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  1. Inaktiver User

    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    Zitat Zitat von frangipani Beitrag anzeigen


    Ich mach mich mal nackig. Ich hab mich bislang eigentlich für relativ resilient gehalten, bis mir die letzten 2 Jahre so richtig die lange Nase gezeigt haben. Beide Eltern in Europa innerhalb von 11 Monaten auf nicht so schöne Art gestorben (einer unter Corona), dann wieder zuhause: wochenlange Naturkatastrophen, Pandemie mit allen Begleiterscheinungen, Umsatzeinbrüche, bis hin zu diversen eigenen gesundheitlichen Themen, auf die ich grad gut verzichten kann. Das alles hat mir mehr in die Kniekehlen getreten, als ich erwartet hatte.

    Liebe frangipani,

    Du warst in diesem Zeitraum massiven Umbrüchen, Einbrüchen, Krisen ausgesetzt. Dass Dir das den Boden unter den Füßen weggerissen hat, ist vollkommen natürlich.

    Nicht natürlich wäre meiner Wahrnehmung nach, wenn Du das "locker" weggesteckt hättest. Aber Letzteres hätte auch nichts mit Resilienz zu tun. Ein resilienter Mensch geht selbstverständlich in die Knie, wenn seine Belastungen zu schwer werden. Er trauert, hat Schmerzen, weint, hadert, wütet. Er durchlebt Trauerprozesse mit all ihren Facetten, und zwar solange sie eben dauern - und das kann viele Monate umfassen.

    Er ZERBRICHT aber nicht daran. Er ist verwundet, am Boden, auch verzweifelt, gibt seinem Schmerz und allen begleitenden Gefühlen Raum. Er funktioniert nicht gleichbleibend, lakonisch, sondern bleibt bei sich - und zwar auch bei seinem Schmerz, der sein darf.

    Er verliert aber dennoch nicht diesen Funken Zuversicht und das Vertrauen darauf, dass auch wieder hellere Tage kommen. Er ist überzeugt davon, dass es immer etwas gibt, das er selbst tun kann, um beizeiten seine Situation zu verbessern. Er kümmert sich um sich selbst und schafft sich einen Raum, beispielsweise für seine Trauer. Wenn er Hilfe benötigt, fragt es sie nach. Er übernimmt Verantwortung für seine Prozesse, egal ob es dabei um Trauer, Krankheit, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Not, Verluste, Ängste, Naturkatastrophen geht.

    Resilient zu sein heisst eben nicht: sich zusammen zu reissen. Unantastbar zu sein. Durch Krisen zu segeln wie ein Messer durch Butter.

    Es bedeutet meinem Verständnis nach, Krisen zu durchleben und hinter sich lassen zu können unter Einbezug aller Hilfen, die man sich suchen und aus sich selbst heraus generieren kann. Herausforderungen werden erkannt und angenommen, auch in dem Bewusstsein, jederzeit scheitern zu können. Das Scheitern wird nicht als Makel empfunden, sondern als ganz normale Erscheinung des Lebens, die jeden früher oder später trifft, aber kein Grund ist aufzugeben. Stattdessen macht der Resiliente Kassensturz, analysiert, was passiert ist, denkt über alternative Herangehensweisen nach, lernt vielleicht Neues hinzu - und versucht es auf andere Weise noch einmal.

    Er bringt die Bereitschaft mit, aus Krisen zu lernen und diese in diesem Sinne als Herausforderungen zu betrachten.

    Es liegt also kein Widerspruch darin, in die Knie zu gehen und resilient zu sein.

    Ich empfinde mich als resilienten Menschen. Ich habe eine Kindheit überlebt, in der ich negiert, vernachlässigt, terrorisiert und sexuell von meinem Großvater missbraucht wurde, während die Familie, an die ich mich hilfesuchend wandte, wegschaute.

    Der Stress dieser Jahre hat mein Immunsystem ziemlich kollabieren lassen und mir als Teenager eine Autoimmunerkrankung beschert, die mich mit Mitte 20 beinahe das Leben gekostet hätte. Zu diesem Zeitpunkt wog ich bei einer Körperlänge von 1,74 noch 37 kg. Ich konnte nicht arbeiten. Ich konnte mich kaum selbst versorgen. Ich musste das Studium (das ich übrigens selbst finanzierte) abbrechen und meinen Traumberuf beerdigen.

    Ich habe in den Jahren darauf viel Zeit in nackten Krankenhauskorridoren verbracht. Und natürlich gab es weitere Krisen und gibt es sie heute noch immer wieder. Es gab Zeiten, in denen ich nicht einmal Geld für eine Strassenbahnkarte hatte und von Toastbrot mit Margarine und Marmelade lebte.

    Trotzdem bin ich noch da. Ich habe oft am Boden gelegen, aber ich bin immer wieder aufgestanden. Ich habe einen inneren Kompass, der mir in der Kindheit beispielsweise dabei geholfen hat, mir Identifikationsfiguren ausserhalb meiner Familie zu suchen, die mir Orientierung boten. Ich habe die Strategie entwickelt, mich in Bücher zurück zu ziehen, wenn mein reales Leben mal wieder unerträglich wurde. Ich hatte eine beste Freundin, deren Eltern zwar nicht wollten, dass sie mit "so einem" (verwahrlosten) Kind aus sozial / wirtschaftlich nicht besonders betuchtem Hause Kontakt hat - aber das hat uns beide nicht beeinträchtigt. Wir sind noch heute Freundinnen.

    Ich habe in all diesen Krisen nie aufgehört, trotzdem für andere Mitgefühl zu empfinden und ihnen Hilfe anzubieten, wenn ich etwas tun konnte. Als Geschenk habe ich einen sehr wachen Geist auf meinen Weg mitbekommen, der wie ein Schwamm alles mögliche aufsog und durch meine exzessive Leselust viel Futter bekam. Noch heute profitiere ich von dieser sehr breiten Wissensbasis.

    Ich habe nie die innere Überzeugung verloren, dass auch in der finstersten Dunkelheit irgendwo ein Licht brennt, und sei es nur eine winzige Funzel. Mir ist irgendwann klar geworden, dass dieses Licht IN mir ist und ich es deshalb überall mit hinnehmen kann.

    Mit dem Begriff Resilienz bin ich erst viel später konfrontiert worden. Und ja, ich denke, dass ich da so etwas in mir trage. Warum ausgerechnet ich? Woher? Wie? Keine Ahnung. Es ist einfach so.

    Ich engagiere mich trotz mancher Einschränkungen, wie übrigens sehr viele Menschen, für andere, im Ehrenamt und auch beruflich und habe nie die Überzeugung verloren, dass es völlig in Ordnung ist, am Boden zu liegen. Tiefer kann man dann nämlich nicht mehr fallen. Und Boden bietet immer eine Möglichkeit, sich wieder aufzurichten.

    Darüber darf jetzt gern jeder lachen, zynisch kommentieren, mit dem Finger auf mich zeigen. Ich schreibe nur über mich, meine Gedanken, meine Interpretationen und Sichtweisen. Jeder ist frei, das für sich anders zu sehen.

    Aber, frangipani, ich ziehe aus Deinen Zeilen beileibe nicht den Schluss, dass Du NICHT resilient wärest. Krisen, Bodenkontakt, Verzweiflung, Schmerz und Resilienz schliessen sich nicht aus. Sie gehen Hand in Hand.

    Und wie Du schreibst: Wenn jeder SEIN Licht kultiviert und es, so wie er es gerade kann, in eine Gemeinschaft trägt, kann sich etwas verändern und bewegen. Resilient zu sein heisst NICHT, dass man nicht auch auf Gemeinschaft angewiesen wäre - und sei es manchmal auch nur eine fiktive aus Büchern .

  2. Moderation

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    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    Danke, Klara. Auch für deine Offenheit
    "I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves

    Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.

  3. Inaktiver User

    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Für mich: weder noch.

    Resilienz wirkt da am eindrucksvollsten, wo man selbst wenig bis keine Möglichkeiten hat, ein Problem zu lösen und die Situation grundlegend zu verändern. Wie z.B. in der Pandemie - die kann ich nicht persönlich ausrotten.
    Man kann sich in manchen Situationen wehren, oder auch flüchten, das ist auch eine Form der Selbstbehauptung, aber darum. geht es mir jedenfalls weniger, wenn ich an R. denke.

    Die wahre Bedeutung zeigt sich aber - für mich -- an der Stelle, wo man etwas durchstehen, aushalten muss.

    Dann eben mit möglichst wenig leiden. Aber auch ohne zu flüchten oder zu verdrängen, indem man sich quasi tot stellt.

    Dass man dabei noch eine gewisse Souveränität oder nenn es Wurde behält - dass es eben nicht den Kern des Selbst zerstört oder zum schlechten verändert.
    das hast du wunderbar beschrieben. Mir scheint - es gehört auch immer noch etwas dazu.
    Das Quäntchen Glück, und der Glaube daran.

    Mir haben in schweren Lebenssituationen Menschen geholfen von denen ich es nie erwartet hätte.
    Das war dann oft - wenn ich mich geweigert hatte noch mehr zu tun, noch mehr Zugeständnisse zu machen.

    Und im Nachhinein da frech war - wo ich es mir überhaupt nicht hätte erlauben können...
    Nicht wie ein Opfer auftreten - auch wenn man eins ist - immer den Kopf hoch.

  4. Inaktiver User

    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    F
    Dann eben mit möglichst wenig leiden. Aber auch ohne zu flüchten oder zu verdrängen, indem man sich quasi tot stellt.

    Dass man dabei noch eine gewisse Souveränität oder nenn es Wurde behält - dass es eben nicht den Kern des Selbst zerstört oder zum schlechten verändert.
    Und damit sind wir schon wieder wunderbar in der Bewertung. Die einen sind resilient, die anderen flüchten einfach. Flucht ist eine evolutionäre Strategie, da ist nichts Schlechtes dran. Es gibt sogar Länder wie Mauritius, die sinngemäß mit „Flucht vor Corona? Komm zu uns ins Paradies der digitalen Nomaden“ werben.

    „Den Kern des Selbst zum Schlechten verändern“, was meinst du damit?

  5. Inaktiver User

    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    Es ist mühsam, Kara, wenn du überall Bewertung und Abwertung witterst.


    Wenn ich schreibe: "ein Apfel ist keine Birne", dann werte ich doch den Apfel nicht ab sondern versuche mich dem Gegenstand "Birne" durch Abgrenzung zu nähern.
    Beides Obst (=Strategie), weder gut noch schlecht.

    "Den Kern des Selbst zum Schlechten verändern", damit meine ich das manche Menschen in guten Zeiten nette Menschen sein können, aber in einer Krise Seiten und damit Handlungsweisen hervorkommen können, die sie selbst negativ bewerten würden (wenn sie es objektiv betrachten könnten).

    Insofern ist das dann eine Bewertung - die müsste aber jeder für sich selbst machen, sofern er sich dem nicht entzieht.

  6. Moderation

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    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    @Grissom, ich kann leider nicht dein Posting zitieren (technische Gründe), deswegen quote ich dich aus Karas Posting
    probleme die sich von alleine lösen fördern mit sicherheit keine resilienz.
    Ich denke, nichts braucht mehr Resilienz, als Sachen auszuhalten, die man nicht ändern kann, bis sie weggehen. Und das Bewußtsein, das aushalten zu können, gibt einiges an Perspektive und Gelassenheit, die dann bei zukünftigen Ärgernissen und Krisen helfen.

    Eine Zeitmaschine spart einem allerdings das "Aushalten", so daß man danach immer noch nicht weiß, ob man's kann. Schrödingers Resilienz: Erst die Kombi aus Situation und draufgucken sagt, ob sie die ganze Zeit da war.

    Andererseits: Weglaufen, wenn die Hütte brennt, ist eine vernünftige, rationale, und zielführende Handlung. So wie der beste Fallschirm und die beste Unfallversicherung die sind, die man nie braucht, gilt das vermutlich auch für Resilienz. Oder zumindest, wenn man sie für nichts dramatisches braucht als einen verregneten Urlaub oder eine Weisheitszahnextraktion.
    ** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
    ** ansonsten niemand besonderes **

  7. Moderation

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    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Nicht nur für die 16 Mio, das dürften "post Corona" eher deutlich mehr sein. "Solidarität" steht auf meiner Hitliste zum Unwort der Jahre 2020 und 2021 relativ weit oben. Vielleicht gesellt sich 2022 auch noch dazu, mal schauen. Aber das ist off-topic.
    Kara, mir ist nicht ganz klar, ob dich *Wörter* so nerven, oder *Konzepte*, oder ob das Problem ist, daß du in einer Umgebung lebst, wo dir ständig Leute ungefragt gute Ratschläge über Themen geben, die sie nichts angehen, als wenn sie was von deinem Leben wüßten. (Hm, wenn man in der BriCom rumhängt, ist letzteres wohl unvermeidlich...)
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    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    @wildwusel

    jetzt weiss ich nicht, ob ich dich-du mich richtig verstehe/-st, ich meinte wortwörtlich probleme die sich von alleine lösen.

    wenn man bspws jetzt corona nimmt, das zählt da nicht dazu, auch wenn es eines tages, wie auch immer, vorbei sein wird.

    aber definitiv nicht "von alleine"
    Die Gedanken sind frei....

  9. Moderation

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    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    Zitat Zitat von Grissom Beitrag anzeigen
    @wildwusel
    jetzt weiss ich nicht, ob ich dich-du mich richtig verstehe/-st, ich meinte wortwörtlich probleme die sich von alleine lösen.
    Hm, ich sehe Probleme aus Situationen kommen, und Situationen ändern sich. So gesehen lösen sich viele Probleme von alleine. Aber ich gebe zu, die Abgrenzung ist schwierig, denn man hat ja innerhalb der Situation auch Optionen, die zwar das Problem nicht lösen, aber es für einen selber erträglicher machen, oder einem bestenfalls erlauben, sich aus der Situation, die das Problem bereitet, zu entfernen, bevor sich die Situation geändert hat. (Was sich nicht ändert ist, wenn die Entropie zugeschlagen hat. Wenn das Auto kaputt ist, muß man was tun, damit es wieder fährt -- das hört nicht von selber auf.)

    Je mehr ich darüber nachdenke, desto unschärfer wird es.

    (Wenn es regnet, hört es auch irgendwann wieder auf. Vielleicht finde ich vorher eine Gelegenheit, ins Trockene zu kommen. Oder ich kann mich freuen, daß Wasser vom Himmel fällt, auch wenn es mir gerade ungelegen ist. In der ersten Betrachtung löst sich das Problem von alleine, in der zweiten entferne ich mich aus dem Problem -- oder hoffe darauf, es bald tun zu können --, und in der dritten mache ich es mir auch ohne Hoffnung auf Lösung erträglicher.)

    Aber die Abgrenzung ist ganz stark Ansichtssache, da kann man sich bestimmt dran eckig diskutieren, ohne das es viel bringt, deswegen muß ich das jetzt auch nicht weiterverfolgen.
    ** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
    ** ansonsten niemand besonderes **

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    AW: Resilienz - Modewort oder wichtiger denn je?

    Zitat Zitat von wildwusel Beitrag anzeigen
    Hm, ich sehe Probleme aus Situationen kommen, und Situationen ändern sich. So gesehen lösen sich viele Probleme von alleine. Aber ich gebe zu, die Abgrenzung ist schwierig, denn man hat ja innerhalb der Situation auch Optionen, die zwar das Problem nicht lösen, aber es für einen selber erträglicher machen, oder einem bestenfalls erlauben, sich aus der Situation, die das Problem bereitet, zu entfernen, bevor sich die Situation geändert hat. (Was sich nicht ändert ist, wenn die Entropie zugeschlagen hat. Wenn das Auto kaputt ist, muß man was tun, damit es wieder fährt -- das hört nicht von selber auf.)

    Je mehr ich darüber nachdenke, desto unschärfer wird es.

    (Wenn es regnet, hört es auch irgendwann wieder auf. Vielleicht finde ich vorher eine Gelegenheit, ins Trockene zu kommen. Oder ich kann mich freuen, daß Wasser vom Himmel fällt, auch wenn es mir gerade ungelegen ist. In der ersten Betrachtung löst sich das Problem von alleine, in der zweiten entferne ich mich aus dem Problem -- oder hoffe darauf, es bald tun zu können --, und in der dritten mache ich es mir auch ohne Hoffnung auf Lösung erträglicher.)

    Aber die Abgrenzung ist ganz stark Ansichtssache, da kann man sich bestimmt dran eckig diskutieren, ohne das es viel bringt, deswegen muß ich das jetzt auch nicht weiterverfolgen.
    mein anknüpfpunkt war ja auch kara und die zeitmaschine.

    letztenendes gibt es keine folgenlose lösung für egal welches problem.

    hat ja schon einstein erklärt.
    Energieerhaltungssatz – Die absolute Theorie.
    Die Gedanken sind frei....

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