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    Umbruch, Angst, kein Halt

    Hallo an euch alle,

    jetzt habe ich mich hier angemeldet weil ich das Gefühl habe, mir das mal anonym von der Seele schreiben zu müssen ... vielleicht hat einfach auch noch jemand hier ein hilfreiches Wort übrig.

    Ich bin in einer Umbruchphase im Leben, Studium abgeschlossen und meine Freunde, die ich fast alle aus dem Studium kenne, sind schon weg gezogen oder tun es die nächsten Monate. Auch ich hab einen Job in einer etwas weiter entfernten Stadt angenommen und werde bald umziehen.

    Mich überrollt in den letzten Wochen zunehmend ein Angstgefühl. Mal panisch, mal leiser, aber ich merke einfach das dauerhafte Gefühl zu "fallen" ohne Boden. Ich kenne das von früher und es ist nicht die erste Phase, aber es trifft mich grad wieder so sehr. Dass anscheinend nur ein etwas rauerer Wind wehen muss und ich falle um wie nix, als hätte ich nicht Jahre daran gearbeitet stabiler zu sein.

    Als ich zu Beginn des Studiums in Therapie war, habe ich mir damals Ziele gesetzt was ich gerne schaffen möchte in den nächsten Jahren. Natürlich das Studium abschließen und das ist mir gelungen. Ich habe aber auch den Traum von einer eigenen Familie. Ich möchte einfach Geborgenheit und Liebe, meine eigene Kindheit war so ein Chaos und ich möchte was Schönes aufbauen und geben. Letztens musste ich mich fast auslachen und es war bitter, wie weit ich von einer Familie entfernt bin. Ich habe vor allem in den letzten 2 Jahren ein paar echt tolle, bodenständige und liebe Männer kennen gelernt, die gut zu mir gepasst hätten. Ich verbringe aber nur so lange gern Zeit mit jemand, bis es zu Situationen kommt in der ich die körperliche Lust des anderen bemerke. Die ja, ab einem gewissen Punkt, dazu gehört. Manches Mal hab ich mein schlechtes Gefühl dabei ignorieren versucht, mir gesagt, komm, das ist ganz normal, mach kein Drama drum. Ich hab mich dann auch auf Sex eingelassen und es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Erst kürzlich hab ich mir so richtig eingestanden, dass ich für eine Beziehung völlig ungeeignet bin. Immer noch. Bin jetzt 29 und ich weiß, es ist noch Zeit, aber momentan habe ich das Gefühl, eine eigene Familie ist in unerreichbarer Ferne für mich. Im Kleinkindalter bin ich missbraucht worden, das ist ein knappes Vierteljahrhundert her und immer noch kann ich mich davon nicht befreien, wie kann das sein dass etwas das so lange her ist mich so beeinträchtigt? Wenn mir das in einem Vierteljahrhundert nicht gelungen ist es abzuhaken, wie soll ich ganz realistisch in den nächsten 10 Jahren drüber weg kommen, einen Mann finden den ich lieben kann und der mich liebt, eine Familie gründen? Es scheint mir grade so naiv von mir gewesen zu sein, mir einzubilden das sei möglich, und dann beim ersten Intimkontakt das Weite suchen.Finde den Fehler... Und das unverändert, seit Jahren, trotz Therapie, trotz Antidepressiva, ich bin in dieser Hinsicht in den letzten Jahren kein Stück vorangekommen.

    Der Umzug und die Veränderungen machen mir Angst. Meine Therapeutin von hier dann nicht mehr zu haben. Meine Freunde alle irgendwo verstreut. Wieder neu anfangen, jedes Mal kostet das so viel Kraft. Ich hab das Gefühl, dafür hab ich keine Energie, und ich kann mich nur wundern wie fest Menschen im Leben stehen können. Ich bewundere wie sie Dinge einfach anpacken und das Leben fest im Griff haben. Ich habe das so lange geübt und Therapie gemacht und Persönlichkeitstraining, viel gelesen darüber - wie man das macht mit dem Glücklichsein und der Zufriedenheit, geerdet sein - das möchte ich. Ich hab versucht mich nie hängen zu lassen oder in dem traurigen Gefühl zu versinken, mich immer beschäftigt, abgelenkt, Tagesabläufe und Pläne eingehalten, egal wie schlecht ich mich gefühlt hab. Auch in der Therapie wurde mir immer gesagt, dass ein Gefühl von Normalität sich einstellt,wenn man sich an solche Abläufe und an Routine hält, dass ein fester Rahmen Halt gibt. Und ja, so ist das auch, aber bei jeder Veränderung, jeder Unsicherheit bröckelt alles, und dann habe ich das Gefühl: es hat ja doch keinen Sinn. All die Mühe, wofür? Ich kriege das Gefühl nicht weg. Ich habe keine Bodenhaftung. Ich wünsche mir so sehr, mich verwurzelt mit dem eigenen Leben zu fühlen, selbstverständlich meine Tage zu verbringen. Aber ich fühle mich haltlos, schon immer, und weg ging es doch nie ganz. Und kommt ein kleiner Windhauch von Veränderung, wirft es mich um.
    Dann merke ich, dass ich wieder dünnhäutiger werde. Und merke es im Alltag. Dass mich Kleinigkeiten wieder zu belasten beginnen. Ich ertrage die Gegenwart anderer Menschen schlecht. Und würde am liebsten endlich aufhören so zu tun, als hätte ich Lust am Leben, aufhören zu versuchen, im Leben anzukommen.
    Richtige Suizidgedanken habe ich seit Jahren nicht mehr, aber irgendwie Angst davor dass sie wieder kommen, sie waren quälend und erleichternd zugleich. Ich weiß dass ich da aufpassen muss mit familiärer Vorbelastung, vor vielen Jahren habe ich die Hälfte meiner Familie an erweiterten Suizid verloren. Aber ich habe das Gefühl das hab ich im Griff im Moment.

    Für Freunde wirke ich eigentlich stabil und normal würde ich sagen. Tiefe Sorgen habe ich mit meinen jetzigen Freunden, außer einer Freundin, nicht besprochen. Früher zu Schulzeiten war ich da gesprächiger und habe dann aber gelernt, Wissen ist Macht und man sollte sich gut überlegen, wem man Wissen und Macht über sich geben will. Ich bin da inzwischen sehr zurückhaltend und behalte mein Innerstes für mich. Das sind Dinge, die in die Therapie gehören, nicht in eine Freundschaft. Ich weiß ja auch, jeder hat seinen eigenen Kram zu tragen, niemand hat die Energie sich auch noch Psychogeschichten von anderen aufzuladen. Ist auch nicht Sinn der Sache, ich weiß man muss sich selber tragen. Trotzdem würde ich mir manchmal so sehr aus tiefstem Inneren jemand wünschen, der mich festhält, der einfach verhindert dass ich auseinanderspringe. Ich hab genug Therapie hinter mir um zu wissen dass das kein gesunder Wunsch ist, dass jeder selber stehen können muss und sich selber halten, dass das kein anderer für einen erledigen kann und wenn doch, dass das dann in Abhängigkeiten endet.

    Ich weiß, im Endeffekt werde ich es wie immer machen, Umzug erledigen, Job durchziehen, sich dem allen fügen und versuchen im neuen Alltag Halt zu finden. Aber ist das alles, bleibt das jetzt so, ein ewiger Kampf gegen sich selbst, ständig? Wozu das Ganze?

    Musste mir das alles mal von der Seele reden und es loswerden. Auch über Antworten würde ich mich freuen...

    Vielen Dank, und schönen Abend,
    Taimi


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    21.04.2014
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    AW: Umbruch, Angst, kein Halt

    Liebe Taimi,
    Versuch es mal so zu sehen:

    Gemessen an dem, was dir in der Kindheit ( Missbrauch, Erw. Suizid...) passiert ist, hast du unheimlich viel geschafft.
    Viele Andere wären daran zerbrochen.

    Auch, wenn es ein Vierteljahrhundert Therapie gebraucht hat.

    Und: Sich in Umbruchmomenten kurzfristig an Andere anlehnen zu können, Halt zu finden, ist ein legitimer Wunsch, der nicht zwangsläufig in Abhängigkeit enden MUSS.

    Die Angst vor den zurückkehrenden Suizidgedanken verstehe ich gut, meine Ärztin sagte mir mal: Ist schon ein bisschen wie Herpes, kommt immer mal wieder. Aber beim zweiten Mal merkt man es schon beim ersten Kribbeln.

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