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  1. Avatar von NicNacNoc
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    Konflikte austragen lernen

    Hallo Community,

    in letzter Zeit stolpere ich immer mal wieder über ein mir altbekanntes Thema und so langsam glaube ich, dass ich es nicht mehr übersehen kann: Ich scheue Konflikte, und das hat leider negative Folgen.

    Ich habe schon so eine Idee, woher das kommt: In meiner Familie wurden Meinungsverschiedenheiten persönlich genommen, als Abwertung der eigenen Person gewertet, und selbst Kleinigkeiten eskalierten dann emotional. So hat mein Vater regelmäßig mit Scheidung gedroht, wenn meine Mutter gemeckert oder einen Streit angefangen hat. Auch mir gegenüber wurde er teilweise extrem verletzend, wenn ich mich nicht so verhalten habe, wie er es gerne wollte (die Maßstäbe dafür waren sehr eng gehalten).

    Das kann ich reflektieren. Im Privaten hat sich in den vergangenen Jahren auch schon viel zum Positiven gewendet, was aber auch damit zusammenhängt, dass Freunde und mein Mann bei Meinungsverschiedenheiten respektvoll bleiben. Den Kontakt zu meinen Eltern habe ich, da sich da nichts ändern ließ, eingeschränkt und weiche Konfliktthemen aus.
    Solange es sachlich bleibt, kann ich kontroverse Diskussionen sogar genießen, weil ich sie als erhellend empfinde.
    Das Problem beginnt, sobald ich entweder eine persönliche Abwertung befürchten muss oder diese selbst vornehme ("meine Argumentation ist zu kurz gedacht/nichts wert") oder persönliche Nachteile befürchte. Das zeigt sich am besten im Beruf.

    Aktuelles Beispiel: Das Team, in dem ich arbeite, ist auf mehrere Standorte verteilt. An meinem Standort sind wir zu zweit, mit dem Kollegen muss ich z.B. die Urlaube absprechen. Die Verteilung der Arbeit ist nach klaren Zuständigkeiten geregelt, sodass immer klar ist, wer jeweils dran ist. Schon seit Jahren ist es vollkommen klar, dass mein Arbeitsvolumen ca. 40% höher ist als das meines Kollegen (ist anhand unseres Arbeitsprogramms problemlos nachvollziehbar). Bisher war das für mich völlig in Ordnung, der Kollege liegt weit unter dem Durchschnitt des Teams, und mit meiner Arbeit bin ich gut klargekommen. Der Chef hat es so laufen lassen.
    Jetzt habe ich meine Arbeitszeit reduziert (die Gründe dafür liegen außerhalb der Arbeit). Da das nicht so ohne Weiteres aufgefangen werden kann, hat mein Chef sich überlegt, unsere Zuständigkeiten zu verändern. Die neue Regelung würde eine sehr gerechte 50:50-Aufteilung des Arbeitsvolumens bedeuten. Damit wäre zwar immer noch nicht meine Stundenreduzierung berücksichtigt (die aber auch nicht mein Kollege mittragen wird), ich würde aber dennoch augenblicklich eine sehr deutlich spürbare Arbeitsentlastung haben.
    Mein Kollege springt im Dreieck, hat sich sogar schon beim Betriebsrat danach erkundigt, wie er das verhindern kann (Antwort: keine Chance, der Chef kann das so machen). Auch mir gegenüber tobt er. Er geht dabei nicht mich persönlich an, aber hat anscheinend die Einstellung, dass ich das ähnlich sehen müsste.
    Ich würde ihm, da er es sich auch ansonsten gerne mal einfach macht (er hat sehr deutlich geäußert und auch schon umgesetzt, dass er bei zu viel "Stress" [=Arbeit oder Konflikte] sich dann eben eine AU nimmt), mal gerne sagen, wie unkollegial das alles ist. Und merke, wie schwer mir das fällt.

    Ich reagiere sogar körperlich, der Puls steigt, ich habe Beklemmungsgefühle in der Brust, meine Stimme kiekst, das Gehirn schaltet sich aus, sodass ich oft auch nicht mehr Gegenargumente in Streitgesprächen finden kann. Als mein Kollege mir vor einigen Tagen sagte, dass ich bei einer solchen Neuregelung ja bitte schön auch mal seine unangenehmen Altfälle übernehmen solle, fiel mir erst Stunden später eine darauf passende Antwort ein.

    So erlebe ich mich häufig. Ich merke sehr wohl, wenn mir etwas nicht passt. Um des lieben Friedens willen oder auch, um keine Nachteile befürchten zu müssen (Gedanken wie "der Kollege redet dann bestimmt anderen gegenüber schlecht über mich und die werden dann ein negatives Bild von mir haben") gebe ich oft nach, zeige Verständnis für die Meinung meines Gegenübers (auch wenn ich es ganz anders sehe und bewerte), wirke ausgleichend. Und irgendwo grummelt es dann doch in mir. In Gedanken habe ich ganz genau klar, was ich eigentlich äußern wollte.

    Meine Güte, ich bin fast 43, hab was auf den Kasten und zeige an anderer Stelle viel Power und Kompetenz. Aber in solchen Situationen "hakt etwas aus". Und das Ärgerliche ist, dass ich das weiß.

    Hat vielleicht der ein oder andere Ideen, wie ich damit umgehen kann?

    Lieben Dank allen Lesenden und Antwortenden.
    Man kann sein Innerstes nicht verfälschen. Die Wahrheit, die dort wohnt, wird sich letzten Endes durchsetzen. Sie ist ein Gott, dem wir gehorchen müssen, eine Kraft, die uns alle unweigerlich in die Knie zwingt.
    - Cheryl Strayed -

  2. Avatar von Blue2012
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    AW: Konflikte austragen lernen

    Zitat Zitat von NicNacNoc Beitrag anzeigen
    Schon seit Jahren ist es vollkommen klar, dass mein Arbeitsvolumen ca. 40% höher ist als das meines Kollegen (ist anhand unseres Arbeitsprogramms problemlos nachvollziehbar). Bisher war das für mich völlig in Ordnung, der Kollege liegt weit unter dem Durchschnitt des Teams, und mit meiner Arbeit bin ich gut klargekommen. Der Chef hat es so laufen lassen...
    Mein Kollege springt im Dreieck, hat sich sogar schon beim Betriebsrat danach erkundigt,...Auch mir gegenüber tobt er.
    Dein Kollege möchte sich einfach nicht anstrengen. Die Konsequenz ist: Er liegt eben nicht umsonst weit unter dem Durchschnitt des Teams.

    Wenn er tobt, versuche das mit einer professionellen Haltung erstmal nur wahrzunehmen. Gehe innerlich auf Distanz.
    Nimm es dir nicht so sehr zu Herzen. Das ist Business - kein Spielplatz zum Wüten von Kleinkindern. Wenn es mit dem Chef so abgesprochen ist und sogar der Betriebsrat sagt, geht klar: Dann braucht es von dir nicht mehr als ein Schulterzucken.

    Klar, es ist unangenehm, im Dunstkreis so einer Person zu sein. Versuche es sportlich zu betrachten.
    Diskutiere auch nicht mit ihm herum. Du kannst sachlich reagieren, um die Stimmung halbwegs zu halten: "Ist nicht die beste Zeit, aber wir kriegen sie schon rum."

    So in diese Richtung?
    Where do we gohohoao? Uao, where do we go now - now, now, now, now, now, now, now?
    Sweet chi-hi-hild - Sweet chi hi hi hi hihild of Mahahahaiiiiiiiiinnnn - Uaw.
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  3. Avatar von NicNacNoc
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    AW: Konflikte austragen lernen

    Ja, Blue, danke dafür.


    Zitat Zitat von Blue2012 Beitrag anzeigen
    Gehe innerlich auf Distanz.
    Nimm es dir nicht so sehr zu Herzen.
    Zitat Zitat von Blue2012 Beitrag anzeigen
    Du kannst sachlich reagieren, um die Stimmung halbwegs zu halten: "Ist nicht die beste Zeit, aber wir kriegen sie schon rum."
    Genau das ist aber das Thema: Wie komme ich in diese innere Distanz, um sachlich reagieren zu können? Und eine solche Antwort würde ich dem Kollegen tatsächlich nicht geben, denn letztlich sind doch Emotionen drin: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Kollege nach dem Gespräch mit dem Chef mit einer AU reagiert. Und dann bin ich wieder diejenige, die das ausbaden darf, denn ich bin die Vertretung. Das habe ich in den vergangenen Jahren oft erlebt, der Kollege hat überdurchschnittlich hohe Fehlzeiten - in denen ich zumindest das Dringendste seiner Arbeit mit erledigen muss.

    Heißt: So sachlich ist das alles gar nicht. Und sobald eben auch Emotionen (Gefühl der Ungerechtigkeit, Wut; auch, dass er deutlich meine Arbeitshaltung belächelt, bringt mich auf) eine Rolle spielen, hakt es bei mir. Ich weiß, dass es bescheuert klingt, aber ich komme dann nicht in die Distanz, sondern fange eher noch mal an, die Berechtigung meiner Gefühle in Frage zu stellen.
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  4. Avatar von Blue2012
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    AW: Konflikte austragen lernen

    Zitat Zitat von NicNacNoc Beitrag anzeigen
    Wie komme ich in diese innere Distanz, um sachlich reagieren zu können?
    Indem du dir klar machst, was für ein Typ Mensch dein Kollege ist. Ganz unabhängig von dir und deiner Stundenreduktion. (Ja, er kann sich krank melden. Dann hättest du wieder ein Problem. Aber überlege doch mal: SEINES wäre doch VIEL größer! Er ist jetzt eh bereits unter Durchschnitt im Team, der Betriebsrat inkl. Chef hat ihn abblitzen lassen und vermutlich hat er noch nie, nie, nie mehr einen Strich getan, und noch nie mehr als eine Stunde Überstunde gemacht, als unbedingt nötig war, oder?)

    Zitat Zitat von NicNacNoc Beitrag anzeigen
    sondern fange eher noch mal an, die Berechtigung meiner Gefühle in Frage zu stellen
    Genau. Da fehlts noch. Am standhaften Gefühl von: "Ich habe ein gutes Recht darauf, meine Stunden jetzt zu reduzieren."
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  5. Moderation Avatar von maryquitecontrary
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    AW: Konflikte austragen lernen

    Vorweg: ich bin auch nicht die Konfliktfreudigste. Aber ich komme einigermaßen klar.


    Was mir persönlich immer hilft, sind Symbole, die ich visualisiere und dann irgendwie in mich aufnehme. Ein Kendo-Schwert vor mich gehalten, dazu ein tiefes "Hoh". Das war für mich ein Symbol von kraftvoller Abgrenzung. Eine warme Hand im Rücken, die sagt "versuch's einfach", eine magische Grenze aus Muscheln hin zur unangenehmen Nachbarin. Eine dicke Glaswand gegenüber etwas, das ich nicht an mich heranlassen möchte.

    Ich stelle mir vor, was ich bräuchte, um einen für mich entscheidenden Schritt zu tun, und visualisiere das dann. (Im Falle von Muscheln und Wärme im Rücken auch mit Hilfsmitteln.) Und die Kraft aus dem Symbol wird mir interessanterweise zu eigen.

    Es ist sicher verschieden, ob das bei anderen Menschen wirkt.

  6. Avatar von NicNacNoc
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    AW: Konflikte austragen lernen

    Ich kann dir folgen, Blue. Bis zu dem Punkt, dass der Kollege das größere Problem hat. Hat er das? Sehe ich zwar auch so, er aber nicht. Er geht sogar dagegen an, dass er bei dem Teil unseres Gehalts, der leistungsorientiert ist, weniger bekommt als der Rest des Teams. Und Verständnis, dass die Arbeitsverteilung schon ungerecht war, als wir noch beide auf 100% Stellenanteil waren (schließlich bekommen wir dasselbe Gehalt dafür), hat er nicht im Geringsten. Ich empfinde seine Arbeitshaltung als faul und ein Stück weit schmarotzerhaft, eben in Vertretungssituationen auf meine Kosten.

    Das kann ich zwar rational betrachtet bedauern - ich würde mit so einer Haltung nicht durch die Welt gehen wollen -, emotional ist da aber eben doch ein Gefühl des Ärgers. Schließlich hat seine Haltung Auswirkungen auf meine konkrete Arbeit. Und genau da gelingt es mir nicht, in Distanz zu gehen - obwohl ich selbst kein schlechtes Gewissen wegen der Stundenreduzierung habe, das ist arbeitsrechtlich absolut in Ordnung (und da der Kollege ja nicht meine wegfallenden Stunden übernehmen soll, hätte er theoretisch ja ebenfalls keinen Nachteil).
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  7. Avatar von Blue2012
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    AW: Konflikte austragen lernen

    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen
    Was mir persönlich immer hilft, sind Symbole, die ich visualisiere und dann irgendwie in mich aufnehme.
    Eine Bekannte von mir hat mal gesagt: "Da, wo noch nichts im Inneren ist oder das Pflänzchen noch zu klein, kann man sich durch Symbole im Außen oder Rituale, einen Ankerpunkt setzen, der Sicherheit gibt. Irgendwann wird das Symbol dann nicht mehr gebraucht."

    Diese Bekannte hatte mir in einer Zeit, in der ich eher steif und unflexibel war, ein ungewöhnliches Geschenk gemacht:
    Eine schwarzhaarige Barbie. Und zwar nicht irgendeine, sondern die Esmeralda aus dem Disneyfilm "Der Glöckner von Notre Dame". Sie sollte das Lebendige, Bunte, Zigeunerhafte, ja, das Flatterige, das Abenteuerlustige symbolisieren.
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  8. Avatar von NicNacNoc
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    AW: Konflikte austragen lernen

    @ maryquitecontrary, wie hast du für dich diese Symbole entwickelt? Ich finde die Idee spannend.
    Man kann sein Innerstes nicht verfälschen. Die Wahrheit, die dort wohnt, wird sich letzten Endes durchsetzen. Sie ist ein Gott, dem wir gehorchen müssen, eine Kraft, die uns alle unweigerlich in die Knie zwingt.
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  9. Avatar von Blue2012
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    AW: Konflikte austragen lernen

    Zitat Zitat von NicNacNoc Beitrag anzeigen
    Und Verständnis, dass die Arbeitsverteilung schon ungerecht war, als wir noch beide auf 100% Stellenanteil waren (schließlich bekommen wir dasselbe Gehalt dafür), hat er nicht im Geringsten. Ich empfinde seine Arbeitshaltung als faul und ein Stück weit schmarotzerhaft...
    emotional ist da aber eben doch ein Gefühl des Ärgers.
    Ich finde deine Gefühle von Ärger sehr nachvollziehbar!

    Wie steht euer Chef hierzu? Ist er allumfassend informiert über die "Arbeitshaltung" deines Kollegen? Wäre es möglich, diesen Kollegen irgendwie los zu werden (Zimmerwechsel?)? Wie steht das Team zu deinem Kollegen?
    Where do we gohohoao? Uao, where do we go now - now, now, now, now, now, now, now?
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  10. Moderation Avatar von maryquitecontrary
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    AW: Konflikte austragen lernen

    Zitat Zitat von NicNacNoc Beitrag anzeigen
    @ maryquitecontrary, wie hast du für dich diese Symbole entwickelt?

    Ich denke viel in Bildern. Auch Worte sind für mich Bilder. Insofern hat sich das so entwickelt, daß mir bestimmte Worte oder Bilder viel bedeuten. Ein bestimmter Ort meiner Kindheit war schon immer mein Bild für Ruhe und Möglichkeiten. Viel habe ich mit Bildern zu Räumen, Gärten, Landschaften gearbeitet. Auch wichtige Träume passen dazu. Deswegen sage ich, das ist meine Art, kann für einige passen, für andere vielleicht nicht.

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