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  1. Avatar von WhiteTara
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Zitat Zitat von likema32 Beitrag anzeigen
    Da mein Vater und meine Mutter aus völlig unterschiedlichen Gegenden kommen, habe ich nie Dialekt gesprochen. Ich kann zwar meinen Heimatdialekt, nutze ihn aber nicht. Viele attestieren mir, dass ich eher hochdeutsch spreche. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das zu einer gewissen Distanz in bestimmten Kreisen führen kann.
    Oh ja, wie man spricht kann durchaus auch Distanz schaffen. Das musste ich selbst bei einem Bewerbungsgespräch erstaunt zur Kenntnis nehmen: Ich bin in einer Region aufgewachsen, wo wenig Dialekt gesprochen wird, entsprechend unterhält man sich im Alltag sozusagen fast ausschließlich in Hochdeutsch. Das war 30 Jahre meines Lebens nie ein Problem für mich - ich hatte ja auch den Vorteil: egal wo in D/A/CH ich unterwegs war -> die anderen Menschen verstanden mich immer! Klar wird dann auch mal geschmunzelt, weil Hochdeutsch als "irgendwie gestelzt" empfunden wird; aber ich hatte es bis dahin nie als negativ empfunden. Bis zu dem Vorstellungsgespräch: Es gab 15 Minuten lang einen durchaus üblichen Austausch von Fragen+Antworten und dann knallte mir die mögliche, zukünftige Chefin an den Kopf "Was wollen Sie eigentlich hier im Süden ???? Mit Ihre hochdeutschen Sprache werden Sie immer als arrogant empfunden werden und damit kommen Sie nie auf grünen Zweig in der Arbeit mit Menschen !" Die Frau selbst hatte zwar eine typisch Klangfärbung der Sprache für diese Region, aber verwendete zumindest mir gegenüber keine typischen Dialekt-Wörter. Ich konnte sie sehr gut verstehen im Gespräch.
    Ich war so perplex, dass jemand mich aufgrund meiner Sprachgewohnheit, die mir über 30 Jahre nie Probleme bereitet hatte, für so ungeeignet hielt, dass gar nicht mehr nach weiteren Tätigkeitserfahrungen etc. gefragt wurde. Das Gespräch war dann abrupt beendet und ich suchte das Weite --> einen Arbeitsplatz im Umgang mit Menschen, wo die Chefin allein ob der Sprache jemanden für ungeeignet hält, wollte ich dann auch nicht haben.
    Das war eine unüberbrückbare Kluft zwischen dieser Frau und mir und die hatte sich abrupt aufgetan, nur weil ich Hochdetusch sprach. Und ich fragte mich erstmal: was habe ich denn ungewöhnliches gesagt, dass es bei ihr so negativ ankam....ich fand mich aber einfach nur "ganz normal", so wie ich eben immer sprach.

    Heute lebe ich seit 16 Jahren hier im Süden und mittlerweile haben sich so einige regionale Worte in meinen Alltagsgebrauch geschlichen und auch die Sprachmelodie/-klang hat etwas abgefährt: Mit dem wunderbaren Erfolg, dass mich nun die Menschen in meinem Heimatort irgendwie schräg angucken, weil ich sooo anderes rede und damit keine mehr von ihnen bin

    Sprachgewohnheiten können da wirklich auch Distanzen schaffen, wo man denkt: Was haben die anderen nur, ich mache doch nichts Seltsames/bin ganz normal.
    Meine Erfahrung: Das braucht einfach Geduld und immer wieder aufmerksam für sich selbst und andere. Immer wieder den Optimismus, auf die anderen zu zu gehen, Kontakte zu ermöglichen, aufgeschlossen bleiben.

    Ich bin hier im Süden auch nach Jahren immer noch die, die manchmal "komisch spricht", weil Hochdeutsch für die Menschen hier eben seltsam klingt; auch wenn man das inzwischen vielleicht nicht mehr so krass empfindet wie früher, weil sich meine Sprache mit der Zeit verändert hat. Die Menschen hier hatten Zeit, mich kennen zu lernen und ich sie und es gibt im Alltag/Job keine Probleme mit dem Kontakt zu den Menschen. Und anders herum haben auch alte Bekannte aus der Heimat gemerkt: Die ist zwar weit weg gezogen und spricht jetzt anders, aber die ist dennoch der witzige Kumpel von früher geblieben
    LG WhiteTara

  2. Avatar von Mediterraneee
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Ich kann das Problem auch nicht so ganz nachvollziehen. Ich komme aus einem Umfeld, das man wohl als untere Mittelschicht bezeichnen würde, studieren war kein Thema, habe ich aber und bewege mich heute beruflich in einem akademischen Umfeld, privat ist es bunt gemischt.

    Jeder hat doch im Alltag verschiedene Rollen, die er ausfüllt und dabei trotzdem er selbst bleibt.
    Ich rede mit den Leuten aus meiner Ursprungsumgebung anders als mit den Menschen, mit denen ich arbeite und wiederum anders mit meinen Freunden und Bekannten. Ich stelle mich auf die unterschiedlichen Kommunikationsformen ein, verbiege mich aber dabei nicht.

    Ich kann mir das Problem nur so erklären, dass man zu diesem Auf-den-anderen-Einstellen vielleicht wenig Talent hat. Das kann man aber doch sicherlich lernen, bspw. durch zuhören und beobachten.
    Hast Du, liebe TE, Dich denn in Deiner Jugend immer nur in derselben sozialen "Schicht" bewegt und nie Kontakte zu Menschen gehabt, die z.B. einen weniger gebildeten Hintergrund haben? Ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen...
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.


  3. Avatar von schafwolle
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Zitat Zitat von Bae Beitrag anzeigen
    Sie ist ein Mensch. Menschen sind soziale Wesen.

    Da müsste man eher erklären, warum es KEIN inneres Anliegen sein sollte.
    Die wenigsten Menschen haben das Bedürfnis, sich jeder (!) Gruppe anschließen
    zu wollen. Man darf dabei durchaus selektiv - im Sinne von für sich selbst als passend
    empfunden - vorgehen.

  4. Avatar von Blila1
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Hm, ich weiß nicht. Ich denke Haltung, Sprache, Stil und dergleichen sind sicher entscheidend, ob man jemanden kennenlernt oder nicht (Automatismen der Burteilung des Gegenübers in der ersten Sekunde).

    Aber...Elternhaus? Job? Bildungsgrad? Das sind - für meine Begriffe jedenfalls - zweitrangige Kriterien, wenn überhaupt.

    .
    Hängt in aller Regel eng zusammen, volkstümlich: Stallgeruch. Daran kann man aktiv nur mit viel Arbeit was ändern. Nach oben schaffen das - abgesehen von Hochstaplern - Menschen i.d.R. nur, wenn ihre Persönlichkeitsentwicklung dem entspricht, von "oben" nach unten sehe ich da auch wenig Veranlassung: Abtrainieren, was du als Umgangsformen verinnerlicht hast? Wäre dann sinnvoll, wenn es nicht "gute", sondern "herrische" sind.
    Wohlfühlen wirst du dich sowieso nur, wenn du deine echten 'peers' findest: Leute, mit denen du auf einer Wellenlänge bist, da spielt dann der soziale background keine Rolle mehr

    Es klingt edel und scheinbar rational, dem keine Bedeutung zu geben, tatsächlich aber leitet es die allermeisten Menschen
    Das ist ein Experiment. Gespannt erwarte ich, was die Autokorrektur aus meinem Text macht

  5. Avatar von Unendlichkeit
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Hm, ich weiß nicht. Ich denke Haltung, Sprache, Stil und dergleichen sind sicher entscheidend, ob man jemanden kennenlernt oder nicht (Automatismen der Burteilung des Gegenübers in der ersten Sekunde).

    Aber...Elternhaus? Job? Bildungsgrad? Das sind - für meine Begriffe jedenfalls - zweitrangige Kriterien, wenn überhaupt.
    Aber diese Dinge hängen doch ganz stark zusammen ...
    "...es gibt höchstens hoffnungslose Menschen, aber nie hoffnungslose Situationen..."
    Sprichwort auf Oxtorne


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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Zitat Zitat von matsuyama Beitrag anzeigen
    Der familiäre Hintergrund ist nicht bekannt, man sieht ihn mir auch keineswegs an, meine Klamotten z.b. sind ( aus Nachhaltigkeitsgründen) alle second-hand. Ich vermute aber, dasss man mir mein "Anderssein" an der Art zu reden anmerkt. Ein Thema in der Ausbildung war mal "Bildungssprache vs Alltagssprache" und eine Mitschülerin meinte (scherzhaft ?) "Bildungssprache ist das was matsuyama grundsätzlich von sich gibt". Außerdem verfüge ich über ein großes Allgemeinwissen.

    Die Ablehnung drückt sich allgemein darin aus, dass wenig Kontaktaustausch stattfindet, wenn ich mich von mir aus um Kontaktaufnahme bemühe, wird knapp geantwortet und sich dann wieder anderen Leuten zugewendet. Bei Gruppenarbeiten war ich auch nie 1. Wahl.

    Es ist ein Grundbedürfnis, dazugehören zu wollen und nicht ausgeschlossen zu sein. Daher finde ich es völlig verständlich, dass Du Dir Gedanken machst.

    Könnte es sein, dass Du Dich einfach gewählt ausdrückst (etwas, das ich sehr schön finde)? Vielleicht kommt das damit zusammen, dass Du unsicher bist und das Ergebnis ist, dass Du "gestelzt" wirkst.

  7. Avatar von Rowellan
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Ich kann mich an eine Situation aus meiner Teeniezeit erinnern. Ich war damals relativ aktiv in einer Jugendgruppe unserer Gemeinde, so eine Art regelmäßiger Treff zum zusammen Abhängen. Aus irgendwelchen Gründen war ich damals in unserem Viertel die Einzige, die tatsächlich aufs Gymnasium ging, meine Eltern hatten mich (obwohl selbst mit Dialekt unterwegs) sehr hochdeutsch erzogen und ja, ich wurde vielleicht nicht direkt abgelehnt, aber war schon eher am Rande der Gruppe unterwegs.
    Irgendwann sagte mir mal ein anderer Jugendlicher sinngemäß "mit dir kann man sich wenigstens unterhalten, du redest nicht so hochgestochen wie andere Gymnasiasten".

    Also Bestätigung für: Sprache macht extrem viel aus.
    *lost in the woods*

  8. Avatar von Para_plumeau
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Zitat Zitat von Rowellan Beitrag anzeigen

    Also Bestätigung für: Sprache macht extrem viel aus.
    Ich komme aus einem Milieu, in dem bereits der halbwegs souveräne Gebrauch des Genitivs ausgesprochen auffällig wirkt und erfahre häufig Kopfschütteln, wenn ich sage, dass ich seit der Geburt Berlinerin bin.
    Mein proletarisches aber bildungshungriges Elternhaus hat allerdings immer konsequent auf Hochdeutsch bestanden.

    Ab und zu befleißige ich mich bewusst, aber mit einem Lächeln eines gestelzten Wortgebrauchs und ernte häufig auch Lächeln.
    Ein Kluger merkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung. Heinrich Heine

  9. Avatar von guerteltier
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Zitat Zitat von Mediterraneee Beitrag anzeigen
    Hast Du, liebe TE, Dich denn in Deiner Jugend immer nur in derselben sozialen "Schicht" bewegt und nie Kontakte zu Menschen gehabt, die z.B. einen weniger gebildeten Hintergrund haben? Ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen...
    Das fände ich tatsächlich nicht ungewöhnlich? Als Kind und Jugendliche rekrutierte sich mein Freundeskreis größtenteils aus der Schule, evtl. noch aus Kindern von Freunden/Bekannten meiner Eltern - und da waren realistischerweise nicht alle Schichten vertreten, obwohl ich tatsächlich auf einer sehr divers zusammengesetzten Schule war.

    Ich denke schon auch dass man sich auf verschiedene Menschen einstellen kann, ob man sich aber in einem bestimmten Umfeld wohlfühlt und ob die Leute einen wirklich akzeptieren kann man nicht hundertprozentig beeinflussen. Manchmal passt es schlicht und einfach nicht.

  10. Avatar von Mediterraneee
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    AW: soziale Moblität nach unten - wie geht's euch damit

    Zitat Zitat von guerteltier Beitrag anzeigen
    Das fände ich tatsächlich nicht ungewöhnlich?
    Aber wo gibt es das denn heutzutage? Auf dem Gymnasium findet man Schüler aus allen Gesellschaftsschichten, im Studium auch, Bildung ist keine Angelegenheit für "höhere Töchter" mehr. Nachbarschaft ist auch selten strikt getrennt, die wenigsten wohnen in reinen Villenvierteln. Das durchmischt sich doch alles.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.


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