu!
Ich blieb gerade an Infrarosas Beitrag hängen und melde mich nun kurz wieder, um zu 'kommentieren', dass ich ihn sehr aufschlussreich und super treffend fand!![]()
Besonders, dass Du jeweils sowohl die Vor- als auch Nachteile an den 'typischen Eigenarten' siehst! Das ist ein sehr guter Ansatz und sehr sympathisch!! Alles hat eben zwei Seiten - mindestens.
Die Punkte, die Du nennst sind mir an meinen italienischen Freunden und Bekannten auch aufgefallen. Aber mal so offen einen abwägenden 'italienischen Blick' darauf zu lesen, war sehr interessant. - Ein weiterer Punkt, der mir aufgefallen ist, ist nämlich, dass die meisten Italiener als Italiener sehr stolz zu sein scheinen und nicht so für Selbstkritik zu haben (das jetzt ein bloßer subjektiver Verdacht). Dass also oft nicht besonders abgewogen wird, gerade bei 'Selbsturteil'/'Fremdurteil'. - Oke, ganz am Ende geht uns das vielleicht sogar allen irgendwo ähnlich...![]()
Grüße!
Muggl
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Ergebnis 51 bis 60 von 84
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19.06.2007, 16:59
AW: Persönlichkeit der Italiener!
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21.06.2007, 10:49
AW: Persönlichkeit der Italiener!
@Infrarosa,
ich finde deine Beschreibung auch sehr treffend - toll, dass du dich dazu so äussern kannst.
Das bestätigt ja vieles, was ich (zum Teil: leider) auch damals wahrnehmen musste.
Warum schreibst du, dass gute Kleidung von Deutschen gerne als "oberflächlich" abgetan wird? Mein Eindruck bei Italienern ist nämlich, dass sie gerne nach Kleidung und äusserem Status urteilen und das finde ich wirklich "oberflächlich", auch wenn das Styling in der Regel brillant ist...
Ich erinnere mich an einen Vorfall in der damaligen Familie (Apulien): Die Tochter wurde nach nur fünf Jahren Schule und einer anschliessenden Schneider-Ausbildung schnell zum Geld-Verdienen in eine Matratzenfabrik geschickt. Dafür wurde sie für eine Hochzeit der Freundin mit einer superteuren Lederjacke ausstafiert (kostete damals schon 500 DM mind.), damit sie dort etwas hermacht...
Ich habe damals nicht verstanden, warum so wenig Geld in Bildung und Beruf gesteckt wird, dafür aber alles in äusseren Status...es hängt sicher auch von dem Bildungsniveau ab, aber...
Ja, den äusseren Eindruck habe ich auch bekommen. Italiener, Männer wie Frauen, werden von Kindheit an darauf trainiert, sich selbst zu behaupten. Das gelingt ihnen mehr als gut, vermutlich auch deswegen, weil nicht mit vielen Leuten dort über persönliche Probleme gesprochen wird bzw. werden kann.Ein weiterer Punkt, der mir aufgefallen ist, ist nämlich, dass die meisten Italiener als Italiener sehr stolz zu sein scheinen und nicht so für Selbstkritik zu haben (das jetzt ein bloßer subjektiver Verdacht).
Hinter der Fassade sind sie aber oft unsicher, haben auch gewaltige Selbstzweifel, lassen diesen Gedanken aber nicht zu...dann suchen sie sich lieber einen Kreis, in dem ihre Rolle akzeptiert wird oder setzen eine theatralische Maske auf...
für das Selbstbewusstsein nach aussen ist das sicher eine gute Strategie...dennoch kenne ich auch Italiener, die psychisch sehr unter die Räder gekommen sind (Drogensucht, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen)...
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22.06.2007, 00:51
AW: Persönlichkeit der Italiener!
:-)
Da habe ich aber eine Anmerkung! Viele Italiener wirken nicht selbstbewusst, sondern SIND es tatsächlich. Ich persönlich habe mein Selbstbewusstsein zum Teil verloren durch den Aufenthalt in Deutschland... Die Gründe dafür zu finden ist schwierig, ich denke viel dran und werde irgendwann meine Antwort geben können! Tatsache ist, das Menschen zum reden und zum sich tief austauschen gibt es auch dort genau wie hier. Allerdings ist eine gewisse Leichtigkeit vorhanden, die im Norden keinen Platz findet, und falls ja, wird eher "marketisiert" als wirklich empfunden.
Auch was die Klamotten angeht, ich finde es sehr oberflächlich, die Klamotten als oberflächliche Kommunikationsart zu betrachten! In der Geschichte der Menschheit haben sich alle damit beschäftigt und etwas dabei machen müssen. Auch jemand, der umweltfreundlich leben möchte und nur second-hand-Kleider der Großeltern trägt ohne sich darüber viele Sorgen zu machen, erzählt dabei ein Teil seiner eigenen Geschichte an die Welt! Und so erzählen an die Welt diejenige tausende italinienische Frauen, die nun braun und schlank und markenangezogen am Strand hin und her laufen, ein bisschen von ihrem Traum, "standardschön" zu sein, usw. Ich finde, das Aussehen ist das Allerwichtigste und das sage ich nach sehr langer Überlegung und nach vielen Jahren, in denen ich anders dachte. Wenn eine Bekannte mit perfekt gepflückten Augenbrauen hat keine Zeit für einen Kaffee mit mir (Zeit für die Augenbrauen aber!), kann ich durch das bloße Aussehen sogar manche Prioritäten der anderen ein bisschen ahnen!Geändert von infrarosa (22.06.2007 um 00:54 Uhr)
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22.06.2007, 16:56
AW: Persönlichkeit der Italiener!
Ogodd, das klingt ja furchtbar...!!
Zitat von infrarosa
Aber irgendwo kann ich mir vielleicht auch vorstellen, was Du meinst... Vielleicht.
Ich bin zB mal innerhalb von D in einen Teil umgezogen, wo die Leute aufgrund der 'Gesamtumstände' weniger (noch weniger
) Selbstbewusstsein haben, mehr Zukunftsängste, Zweifel, weniger Zuversicht. Generell die Grundstimmung. Als ich wieder zurückkam bzw. nach Jahren der anderen Sozialisierung dann in andere Gegenden Deutschlands gefahren bin, kam mir das Selbstbewusstsein und -vertrauen, das Auftreten und Agieren der Leute sehr 'anders' vor, fremd. Aber ich wusste noch, dass ich auch mal zu diesen Leute gehört hatte. Ich hatte mich da ziemlich verändert. (Die gute Nachricht: Man kann langsam wieder umlernen
.) - Dass kann also auch zwischen den Subkulturen ein und desselben Landes passieren.
Was es vielleicht so in der Art? Dass Du Dir die grüblerische, nicht so selbstbewusste deutsche Art 'angewöhnt' hast?
Das Selbstbewusstsein meiner oft zitierten sizilianischen Italienisch-Lehrerin als Frau hat durch ihren Aufenthalt in Deutschland ja auch stark gelitten....
Auf andere Weise.
Als Italienerin sei sie es gewohn, dass ihr die Männer kleine Komplimente machen, wo immer sie hinkommt. Auf der Straße, im Aufzug, im Café. Eine tägliche pflegende Politur für das Selbstbewusstsein als Frau. In Deutschland fiel das natürlich völlig weg. Irgendwann bekam sie furchtbare Komplexe, weil sie nie positive Rückmeldung vom anderen Geschlecht bekam....
(Jetzt hat mir eine Cuba-reisende Freundin erzählt, dass sich z.B. die Kubanerin ansich am liebsten umbringen würde, wenn sie auf der Straße keine Sprüche mehr hinterher gerufen bekommt.
Für die gemeine Mitteleuropäerin eher eine Plage...)
Liebe Grüße!
Muggl
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22.06.2007, 17:48
AW: Persönlichkeit der Italiener!
Huhu nochmal!
Noch zu dieser "modebewusst - oberflächlich"-Sache:
Ich verstehe, was Du meinst, Elwyn.
Eine aus Mailand stammende, sehr individuell-modebewusste Freundin meinte einmal sehr, ja, 'theatralisch'
: "Ohne einen Hang zur Mode zu entwickeln, hätte ich dieser Stadt nicht überleben können!! Nicht in der Schule, nicht in der Uni, nirgends. Gerade in Milano!"
Als deutsch sozialisierter Mensch muss man da vielleicht erstmal schlucken. Warum zählen nicht die 'inneren Werte', gerade bei Kindern oder an der Uni? Warum formt man sich nicht von innen heraus, sondern achtet zuerst auf die Fassade?
Der berühmte "Schöne Schein", der für uns oft bedeutet "außen hui, innen pfui", ist ja ein sehr bekanntes Italien-Klischee.
Aber wenn ich Infrarosa dazu so lese, kann ich die 'italienische Haltung' auch nachvollziehen.
Das Äußere, die Fassade ist nun mal die ideale Projektionsfläche für unsere 'inneren Werte'. Und es ist auch das erste, was das Gegenüber von uns mitbekommt und 'lesen' kann, ohne dass wir erst groß verbalisieren müssen. Man kann und sollte das durchaus als Mittel, sich mitzuteilen, nutzen!
Gegen den Strich gehts mir dann wieder, wenn daraus ein dumpes 'Modediktat' resultiert. Sich diesem zu widersetzen oder Vorverurteilungen anhand des Äußeren auszuschließen, scheint sehr schwer.
Das Beispiel Deiner Bekannten, Elwyn, gefiele mir persönlich auch nicht.
Infrarosas Theorie folgend hieße es, dass Mädchen hat den inneren Traum, den Wunsch, etwas "herzumachen", weshalb sie sich mit einer tollen Lederjacke ausstaffiert. Insofern sei es nicht oberflächlich, sondern zeigt vielmehr das tiefe Innere des Mädchens, ja? - Nunja, besser für das Mädchen fände ich es schon, ihr dann zB eine Ausbildung zu ermöglichen, so dass ihr ganzes Leben und ihr Hintergrund wirklich etwas hermacht, wenn sie es sich denn nun wünscht. Ich meine, wenn es ihr Traum ist, etwas Tolles, Anderes zu sein, sollte sie versuchen, das auch zu erreichen, und sich nicht nur so 'kostümieren'...
Oder bedeutet schicke, etwas repräsentierende Kleidung schon, dass man das Endziel erreicht hat? Jetzt im Ernst: Ist die schicke Fassade schon das Ziel der Träume, auch wenn der Rest eher bescheiden ist? - "Kleider machen Leute", heißt es. Kleider - und weiter nix?
(Man sieht, Deutsche tun sich in dieser Gedankenwelt manchmal wirklich etwas schwer...
)
Mit dem "stolz sein", das Elwyn von mir aufnahm:
Ich meinte da v.a. "als Italiener stolz". Stolz als Italiener, auf Italien als Kollektiv. Und nicht gerade auf Kritik an Land, Leuten, Lebensstil, sei sie von außen oder von innen, erpicht. - Ich habe zB noch nie ein Volk erlebt, dass so gerne und häufig seine Hymne singt, ständig auf den Lippen, wie ein wahres 'Volkslied', und dessen Vertreter bei der leisesten Kritik am 'Kollektiv' derart explodieren und sich in Wahn & Rage reden... *staun*
- Da erscheint das Selbstbild oft bei weitem nicht so ausgewogen wie das von Infrarosa. Überzeichnend könnte man es vielleicht "etwas selbstherrlich" / "selbstverliebt" nennen. Ja, Selbstverliebtheit vielleicht, ich weiß nicht...
Grüße!
Muggl
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22.06.2007, 18:59
AW: Persönlichkeit der Italiener!
Ich möchte infrarosa Recht geben, sie hat nur etwas vergessen: Italien und vor allem Süditalien hat ein feudales Gesellschaftssystem, das schwierig zu durchschauen und undurchlässg ist.
Warum ist das italienische Fernsehen so unbeschreiblich grottenschlecht, dass ich schon aus Prinzip keine Gebühren zahle, nein, die müssten mir Schadensersatz zahlen! Weil es in Italien eine große Klasse von Menschen gibt, die so etwas anschaut, eine große, furchtbar konsumistische, oberflächliche und ordinäre Masse, vergleichbar nur mit England in den 70iger Jahren (Ich weiß nicht ob es da heute besser ist). Die andere Seite ist, dass es in Italien Leute von einem so hohen Niveau gibt, die es eben auch nur in Italien gibt. Die Deutschen, die zu uns in die Urlaub ziehen, seien sie auch betrunken, Bild dauernlesend usw, sie ZIEHEN INS AUSLAND. Diese Masse in Italien zieht nirgendwo hin. Ich verachte diese Menschen nicht, das würde ich mir nicht anmaßen, aber es gibt sie. Italienische Frauen dieser Klasse sind natürlich dauersonnebrillentragende Obertussen, Punkt und basta. Die anderen Frauen sind wesentlich emanzipierter als in Deutschland: da scheinen Frauen mir oft, bitte nicht böse sein, entweder sehr männlich, hart oder insignifikant. Gebildete Italienische Frauen sind sehr weiblich und sehr emanzipiert und stolz.
Ein wirklich sehr schönes buch, vielleicht das allerbeste über Italien: Joachim Fest: Im Gegenlicht
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22.06.2007, 23:41Inaktiver User
AW: Persönlichkeit der Italiener!
Ciao crazy_girl,
habe heute deinen Strang entdeckt und wollte nach den ersten postings schon aufhören zu lesen, aber zum Glück kamen später sehr interessante Beiträge und so habe ich ihn zu ende gelesen…
Ich bin Deutsche, schreibe dir aber aus Italien, wo ich seit zirka 25 Jahren lebe. Seit ungefähr 30 Jahren habe ich sehr engen Kontakt zu Italienern, vor über 20 Jahren habe ich meinen Mann kennen gelernt, mit dem ich inzwischen 18 Jahre verheiratet bin. Wir haben eine Tochter.
Ich weiß nicht so genau, was hier im Strang mit „Halbitaliener“ gemeint ist, meine Tochter ist „Halbitalienerin“, wovon hier gesprochen wird, sind wohl Italiener, die im Ausland leben, oder?
Ich fand vieles was muggle und infrarosa geschrieben haben sehr zutreffend. Ich habe Erfahrungen mit Italienern, die in Deutschland leben und natürlich mit Italienern, die in ihrer Heimat leben, bzw. in der Gegend, wo sie geboren wurden, was nach meiner Beobachtung ein Unterschied ist.
Das Verhalten der „ausgewanderten“ Italiener (wobei hier in Italien auch die zählen, die aus dem Süden in den Norden gezogen sind) ist unterschiedlich zu dem Verhalten eines Italieners in seinem Herkunftsgebiet (das gilt für die 1. aber im Ausland oft auch für die 2. Generation). Das beobachte ich sowohl bei Männer als Frauen.
Italiener, die nicht in ihrem Heimatgebiet leben sind weitaus familienbezogener und Außenstehenden gegenüber weniger aufgeschlossen, als die anderen.
Italien ist 2oookm lang – ich wohne in der Toskana und von mir aus ist es genauso weit nach Berlin wie nach Catania! Wenn man sich vorstellt, welche Unterschiede es gibt zwischen hier und Norddeutschland gibt, dann kann man sich vorstellen, welche Unterschiede es auch gibt zwischen hier und Sizilien bzw. zwischen Bozen und Sizilien! Also ein Italiener ist nicht gleich ein Italiener..
So habe ich beobachtet, dass die Süditaliener sich oft nur mit Sueitalienern anfreunden und verheiraten – das mag an den Vorurteilen liegen, die die anderen ihnen gegenüber „pflegen“ (nicht nur im Ausland, sondern auch hier in Italien), aber auch an dem starken Bedürfnis ihre Sitten und Gebräuche weiterhin aufrecht zu erhalten, vielleicht aus Selbstschutz. (Hier leben viele Deutsche, von denen ich nichts weiß und keinen Kontakt habe – das Bedürfnis sich zusammen zu schließen gibt es so gut wie gar nicht – im Gegenteil, die Deutschen versuchen sich so gut wie möglich zu „tarnen“, um nicht aufzufallen, um fast als Italiener angesehen zu werden.)
Und da sind wir beim Nationalstolz und beim Stolz überhaupt. Ja, viele Italiener(innen) sind stolz auf sich, lieben sich selbst, sind eitel und legen Wert auf ihr Aeußeres. Das muss aber nicht unbedingt als oberflächlich abgewertet werden.
Italiener sind „Genussmenschen“ sie lieben das Schöne um des Schönen Willen. Sie leben mit allen Sinnen: Gaumen, Augen und Ohren und Tastsinn. So muss das, was man isst und trinkt nicht nur gut schmecken, sondern gut aussehen und gut riechen und auf der Zunge zergehen und ein Wohlgefühl vermitteln – man isst nicht nur, um sich zu sättigen, man zelebriert die Mahlzeit und leidet am Imbisstand! Und wie beim Essen ist es auch bei der Liebe, bei der Werbung um das andere Geschlecht.
So genießen es viele Männer, um eine Frau zu werben und viele Frauen, umworben zu werden. Und wie der Pfau sich mit seinen Federn, so schmücken sich Italiener(innen). Die Komplimente sind echt, aber nicht verbindlich, d.h. verpflichten zu nichts. Hier macht jeder jedem Komplimente – es gibt keinen „Hintergedanken“.
Gut aussehen ist keine Frage von Oberflächlichkeit sondern ein Teil eines Rituals. Das habe ICH hier mit Mühe gelernt. Komplimente machen und erhalten ist keine hole Freundlichkeit, sondern wird von den ersten Lebensmonaten trainiert. Es ist Seelenmassage.
Man übt sich, an dem anderen etwas schönes zu sehen, ja und man muss den anderen dann auch genau betrachten. Man schaut sich an – beobachtend an. So habe ich mich in den ersten Monaten hier unheimlich beobachtet gefühlt, weil die Leute mir Komplimente gemacht haben bezüglich irgendeines Körperteils, dass es mir oft peinlich war! Da sprichst du mit jemandem und unverbunden sagt der z.B. zu dir: oh, was hast du für schöne Augenbrauen o. ä. das haut dich völlig aus dem Konzept….
Nie habe ich von meiner Mutter solche und so viele Komplimente gehört, wie sie italienische Mütter ihren Kindern sagen! Direkt, im stillen Kämmerlein, aber auch stolz vor allen anderen. An jedem Kind wird etwas schön gefunden, auch an dem hässlichsten. So lernt man sich lieben!
Wer sich etwas Schönes anzieht wird bewundert und gelobt und wer zu einer Feier geht, wie z.B. einer Hochzeit, zieht sich schön an, als Wertschätzung für die Person, die dich eingeladen hat.
Für die, die es sich eigentlich nicht leisten können, ist das ein tolles Gefühl, für einen Tag jemand zu sein, jemand, der man vielleicht gern immer sein möchte.(Und die tolle teure Jacke, die extra für diesen Anlass gekauft wurde, die bleibt einem ja auch hinterher und die hätte man sich wahrscheinlich nicht einfach so gekauft, weil das Geld ja so knapp ist…!)
Wenn meine Schwiegermutter den Kleiderschrank aufmacht (und sie war immer recht arm), dann hat jedes Kleidungsstück eine Geschichte: das war die Hochzeit der Tochter, dies die Kommunion der Nichte, das die Beerdigung ihres Mannes…und ihr wisst es vielleicht, dass die Italiener sich auch für ihren letzten Weg fein anziehen!?
Jeder, zumindest ältere, Italiener hat im Kleiderschrank ein gutes Stück, einen guten Anzug, ein vornehmes Kleid, was ihm unmittelbar nach dem Ableben angezogen wird und so finden ihn die Trauernden bei der Totenwache vor. Zu diesem Zweck werden ihm auch ein neues Paar Schuhe gekauft und angezogen! Oberflächlich?... mag sein….
Ja, die Strangeroffnerin hat ein Wort gewählt, mit dem sie angestoßen ist: Persönlichkeit der Italiener. Sicher hat sie das unbewusst getan, aber ich finde sie hat es richtig gewählt, denn ich finde die Italiener haben Persönlichkeit.
Sie werden von Klein an zu einer Person erzogen. Es gibt keine „sächlichen“ Kinder, DAS Kind gibt es nicht, das Kind ist kein Gegenstand, kein ES. Es gibt SIE oder IHN, kleine Menschen, kleine Frauen und kleine Männer, die ihre Persönlichkeit entwickeln und sie auch nie abgeben – noch nicht mal die Frauen nach der Hochzeit, die in allen öffentlichen Urkunden, oder auf der Arbeit, oder im Krankenhaus mit ihrem Mädchennamen geführt und angesprochen werden.
Muggle hat es sehr richtig gesagt- alle Menschen sind gleich, aber durch ihre Erziehung und Umwelt geprägt.
Liebe crazy, wenn du DEINEN Italiener verstehen möchtest, kann ich dir raten Italien verstehen und lieben zu lernen. Vieles hängt von jedem einzelnen ab, aber sehr viel auch von dem Kulturkreis (und ggf. bei Ausländern von der Herkunft der Eltern). Das sehe ich an mir, die ich hier so lange als Ausländerin lebe. Wir sind als Kinder geprägt worden, ob wir wollen oder nicht, es dauert lange bis man auch „umlernen“ kann. Und auch ich präge meine Tochter, gewollt oder ungewollt. Und somit ist sie halb deutsch, halb italienisch.
Ich wünsche dir viel Glück mit DEINEM Italiener – mindestens soviel, wie ich mit meinem gehabt habe (der allerdings auf Kleidung nicht viel legt, u.a. sehr pünktlich und gewissenhaft ist, seine Mutter nicht vergöttert, nur schwer ein Kompliment über die Lippen bekommt, sehr zuverlässig und fleißig ist, NICHT beim arbeiten singt, mir im Haushalt hilft, kein „heißblütiger Lover“ (mehr) ist, na ja, wenn ich es recht bedenke, eigentlich gar kein richtiger Italiener zu sein scheint!
)
Buona notte
Amorosa
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23.06.2007, 01:07
AW: Persönlichkeit der Italiener!
Mein Halbitaliener ist der Sohn einer Deutschen und eines Italieners.
Zitat von Inaktiver User
Sehr umfangreicher und nett geschriebener Text,
viele Grüße nach Italien !!!
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23.06.2007, 14:55
AW: Persönlichkeit der Italiener!
Hallo zusammen,
wow, sehr interessante Beiträge wieder...
Irisiride, jetzt musste ich erst wieder Deinen Hintergrund vorne nachlesen, aus welcher Sicht Du schreibst... *pling*
(Nur zur Info: Lebst Du derzeit in Südtirol? Damit ich mir Eure Urlauber in etwa vorstellen kann ...
. Hihi, es gäbe da ja auch noch die Teutonen, die an den Stränden pupsen, und wo es besser wäre, sie ziehen nirgends hin, jedenfalls nicht nach Italien, hihi, wenn man dem Staatssekretär glauben darf.
*I love real life kabarett* - So gesehen wäre es dem Mann vielleicht einfach lieber, manche Massen blieben, wo sie sind, so wie er es von den Italiern kennt, damit er nicht mit ihnen ein Berührung kommt...) Aber zurück zum Ernst...
Denke auch, der Punkt, dass die italienische Gesellschaft in sich eine seeehr breite Scala aufweist, ist sehr wichtig! Sehr interessant Dein Blick darauf. Südtirol selbst ist da ja nochmal ein Exempel für sich.
Ich habe dazu mal in einer (deutschen) Zeitung gelesen, Berlusconi sei die Rache der einfachen Italiener (Massen) an der - wie sie finden - snobbischen Elite, die eher zu den Liberalen oder Linken tendiert.
Für mich war das recht erleuchtend (weil man sich ja doch manchmal frug, wie/warum er ins Amt gewählt wurde, wo doch zeitweise Zigtausende durchaus heftigst gegen ihnen demonstrieren... *staun*).
Was meint Ihr Insider zu dieser 'geteiltes Volk'-These?
Amorosas erklärender 'Bericht von vor Ort' hinterlässt zusammenfassend bei mir den Eindruck, dass in Italien das Leben in allen Bereichen mehr zelebriert wird, man könnte sagen, mehr genossen. Hm, nee, schon 'zelebriert'... Wenn ich da an die Kleidung zu den passenden Anlässen denke etc.
Das passt ja wieder in das Bild, dass das Leben in D einfach 'nüchterner' ist...
(Aber wir reden auch oft davon, dass wir das Leben angeblich nicht genießen können, und merken dabei gar nicht, dass wir es tun
. - Von in D lebenden Ausländern hört man auch immer öfter, dass sie die 'Work-Life-Balance' hier so lebenswert finden *staun*. - 'Zelebrieren' allerdings tun wir das Leben eher nicht.)
Das mit den Komplimenten als Kulturgut ist interessant! Dass sie wirklich nicht nur Worthülsen sein sollen, auch. Denn so kann man sie leicht verstehen, wenn man diese Sitte nicht kennt.
Sich etwas Gutes zu tun und Gutes auch auszusprechen, ist eine schöne Sitte.
- Viele Deutsche reagieren auf Komplimente misstrauischer, ich mitunter auch. Vielleicht weil wir oft recht 'problemfixiert' sind?! Ich finde, hier ist es eher üblich, sich zu kritisieren oder auf Mängel hinzuweisen (angeblich 'gut gemeint'
), denn auf das Schöne... Das ist im Kopf ziemlich drin... (Ein US-Autor sagte in etwa: "Deutsche halten ständiges Kritisieren für ein Zeichen höherer Intelligenz."
Da ist was Wahres dran.) Ich gehörte traditionell auch nicht gerade zu den 'Austeilern' bei Komplimenten.
Durch längeres Zusammensein & -arbeiten mit Franzosen und Italienern (gemischt) habe ich aber die Vorzüge des sich Komplimente Machens schätzen gelernt und beschlossen, dass ich diese Sitte bewusst übernehmen möchte. Es ist ja durchaus ehrlich gemeint und sorgt für sehr gute Stimmung und ein zufriedenes Lächeln auf allen Gesichtern. Gar nicht so einfach aber, wenn man das nicht gelernt hat...!
Das ist echt erlerntes Kulturgut, da hat Amarosa definitiv recht!
Ich hoffe, unser Diskurs führt CrazyGirl nicht zu weit von ihrer Intention weg. Aber wie Amorosa schon sagt, beeinflussen diese Hintergründe die Bildung einer Persönlichkeit durchaus und es lohnt sich für CrazyGirl auch, 'Italien zu verstehen'.
Grüße!
Muggl
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23.06.2007, 20:48
AW: Persönlichkeit der Italiener!
...das, zusammen mit muggis Wort "grüblerisch", vertritt genau meinen Gedanke, als ich meinte, dass mein Selbstbewusstsein in Deutschland ja gelitten hat!!! :-DViele Deutsche reagieren auf Komplimente misstrauischer, ich mitunter auch. Vielleicht weil wir oft recht 'problemfixiert' sind?! Ich finde, hier ist es eher üblich, sich zu kritisieren oder auf Mängel hinzuweisen (angeblich 'gut gemeint' ), denn auf das Schöne... Das ist im Kopf ziemlich drin... (Ein US-Autor sagte in etwa: "Deutsche halten ständiges Kritisieren für ein Zeichen höherer Intelligenz." Da ist was Wahres dran.
Ich finde den Betrag von Amorosa sehr toll und treffend!
Geändert von BRIGITTE Community-Team (07.11.2007 um 09:20 Uhr) Grund: Auf Wunsch editiert


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