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    Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    Hallo ihr Lieben!

    Ich habe mich dazu entschlossen, einen Thread zu verfassen, da ich einfach nicht mehr weiter weiß.
    Vor gut einem Jahr ist mir klar geworden, dass ich meine Traurigkeit nur begrenzt (er-)lebe und wenn, dann in "offensichtlich" traurigen Momenten, wie einem bewegenden Ereignis oder einem traurigen Film.
    Nun wird es mir selber zu mühsam, denn ich merke, dass ich, obwohl ich seit 2 Jahren alleine bin (und das EIGENTLICH zufrieden), mir ständig jemanden suche, für den ich schwärmen kann - unglücklich, wohlgemerkt. Soll heißen: An der Uni wars mal ein Kommilitone, mal ein Professor, dann wieder ein anderer Kommilitone... Jetzt ist es jemand von der Arbeit, nachdem eine kurze und recht dramatische Romanze mit einem anderen zu Ende ging.
    Es gibt eigentlich keine Woche seit diesen 2 Jahren, in denen ich nicht irgendeinen Mann im Hinterkopf hatte und traurig war. Und, wie gesagt, langsam wird es mir zu mühsam. Ich weiß, dass mich die meisten gar nicht wirklich interessieren. Die meisten dieser Männer wären mir ohnehin auf der Straße nicht aufgefallen oder ich hätte sie kurz angeschaut und mich dann wieder abgewendet.
    Ich weiß ebenfalls, dass das an der Beziehung zu meinem Vater liegt. Ihn verbinde ich sehr stark mit Traurigkeit, Wut, Angst... Kurz: Wir hatten keine gute Beziehung. Es wurde erst dieses Jahr wesentlich besser. Zudem fehlt mir die Fähigkeit, einfach zufrieden und entspannt zu sein. Ständig muss ich etwas machen oder es muss Drama herrschen - nur in meinem Kopf, aber trotzdem.

    Da ich derzeit aber auf der Arbeit sehr viel Stress habe und froh bin, wenn ich nach Hause komme, versuche ich es mal auf diesem Weg, "Erleuchtung" zu erhalten.
    Ich suche im Grunde hier jemanden - oder mehrere - die dieses Phänomen kennen. Dass sie quasi nur einen "Platzhalter" haben, weil man sich mit dem tatsächlichen Gefühl dahinter nicht auseinandersetzen möchte. Bewusst oder unbewusst. Vielleicht kann es auch jemand besser benennen als ich.
    Ich möchte gerne wissen, wie ich mich besser spüren lerne und mich nicht immer wieder in einen Mann vergucke, der mir nicht mal zusagt bzw. den ich nicht mal kenne. Denn mein Arbeitskollege gefällt mir zwar, allerdings hat er mich EIGENTLICH nicht so von den Socken gerissen und es nervt mich, dass ich ständig an ihn denke, wo ich ihn doch gar nicht kenne.

    Ich hoffe, ich konnte mich halbwegs verständlich ausdrücken

    Danke im Voraus!

  2. Avatar von NicNacNoc
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    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    Hallo Wissbegier,

    du hast doch schon einen wichtigen Schritt getan: du hast erkannt, dass deinen (Semi-)Verliebtheit ein Platzhalter ist. Meiner Meinung nach ist Verdrängung zunächst einmal nichts Schlimmes, sondern eine wichtige seelische Funktion, um sich vor Überforderung zu schützen. Vielleicht ist es (noch) zu schmerzhaft, sich mit den dahinter stehenden Gefühlen auseinander zu setzen? Schwierig wird es erst dann, wenn man die Verdrängung krampfhaft aufrecht erhält, weil man sich nicht mit dem Unangenehmen auseinander setzen will. So wirkst du aber gerade nicht, du möchtest ja eine Veränderung.

    So sehr lösungsorientierte Vorgehensweisen ihre Berechtigung haben, so wichtig ist es auch, den IST-Zustand erst einmal anzusehen und so, wie er ist, anzuerkennen. Möglicherweise ist jetzt noch nicht die Zeit, zu einem anderen Umgang mit deiner Traurigkeit zu kommen. Möglicherweise ist jetzt "erst" die Zeit, sie sich anzuschauen. Es scheinen ja zwei Themen zu sein, die da eine Rolle spielen: die Traurigkeit um das schlechte Verhältnis zu deinem Vater und die Traurigkeit darum, keinen passenden Partner an deiner Seite zu haben. Beides ist sehr verständlich. Vielleicht durchbrichst du einfach mal dein ganz persönliches "Drama-Kino", in dem du einfach mal anerkennst, dass diese Traurigkeit da ist und ihre Berechtigung hat.

    Ob diese Idee stimmt, weiß ich nicht, ich schreibe sie einfach mal, weil sie mir beim Lesen deines Posts durch den Kopf schoss: Willst du möglicherweise mit einer (wie auch immer zu erlernenden) Zufriedenheit deine Traurigkeit kontrollieren? Das Drama ersetzen durch eine Zufriedenheit? Der Ansatz ist ja nicht verkehrt, gelassen mit dem umzugehen, was wir nicht ändern können. Aber willst du dir mit dem Wechsel von Drama zu Zufriedenheit die Auseinandersetzung mit den negativen Gefühlen, mit der Traurigkeit "ersparen"? Du schreibst ja selbst, dass du sie nur in bestimmten Momenten zulässt.

    Kannst du sie einfach mal zulassen?
    Ich meine nicht, dass du dich von ihr beherrschen lassen sollst. Man kann traurig sein und trotzdem seinen Alltag regeln.

    Vielleicht kennst du das Gedicht von Rilke:


    Über die Geduld


    Man muss den Dingen
    die eigene, stille
    ungestörte Entwicklung lassen,
    die tief von innen kommt
    und durch nichts gedrängt
    oder beschleunigt werden kann,
    alles ist austragen – und
    dann gebären...

    Reifen wie der Baum,
    der seine Säfte nicht drängt
    und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
    ohne Angst,
    dass dahinter kein Sommer
    kommen könnte.

    Er kommt doch!

    Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
    die da sind, als ob die Ewigkeit
    vor ihnen läge,
    so sorglos, still und weit...

    Man muss Geduld haben

    Mit dem Ungelösten im Herzen,
    und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,

    wie verschlossene Stuben,
    und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
    geschrieben sind.

    Es handelt sich darum, alles zu leben.
    Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
    ohne es zu merken,
    eines fremden Tages
    in die Antworten hinein.


    (Rainer Maria Rilke)

    Mir geben diese Worte immer mal wieder die innere Ruhe, Antworten und Lösungen nicht herbei zwingen zu wollen, sondern einfach mal zu akzeptieren, was ist.

    Alles Gute für dich!
    Man kann sein Innerstes nicht verfälschen. Die Wahrheit, die dort wohnt, wird sich letzten Endes durchsetzen. Sie ist ein Gott, dem wir gehorchen müssen, eine Kraft, die uns alle unweigerlich in die Knie zwingt.
    - Cheryl Strayed -


  3. Registriert seit
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    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    Hallo wissbegier,

    ja ich kenne das. Sehr einsam und entwurzelt auf meinem Lebensweg bin auch ich ein Schwärmer. Kannst Du dem irgendwie Raum geben? Gibt es ein Musikstück, das dazu passt? Ein Buch, ein Gedicht, ein Gebet?

    Alles Liebe und Gute für Dich
    neustart


  4. Registriert seit
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    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    @NicNacNoc: wunderschön. Danke für das Gedicht.


  5. Registriert seit
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    27

    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    Hallo Wissbegier,

    hast du es schonmal mit Meditation versucht? Um den Geist zu schärfen und klarheit zu bekommen. Ich denke das dir dies helfen könnte. Hast du das mit deinem Dad schon komplett aufgearbeitet? Wäre natürlich auch noch ein Ansatz...
    Mit dem "Alleinsein" an sich hast du keine Probleme?

    Grüße
    Melanie

  6. Avatar von Assunta
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    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    Danke für das Gedicht NicNacNoc! Kannte ich noch nicht. Wunderschön.
    Alle wollen nur mein Bestes. Aber ich geb's nicht her.

  7. Avatar von linsemo
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    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    @ Wissbegier, ich glaube ich kann das nachvollziehen was du beschreibst, bei war es nur noch schlimmer. Ich mußte alle Gefühle verdrängen um zu überleben. Meine Mutter war depressiv, mein Vater kaum anwesend. Ich habe mich vorzugsweise immer kurz vor Weihnachten in Männer verliebt, bei denen ich wußte, es würde sowieso nichts werden. Vorgesetzter, verheiratet und sie interessierten mich überhaupt nicht, aber dieses Verliebtheitsgefühl brauchte ich wohl, um die Trauer, Wut und andere Gefühle nicht zu erleben.1986 ist meine Mutter gestorben und seitdem bin ich Weihnachten immer alleine und das war für mich eine unerträgliche Vorstellung, es mußte etwas Verliebtheit her.

    Ich bin mit Vinyasa-Yoga aus diesen Erleben rausgekommen und mit Metta-Meditationen und kann heute alle Gefühle erleben, die der Mensch erlebt. Ich bin so froh, daß mir diese Form von Yoga begegnet ist, das ist das Beste was mir je passiert ist.
    Und immer wenn wir lachen, stirbt irgendwo ein Problem.
    Dornröschen hätte gar keinen Prinzen gebraucht, nur einen starken Kaffee
    Du bist der beste Beweis, daß Intelligenz und Schönheit in einem Körper Platz haben :-)
    Ich bin heute so blöd, ich könnte Amerika regieren.
    Oma ist so dick, weil sie so voller Liebe steckt.
    Geändert von linsemo (16.10.2018 um 18:06 Uhr)

  8. Avatar von NicNacNoc
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    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    Zitat Zitat von neustart_jetzt Beitrag anzeigen
    @NicNacNoc: wunderschön. Danke für das Gedicht.
    Zitat Zitat von Assunta Beitrag anzeigen
    Danke für das Gedicht NicNacNoc! Kannte ich noch nicht. Wunderschön.
    Gerne.
    Ich mag es auch sehr und manchmal bremst es meine durchaus ausgeprägte Ungeduld, in unterschiedlicher Hinsicht.

    @linsemo, spannender Bericht!
    Man kann sein Innerstes nicht verfälschen. Die Wahrheit, die dort wohnt, wird sich letzten Endes durchsetzen. Sie ist ein Gott, dem wir gehorchen müssen, eine Kraft, die uns alle unweigerlich in die Knie zwingt.
    - Cheryl Strayed -

  9. Avatar von Simpleness2
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    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    Zitat Zitat von wissbegier Beitrag anzeigen
    Ich möchte gerne wissen, wie ich mich besser spüren lerne
    Ich empfehle Dir das Buch: "Versöhnung mit dem inneren Kind: Von der heilenden Kraft der Achtsamkeit" von Thich Nhat Hanh
    Das gibt es auch als Hörbuch, falls Du zum Lesen keine Zeit hast.


  10. Registriert seit
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    AW: Traurig sein lernen - und zufrieden werden

    Zitat Zitat von NicNacNoc Beitrag anzeigen
    Über die Geduld
    Es handelt sich darum, alles zu leben.
    Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
    ohne es zu merken,
    eines fremden Tages
    in die Antworten hinein.


    (Rainer Maria Rilke)

    Mir geben diese Worte immer mal wieder die innere Ruhe, Antworten und Lösungen nicht herbei zwingen zu wollen, sondern einfach mal zu akzeptieren, was ist.

    Alles Gute für dich!
    OT, weil ich traurig sein so gut es geht vermeide, geschweige denn lernen möchte, nicnacnoc Ich mag einiges von Rilke. Bei mir entsteht oft mit seinen Texten alles andere als Innere Ruhe. Bei Rilke kann ich mich, im Gegenteil zu dir nicht gehen lassen ausruhen. So unterschiedlich sind die Menschen. Deine Passage finde ich sher interessant, ob einem die Antwort eines Tages gefällt oder nicht.

    Sich mit einer Frage auseinander zu setzen darf fast nicht eine positive Antwort voraussetzen wie hier bei Rilke so gut kombiniert. Da ein happy End doch meistens das Ergebnis sein sollt.

    Rilke hat eine besondere Gabe eine gewisse ich nenn es mal "Unsterblichkeit mit poetischen Gedanken" darzustellen. Ich bin sogar schon soweit, dass ich Rilke eher meide, wenn es mir gut geht.
    Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen du absolut nichts tun kannst: Gestern und Morgen

    Besserorganisiert,wäreichgefährlich

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