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    Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Hallo liebe Community,

    ich bastel schon lange an der Frage herum, wie man sich von anderen Menschen und ihren schwerwiegenden Problemen abgrenzen kann ohne der fiese Möpp zu sein.

    Im engsten Freundeskreis hat es Einen mit einer akuten schweren Krankheit erwischt, Eine mit drei Kindern und der damit verbundenen Lockdowneritis, meine Patentante wird dement und als nun die Ü80 jährige Nachbarin schon fast verzweifelt nach Anschluss suchte wurde es mir echt zu viel. Ich sollte ihr wahrscheinlich echt mein Ohr leihen oder wenigstens nen Flyer für die Seniorentruppe auftreiben, aber die Frau löst echt Fluchtinstinkte aus, obwohl sie objektiv überhaupt nichts schlimmes macht.

    Ich fühle mich als würde mir von diesen Leuten alle Energie abgezogen und nix mehr in meinen eigenen Speicher geladen. Ihre Probleme färben unglaublich auf mich ab. Bin gerade durch die Doktorarbeit auch extrem gefordert, was mein Umfeld leider nicht so nachvollziehen kann ("Corona? Du sitzt doch nur zu Hause mit deinen Daten wie sonst auch"). Obwohl es meinem Gehirn total klar ist, dass die Leute alle nix für ihr Leiden können und gerade auch ihren Kopf überall aber nicht bei mir haben, ist mein Bauch stinksauer und schreit "Hey, ihr seid meine Freunde, zeigt auch mal ein bisserl wohlwollendes Interesse für mich!".

    Das führt zu einer seltsamen Mischung aus Wut und schlechtem Gewissen. Schlechtes Gefühl deshalb, weil ich eigentlich aus dem Kümmern um Andere immer gut Kraft ziehen konnte und die Energiebilanz immer ganz gut ausgeglichen war (bin ehrenamtliche Sani). Grad ist mir das alles aber zu nah im privaten Umfeld, ich habe aber das Gefühl dass ich mir meine Freunde ja schlecht vom Hals halten kann (wir kriegen ja faktisch eingebimmst: gibts ein Problem, schau hin und kümmer dich). Und das Gefühl, dass jemand sich denkt: "Ui, Chaos, du jetzt nicht auch noch mit deinen Problemen - auch psychohygienischen Gründen bleibst du mal draußen!" ist jetzt auch nicht so schön, weshalb ich eben so anderen Menschen gegenüber nicht sein möchte.

    Was mich interessieren würde: Wie schafft ihr es, offen für die eurer Mitmenschen zu bleiben ohne euch zu schaden (gerade bei Freunden/Bekannten/Nachbarn, bei Patienten besteht ja Distanz)? Was macht ihr gegen dieses Gefühl, dass euch Energie abgezogen wird? Gibt es ein "Bis hier hin und nicht weiter"?

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Schwierig.

    Mittelfristig kann es eine Balance geben, wenn es andere Leute gibt, die für Dich da sind. Also nicht dieselben, für die Du da bist.

    Langfristig funktionieren Beziehungen für mich nicht, wo ich nur einseitig für jemanden da sein soll. Und ja, Dein "Egoismus" ist angebracht. Meine Solidarität würde auch sehr stark abnehmen, wenn ich wie Du da Unverständnis erntete à la "Du sitzt doch nur zu Hause über Deinen Daten". Doktorarbeit - das ist nicht weniger Ausnahmezustand als Corona.

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Zitat Zitat von Chaoskaiserin Beitrag anzeigen
    Bin gerade durch die Doktorarbeit auch extrem gefordert, was mein Umfeld leider nicht so nachvollziehen kann ("Corona? Du sitzt doch nur zu Hause mit deinen Daten wie sonst auch").
    schnell nachgefragt: ist das wirklich so? hat man das zu dir gesagt? oder erwartest du in wirklichkeit nur, dass man so reagiert?

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Zitat Zitat von Chaoskaiserin Beitrag anzeigen
    Was mich interessieren würde: Wie schafft ihr es, offen für die eurer Mitmenschen zu bleiben ohne euch zu schaden (gerade bei Freunden/Bekannten/Nachbarn, bei Patienten besteht ja Distanz)? Was macht ihr gegen dieses Gefühl, dass euch Energie abgezogen wird? Gibt es ein "Bis hier hin und nicht weiter"?
    Ich ziehe auch den "inneren Telefonstecker" und bin bisweilen einige Tage (das können in der Coronazeit, in der ich sowieso ein verstärktes Bedürfnis nach Rückzug und Alleinsein verspüre, auch leicht Wochen werden) nicht erreichbar. Weder gehe ich ans Telefon noch an die Tür. Einzige Ausnahme: meine Familie, also Kinder, Eltern, Partner.
    Für Freunde bin ich in solchen Phasen nur in Notfällen erreichbar. Umgekehrt nehme ich es ihnen auch nicht übel, wenn sie es genauso halten.
    Zu meinen Nachbarn halte ich prinzipiell Distanz. Ein freundliches "Hallo" im Treppenhaus und weg bin ich. Es gibt nur eine alte Dame, die alleine lebt und niemanden hat. Ich frage sie immer wieder mal, ob sie etwas aus der Stadt braucht, und bringe es ihr dann mit. Ich schaue auch regelmäßig, ob sie noch lebt und ob sie okay ist.

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Zitat Zitat von ambiva2 Beitrag anzeigen
    schnell nachgefragt: ist das wirklich so? hat man das zu dir gesagt? oder erwartest du in wirklichkeit nur, dass man so reagiert?
    Nein, das war die Aussage der Mutti von den drei Kindern als ich ihr erklärt habe dass es für andere Leute im Lockdown auch hart ist. Promoviert hat in meinem Umfeld keiner, die wissen alle nicht wie anstrengend das ist.

    @ OriginalSin
    Wenn's so Kleine Probleme wären (z. B. Vom Kaliber "Tante Erna die nicht weiss was sie anziehen soll"- dann könnte ich leichter sagen dass die mir alle mal den Buckel runter rutschen könnten und darauf verweisen dass die Beziehung ins Ungleichgewicht geraten sind.


    Aber sowohl die demente Tante wie der kranke Freund haben net viel Kapazitäten. Und da können die ja nix dafür dass die Beziehung einseitig geworden ist. Deshalb fällt mir das Distanzieren so schwer.

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Zitat Zitat von Chaoskaiserin Beitrag anzeigen
    Nein, das war die Aussage der Mutti von den drei Kindern als ich ihr erklärt habe dass es für andere Leute im Lockdown auch hart ist. Promoviert hat in meinem Umfeld keiner, die wissen alle nicht wie anstrengend das ist.
    danke
    ich hab deshalb nachgefragt, weil das bei mir so ein klassiker ist, meine annahmen für bare münze zu nehmen, also: interessiert ja eh keinen, dann erzähl ich halt auch nix...

    aber das ist ja dann wohl nicht dein problem.

    für das, was du als energiefresser schilderst, hilft bei mir abgrenzung. ich bin dann einfach nicht da und hebe nicht ab und rufe erst zwei tage später zurück - oder so ähnlich.

    oder ich texte die leute gnadenlos mit meinem kram zu, bis sie sich von selbst ein bisschen rarer machen
    im ernst, erzähl doch einfach von deiner diss, musst ja niemanden nach lösungen fragen, einfach nur erzählen, und da müssen sie dann durch.

    aber letztlich hilft mir nur die existenz von menschen, mit denen das verhältnis stimmt, die schiefen beziehungen zu stemmen.

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Ich bin da tatsächlich ehrlich und sage meinem Umfeld, dass meine emotionalen Kapazitäten aus persönlichen Gründen ausgeschöpft sind und ich gerade nicht den Raum habe, mich auch noch anderen Problemen anzunehmen. Das hat auch noch nie jemand krumm genommen. Entweder hatte mein Gegenüber dann ein offenes Ohr für meine Probleme und dadurch war wieder mehr die Balance drin oder es war eben solang Funkstille, bis ich wieder die Kraft hatte.

    Bei der dementen Tante natürlich schwierig, weil das wahrscheinlich nicht mehr versteht? Aber bei dem Freund müsste das doch möglich sein.

    Ich finde dieses Abtauchen tatsächlich schwierig. Wenn eine Freundin, zu der ich regelmäßig Kontakt habe, ohne Grund mehrere Tage/Wochen abtauchen und nicht auf mich reagieren würde, würde ich mir wahrscheinlich wirklich irgendwann große Sorgen machen.

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Guten Morgen,

    Vielen Dank für euren Input!

    Von eigenen Problemen Leuten die selber Baustellen haben zu berichten finde ich schwer. Ich sitze dann da und denke, dass ich nicht mit meiner dementen Tante oder gar dem vom Prof verordneten Extrakapitel in der Diss ankommen kann wenn sich mein Gesprächspartner gerade damit auseinandersetzen muss ob er eine dauerhafte schwere Erkankung hat. Vielleicht ist das aber auch eine blöde Einstellung ... keine Ahnung?

    Ich habe aber ganz gezielt am We bei einem Telefonat unter Hinweis auf meinen eigenen Gang am Zahnfleisch die Geschichten von der Intensivstation abgebogen und hab ganz gezielt positive Themen "verordnet" und das hat uns beiden gut getan.

    Sich ganz zurückziehen und mit Verweis auf die eigene Psychohygiene Leute abblocken fällt mir eben so schwer. Ich weiß dass das viele machen, die oben genannte Mutti ist so eine die einen auch mal knallhart abblitzen lässt, und fand dies immer ziemlich krass.

    Wahrscheinlich ist der Pudels Kern wohl echt, dass man ein stabiles, großes Umfeld hat. Ich muss da wohl bei mir dringend aufräumen.

    Werde auf jeden Fall auch mal ausprobieren bei zu viel Input gnadenlos zurückzutexten. Gerade die Whatsappgruppen eigenen sich ja wunderbar dafür - und ein paar statistische Datenreihen, Skelettbefunde machen sich immerhin thematisch gut in der Corona-Klage

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Zitat Zitat von Chaoskaiserin Beitrag anzeigen
    ...
    Von eigenen Problemen Leuten die selber Baustellen haben zu berichten finde ich schwer. Ich sitze dann da und denke, dass ich nicht mit meiner dementen Tante oder gar dem vom Prof verordneten Extrakapitel in der Diss ankommen kann wenn sich mein Gesprächspartner gerade damit auseinandersetzen muss ob er eine dauerhafte schwere Erkankung hat. Vielleicht ist das aber auch eine blöde Einstellung ... keine Ahnung? ...
    Versuche es doch mal mit dieser Perspektive:

    Du gibst mit Deinem permanent offenen Ohr für alle(s) und jeden etwas vor, was nicht wahr ist.
    Du belügst diese Leute also.
    Auch damit, dass Du eigene Probleme oder Sorgen verschweigst, spiegelst Du etwas Unwahres vor.
    Da mensch ja meist das tut, was ihm sinnvoll erscheint, frag Dich doch mal,
    wozu Dir das nützen könnte, warum Du das tust.

    Kann sein, dass Du das machst, weil Du "so erzogen wurdest".
    Immer schön angenehm, nützlich und unproblematisch sein, bloß niemandem Umstönde oder Sorgen bereiten.
    So wurden/werden Mädchen ja öfter maltraitiert.

    Andere Idee:
    Bei Menschen mit dem sogenannten "Helfersyndrom" meine ich öfter den Drang entdeckt zu haben,
    mit solchem Verhalten asymetrische Beziehungen zu etablieren.
    Beziehungen, in denen sie selbst die Starken, Helfenden sein können/sind und die Anderen die Schwachen, Hilfsbedürftigen sein sollen/zu diesen gemacht werden sollen und dann nicht selten irgendwann sind.
    Meiner Meinung nach kompensieren "Menschen mit Helfersyndrom" in dieser Weise Selbstwertprobleme.


    .... Wahrscheinlich ist der Pudels Kern wohl echt, dass man ein stabiles, großes Umfeld hat. Ich muss da wohl bei mir dringend aufräumen.
    Groß muss ein gutes Umfeld nicht unbedingt sein, aber Stabilität ist wichtig.

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    AW: Die Balance zwischen Da-Sein und Abgrenzen finden

    Liebe Chaoskaiserin,
    ich kann Dich gut verstehen...sitze gerade unter Zeitdruck, weil ab 9.3. wieder Jobchaos droht und schreibe meine Masterarbeit, im Job verstehen es eigentlich alle, da sie auch alle irgendwelche Diplom oder Abschlussarbeiten geschrieben haben.

    Im privaten Umfeld sind meinem Studium (OmG die verrückte studiert mit Ü50 nochmal) viele Freundschaften weg, einfach , weil ich nicht mal eben Zeit hatte , um die Häuser zu ziehen und jetzt zu Corona Time jeder irgendwie in seinem Nest hockt.

    Bei meinen Kindern ist beide grad Land unter, Tochter ist zweifach alleinerziehend und die KV sind echte Griffe ins Klo, da war seit Juli letztens Jahres Kummerkasten, Babybespasser, Krambesorger....Sohn wird in 8 Wochen Vater, denen ist grad der Umzug geplatzt, weil das Haus, in das sie ziehen wollten, massiven Schimmelbefall hatte, zum Glück konnten sie aus dem Vertrag raus und haben innerhalb eines Tages eine Ausweichwohnung gefunden, Glück hoch 10, ABER, a es 600 km weg ist, kann ich grad nur aus der Ferne agieren...

    Prämisse 1 die Kinder dürfen jederzeit jammern kommen, aber ich darf auch mal STOPP sagen, Nachbarn gehe ich weitgehend aus dem Weg, (auch wegen Corona) das nimmt hier keiner übel.

    Kollegen haben Verständnis, wenn ich mich tageweise zurückziehe und schreibe....


    Ich stricke gern, daher bekomme ich lustigerweise im Wochentakt fragen, "kannste mal...., Ich könnte XYZ gebrauchen" Je nach Bekanntschaftsgrad werden solche Anfragen ignoriert oder nett abgelehnt....

    Der wichtigste Mensch für mich bin erstmal ich , dann kommt die engste Family und dann irgendwann Freunde.
    Einfach machen...wird gut

    Ich hol mir mein Spiel zurück!!!!!

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