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  1. User Info Menu

    Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    Hallo zusammen!

    Ich hatte mich bis dato eigentlich immer für ziemlich extrovertiert gehalten - in meiner Selbstwahrnehmung bin ich schlagfertig, gesprächig, trage mein Herz und meine Gedanken auf der Zunge, und kann auch mal einen ganzen Tisch unterhalten.

    Und nun kommt ein neu gewonnener Freund um die Ecke (der so introvertiert ist, wie ich noch nie jemandem begegnet bin) und sagt "Ich wusste schon immer, das Du auch so bist - sonst würden wir nicht so gut miteinander auskommen!" - ich war doch ziemlich erstaunt und habe natürlich auch ein paar meiner anderen Freunde gefragt, wie sie das sehen. Und die Antwort war: "Ja, ich finde Dich tatsächlich ziemlich introvertiert!"

    Also, versteht mich nicht falsch - ich empfinde das jetzt ganz und gar nicht als negativ - gerade meinen Freund bewundere ich sehr dafür, dass er so in sich ruht und überhaupt nicht den Eindruck macht, sich damit unwohl zu fühlen und irgendwas an seinem Verhalten ändern zu wollen. Denn nach einiger Reflektion habe ich festgestellt, dass ich mich tatsächlich in Gesellschaft mir relativ fremder Personen, bei denen ich nicht genau weiß, was sie so von mir halten, irgendwie gehemmt bin und immer wieder denke "Verdammt, ich muss doch jetzt mal was sagen!", und das hat mich oft ziemlich genervt - die oben genannte Selbstwahrnehmung trifft nämlich nur dann zu, wenn ich unter Menschen bin, die ich kenne, und die mir signalisieren, dass sie mich mögen und respektieren.

    Ich freunde mich langsam mit dem Gedanken an, dass es in Ordnung ist, wenn ich Fremden gegenüber eher schweigsam und zurückhaltend bin und NICHT derjenige sein muss, der die Unterhaltung in Gang halten muss. Oder dass ich im Urlaub, auf Partys oder sonstwo NICHT dazu "verpflichtet" bin, vieeeele nette Leute kennenzulernen, sondern dass es in Ordnung ist, für sich sein zu wollen, und das Treiben um mich herum nur aus der Entfernung zu beobachten. Und ich finde das wirklich erleichternd und wahnsinnig interessant.

    Und ich frage mich, wieso ich erst einen Hinweis von außen brauchte, um mit Mitte 40 zu merken, dass ich eigentlich ganz anders drauf bin, als ich selbst immer dachte. Wobei ich tatsächlich nur wenig introvertierte Menschen kenne - meine beste Freundin ist sehr extrovertiert und es kommt mir tatsächlich oft ziemlich strange vor, dass sie es schafft, innerhalb von Minuten mit wildfremden Menschen ein angeregtes Gespräch zu führen - und dann fühle ich mich immer irgendwie ungelenk und fehl am Platze, weil mir das nicht gelingt. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich eben introvertiert bin, fällt es mir doch wesentlich leichter, das für mich als okay zu bewerten.

    Mein Freund dagegen zeigt mir, dass es tatsächlich absolut okay IST - ihn und die Reaktion anderer auf ihn zu beobachten ist für mich wirklich faszinierend. Er sagt fast nie was von sich aus (antwortet aber freundlich zurückhaltend, wenn ihn jemand was fragt), aber mir ist noch nie aufgefallen, dass ihn deswegen jemand irgendwie blöd findet. Klar, niemand kann ihn einschätzen und weiß, was er sich gerade so denkt, aber negativ wird ihm das nicht ausgelegt, habe ich den Eindruck. Er wird trotz seiner Schweigsamkeit und Distanziertheit immer mit eingebunden und gefragt, ob er zu irgendwelchen Unternehmungen mitkommt - und es wird dann auch akzeptiert, wenn er das mal ablehnt weil er für sich sein will. Das beruhigt mich sehr :-)

    Ich weiß gar nicht, warum ich hier nur einen Thread eröffne, deswegen. Aber mich beschäftigt das im Moment sehr. Vielleicht gibt es ja noch mehr Leute, die so eine Erfahrung gemacht haben und vor diesem Hintergrund ihr Verhalten neu einsortieren müssen oder mussten. Würde mich freuen, wenn Ihr von Euren Erfahrungen dahingehend berichtet. Insbesondere, wenn Ihr zu den eher introvertierten Menschen gehört.

    Liebe Grüße,
    Meg

  2. Inaktiver User

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    .
    Geändert von Inaktiver User (21.11.2021 um 12:57 Uhr)

  3. Inaktiver User

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    Ich schließe mich @kenzia an und möchte noch mal betonen, dass es neben den Extremen ganz viele Mischformen gibt - die meisten Menschen dürften sich wohl irgendwo innerhalb des Spektrums zwischen intro- und extravertiert einsortieren. Hinzu kommt, dass es dann ja auch noch von aktuellen Faktoren abhängig ist, wie man sich gerade in diesem Moment empfindet - nach einem Monat High Live Stress hat vielleicht auch der extravertierteste Mensch mal das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug.

    Es ist doch spannend, dass dein Freund deinen Blick noch mal auf einen anderen Aspekt deiner Persönlichkeit lenkt. Es gibt da doch auch kein "besser" oder "schlechter", beide Persönlichkeitsaspekte haben ihre Vor- und Nachteile. Nur Party-Queens sind auf Dauer anstrengend, genauso wie Menschen, aus denen man alles hervor kitzeln muss. Wichtig bei diesen Persönlichkeitsfragen ist doch vor allem, was es für dich und deine Lebensgestaltung bedeutet.

    Ich bin auch "irgendwo dazwischen", würde mich aber in Grundzügen als introvertiert bezeichnen. Ich brauche keine sozialen Kontakte für Anregungen, die spielen sich durchaus auch allein in meinem Kopf ab (ob das qualitativ jetzt besser ist, ist eine andere Frage ). Deswegen sind langandauernde soziale Kontakte für mich eher anstrengend, ich brauche dann Phasen des Rückzugs und der "Reizreduktion". Und dennoch fühle ich mich mit Menschen wohl, bin gerne in Kontakt, profitiere davon und genieße sie. In Maßen eben. Und darum geht es: ein Gespür für dieses Maß zu entwickeln. Ich achte bei allen schönen Verabredungen auch darauf, dass ich regelmäßig unverplante Zeiten habe, die ich spontan nach eigenem Gusto gestalten kann - vieles davon dann in Ruhe und allein. Wenn ich erlebe, was andere so in Freizeit und Beruf um die Ohren haben, dann denke ich oft, dass ich mich davon überfordert fühlen würde. Es ist eben ein anderer Maßstab.

    Meine zunächst zurückhaltende Art mag bei neuen Kontakten vielleicht erst einmal distanziert wirken. Ich habe aber gelernt, mich in ein Gespräch einzubringen, meistens, indem ich etwas kommentiere oder nachfrage zu dem, was von anderen im Gespräch erzählt wurde. Und schon ist die erste Hürde genommen.

    Worum geht es dir? Wenn du schreibst, dass dein Freund dir gezeigt hat, dass Introversion okay ist - hattest du das zuvor anders gewertet? Was gefällt dir an dich und wo hast du Schwierigkeiten mit dem, was du an dir kennen lernst?

  4. User Info Menu

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    Hi!

    Ich danke Euch für Eure Worte :-)

    Ich finde es überhaupt nicht schlimm festzustellen, dass ich mich bisher selbst ein wenig falsch gesehen habe und bin meinem Freund wirklich dankbar, dass er mir gesagt hat, wie er mich sieht. Meine beste Freundin hat mich tatsächlich ebenso gesehen, aber nichts gesagt - wahrscheinlich, weil sie davon ausgegangen ist, dass sie mir da nichts Neues erzählen würde. So kann man sich irren

    Für mich ist das eine echte Erleichterung und ein Anlass, mich zu beobachten und mehr auf mein Gefühl zu hören, mehr Rücksicht auf mich selbst zu nehmen.

    Sicherlich bin ich nicht extrem introvertiert - wie gesagt, unter Menschen, die ich mag und die mich mögen, kann ich ne ganz schöne Quasseltante sein. Mein Freund dagegen öffnet sich wirklich nur Menschen gegenüber, denen er extrem vertraut und die er "abgeklopft" hat (ich vertraue anderen Menschen viel schneller) - und das dauert sehr, sehr lange - und ich bin total stolz darauf, dass ich zu diesem Personenkreis gehöre, denn er hat unheimlich viel zu geben, er ist hochintelligent, sehr emphatisch und tiefsinnig - Smalltalk oder gar intensive Gespräche mit "Fremden" sind ihm völlig fremd. Wir können einen ganzen Tag miteinander verbringen, ohne viele Worte zu wechseln und uns dabei wohl fühlen, aber uns auch tatsächlich stuuundenlang unterhalten und sogar ziemlich rumalbern und es wird nie langweilig. Das würde mir kein Mensch glauben, der ihn nur aus dem "normalen Leben" kennt. Ich finde es fast schade, dass so wenig Menschen ihn so kennen, aber es ist natürlich auch irgendwie eine Auszeichnung, dass ich in diesen "Genuss" komme. Aber es ist schön zu beobachten, dass ihn deshalb keiner für dumm, arrogant oder unfreundlich hält - zumindest in dem Umfeld, in dem wir uns bewegen. Wobei ihm das wohl auch ziemlich egal wäre - wie gesagt - ich kann noch viel von ihm lernen, glaube ich.

    Dass ich mein Verhalten mir bekannten Menschen gegenüber auf alle Begegnungen mit anderen Menschen übertragen habe, liegt vermutlich daran, dass ich mich lange Zeit nicht damit auseinandersetzen musste, wie ich auf fremde Menschen reagiere - ich war dahingehend lange in einer Komfortzone. Vor 2 Jahren habe ich aber den Job gewechselt (nach 20 Jahren in der alten Firma kannten wir uns natürlich auch schon in- und auswendig) und merke jetzt, dass es nicht klappt, mich den neuen Kollegen und Kunden gegenüber so zu verhalten, wie den alten. Das fand ich schon ein bisschen befremdlich. Inzwischen habe ich aber durchaus ein paar Kollegen, mit denen ich mich sehr wohl fühle und das öffnet natürlich auch wieder neue Türen. Und ich kann durchaus behaupten, dass meine Meinung (egal, ob beruflich oder auch mal privat) oft gefragter ist, als die von Kollegen, die eher als Wichtigtuer und Kumpel auftreten.

    Meine Teamleitung im neuen Job ist allerdings der Meinung, ich hätte nicht genug Selbstbewusstsein und würde mein Licht unter den Scheffel stellen - ich überlege immer noch, wie ich daran arbeiten kann, ohne mich zu verbiegen. Vielleicht hängt das auch irgendwie zusammen... - das habe ich noch nicht zu Ende gedacht, ist aber ein interessanter Aspekt, der mir vielleicht weiter hilft. Wie Ihr seht, bin ich gerade irgendwie in einer Selbstfindungsphase

    Viele Grüße,
    Meg

  5. Inaktiver User

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    Ich bin zwar selbst drauf gekommen, dass ich einen großen Anteil an Extravertiertheit in mir habe, aber das hat auch gedauert, bis ich weit über 40 war. Ich dachte immer, weil ich auch schon mal ganze Tische unterhalten konnte, ich wäre der Prototyp von Extravertiertheit. Das sagten jedenfalls immer alle. Dass ich immer wieder Zeiten des Alleinseins brauchte und keine Verabredungen mit anderen wollte, habe ich darauf zurückgeführt, dass ich ein Einzelkind war und nicht daran gewöhnt, ständig mit anderen zusammen zu sein.

    Mittlerweile weiß ich, dass ich zur Regeneration Zeiten des Alleinseins brauche, mein Mann darf gerne da sein, aber ich mag auch gerne, wenn er mal weg ist und ich mich wieder auf ihn freuen kann. Mit einer Einladung zu einer Feier wie einer Hochzeit beispielsweise macht man mir schon lange keine Freude mehr, das empfinde ich als langwierig und ermüdend.

    Ich würde mich also auch mittlerweile als Mischform bezeichnen, aber es dauerte viele Jahre, das zu erkennen.

  6. Inaktiver User

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    .
    Geändert von Inaktiver User (21.11.2021 um 12:57 Uhr)

  7. Inaktiver User

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    Schüchternheit und Introversion sind genauso wenig dasselbe wie Selbstbewusstsein und Extraversion. Es wird nur oft ähnlich gesehen, weil extravertierte Menschen eher mal "lauter" auftreten, sich persönlich, stimmlich, zeitlich eher mehr Raum verschaffen, sie verschaffen sich mehr Ausdruck.

    Wenn also an der Anmerkung "Sie stellen Ihr Licht unter den Scheffel" etwas dran sein könnte (das kannst nur du beurteilen, möglicherweise im Gespräch mit deiner Teamleitung), dann geht es nicht darum, extravertierter zu werden, sondern Selbstbewusstsein zu entwickeln und in der für dich passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Alles andere ist das Einstudieren einer fremden Rolle und wirkt irgendwann unauthentisch (und wird anstrengend...).
    Geändert von Inaktiver User (19.06.2018 um 08:34 Uhr)

  8. User Info Menu

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    Hi!

    Also, ich weiß schon, was sie damit meint. Ich schreibe halt lieber Mails, als zu telefonieren. Und ich bringe es nicht fertig, Kompetenz auszustrahlen, wenn ich aktuell nicht weiß, wie das Problem zu lösen ist - das verunsichert mich einfach, ich werde "wuschig", übersehe Details, und dann bin ich von kompetenter Ausstrahlung weit entfernt => kontraproduktiv.

    Ich puzzle lieber allein vor mich hin und präsentiere dann eine Lösung - und das mache ich gut. Meine "Schlagzahl" ist wesentlich und messbar höher, als die machner "Dauertelefonierer". Aber es wird halt gern gesehen, wenn wir die Kunden anrufen und als "Blitzableiter" fungieren, sie "abholen" - egal, ob wir aktuell helfen können. Ich frage mich dann manchmal, was nun eigentlich wichtiger ist. Den Kunden zu bebauchpinseln oder eine Lösung zu finden. Aber das ist wahrscheinlich abhängig von der Unternehmensphilosophie und hat mit dem Ursprungsthema eher weniger zu tun.

    Grüßle!

  9. Inaktiver User

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    .
    Geändert von Inaktiver User (21.11.2021 um 12:57 Uhr)

  10. Moderation

    User Info Menu

    AW: Iiiiiich? Introvertiert!?!?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Schüchternheit und Introversion sind genauso wenig dasselbe wie Selbstbewusstsein und Extraversion. Es wird nur oft ähnlich gesehen, weil extravertierte Menschen eher mal "lauter" auftreten, sich persönlich, stimmlich, zeitlich eher mehr Raum verschaffen, sie verschaffen sich mehr Ausdruck.).
    Und haben meist mehr Übung darin, mit anderen Leute, vor allem in Gruppen, umzugehen, weil das ihr natürliches Habitat ist. Der Eisbär kann besser schwimmen als klettern, beim Leoparden ist es umgekehrt.

    ***

    Meg, zum Thema "Schein und Sein":

    Wer introvertiert ist, sieht sich oft mehr "von innen" (das ist die große Stärke von Introversion), was aber kein klares Bild der Außenwirkung ergibgt. Dann findt man z.B., daß Lautstärke, Mimik, Gestik komplett ausreichend oder schon zu hochgeregelt sind, wnen sie von außen kaum wahrnehmbar sind. Die Bühne ist größer als angenommen, der Ausdruck ist zu klein für die Bühne. Extravertierte sind öfter auf größeren Bühnen unterwegs und lernen das. Wenn du mal ein Video von dir im Normalbetrieb guckst, kann es sein, daß du siehst, daß dein Ausdruck geringer ist als der anderer und viel geringer als er dir erscheint. Dann kannst du das ändern.

    Was den Job angeht:

    Geh nicht mit dem hausieren, was du nicht gut kannst, und sag, daß du davon weniger machen willst, sondern mit dem, das du gut kannst und sage, daß du davon mehr machen willst. Da die Zeit, die du hast, die gleiche bleibt, bringt dich Expertentum für ein Gebiet automtisch in die Situation, daß du weniger Zeit mit Sachen verbringen mußt, die nicht in deiner Expertise sind.

    Unsicherheit kann man überspielen (es gibt da wunderbare Sätze wie "Ihr Problem ist bei uns in Analyse. Ich rechne mit einem Ergebnis innerhalb der nächsten X Stunden/Tage. Ich halte Sie auf dem Laufenden.") und sich z.B. klarmachen, daß man die Leute nicht anruft, um ihnen eine Lösung zu präsentieren, sondern um zu verhindern, daß sie nervös werden weil sie nicht wissen, ob ihr Problem wahrgenommen wurde.

    Auch das ist leichter, wenn man mehr an Umgang mit fremden Leuten gewöhnt ist und sich besser vorstellen kann, was sie wollen. Aber jeder wird dumm geboren. Was wir tun, haben wir gelernt. Was wir noch nicht tun, können wir noch lernen.
    ** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
    ** ansonsten niemand besonderes **

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