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    AW: Wie man gut altert

    Habe gerade ein Buch gelesen, das mich zum Thema Alter doch sehr berührt hat.
    Anne Griffin - Ein Leben und eine Nacht. Ein 84jähriger Mann sitzt an einer Hotelbar und erzählt von seinem Leben. Fünf Mal erhebt er sein Glas auf die wichtigsten fünf Menschen seines Lebens.
    Im letzten Kapitel erzählt er von seiner geliebten Frau Sadie, sie ist bereits verstorben, und er vermisst sie, ist zu Tode einsam ohne sie, seine Sehnsucht nach ihr ist ungebrochen.




    Aber heute geht es darum, Wiedergutmachung zu leisten für die vielen Male, die ich nach diesem großartigen Anfang das Lächeln vom wunderschönen Gesicht deiner Mutter gestohlen habe; für all die Dinge, die ich nie getan habe oder nur halb getan habe, und für die vielen Versprechen, die ich gegeben und gebrochen habe (S. 270). [...]

    In all unseren Jahren habe ich nie aufgehört, sie zu wollen. Niemals. Nicht für einen Augenblick. Nicht für eine Sekunde. Ich sah zu, wie ihre Haut die Jahre überdauerte, weicher wurde, sich in Falten legte. Ich berührte sie oft, liebte immer noch hoffnungslos jedes bisschen an ihr, jede Falte, die sie zeichnete, jeden neuen Fleck, der kam, um zu bleiben. Wir hatten unsere schweren Zeiten wie alle Paare, aber in all den Jahren habe ich nie eine andere angeschaut. Nie eine andere begehrt.
    Meine Hände beginnen zu zittern, wenn ich über all das nachdenke, mein Junge. Kann ich sagen, Hand aufs Herz, dass ich für sie mein Bestes getan habe?

    "Maurice Muffelkopf", nannte sie mich immer in späteren Jahren. Aber die schreckliche Wahrheit ist, ohne sie wäre ich noch tausendmal schlimmer gewesen. Ich konnte es beinahe spüren, wenn ich durch die Tür kam wie mein Panzer abfiel, während sie meinen Mantel nahm oder mich auf die Wange küsste oder ihre Hand auf meinen Rücken legte, während sie mir mein Abendbrot hinstellte. Himmel noch mal, mein Junge, ich hätte ihr jeden verdammten Tag sagen müssen, was für ein Wunder sie war (S. 277).


    Irgendwie fand ich das auch passend für diesen Strang.
    Be a voice not an echo.

  2. VIP

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    AW: Wie man gut altert

    Sehr schön, die Passage. Danke!

    Ich hätte es mir mit meinem Lebensmenschen so vorgestellt.
    Thank you for observing all safety precautions.

    (aus Dark Star von John Carpenter)


    Moderation in den Foren Diagnose Krebs, Depressionen, Umgangsformen und Rund ums Tier,
    sonst normale Userin

  3. Inaktiver User

    AW: Wie man gut altert

    Zitat Zitat von katelbach Beitrag anzeigen
    Ich hatte in den letzten Jahre ein bisschen "Fortbildung" bezüglich der 68er. Ein paar Vorträge damaliger Ideologen.

    Erotik war damals wohl nicht das Thema. Eher die freie Verfügbarkeit von (beiläufigem) Sex und zwar in Form freier Verfügbarkeit von Frauen. (Männer sollen übrigens auch in den heute idealisierten Kommunen als recht besitzergreifend und eifersüchtig gezeigt haben). Mit freier "Liebe" soll nicht viel los gewesen sein.
    Für die echten 68er bin ich etwas zu spät geboren, aber Jung-68er gehörten schon noch zu den ersten Sexualpartnern. Ich muss sagen, dass ich diese Nach-68er Zeit für uns Mädchen und junge Frauen als großartig kennengelernt habe, aber vielleicht sagen das auch alle Frauen über ihre Jugendzeit.

    Wir waren sehr selbstbewusst damals, wir haben unsere weiblichen Attribute ausgespielt und entschieden mit wem, wann, wie wir Sex haben wollten. Das war sicher eine Folge der sexuellen Befreiung in den 60er-Jahren und der Verfügbarkeit der Pille. Erotik war kein Thema, es ging ums Er- und Ausleben spontaner Lust. Und männliche "Idioten" (damalige Einstufung, heute denke ich weniger in solchen Kategorien), die meinten, Frauen, die Sex mit vielen Männern haben, verbrauchen sich irgendwie, bekamen scharfen Gegenwind und konnten uns Mädchen und Frauen sowieso gestohlen bleiben.

    Für mich ist diese Einstellung mein ganzes Leben so geblieben, auch wenn ich beständiger wurde und irgendwann bei einem Mann ganz lange "hängen" geblieben bin. Da spielte neben allem Möglichen auch gute Sexualität und die Vatertauglichkeit unbewusst und bewusst mit rein. Mit inszenierter Erotik kann ich bis heute sehr wenig bis gar nichts anfangen, da werde ich schnell süffisant und spöttisch, was natürlich total abträglich ist.
    Und was ich aus dieser Zeit auch mitgenommen habe, ist dass es beim sexuellen Erleben nicht um äußerliche Schönheit geht. Wir waren halt damals auch alle sehr "naturbelassen", das war durchaus ein Ideal.
    Ich denke, diese Prägung aus der Jugend trägt mich auch im Alter. Und ich kann mich mit Frauen und Männern meiner Generation und aus vergleichbarem Umfeld (eben Nicht-"Idioten" aus damaliger Sicht) sehr gut über den Umgang mit Sexualität verständigen, da gibt es schon eine übereinstimmende Grundeinstellung. Als ich mit Anfang 50 nochmal ganz frei unterwegs war, habe ich das immer wieder festgestellt.
    Ich denke, diese Gruppe hat gute Voraussetzungen, um in sexueller Hinsicht gut zu altern.

  4. Inaktiver User

    AW: Wie man gut altert

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Und was ich aus dieser Zeit auch mitgenommen habe, ist dass es beim sexuellen Erleben nicht um äußerliche Schönheit geht.


    Ja, das finde ich auch.
    Aber es ist keine Entdeckung der 68er, würde ich sagen.

  5. Inaktiver User

    AW: Wie man gut altert

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Sexualität im Alter ist zwar kein Tabuthema mehr, aber es wird doch zu wenig thematisiert.

    Vielleicht wird sich das langsam ändern.
    Bald sind die 68er an der Reihe..
    Vielleicht ändert sich dadurch auch was..


    allerdings, die leute, die 68 in den zwanzigern waren, die sind heute 70 plus. da brauchen wir nicht mehr groß warten, fürchte ich, da müssen wir wohl selber ran

  6. Inaktiver User

    AW: Wie man gut altert

    Wir waren sehr selbstbewusst damals, wir haben unsere weiblichen Attribute ausgespielt und entschieden mit wem, wann, wie wir Sex haben wollten. Das war sicher eine Folge der sexuellen Befreiung in den 60er-Jahren und der Verfügbarkeit der Pille. Erotik war kein Thema, es ging ums Er- und Ausleben spontaner Lust.
    Genauso ging es mir auch.
    Wir waren halt damals auch alle sehr "naturbelassen", das war durchaus ein Ideal.
    Ich habe mir tatsächlich erst mit über 50 erstmals Achseln und Beine rasiert.
    Ich denke, diese Prägung aus der Jugend trägt mich auch im Alter.
    Auch das kann ich nur unterschreiben, allerdings hat mittlerweile auch die Erotik einen Stellenraum in meinem Sexualleben gefunden.
    Insgesamt, liebe Lea, hast du diese Zeit wunderbar beschrieben .

  7. Inaktiver User

    AW: Wie man gut altert

    Zitat Zitat von katelbach Beitrag anzeigen
    Role models für ältere Frauen in Bezug auf Sexualität und/oder Erotik fallen mir jetzt nicht ein. Weder in der Kunst, noch im Alltag, noch in der Werbung. Also eigenständige role models
    Vermisst du das? Brauchen ältere Frauen Vorbilder? Was würde sich ändern, wenn es solche Vorbilder gäbe?

  8. Inaktiver User

    AW: Wie man gut altert

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Brauchen ältere Frauen Vorbilder? Was würde sich ändern, wenn es solche Vorbilder gäbe?
    ich finde es anregend.

    ich bin nicht so autark. ich leb ja auch nicht auf einer insel. ich brauche es für meine identitätsbildung. ob jetzt erotisch oder beruflich oder sonstwie, ich finde es immer interessant und anregend, wie sich andere leute stylen, was für typen es gibt. ich sehe oft besser an anderen, wie kleidungsstücke wirken, als nur am mir selbst.

    das ist natürlich nicht alles! aber für mich doch sehr bereichernd.

    und ich finde es schade, dass das im alter so viel weniger wird.
    als hätten ältere frauen keine erotik mehr.

  9. Inaktiver User

    AW: Wie man gut altert

    Zitat Zitat von katelbach Beitrag anzeigen
    Sex ist was recht vielschichtiges, finde ich. Sex muss weder einen Organsmus zum Ziel haben, noch ist Sex unbedingt genital fixert. Das wäre doch arg maschinstisch.
    Das meine ich gar nicht, sondern dass Nähe nicht mit Sex verbunden sein muss

  10. Inaktiver User

    AW: Wie man gut altert

    Zitat Zitat von katelbach Beitrag anzeigen
    Es gibt Menschen, deren "Trieb" im späteren Leben stark nachlässt oder verschwindet - die Hormonabhängigkeit wird noch diskutiert. Die haben aber vielleicht trotzdem Sex oder Körperlichkeit in irgendeiner Form, auch wenn ihr Interesse an den genitalen Varianten nicht mehr exstiert. Wäre doch vorstellbar.
    Natürlich wäre das vorstellbar. Ebenso wie die Möglichkeit, dass ihnen der Sex überhaupt nicht fehlt

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