Danke bisher. Ihr seid toll Gestern ging es mir etwas besser, ich bin mit meiner Mutter bei ihren Bekannten gewesen, habe mich abgelenkt und neue Menschen kennengelernt. Ich war beim Therapeuten, der mich darin bekräftigt hat, einen eigenen Verstand zu haben und eine erwachsene Frau zu sein. Das zu realisieren, war für mich nicht selbstverständlich. Oft fühle ich mich wie ein verlassenes, verlorenes Kind. Es ging mir wie gesagt besser, aber dann habe ich abends nachgeguckt, ob er mich in WhatsApp entblockt hat.... und da ich diesen Fehler begangen habe, ging es mir wieder schlechter

Mir wird nach und nach einiges bewusst. Mein Vater war nie für unsere Familie da, außer finanziell gesehen. Meine Eltern haben sich sehr oft und sehr heftig gestritten, mein Vater wollte uns immer verlassen. Schon seit jüngster Kindheit wurde ich mit Verlustängsten konfrontiert. Wenn meine Mutter konterte, er solle uns doch verlassen, wurde er wieder reumütig, da er alleine sowieso nicht klar kommt und meine Mutter im Prinzip braucht. Oft habe ich meine Mutter gefragt, sie meinen Vater nicht verlässt, aber es kamen nur Ausreden wie "Dann kämen wir finanziell nicht klar" etc.

Ich habe es immer verabscheut, Verhaltensmuster meines Vaters in mir wiederzufinden. Mein Vater ist antriebslos, negativ und naiv. Er hat keine sozialen Kontakte, erfolgreiche Menschen sind für ihn eine Bedrohung oder werden als "A***löcher" bezeichnet. Mein Vater hat keine Hobbys, keine Interessen und sah es nie ein, was an seinem Verhalten zu verändern. Stattdessen sieht er sich in der ständigen Opferrolle. Ich denke, irgendwie ist er auch mit seinem geringen Anspruch ans Leben zufrieden. Mein Vater hat keine eigene Meinung und lässt sich leicht beeinflussen. Er ist ein erwachsener Mann, aber wenn ihm jemand zB begeistert davon erzählt, er habe sich in XYZ ein Haus gekauft, dann ist mein Vater davon angetan wie ein kleines Kind und will dieser Person dies "nachmachen". Wenn am nächsten Tag eine andere Person sagt, Häuser kaufen lohnt sich nicht, mieten ist besser, dann hat er wieder eine andere Meinung.

So ist das eigentlich mit allen Themen. Er ist unorganisiert, kriegt weder eine Steuererklärung noch handwerklich was hin und belastet uns mit seiner negativen Einstellung und. Unselbstständigkeit.

Was ich in dem Typen wiedergefunden habe, war das Gegenteil. Mit ihm blühte mir ein sicheres, aber auch abenteuerliches Leben. Er hat tolle Hobbys, fährt zB Motorrad und ist handwerklich sehr versiert. Vieles, was für meinen Vater eine extreme Herausforderung ist, kann er lösen. Er hätte mir vieles bieten können, was mir in meinem Leben fehlt.

Das Problem ist, es hätte nur klappen können, wenn ich "gespurt" hätte. Und vielleicht habe ich mein "Erwachsensein" damit gezeigt, dass ich nicht gespurt habe. Oft habe ich zwar unangemessen reagiert und habe ihn nicht gut behandelt. ZB Habe ich Einladungen ausgeschlagen, seine Geschwister kennenzulernen, weil ich nicht selbstsicher genug war. Ich dachte, ich würde mit der Ex verglichen werden und hatte irrationale Ängste und einen kindischen Trotz. Letztenendes war es mir zu blöd, angemotzt zu werden, weil ich eine Milchpackung nicht zudrehe oder weil ich unterwegs 2€ für einen Snack ausgebe. Letzteres war für ihn auch ein Drama, ich könne nicht mit Geld umgehen etc.

Wenn ich an ihn denke, so fehlte mir immer Herzlichkeit und Warmherzigkeit. Manchmal dachte ich mir, es liegt an mir. Schließlich waren seine anderen Expartnerinnen lange mit ihm glücklich zusammen. Aber Fakt ist, ich habe es anders empfunden. Sowas wie Warmherzigkeit zeigte er nur ansatzweise und wenn, nur wenn ich auf ihn "gehört" habe. Ich verspürte aber gleichzeitig einen Stolz, jemanden wie ihn an meiner Seite zu haben, da er sehr rational und vernünftig ist. Ich dachte, wenn ich meinem Umfeld solch einen Mann präsentiere, werde ich auch als reif und erwachsen wahrgenommen. Wenn ich mit ihm zusammen bin, dann bin ich "jemand". Er hat einen guten Job, viel Wissen und viel drauf. Aber emotional gesehen hat uns nicht viel verbunden. Außer meiner Abhängigkeit ihm Gegenüber. Was ihn an mir reizte, weiß ich nicht wirklich. Vielleicht war ich eine Art "Projekt" für ihn und er wollte mir helfen, weil meine Fortschritte sein Ego pushen. Was weiß ich? Vielleicht waren wir auch wirklich verliebt am Anfang, wir haben uns gegenseitig gesagt, dass wir uns lieben würden. Besonders wichtig war es ihm, als vernünftiger und moralisch korrekter Mensch angesehen zu werden. Er hat zB gesagt, er würde sein Handy für mich offenlegen, damit es keine Eifersucht gibt, denn er ist ja ein ehrlicher Mensch. Er war auch immer ehrlich und direkt, wobei letzteres oft respektlos bei mir ankam.

Also, ich denke nicht, dass ich ihn als Menschen sonderlich vermisse. Sondern seine Eigenschaften, die mir fehlen und die mein Vater mir nie vorgelebt hat. Das Gefühl, "versorgt" zu sein. Manchmal habe ich den Gedanken, ich hätte einfach auf ihn hören sollen. Dann wäre ich eher zur Therapie gegangen, hätte seine Familie kennengelernt und mehr Zeit mit ihm verbracht. Und dafür hätte ich einen intelligenten Mann an meiner Seite, jemanden, mit dem ich viel unternehmen kann und der mich motiviert und antreibt, wobei ich letzteres ja als Drill empfunden habe. Jemanden, der mir am Auto hilft und mir meine Spülmaschine repariert, mit dem ich irgendwann ein Haus haben kann und einen Hund. Er ist - wie ich - naturverbunden und auch das hat mir gefallen. Ich weiß es klingt naiv, wenn ich das so niederschreibe. Doch es hilft mir, meine Gedanken zu reflektieren und vielleicht komme ich selbst mal zur Einsicht, wie falsch ich die Dinge sehe. Ich denke mir, hätte ich bloß seinen Anweisungen gefolgt, dann wäre ich "versorgt" mit seinen Eigenschaften, wobei mir das finanzielle nie wirklich wichtig war. Warum ich so denke, ist folgendes: Ich sehe viele Beziehungen, die nur als Zweckgemeinschaften funktionieren. Ich weiß nicht, ob ich an sowas wie "Wahre Liebe" glauben soll. Ich hätte mich zusammenreißen können und auf ihn hören können, er hatte ja mit vielen Dingen auch recht, zB dass ich unpünktlich und unorganisiert bin. In meinem Umfeld habe ich keine guten Beispiele von Beziehungen, ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung nicht, wie sowas funktioniert. Mein anderer Ex hätte mir finanziell viel bieten können, aber ich habe ihn nicht geliebt und ihn verlassen. Er war sehr lieb, aber keine "Vaterfigur".

Ich denke, es gibt zwei Wahrheiten. Aus seiner Sicht hat er sich um mich gekümmert, wollte mir helfen. Er hat mich darin bestärkt, zum Therapeuten zu gehen, mein Studium anzufangen (was mein eigener Wunsch war), mir gesagt, ich solle Sport machen. Ich wollte es, dass mir jemand sagt, wie ich zu leben habe, aber irgendwie habe ich gleichzeitig mit Trotz reagiert. So, als wolle ich tief im innersten eigene Erfahrungen haben und nicht sein kleines Mäuschen sein.

So... das war erst mal viel. Und vieles ist sicherlich widersprüchlich und unlogisch, aber so fühle ich nun mal.