Ich finde, dass dieses Thema sehr komplex ist und mehrere Ebenen hat. Mir fällt es allerdings schwer, in der Kategorie "wert sein" zu denken. Ob es dem Chirurgen schwer gefallen ist, die OP erfolgreich durchzuführen, weil er gerade Arzt im Praktikum ist, OP-Erfahrungen sammeln muss, aber untalentiert ist und sich jeden Handgriff mühsam erarbeiten muss oder ob ein routinierter begabter Chirurg den Eingriff durchführt, macht erst einmal keinen Unterschied am Ergebnis. Der AiPler ist vielleicht stolz auf seine Leistung, weil er weiß, wie viel Anstrengung ihn das gekostet hat. Aber ist das Ergebnis deswegen besser, mehr wert?
Für mich selber kann ich nicht mehr in diesen Kategorien denken. Ich brauche sowohl das Routinierte, Einfache, was einfach "flutscht", als auch das Herausfordernde. Letzteres eröffnet oft neue Perspektive, lässt mich mich selbst besser kennen lernen, führt zu Glücksgefühlen. Ob es das ausschließlich ist? Vor einigen Jahren bin ich mal bei der Vogalonga mitgepaddelt. Anschließend hatte ich, da untrainierte Paddlerin, den Muskelkater meines Lebens und war völlig fertig. Trotzdem gehört dieser Tag zu denen, an denen ich mich wohl auch noch als Oma erinnern werde. Ich war stolz, es geschafft zu haben, gleichzeitig war es ein total beeindruckendes Erlebnis, auf diese Art und Weise Venedig zu erleben - wären wir denselben Weg mit einer Gondel entlang gegondelt worden, wäre das etwas ganz Anderes gewesen. Meine Leistung war nicht berauschend, wir gehörten zum letzten Drittel, die die Strecke geschafft haben. Aber es geschafft zu haben PLUS das Drumherum haben tiefe Glücksgefühle hervorgerufen.
Das wäre sicherlich anders gewesen, wenn ich auf halber Strecke gemerkt hätte, dass ich überfordert bin und kurz vor dem Zusammenbruch stehe. Ein und dasselbe Erlebnis hätte für mich eine andere Wertigkeit gehabt - egal, wie es objektiv durch andere bewertet worden wäre.
Deswegen ist es auch eine Frage des Maßes und des Gleichgewichts. Herausforderung ist etwas anderes als Überforderung, aber da dafür die Grenze bei jeden Menschen anders verläuft, gibt es keine Möglichkeit, das korrekt zu be-werten. Aus demselben Grund mag es auch sein, dass schwierige Zeiten und schwierige Aufgaben einen Menschen zu einer besseren Persönlichkeit werden lassen - sie können einen Menschen aber auch brechen. Und auch ich frage mich, ob "Tiefgang" gleichbedeutend mit "wertvoll" ist. Dazu habe ich auch schon zu viele Zyniker erlebt, die aus ihren Erfahrungen heraus eher zu Misanthropen und Dauer-Stänkerern geworden sind.
Fakt ist, voraussichtlich kein Mensch wird komplett ohne Schwierigkeiten durch das Leben gehen, "irgendwas ist immer". Es ist gut, wenn man daher einige Fähigkeiten erlernt hat wie Frustrationstoleranz und Ausdauer. Wie stark aber die "Dosis" der Schwierigkeiten sind, ist bei Weitem nicht immer beeinflussbar (wie viele Schicksalsschläge jemand aushalten muss, unter welchen Bedingungen er lebt etc.). Ich versuche daher, beim Thema Herausforderungen immer danach zu schauen, dass es einen gewissen Puffer gibt, bevor eine Herausforderung zur Überforderung wird, damit es nicht u.U. eine böse Überraschung gibt, falls sich die Rahmenbedingungen ändern (herausfordernden Job mit Elan angenommen - Partner trennt sich überraschend, oder so etwas in dieser Richtung).
Aber ohne Herausforderungen möchte ich auch nicht mein Leben verbringen. Während das Bewältigen von Schicksalsschlägen eher darauf gemünzt ist, das Negative so weit es geht wieder zu minimieren, können Herausforderungen auch sehr stark Glücksgefühle auslösen und neue Erfahrungen schaffen, die bereichernd sind.
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27.06.2018, 12:59Inaktiver User
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
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27.06.2018, 13:03
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
Ja, genauso Aussagen meine ich
Warum tun dir diese Menschen leid? Was haben die denn verpasst? Schwere Krankheit, schwere Kindheit, Geldnot, Trennung, Kündigung...? Was von all dem braucht man denn? Doch eigentlich nichts, oder?
Ich meine, seinen Kindern z. B. wünscht man doch solch ein leichtes Leben... denen wünscht man doch nicht Ärger, Sorgen usw.Bevor man anfängt zu reden, könnte man sich überlegen:
Ist es wichtig?
Ist es wahr?
Und ist es besser, als die Stille?

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27.06.2018, 13:08Inaktiver User
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
Also von welchen Menschen sprechen wir hier eigentlich?
In meinem Umkreis/Bekanntenkreis (z.B. Bekannte, Nachbarn, Kollegen und Chefs) hatten es auch sehr viele sehr leicht im Leben, aber das heißt doch für mich nicht, dass sie oberflächlich sind, sie sind vielleicht etwas sorgloser.
Dass sie mir leid tun könnten, weil sie vom Leben weniger erfahren? Nein, so vermessen bin ich nicht, erstens kann ich nicht in alle hinein gucken und zweitens haben die mindestens genau so viel Erfahrung wie ich, wenn nicht noch mehr, mit Sicherheit auch in anderen Bereichen, aber da ist ja auch jeder anders und jeder führt ein anderes Leben mit z.B. anderen Familienverhältnissen.
Ich finde die Gleichung, wer es leicht im Leben hatte, ist oberflächlich, passt nicht, jedenfalls nicht immer und nicht bei den Menschen, die ich kenne.
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27.06.2018, 13:11
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
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27.06.2018, 13:25Inaktiver User
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
Ja, eben, und dann diesen Menschen gleich auch noch Oberflächlichkeit zu bescheinigen, finde ich nicht richtig.
Das war ja auch eigentlich meine Frage.
Ich persönlich meinte in meinem Beitrag Menschen, die in den finanziellen Wohlstand reingeboren sind, die Firmen von Vätern übernommen haben oder auch früh geerbt haben, denen ich aber nichts unterstellen oder andichten möchte. Aber das schrieb ich ja bereits.
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27.06.2018, 13:28
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
Meistens, daß der, dem man es schwer mache, sauer auf einen ist.

Ich hatte gerade eine
Jemand, der einem anderen nicht viel von sich zeigt, wird a) als oberfllächlich erscheinen, und b) sich nicht über seine persönlichen Krisen und Unsicherheiten auslassen.
Der beim anderen daraus entstehende Eindruck ist, "diese Person ist a) oberflächlich und geht b) mühelos durchs Leben"...

Außerdem... nur was hinten rauskommt zählt.
Es gibt da so einen alten Schmöker, wo auf 500+ Seiten deutschunterrichtskompatibel ausgebreitet wird, daß "erben" nicht ausreicht, um eine erfolglreicher Unternehmer zu sein. Und es gibt auch Leute, deren Weg zur Million war, eine Millarde geerbt zu haben...
Andere halten den Laden am Laufen. Und das ist eine Leistung.Geändert von wildwusel (27.06.2018 um 13:40 Uhr)
** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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27.06.2018, 13:38
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
Eine Freundin von mir hatte eine wahrlich beschissene Kindheit, beide Eltern Alkoholiker, physischer und psychischer Missbrauch. Sie wollte da immer raus, war eine Einser-Schülerin, hochbegabte Studentin und macht heute einen tollen Job. Sie hat sich dafür immer sehr angestrengt und mit Erfolg.
Sicherlich hat ihre beschissene Kindheit ihr den Impetus gegeben erfolgreich zu sein.
Aber als Erfolgsrezept würde ich das nicht ansehen.
Sie hätte auch daran zerbrechen können und ich kenne durchaus Menschen mit einem ähnlichen Erfolg, die es viel leichter im Leben hatte und die eine tolle Kindheit hatten ohne dass sie des wegen antriebslos und/oder oberflächlich wurden.
Und das Beispiel mit dem Chirurgen finde ich auch schön.Freiheit ist, wenn jeder sich auf seine Art zum Deppen machen kann.
.... und das demnächst auf www.befriendsonline.net/
Profilbild © edwardbgordon
Moderation: "Rund um den Job", "Mietforum" und "Selbstständige, Freiberufler & Co"
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27.06.2018, 13:42
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
Was genau verstehst du unter "sehr leicht"? Ist das nur deine Annahme von diesen Menschen oder sehen sie selbst das auch so?
Der Hintergrund meiner Frage ist ein persönlicher. Ich hatte früher von meinen Problemen kaum anderen etwas erzählt, meine Familie sah nach außen hin gut aus. Es kann also sein, dass viele Leute einen völlig falschen Eindruck von mir hatten. Die hat es gut, der fliegt alles zu, die ist verwöhnt usw. Wenn ich nur mal eins meiner Probleme andeutete, wurde es von diesen Leuten entweder nicht ernstgenommen oder mir nicht geglaubt.
Also habe ich sie versteckt. Vielleicht machen diese Menschen das genauso und ihre vorgebliche Oberflächlichkeit ist ein Schutzmantel?
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27.06.2018, 13:45Inaktiver User
AW: Ist ohne Anstrengung alles nichts wert?
Das ist in meinen Augen normal.
Wer breitet schon in seinem Umfeld persönliche oder familiäre Probleme aus?
Meine Erfahrung: jeder (ja, wirklich jeder) hat sein Päcklein zu tragen.
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27.06.2018, 13:50


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. Mir fallen gerade eine Handvoll Menschen ein, bei denen ich mir zutrauen würde, auch nur ansatzweise so ein Urteil zu treffen.

