Hallo,
ich habe gerade den thread über das Thema "Schuld an der Krankheit eines anderen" gelesen und merke, daß ich mit meinem Thema, das mich momentan sehr belastet, in diesem Forum wohl richtig bin.
Ich erzähl am besten mal von Anfang an: Als ich 12 war, sind meine Eltern umgezogen und ich mußte die Schule wechseln. Dieser Umzug insgesamt war ungut, mein Vater wurde Schulleiter in einem sehr konservativen Dorf, ich wurde wie die Tochter des Schulleiters behandelt, die wohl etwas Besseres sein will und auch noch aufs Gymnasium gegangen ist. Vorhergegangen war eine nichtbearbeitete Mißbrauchssituation und allgemein dadurch eine Entfremdung von den Eltern. Ich war also ziemlich allein.
Dann kam ich in diese neue Klasse und nach 1/2 Jahr wurden zwei Jungs zurückversetzt, von dem einen wurde ich fortan heftig gemobbt. Das ging so weit, daß ich mich nicht mehr getraut habe, zum Unterricht zu gehen. Mit meinen Eltern konnte ich darüber nicht reden, das Vertrauen war nicht da. Die sahen nur, daß es mir immer schlechter ging, haben mir einen Hund geschenkt und mir den Tipp gegeben, doch mal zur Landjugend zu gehen.
Ich habe mir dann selbst Hilfe gesucht, eine Ersatzfamilie mit Bauernhof, auf dem ich teilweise gelebt habt. Habe selbst angefangen mit 16 Therapie zu machen. Und bin dann schließlich in einer christlichen Jugendgruppe gelandet, wo ich mich das erste Mal unter Jugendlichen wohl gefühlt habe.
Und es war nicht vorbei, als die Schule beendet war. Ich konnte diese Angst, diese Wut nicht einfach abhaken. Immer, wenn ich in Gruppen war, kam die Angst wieder hoch und ich habe mich schon von selbst zurückgezogen. So daß ich es immer geschafft habe, keine oder nur wenig bleibende Kontakte aus diesen Gruppen mitzunehmen.
Diese Angst ist geblieben und begleitet mich auch heute noch, 25 Jahre nach dem Abitur.
Und nun habe ich durch Zufall im Internet eine Seite meines alten Abijahrgangs gesehen, das ein Treffen geplant war. Und zwar hat das einen Tag zuvor stattgefunden. Es gibt wohl keine Zufälle im Leben...
Ich habe mir jetzt die Fotos angeguckt und bin nachdenklich geworden. Ich frage mich, ob es nicht irgendwann Zeit ist, diesen (damals unreifen) Jugendlichen zu verzeihen und auch mir selbst. Aber wie schafft man das, wenn es sich so festzementiert hat?
Ich merke, daß es mir ein Bedürfnis ist, ein für allemal damit abzuschließen.
lg
elpa
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21.05.2007, 22:41
Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
Das Leben ist viel zu kurz, um es immer am selben Ort zu verbringen
Aber am Ende muß jeder irgendwann einmal seßhaft werden.
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22.05.2007, 09:15Inaktiver User
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
Guten Morgen elpa,
Meinst Du mit dem Verzeihen die beiden Jungs aus Deiner Klasse, die Dich gemobbt haben, und denen Du beim Klassentreffen möglicherweise begegnet wärest? Deinen Wunsch, ihnen zu verzeihen und mit der Sache abzuschließen, verstehe ich. Denn es ist lange her und sie sind längst aus Deinem Leben verschwunden.
Warum meinst Du, dass diese beiden so prägend waren, dass Du auch später in Gruppen nicht richtig Fuß fassen konntest? Du hast doch mit der christlichen Gruppe eigentlich gute Erfahrungen gemacht.
Was mich in Deinem Post stark irritiert: in einem Nebensatz erwähnst Du eine Missbrauchssituation. Bist DU missbraucht worden, womöglich im Elternhaus? Ist das nicht viel gravierender als Mobbing durch 2 halbwüchsige Jungs? Hältst Du Dich gedanklich vielleicht an Nebenschauplätzen auf? Du schreibst von der Angst, die Dich seit 25 Jahren begleitet, und diese Angst kommt ja irgendwoher.
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22.05.2007, 10:21
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
Hallo Graupapagei,
ja die Mißbrauchssituation hat zuvor stattgefunden noch am alten Wohnort, es war ein Freund meines Vaters, meine Eltern haben leider nicht so reagiert wie ich es gebraucht hätte. Das war damals so, meine Eltern waren hilflos und haben lieber alles unter den Tisch gekehrt.
Dieses Thema ist aber inzwischen bearbeitet und akzeptiert.
Warum ich das schreibe, ist, um klarzumachen (mir selbst und Euch) warum ich so durcheinander war in dieser Zeit und daß die Jungs in der neuen Klasse vielleicht nur aggressiv auf das Durcheinandersein reagiert hatten. Ich meine, es waren ja auch nur 12jährige Jungs, am Anfang der Pubertät und durcheinandergeraten, so wie wir alle damals. Nur ich komme aus dieser inneren Haltung nicht heraus (oder bin vielleicht doch gerade dabei?)
lg
elpaDas Leben ist viel zu kurz, um es immer am selben Ort zu verbringen
Aber am Ende muß jeder irgendwann einmal seßhaft werden.
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22.05.2007, 16:39Inaktiver User
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
Hallo Elpa,
hilft es Dir vielleicht, wenn Du Dir bewußt machst, dass die einzige, die sich damit belastet Du bist?
Wenn Du jemandem grollst, verschwendest Du Deine eigene Zeit.
Die anderen merken das nicht.
nathaliethor
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22.05.2007, 17:00
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
Da hast du schon recht nathalithor, das ist anscheinend wirklich so. Aber warum fällt es so schwer, so etwas abzuhaken? Weil solche Erfahrungen in einem bestimmten Alter, in dem man leichter zu prägen ist, einfach dauerhafte Veränderungen/Vermeidungshaltungen auslösen.
Und gerade das möchte ich jetzt bearbeiten, ich denke mal mehr als 30 Jahre sind genug, bei meinen Eltern ist es mir doch auch gelungen.
Oder?Das Leben ist viel zu kurz, um es immer am selben Ort zu verbringen
Aber am Ende muß jeder irgendwann einmal seßhaft werden.
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22.05.2007, 17:07Inaktiver User
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
Dadurch, dass Du Dich darüber ärgerst, wie Du bist, egal wodurch das entstanden ist, änderst Du nichts.
Zitat von elpa
So, wie Du heute bist, Dich selbst annehmen. Dir selbst verzeihen, dass Du so beeinflussbar, verletzbar was auch immer warst. Dich selber lieb gewinnnen..
Kannst Du das?
Grüße
nathaliethor
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23.05.2007, 11:58Inaktiver User
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
elpa,
Zitat von elpa
du meinst nicht, dass es um die jungs von damals allein geht, oder? du nennst deine innere haltung und ich habe das gefühl, du empfindest sie als selbstauferlegte zwangshaltung? habe ich recht?
sie rührt sicher nicht von der verhaltensweise dieser zwei jungen her, sondern von deiner erfahrung alleingelassen worden zu sein und aufgrund dessen und deiner darauf zurückzuführenden verzweiflung noch mehr in bedrängnis geraten zu sein. auch wenn es sich nur um vorpubertierende jungs handelt, die heute wahrscheinlich lieb und entgegenkommend zu dir wären, ohne dass du ihnen erst vergeben müsstest, weil es eben erwachsenen männer geworden sind.
deine innere zwangshaltung ist durch das erlebniss allein und in gefahr zu sein, enstanden, egal, welches wirkliche gesicht die gefahr tatsächlich hat. ich vermute, dass du zwar die situation mit deinen eltern bereinigt hast, aber innerlich auch noch nicht wirklich überwunden. sie steckt noch tief in dir drin, denn sie war der auslöser für das ohnmachtsgefühl, mit dem du lange gelebt haben musst und mit dem du auch die damalige mobbingsituation durchlebt hast.
zu raten ist schwer, weil sich solche ängste auch soweit ins unbewusste zurückziehen, dass man sie nicht durch strategien alleine bannen und völlig abschaffen kann.
hast du freunde, die dich und deine vergangenheit kennen und verstehen? gibt es dinge in deinem leben, für die du kämpfen und alles auf's spiel setzen würdest?
manchmal entpuppt man sich in gewissen nicht alltäglichen situationen als ein völlig anderer mensch und ist über sich selbst erstaunt.
ich möchte nur sagen: es gibt kein problem, keine bedrängniss und keine verzweiflung, für die es keine hoffnung gäbe. also gib nicht auf.
viele grüsse
lady_julia
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23.05.2007, 12:08Inaktiver User
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
Darf ich fragen, ob deine Eltern noch Kontakt zu deinem damaligen Missbraucher haben?
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23.05.2007, 20:56
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
@Lady_julia
Ich denke da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen, ich hab mich wirklich sehr sehr allein gefühlt - und habe auch jetzt immer noch das Gefühl, letztendlich immer allein dastehen zu müssen. Das kann ja durchaus eine Stärke sein, aber es blockiert auch sehr. Vor allem, da ich beruflich mit Gruppen arbeite und dieses Thema mich immer wieder einholt.
Ich hab eine ganze Menge, für die es sich zu kämpfen lohnt. Ich bin jetzt da angekommen, wo ich immer hinwollte, aber einen lieben Mann, der mich unterstützt, ein süßes Kind und eine Arbeit, die mir Freude macht. Ich bin von der elpa, die es damals gab, meilenweit entfernt. Aber die Altlasten sind da und tauchen immer wieder auf.Das Leben ist viel zu kurz, um es immer am selben Ort zu verbringen
Aber am Ende muß jeder irgendwann einmal seßhaft werden.
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23.05.2007, 20:58
AW: Erfahrenes Unrecht verzeihen und abschließen
@Nathaliethor
Als ich gelesen habe, was du geschrieben hast, kamen mir die Tränen. Ja, ich bin damals sehr hart mit mir gewesen und habe mich verurteilt, daß ich so war wie ich war.
Ich glaube, inzwischen könnte ich es....
lg elpaDas Leben ist viel zu kurz, um es immer am selben Ort zu verbringen
Aber am Ende muß jeder irgendwann einmal seßhaft werden.


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