Irgendwie finde ich mich in den Strängen über dieses Thema immer wieder, aber als ich aufgrund dieses Stranges Herrn S. fragte, ob ich introvertiert bin, antwortete er ohne zu zögern: “Nein, ich bin introvertiert.“ Ich bin mir nicht sicher, wo ich mich einordnen soll. Ich glaube, vom Wesen her bin ich extrovertiert und komme auch bei Begegnungen so rüber. Ich lebe allerdings mega zurückgezogen. Das ist im Laufe der Jahre immer stärker geworden.
Unternehmungen, Zusammensein mit Menschen, lange Telefongespräche, Aufregungen (auch positiver Art): strengt mich alles enorm an und am Ende bin ich entweder innerlich total aufgedreht und brauche ewig lange, bis ich wieder halbwegs zur inneren Ruhe komme, oder ich fühle mich erschöpft und ausgebrannt.
Ob man es eine krankhafte Störung nennen kann, weiß ich nicht, aber ich kann schlecht zu viele Reize verarbeiten. Und es fühlt sich an, als ob alle Reize gleichermaßen intensiv und direkt sind. Ich bin sehr geräuschempfindlich und ganz schlecht im Filtern oder gar Ausblenden. Ich konnte schon früher beim Schularbeiten machen keine Musik hören wie die anderen. Ganz schlimm ist es bei Musik, die mir nicht gefällt. Die erlebe ich fast als Folter. Mich macht es dann immer ganz fertig, wenn andere sagen: “Ich höre das gar nicht.“
Das kommt noch dazu: ich gewöhne mich auch nicht (kaum) an Reize, Geräusche, Stresssituationen, so dass keine, in diesem Fall positive, Abstumpfung aufgrund von Wiederholung und Routine eintritt. Es erscheint mir immer alles gleich schlimm und stressig. Ganz schwaches Nervenkostüm also.
Als Kind hatte ich bis zur Pubertät azetonämisches Erbrechen, mit Mitte zwanzig habe ich eine Migräne entwickelt, die im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden ist. Was da wovon kommt? Ich fühle mich jedenfalls oft ziemlich montagsmodellmäßig, da ich nicht gut angepasst bin an die Umwelt. So habe ich mich immer mehr zurückgezogen, um irgendwie diese Adrenalin- und Cortisolschübe zu verringern. Glücklicherweise kann ich gut allein sein und mir gefällt dieses ruhige, langweilige, selbst bestimmte, wohl dosierte Leben, das viele wahrscheinlich als pure Ödnis empfinden würden.
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15.01.2020, 11:40Inaktiver User
AW: Erfahrungsaustausch für Introvertierte
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15.01.2020, 12:21Inaktiver User
AW: Erfahrungsaustausch für Introvertierte
Geht mir in fast allem, was Du in Deinem gesamten Posting schreibst, ähnlich. Das hat vermutlich was mit Hochsensibilität zu tun. Meines Wissens gibt es Theorien, nach denen die Verarbeitung von Reizen bei manchen Menschen anders funktioniert, aber ich weiß nicht, ob das noch Stand der Wissenschaft ist.
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15.01.2020, 12:34
AW: Erfahrungsaustausch für Introvertierte
Mir hilft der Strang grade dabei, gnädiger mit mir selbst zu sein in bezug auf die tatsache, dass ich abends nie weggehen will und am WE auch nur weniger termine vertrage. Das komische ist, dass das früher ganz anders war: da wollte ich abends immer weg, habe stets Verabredungen gesucht, fühlte mich alleine zu Hause einsam, aber da war ich eben auch noch alleine zu Hause. heute gehts mir wie Minstrel: die Kinder und der Job reichen, um meine Kommunikationsenergie aufzufressen.
Ich glaube, ich hätte Hort oder ganztagsschule auch nicht schlimm gefunden, habe mich als Kind zu Hause oft gelangweilt. Meine Tochter geht bis 15:30h in der Hort und braucht danach definitiv ihre Zeit alleine. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass der Hort sie stresst....sie ist am WE deutlich unausgeglichener. Vom Typ her kommt sie nach mir.
gestern hatte ich wieder mal so nen Tag (kommt aber selten vor), wo ich 8h mit Kollegen im Raum saß und viel reden musste. Ich musste mir sogar meine Mittagspause erkämpfen
Abends war ich soo platt. Doch, mich strengen Menschen insgesamt an und es ist nicht nur so, dass ich durch Ruhe Energie tanke, ich verliere auch viel Energie durch zu viele Menschen/zu viel Kommunikation.
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15.01.2020, 12:57Inaktiver User
AW: Erfahrungsaustausch für Introvertierte
Ich befürchte auch. Befürchten deshalb, weil ich nicht sicher bin, ob ich gern dieses Label haben möchte. Hochsensible werden nach meinem Empfinden fast immer aus dem Negativen gesehen, also als überempfindlich = lästig, anstrengend, bitten um erhöhte Rücksichtnahme, wodurch sie andere in ihrer Lebensfreude einschränken und kommen sich dabei auch noch toll und besonders vor.
Auch ein Grund, warum ich mich von vielem fernhalte. Niemand braucht Rücksicht zu nehmen und umgekehrt. Das finde ich befreiend. Ich will auch gar keine Extrawurst. Wenn alle oder die meisten Menschen das Leben schön finden, wenn es laut, bunt, trubelig, abwechslungsreich, voll ist, wer bin ich dann, ihnen das absprechen oder nehmen zu wollen. Das meine ich nicht mit einem beleidigten, verächtlichen oder feindseligem Unterton, sondern eher pragmatisch und logisch. Ich will nicht der Bremsklotz oder Spielverderber sein.
Bei mir geht es sogar so weit, dass ich denke, ich habe insgesamt nicht viel Energie und muss gut damit haushalten.
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15.01.2020, 13:27
AW: Erfahrungsaustausch für Introvertierte
Dieser Strang ist wirklich klasse! Danke Euch allen für den guten Austausch.
Das ist schon lustig, so 1-2 Mal im Jahr finde ich sowas auch nett - und jetzt, wo Du es schriebst, fiel mir auch genau das mit der Anonymität der Masse ins Auge. Ich bin mal in München zufällig in die CSD-Parade geraten und fand das richtig klasse, obwohl ich da sicher nicht planmäßig hingegangen wäre. Aber da musste ich ja auch nur zugucken, lachen und die Stimmung genießen und konnte dann wieder meiner Wege gehen
HA - endlich mal jemand, dem's genauso geht. Das stresst mich regelrecht.mag nirgends "fremd" anrufen
Das kenne ich auch, ich bin einfach kein Dauerherdentier. Kindergarten ging, da konnte man sich bei uns auch mal gemütlich in die Leseecke verkrümeln (ich konnte schon sehr früh lesen), aber ich erinnere mich an eine Kinderfaschingsparty in irgendeinem Sportheim, auf der sich alle bei lauter Musik und Zündplättchenpistolengeknalle bestens amüsiert haben. Außer mir.
Leerlaufzeiten vorm Nachmittagsunterricht habe ich meistens irgendwo "verlesen", auch wenn ich natürlich eigentlich lieber zu Hause auf meinem Lesesessel gewesen wäre. Zwangsbespaßung hätte mich angekotzt.
Wenn ich Deine Schilderungen so lese, bist Du deutlich mehr intro als extro
Ich finde mich übrigens in vielem, was Du schreibst, wieder. Auch darin, dass der Mann noch introvertierter ist 
Auch das ist ziemlich typisch für Intros. Reizempfindlichkeit geht oft mit Introversion einher (beschreibt Susan Cain auch in "Still").Ob man es eine krankhafte Störung nennen kann, weiß ich nicht, aber ich kann schlecht zu viele Reize verarbeiten. Und es fühlt sich an, als ob alle Reize gleichermaßen intensiv und direkt sind. Ich bin sehr geräuschempfindlich und ganz schlecht im Filtern oder gar Ausblenden.
Gaaaah, JA! Da kommen wohl Introversion und ein ausgeprägter Musikgeschmack in unpraktischer Weise zusammen. Lieber höre ich gar keine Musik als miese!Ganz schlimm ist es bei Musik, die mir nicht gefällt. Die erlebe ich fast als Folter. Mich macht es dann immer ganz fertig, wenn andere sagen: “Ich höre das gar nicht.“
Migräne habe ich auch, zum Glück nicht allzu häufig. Wäre mal interessant zu wissen, ob da ein Zusammenhang besteht. Ich würde drauf wetten, dass dem so ist ... zumindest habe ich bei mir den Eindruck, dass die Migräne mir anzeigt, dass irgendwo was zuviel oder zuwenig ist (Stress, Trinkverhalten, Hitze, Anstrengung ...)Als Kind hatte ich bis zur Pubertät azetonämisches Erbrechen, mit Mitte zwanzig habe ich eine Migräne entwickelt, die im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden ist.
Sehr schön gesagt. Sicherlich gibt es manchmal blöde Leute, die mit einem (falsch verstanden) Hochsensibel-Etikett kokettieren, aber wenn man wirklich in manchen Dingen sehr empfindlich ist, macht das echt keinen Spaß und man würde es sich definitiv anders wünschen.
Mich nervt es auch häufig, dass ich so stark auf Umwelteinflüsse reagiere (starke Zugluft oder, ganz schrecklich, Klimaanlagen -> heftige Verspannungen, Kopfschmerzen, schlimmstenfalls Migräne; Hitze -> Migräne und Schlappheit; Lärm -> extreme Genervt- und Gereiztheit) und relativ schnell ein Gefühl des "system overload" kriege. Ganz schlimm sind auch optische Reize - direkte Sonneneinstrahlung, Blendwirkung oder, richtig fürchterlich, irgendwelche Flimmer- oder Blinkeffekte. Dieses krass zuckende Discolicht kann ich überhaupt nicht haben, da muss ich die Augen schließen, sonst wird mir schlecht.
Geht mir ähnlich. Nervt, ich frage mich auch oft, wieso ich schon mit Job und Haushalt manchmal an die Grenzen komme, während andere fünf Kinder, anstrengende Hobbys oder pflegebedürftige Angehörige haben (oder alles zusammen), aber ich kann mittlerweile meistens ganz gut akzeptieren, dass ich halt so und nicht anders bin und versuche entsprechend zu handeln und mir die vorhandene Energie vernünftig einzuteilen.Bei mir geht es sogar so weit, dass ich denke, ich habe insgesamt nicht viel Energie und muss gut damit haushalten.
@ThirdThought: die Klo-Szene hat sich mir so eingeprägt, weil ich gerade die so bezeichnend und auch beruhigend fand und sooo gut verstehen konnte!May you be surrounded by friends and family,
and if this is not your lot, may the blessings find you in your solitude.
Leonard Cohen
Entweder man lebt, oder man ist konsequent.
Erich Kästner
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15.01.2020, 13:39Inaktiver User
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15.01.2020, 13:57Inaktiver User
AW: Erfahrungsaustausch für Introvertierte
Du hast mir gerade ein Aha-Erlebnis beschert.
Ich habe über die körperlichen Aspekte bisher noch nicht so viel nachgedacht, aber tatsächlich hatte ich als Kind selten Spaß bei irgendwelchen Gruppenaktivitäten, zum einen weil die anderen, wie oben mehrfach beschrieben, immer lauter und raubeiniger spielen als ich. Zum anderen aber auch, weil ich eben auch körperlich empfindlich war und sich immer irgendwas falsch anfühlte - ich war geblendet, ich hatte Heuschnupfen, ich hatte mir eine Blase gelaufen, der Wind war zu heftig, die Wellen zu hoch - system overload.
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15.01.2020, 14:05
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15.01.2020, 15:01
AW: Erfahrungsaustausch für Introvertierte
@saruma: ja das nennt sich Hochsensibilität-bin ich auch. Ich kann reize schlecht filtern und bin geräusch, licht- und geruchsempfindlich...sowie Empath. Du bist vermutlich wie ich ambivertiert. Das schrieb ich bereits in einem Beitrag, dass es bei mir so ist, dass ich offen und kommunikativ bin-andererseits aber auch oft Ruhe brauche. Daher ziehe ich mich oft zurück, wenn ich merke, es wird zu viel. Ich gehe auch mittags alleine in die Pause und hasse es auch umgeben von Kollegen zu sein.
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15.01.2020, 15:47Inaktiver User


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